Sonntag, 22. September 2013

Predigt am 22. September 2013 (17. Sonntag nach Trinitatis)

Es kam vor Jesus, dass sie den Blindgeborenen, den er geheilt hatte, ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: „Glaubst du an den Menschensohn?“ Er antwortete und sprach: „Herr, wer ist’s?, dass ich an ihn glaube.“ Jesus sprach zu ihm: „Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist’s.“ Er aber sprach: „Herr, ich glaube, und betete ihn an.“
Und Jesus sprach: „Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.“ Das hörten die Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: „Sind wir denn auch blind?“ Jesus sprach zu ihnen: „Wärt ihr blind, os hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: ‚Wir sind sehend‘, darum bleibt eure Sünde.“
Johannes 9, 35-41


Liebe Schwestern und Brüder!
Sind wir denn etwa auch blind? – So fragen Jesus die Pharisäer. Die Pharisäer, das sind die Leute, die sich eben nicht für blind halten, sondern für sehend. Die meinen, dass sie den Durchblick haben, dass sie verstanden haben, dass sie mehr wissen und besser leben als die andern. Wir kennen den Typus des Pharisäers gut. Aus der Bibel. Aus der Politik. Und aus dem wirklichen Leben.
Natürlich sind sie blind, diese Pharisäer. Sie sehen es nicht und wollen es nicht wahrhaben, dass Jesus von Gott kommt.
Ich erinnere mich an meinen ersten Männerkreis im Erzgebirge. Da war besonders ein alter Herr, für den war es immer wieder unfassbar, wie die Menschen damals nicht an Jesus glauben konnten. Der hatte doch vor ihren Augen all die Wunder getan, und sie haben ihn trotzdem abgelehnt und gekreuzigt! Unfassbar! – Ich musste diesen Herrn, dann immer etwas bremsen, wenn er das so verallgemeinerte in Richtung: die Juden! – Nein, nicht die Juden; Pharisäer gibt es überall.
Aber es ist in der Tat unfassbar, dass Menschen nicht sehen, was doch vor aller Augen ist!
Apropos Juden! – Nach 1945 stellte sich heraus, dass kaum einer was gesehen hatte, kaum einer was gewusst hatte, was mit den Juden geschehen war, die bis vor kurzem noch in der Nachbarschaft gelebt hatten. Man hatte wohl etwas gesehen, aber man hatte lieber nicht so genau hingeschaut.
So ähnlich war es umgekehrt bei den Pharisäern zur Zeit Jesu: Man hat etwas gesehen, aber man hat weggeschaut. In der Geschichte von der Blindenheilung im Johannesevangelium behaupten die Pharisäer sogar, er wäre gar nicht blind gewesen. Es konnte einfach nicht sein, was nicht sein durfte.
Es ist eine eigentümliche Sache mit der Blindheit. Weil wir immer irgendetwas sehen, darum kann es ja nicht sein, dass wir blind sind! – Und wir sind es doch. Wenigstens teilweise.
Im vergangenen Jahr wurden auf Flügen einer bekannten deutschen Fluggesellschaft Ausschnitte aus einem Video gezeigt, wo einer vorführte, wie sehr sich unser Denken und Sehen beeinflussen lässt. – Da war z.B. folgendes kleines Experiment; vielleicht können wir das ja auch machen: Schaut euch mal 30 Sekunden lang hier im Raum um und achtet auf alle grünen Gegenstände. Schaut euch um, ihr werdet eine Menge entdecken, was grün ist. Bei euch, bei den anderen Gottesdienstbesuchern und irgendwo hier im Kirchenraum. Prägt euch so viele grüne Dinge wie möglich ein … – Und jetzt schaut euch nicht mehr um, sondern schließt die Augen – und versucht für euch fünf Dinge aufzuzählen, die hier im Raum – rot sind … – Schwierig? – Ja, schwierig!
