Sonntag, 29. September 2013

Predigt am 29. September 2013 (Tag des Erzengels Michael und aller Engel)

Liebe Schwestern und Brüder,
ihr kennt sicher alle die Geschichte von Josua und den Mauern von Jericho. Vielleicht auch den schönen alten Gospel: Joshua fit the battle of Jericho and the walls came a tumbling down. – Die Israeliten sollten sieben Tage hintereinander um die Stadt ziehen und dabei die Posaunen blasen und am siebenten Tag sollten sie sieben Mal um die Stadt ziehen, und als sie das taten, fiel die Stadtmauer um. – Eine sagenhafte Geschichte!
Was hat die Mauern von Jericho eigentlich zum Einsturz gebracht?
Als ich Kind war, glaubte ich, die hätten einfach so kräftig in die Posaunen geblasen, dass die Mauern davon erzittert und zusammengefallen wären. Wenn man nachliest, waren es aber nur sieben Priester mit ihren Posaunen, also eher ein kleines Blechbläserensemble … Ach was, von Blech kann keine Rede sein, das waren Kuh- und Widderhörner, und mit den gepflegten Klängen einer Brass Band oder eines Posaunenchores hatte das nur wenig zu tun. Trotzdem: Die Schallwellen können es nicht gewesen sein, die die Mauern zum Einstürzen gebracht haben, und das Kriegsgeschrei des Volkes, das dazukam, wahrscheinlich auch nicht.
Als ich älter wurde, glaubte ich, dass es an dem Ritual lag. Wie bei einem Zauber, wo alles genau stimmen muss, hielten sich die Israeliten an die Anweisungen Josuas: genau sieben Mal und beim siebenten Mal siebenmal um die Stadt ziehen. Etwas aufwändig, aber wirksam! – Ein Zauber in dem Sinne wirkt wie ein geheimes Naturgesetz: Wenn ich A tue, dann geschieht genau B; nur warum, weiß keiner so genau. Das ist das Prinzip Hogwarts … Ihr wisst schon: Harry Potter und so …
Das kann es aber auch nicht sein in der Bibel. Biblische Wunder sind keine Zauberei. Es gibt kein Funktionsprinzip. Wir könnten heute ganz genau so mit Widderhörnern und Kriegsgeschrei um eine Stadt ziehen, da würde sich kein Krümelchen von einer Mauer lösen. – Wir könnten auch genau wie Jesus einem Blinden Speichel auf die Augen streichen, er würde auch nicht sehend werden. Denn Gottes Wunder sind keine Zauberei, die funktioniert, wenn man nur die Regeln genau befolgt.
Viel mehr, glaubte ich etwas später, war es wohl der Gehorsam: In diesem Augenblick, in dieser Situation genau das tun, was Gott erwartete, auch wenn es verrückt klang: Posaunen blasen, um eine Stadt zu erobern. Gott gehorsam sein, dann geschehen auch Wunder!
Noch später erkannte ich: Gehorsam ist es nicht wirklich, sondern eigentlich Glaube. Der Gehorsam sagt: Ich tue, was Gott mir sagt, und dann tut Gott auch, was er versprochen hat. Der Glaube sagt: Gott tut, was er versprochen hat, darum tue ich, was er mir sagt. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Der Glaube versetzt Berge, nicht der Gehorsam.
Trotzdem, es ist auch nicht eigentlich der Glaube, der Berge versetzt oder Bäume ausreißt – oder Mauern zum Einstürzen bringt. Es sind Gottes unsichtbare Mächte, die das Entscheidende tun.
Manchmal, in seltenen Augenblicken, dürfen Menschen hinter die Kulissen schauen und etwas wahrnehmen von Gottes eigentlich unsichtbaren Mächten.
Die Geschichte von Josua und den Mauern von Jericho hat eine Vorgeschichte, und die ist heute unser Predigttext:
Es begab sich, als Josua bei Jericho war, dass er seine Augen aufhob und gewahr wurde, dass ein Mann ihm gegenüberstand und ein bloßes Schwert in seiner Hand hatte. Und Josua ging zu ihm und sprach zu ihm: „Gehörst du zu uns oder zu unsern Feinden?“ Er sprach: „Nein, sondern ich bin der Fürst über das Heer des Herrn und bin jetzt gekommen.“ Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, betete an und sprach zu ihm: „Was sagt mein Herr seinem Knecht?“ Und der Fürst über das Heer des Herrn sprach zu Josua: „Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn die Stätte, darauf du stehst, ist heilig.“
Josua 5, 13-15

