Sonntag, 1. September 2013

Predigt am 1. September 2013 (14. Sonntag nach Trinitatis)

Liebe Schwestern und Brüder,
„Ich habe einen Traum – I have a dream“. In der vergangenen Woche wurde allüberall erinnert an die große Rede Martin Luther Kings vor 50 Jahren, wo er diese berühmten Worte sprach von seinem Traum: Dem Traum, dass die Kinder der früheren Sklaven und der früheren Sklavenhalter gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit sitzen würden. Dem Traum, dass Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Dem Traum von der Gerechtigkeit. Dem Traum von der Freiheit.*
Heute, fünfzig Jahre später, ist vieles von diesem Traum wahr geworden. Dort in Amerika. Der schwarze Präsident wird, selbst wenn er von seinen politischen Gegnern kritisiert wird, gewiss nicht wegen seiner Hautfarbe angegriffen. Es ist normal geworden, Menschen nur noch nach ihrem Charakter, nach ihren Worten und Taten zu beurteilen und nicht nach ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht. Und wo es nicht so ist, da regt sich auch heute noch Widerspruch und Widerstand. Inzwischen sogar manchmal auch, wenn im Namen der Gerechtigkeit jetzt auch Weiße benachteiligt werden.
Martin Luther Kings Traum von der Gerechtigkeit und der Freiheit war keine luftige Vision vom Himmelreich, kein leeres Versprechen vom Schlaraffenland oder dergleichen. Es war ein Traum, der hier auf dieser Erde spielt, konkret „auf den roten Hügeln Georgias“ und in den „Gettos der Großstädte im Norden“. Es war ein realistischer Traum. Ein Traum, der wahr werden konnte und wahr geworden ist. Ein geerdeter Traum.
Und doch war es ein Traum, der vom Himmel kam. Weil Gerechtigkeit, gleiche Rechte und Chancen für alle, gleiche Freiheit für alle, Gottes Traum vom Menschen sind. Ein Traum, den sich schon die Gründerväter der Vereinigten Staaten auf die Fahnen geschrieben hatten und dessen Verwirklichung dann vor fünfzig Jahren auch die schwarzen Amerikaner für sich einforderten.
Es war kein Zufall, dass Martin Luther King ein christlicher Prediger und Pastor war. Es war kein Zufall, dass er in seiner Rede die Töne des Glaubens anschlug: von den Tälern, die erhöht, und den Bergen, die erniedrigt werden und von der Herrlichkeit des Herrn (Jesaja 40, 4f).
Und es war kein Zufall, dass er die Befreiungsbewegung der Schwarzen auf den Weg der Gewaltlosigkeit eingeschworen hat. So war sie erfolgreich.
„Ich habe einen Traum“ – Träume sind keineswegs immer nur Schäume. Träume können realistisch sein und real werden, wenn sie in der Erde verwurzelt und vom Himmel inspiriert sind.
Unser heutiges Predigtwort erzählt uns auch von einem berühmten Traum, dem Traum Jakobs von der Himmelsleiter:
Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: „Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ – Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“ Und er fürchtete sich und sprach: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben daruaf und nannte die Stätte Bethel.
(Genesis 28, 10-19a)