Wir Menschen sind so gestrickt, dass wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren, sie auf etwas Bestimmtes lenken oder lenken lassen – zum Beispiel auf grüne Gegenstände. Und dann achten wir nicht auf die anderen – zum Beispiel auf die roten. Indem wir das eine sehen, sind wir für etwas anderes nahezu blind.
Sind wir etwa auch blind? – Ich finde, das ist eine ganz, ganz wichtige Einsicht: Dass wir das begreifen, dass auch wir – zumindest teilweise blind sind. Wer das nicht wahrhaben will und meint, er hätte den vollen Durchblick, der ist ein Pharisäer.
Heute sind Bundestagswahlen. Und ich denke dabei auch an politisches Pharisäertum. Da gibt es immer diejenigen, die alles ganz genau wissen, die den Durchblick haben, die wissen, was getan werden muss und was nicht, die den Weg zur vollkommenen Gerechtigkeit, zur vollkommenen Freiheit oder zur Rettung der Welt kennen. – Das ist für mich politisches Pharisäertum.
Wohin das führt, haben wir gesehen: „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht“, wurde bei uns in der DDR gesungen. Die Partei war letztlich das Politbüro, wo ein paar alte Herren meinten, den totalen Durchblick zu haben. Widerspruch wurde nicht geduldet. Widerstand war gefährlich. Eine Diktatur der Blinden, die uns nahe an den Abgrund geführt hat. Zum Glück gab es ein paar Leute, denen die Augen aufgegangen sind und die die Welt anders gesehen haben, als man uns zu sehen gelehrt hatte.
Noch schlimmer war es vorher, da sind uns bzw. unseren Eltern und Großeltern die Augen erst aufgegangen, als sie schon im Abgrund lagen.
Bei politischem Pharisäertum denken wir vielleicht auch an die Blindheit der Grünen im Blick auf die Pädophilen in den eigenen Reihen so vor 30 Jahren. Jetzt kommt das gerade alles hoch. Man hätte es doch damals schon sehen können; aber man hat irgendwie drüber weg gesehen. Dass diese Partei anderen jahrzehntelang Moral gepredigt hat, kommt dann heute besonders übel an. – Aber das ist auch nur die halbe Wahrheit. Was damals geschah, was damals gesagt und geschrieben worden ist, ist öffentlich, vor aller Augen gesagt und geschrieben worden. – Nicht nur die Grünen selber, sondern wir alle haben nicht so genau hingeschaut, haben es nicht wirklich wissen wollen, obwohl wir es schon damals hätten wissen können. Darum hat auch manche wohlfeile Entrüstung über die Grünen einen pharisäischen Anstrich.
Heute sind Bundestagswahlen. Das großartige an der freiheitlichen Demokratie ist, dass sie mit der partiellen Blindheit rechnet. Aber sie rechnet eben auch damit, dass der eine etwas sieht, was der andere vielleicht übersieht. „Ich sehe was, was du nicht siehst“, sollte das Motto demokratischer Parteien sein, oder noch besser: „Du siehst etwas, was ich nicht sehe.“
Ich sehe, dass Menschen mit ihrer Arbeit nicht genug zum Leben verdienen, sagen die einen, und fordern einen entsprechenden Mindestlohn.
Ich sehe, dass Löhne auch bezahlbar sein müssen und sonst die Existenz von Arbeitsplätzen oder ganzen Betrieben gefährdet ist, sagen die anderen, lehnen den Mindestlohn ab und fordern Steuersenkungen.
Ich sehe, dass Deutschland nicht für die Schulden und das schlechte Wirtschaften anderer EU-Länder in Verantwortung, gerade auch finanzielle Verantwortung, genommen werden darf, sagen manche.
Ich sehe, dass wir in Europa solidarisch miteinander sein müssen und den Schwachen nicht noch einen Stoß versetzen dürfen, sagen andere.
Es sind verschiedene Sichten, verschiedene Argumente. Keines ist von vornherein falsch oder ausgeschlossen. Keiner hat die Wahrheit für sich gepachtet. Wer so tut, ist ein Pharisäer.