Ja, die Geschichte von Josua und den Mauern von Jericho, die kennt ihr alle. Aber diese kleine Vorgeschichte wahrscheinlich nicht. Dabei ist genau sie der Schlüssel, um das große Wunder zu verstehen:
Das Heer des Herrn, die legendären himmlischen Heerscharen haben hier ganze Arbeit geleistet. Und zuvor ist der himmlische Heerführer dem irdischen Heerführer Josua erschienen. Und hat es ihm deutlich gemacht: Hier geht es nicht um die Eroberung einer Stadt mit menschlicher Militärmacht, hier kämpfen himmlische Mächte für Gottes Sache und für Gottes Volk. Auf der sichtbaren Ebene haben die Israeliten ein bisschen Militärmusik gemacht, vielleicht auch eher – es waren ja die Priester – alttestamentlichen Lobpreis. Auf der unsichtbaren Ebene haben Gottes Engelheere gekämpft und gesiegt.
Liebe Schwestern und Brüder, der Fürst über das Heer des Herrn heißt an späteren Stellen der Bibel Michael. Der Erzengel Michael ist der Engelfürst, dem der heutige Tag, der 29. September, gewidmet ist: Michaelis.
Wir wissen relativ wenig über die Engel – einerseits. Aber die Engel sind doch sehr populär – andererseits. Insbesondere Schutzengel und unsichtbare Boten aus dem Jenseits haben es vielen Menschen angetan. Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen (Psalm 91,101 – Seit Jahren ist das allüberall der beliebteste Taufspruch. Der kleine noch so schutzlose Mensch möge von den unsichtbaren Schutzengeln behütet sein. Das wünschen sich alle Eltern.
Ja, es gibt da wohl Mächte und Kräfte zwischen Himmel und Erde, die uns beschützen und bewahren können. Aber wohl auch die anderen, die uns bedrohen und gefährden können. Oft, meistens nehmen wir nichts davon wahr. Manchmal gibt es diese Augenblicke, wo wir uns behütet und bewahrt wissen: Da wo es gerade noch gut gegangen ist. Da hatte ich einen Schutzengel, oder da hatte mein Schutzengel viel zu tun – so was sagen wir dann. Meistens sind wir behütet und bewahrt und merken gar nicht, dass wir gefährdet waren: Da hatte mein Schutzengel vielleicht sogar noch mehr zu tun. Aber das wissen wir alles nicht so genau.
Manchmal aber, in seltenen Augenblicken dürfen Menschen etwas wahrnehmen von Gottes unsichtbaren Engelsmächten. Eine Frau erzählte mir, wie sie an ihrem Krankenbett einen Engel gesehen hatte, und dann ist sie wieder gesund geworden. So etwas hört man immer mal wieder.
Josua ist der Engelfürst erschienen, und er hat es gar nicht gleich gemerkt. „Freund oder Feind?“, hat er gefragt – es war ja praktisch Krieg – und der Unbekannte sagt „Nein“ – Nein auf eine Entweder-Oder-Frage. Er kommt von Gott. Interessant: Bei Gott gibt es nicht nur Entweder-Oder, sondern noch etwas ganz Anderes: Möglichkeiten, die für Menschen jenseits aller Möglichkeiten liegen. Zum Beispiel, dass Mauern einfach umfallen, weil Engel in der unsichtbaren Welt kämpfen.
Die alte Geschichte von Josua und den Mauern von Jericho ist uns damals 1989 in der DDR wieder eingefallen. Siebenmal ist das Volk um die Stadt gezogen – den Stadtring von Leipzig an sieben großen Montagsdemonstrationen, dann ist die Mauer gefallen (nicht in Leipzig, sondern in Berlin): Ein Wunder, das keiner erwartet hat. Ein Wunder auch, weil in dieser extrem gefährlichen Situation alles friedlich und fröhlich abgelaufen ist. – Vermutlich waren auch da Gottes Engelheere mächtig im Einsatz.
Liebe Schwestern und Brüder, vor kurzem habe ich über das Geist-Materie-Problem gesprochen: Wie kann der Geist etwas in der materiellen Welt bewegen, verändern? Ich habe gesagt, dass im Menschen Geist, Gedanken, Ideen, Vorstellungen sich materialisieren, verleiblichen, weil wir einen Körper haben, der tut, was der Geist ihm sagt. – So ist der Mensch das große Wunder, in dem Geist und Leib zusammenkommen. Wir sind dabei aber ganz auf der leiblichen, der sichtbaren Seite. Auf der geistigen, der unsichtbaren Seite, da sind die Engel. Auch sie bewegen und verändern etwas in der sichtbaren Welt: Mauern fallen, Kranke werden gesund, Unfälle werden verhindert oder gehen glimpflich aus … Wir sehen meistens nur das Ergebnis. Was dahinter steht, Gottes Mächte, die sehen wir nicht. Sie bleiben unsichtbar. – Allein der Glaube, nimmt manchmal etwas von ihnen wahr. Gott greift ein durch seine Engel. Der Geist bewegt etwas in der materiellen Welt.
Viele Menschen, auch  Christen, glauben nicht an Engel: Sie vertrauen auf ihre eigenen Kräfte, auf das, was man sehen, messen und berechnen kann. Sie sagen: Wir müssen selber etwas tun: Berge versetzen, Mauern niederreißen. Aber sie vergessen, was Luther einst gedichtet hat: Mit unsrer Kraft ist nichts getan, wir sind gar bald verloren…
Viele Menschen, auch Nichtchristen, glauben an Engel: gute Mächte, die uns zur Seite stehen. Aber manche vergessen, dass es nicht einfach irgendwelche guten Mächte sind, sondern Gottes gute Mächte, Gottes Boten, Gottes Kämpfer (ganz wichtig: Gotteskämpfer oder Gotteskrieger sind niemals Menschen, es sind immer nur unsichtbare geistige Mächte, nicht bewaffnete Kämpfer auf Erden). Und sie handeln nicht nach unseren Wünschen, sondern nach Gottes Willen, damit sein Wille geschehe: im Himmel, und immer öfter auch auf Erden.
Michael – der Name des Engelfürsten hat im Hebräischen eine tiefe Bedeutung: Mi ka El – Wer ist wie Gott? – Das ist eine rhetorische Frage. Niemand. Auch kein Engel. Die Engel handeln ausschließlich in Gottes Auftrag und zu Gottes Ehre. Darum: Wo Engel sind, da haben wir es mit Gott zu tun. Und wo Gott es mit den Menschen zu tun haben will, da schickt er häufig seine Engel.
Martin Luther hat uns seinen bekannten Morgen- und Abendsegen hinterlassen. Der endet beidemal so: Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.
Ja, Gottes heiliger Engel sei mit uns allen, dass der böse Feind keine Macht an uns finde. Amen.