Liebe Schwestern und Brüder, auch Jakobs Traum ist vom Himmel inspiriert und in der Erde verwurzelt. Himmel und Erde sind verbunden. Es gibt eine Leiter, eine Treppe. Und es ist nicht die Treppe, auf der die Menschen mühevoll hinaufklettern müssen. – Mir fällt da ein alter griechischer Mönchsvater ein, Johannes von der Leiter, der 30 Stufen einer Leiter zum Himmel beschrieben hat, auf der ein Mensch heilig werden und zu Gott hinaufsteigen könnte. – Ganz anders ist es in Jakobs Traum, da steigen Gottes Boten, die Engel herab und wieder hinauf. Gott stellt die Verbindung zu den Menschen her, der Mensch kann das nicht. Er kann nicht aus eigener Kraft zu Gott aufsteigen.
Ein Mensch wie Jakob kann es schon überhaupt nicht. Er war ein Lügner und Betrüger, der seinen Bruder übers Ohr gehauen hatte und jetzt auf der Flucht war. Vielleicht sogar auf der Flucht vor Gott, dessen Strafe er fürchten musste.
Und genau ihm schenkte Gott seinen Traum, den Traum vom offenen Himmel. Und genau er hörte Gottes Stimme. Und genau durch ihn begann Gott auch, den Traum wahr werden zu lassen.
Es ist der Traum vom offenen Himmel für die Erde.
Jakob träumt, dass Gott ihm, dem flüchtigen Sünder Heimat geben wird – hier auf dieser Erde, hier in diesem Land, aus dem er gerade flieht. Ihm und seinen Nachkommen.
Jakob träumt, dass Gott mitgeht und ihn begleitet, wohin er jetzt auch gehen wird. Dass Gott ihn segnet und behütet auf seinen Wegen.
Jakob träumt davon, dass Gott sein Versprechen wahr macht, das er vor Zeiten gegeben hat – seinem Großvater Abraham.
Jakob träumt, dass der Himmel über ihm offen steht.
Jakobs Traum ist nicht sein Traum. Es ist Gottes Traum. – Wir kennen solche vulgär-psychologischen Tipps: Man sollte auf seine Träume hören und seine Träume leben usw. usf. In der Bibel lernen wir, dass Träume an sich noch gar nichts wert sind, wenn sie nur aus den Wünschen unseres in sich selbst verkrümmten Herzens kommen. Träume sind wahr und wertvoll, wenn sie von Gott kommen.
„Ich habe einen Traum“ – das kann jeder sagen, jeden Morgen nach dem Aufstehen. Unsere Träume machen aus uns keinen Jakob und keinen Martin Luther King. Was die Träume dieser beiden und vieler anderer auszeichnet, ist, dass sie von Gott her kommen. Dass sie etwas vom Himmel auf die Erde bringen.
Jakob hat das sofort gemerkt. Er hat das Stückchen Erde, wo er von Gott geträumt hat, gleich zu einem Heiligtum gemacht. Beth-El – das heißt „Haus Gottes“. Man kann das als altertümliche Legende abtun. Da träumt einer an einer bestimmten Stelle von Gott und schon meint er, genau dort sei Gott besonders gegenwärtig. Wie naiv, wo Gott doch eigentlich überall ist! Vielleicht würden heute irgendwelche esoterischen Spinner auch behaupten, an dieser Stelle wäre ein besonderes Energiefeld, besondere Erdstrahlen oder so was. Dabei waren es, wenn, dann besondere Himmelsstrahlen. – Nein, es ist anders – das sagt ja auch Jakobs Traum: Gott geht mit, wohin er auch geht. Er ist nicht nur an so einer besonderen Stelle anzutreffen. Gottes Haus ist nicht nur in Beth-El oder in Jerusalem oder in Rom oder da, wo eine Kirchturmspitze in den Himmel ragt.
Und trotzdem gibt es besondere Stellen, Orte, wo der Himmel in besonderer Weise offen steht, wo Gott beginnt, die Erde zu verändern – mit Menschen, die seinen Traum träumen und dabei mitmachen. Beth-El war für Jakob so ein Ort. Das Lincoln Memorial in Washington war für Martin Luther King und die schwarzen Amerikaner so ein Ort.
Nur dass Gott nicht an diesen Orten bleibt, sondern dass seine Gegenwart, seine Herrlichkeit Kreise zieht und die Erde verändert: Erst Beth-El, dann das Land, das er Jakob und seinen Nachkommen gegeben hat, dann die ganze Erde, die durchdrungen ist von gottbewegten und gesegneten Menschen.
„Ich habe einen Traum“ – Der wahre Traum ist Gottes Traum. Nicht der Mensch erträumt sich seinen Gott, sondern Gott erträumt sich seinen Menschen. Den Menschen, der, obwohl er voller Fehler, Schwächen und Versagen ist – so wie Jakob, so wie übrigens auch Martin Luther King – ein von Gott geführter, bewahrter und gesegneter Mensch ist. Den Menschen, der seinesgleichen als Gottes Kind und seinen Bruder achtet. Und weil es Gottes Traum ist, ist dieser Traum wirklicher als alle Wirklichkeit.
Manchmal träumen Menschen Gottes Traum. Und manchmal leben sie Gottes Traum vom Menschen. Und dann ist es, als ob eine Leiter, eine Verbindungstreppe zwischen Himmel und Erde da ist. Dann ist etwas vom Himmel auf der Erde angekommen.

Träume werden wahr, wenn sie in der Erde verwurzelt und vom Himmel inspiriert sind.
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