Das schöne an der freiheitlichen Demokratie ist, dass nicht eine Partei immer Recht hat, sondern dass wir diskutieren, argumentieren und abstimmen können.
Wir wissen, dass wir blind sind. Und ich vertraue den Politikern am ehesten, die nicht so tun, als könnten und wüssten sie alles. Und könnten und müssten deshalb auch alles für die anderen entscheiden und regulieren.
Wichtiger noch als die politischen Dinge sind mir die Glaubensfragen. Da gibt es auch so viel Blindheit. Und so viel Pharisäertum. Wir nehmen die Wirklichkeit, auch und gerade Gottes Wirklichkeit, nur eingeschränkt wahr. Und viele von uns Christen haben dabei ihren ganz spezifischen Aufmerksamkeitsfokus.
Da gibt es welche für die macht sich das Christliche am liebsten an sexualethischen Fragen fest: Homosexualität, Ehe und Familie, Verhütung und Abtreibung, Wiederverheiratung Geschiedener usw. Und da gibt es fast immer ganz klare Positionen dafür oder dagegen. – Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gerade an dieser Stelle ganz schwer ist, im Sinne des „Ich sehe was, was du nicht siehst“ zu argumentieren. Dabei sind das doch gar nicht die zentralen Glaubensfragen! Wer sich da hinstellt und seine Sicht für die allein richtige und allein gültige hält, der muss sich schon fragen lassen, ob das nichts mit Pharisäertum zu tun hat.
Es gibt Christen, für die besteht das Christliche vor allem in sozialen Aktivitäten, Weltverantwortung, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
Es gibt Christen, für die ist das Christliche vor allem die persönliche Jesus-Beziehung, das Bibellesen und Beten.
Es gibt Christen, für die ist es einfach nur wichtig, dass Gott sie an den entscheidenden Stellen beschützt und segnet; die kommen zur Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung zur Kirche, und dann vielleicht noch Weihnachten.
Und es gibt Christen, die diesen Christen ihr Christsein absprechen, weil sie sich etwas häufiger beim lieben Gott sehen lassen.
Wer seine Form, den Glauben zu leben für die allein richtige und allein seligmachende hält, der sollte sich auch fragen, ob das nicht etwas Pharisäerhaftes hat.
Sind wir denn etwa auch blind? – So fragen die Pharisäer. – Und Jesus antwortet: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde. Man sollte es vielleicht so verstehen: Wärt ihr bloß blind, so hättet ihr keine Sünde. – Blindheit, eingeschränkte Sicht, fehlender Durchblick, partielle Aufmerksamkeit – das ist normal, das ist keine Sünde! – Wir sind eben noch nicht in der himmlischen Klarheit Gottes angekommen. Oder wie Paulus schreibt (stand gestern gerade in der Losung): Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht (1. Korinther 13, 12). – Aber diese unsere Blindheit zu verleugnen und so zu tun, als hätten wir den Durchblick, hätten schon alles verstanden, würden mehr wissen und besser leben als die anderen – das ist die Sünde der Pharisäer. Weil ihr sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.
Wir sind nicht besser als jene Pharisäer damals. Vielleicht hätten wir es auch nicht erkannt, dass Jesus von Gott gekommen ist. Vielleicht hätten wir vor 70, 80 Jahren auch nicht gesehen, was Hitler und der Nationalsozialismus für einen mörderischen Wahnsinn über die Menschen gebracht haben. Vielleicht haben wir auch heute – in dieser Zeit oder auch an diesem Wahlsonntag nicht die klügste politische Entscheidung getroffen. Unsere Sicht ist leider eingeschränkt.
Aber wenn wir das wissen, dann können und sollen wir die Augen offen halten, und die Ohren. Uns von anderen sagen lassen, was sie sehen, was wir nicht sehen. Und uns nicht allzu sehr auf unsere eigene Sicht der Dinge festlegen.
Unser Glaube, unsere Bibel wollen uns den Blick weit machen. Gott will letztlich unseren Blick weit machen. Weil er wirklich den totalen Durchblick hat.