Sonntag, 15. September 2013

Predigt am 15. September 2013 (16. Sonntag nach Trinitatis)

Jesus ging in eine Stadt mit Namen Nain, und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr. Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: „Weine nicht!“ Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: „Jüngling, ich sage dir, steh auf!“ Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: „Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden“, und: „Gott hat sein Volk besucht.“
Lukas 7, 11-16


Liebe Schwestern und Brüder,
Bestattungen gehören zu unserem kirchlichen Kerngeschäft. Hier auf der Insel sind es weniger. In unseren deutschen Gemeinden waren es mehr. Wir begleiten Trauernde auf ihrem letzten Weg mit ihren Verstorbenen. Wir versuchen zu trösten. Wir versuchen Sinn zu geben. Und Hoffnung.
Manchmal habe ich bei einer Bestattung das Gefühl: Ja, es ist gut so. Da ist einer, wie es biblisch heißt, alt und lebenssatt gestorben. Gewiss sind die Angehörigen traurig, aber es überwiegt die Dankbarkeit.
Manchmal ist das Leben zuletzt nur noch Leiden und Qual gewesen, nicht nur für den Verstorbenen, sondern auch für seine Angehörigen. Dann liegt das biblische Wort von der Erlösung besonders nahe. Und alle sagen: Es ist besser so.
Aber immer wieder gibt es dann auch diejenigen, wo wir sagen: Der hätte noch nicht sterben dürfen. Es ist eine Unverschämtheit, eine Frechheit, dass dieser Mensch aus dem Leben gerissen wurde! – Das sind die Bestattungsfeiern, vor denen auch wir Pfarrer uns fürchten. Das sind die Lebens- und Todesgeschichten, die wir auch nach Jahren und Jahrzehnten nicht vergessen. Das sind die Angehörigen, deren Schicksal uns noch lange beschäftigt, weil wir ihnen keine befriedigende Antwort und keinen wirklichen Trost geben konnten.
Ein junger Mann, Anfang 30, fremd in unserer Stadt, mit zwei kleinen Kindern. Aus völlig heiterem Himmel sirbt ihm die Frau, die Mutter seiner Kinder …
Ein anderer junger Mann, Ende 20, ist mit seiner Freundin im Auto unterwegs, die Hochzeit ist schon geplant. Da kommt ihm in einer Kurve ein Geisterfahrer entgegen. Er stirbt noch am Unfallort. Ich begleite den Polizisten, der den Eltern die Todesnachricht überbringen muss …
Einer Frau, die zu unserer Gemeinde gehört, sterben innerhalb weniger Jahre zwei ihrer erwachsenen Söhne. Ihr Ehemann ergibt sich in seiner Verzweiflung dem Alkohol. Sie ist kurz vor dem Nervenzusammenbruch …
Unser Nachbarskind. Nach Jahren des Kampfes gegen den Krebs und des Kampfes um ein normales Leben stirbt er mit zwölf Jahren. Seine Mutter hadert mit Gott und kommt jahrelang aus dem Loch der Sinnlosigkeit und Verzweiflung nicht heraus …
Diese und ähnliche Lebens- und Todesgeschichten machen mich wütend. Ich bin wütend auf den Tod. Ich bin wütend, dass er nicht nur einfach das Leben von einzelnen Menschen beendet; das ist schon schlimm genug. Er zerstört ja viel mehr. Er reißt Liebende auseinander. Er trennt Familien. Er treibt in Sucht und Verzweiflung. Er bedroht den Glauben an Gottes Liebe.
Und er tut das sogar schon in seinem Vorfeld und in seinem Umfeld. Ich beobachte es immer wieder, wie allein bei der Diagnose Krebs der Tod schon hinter der Tür steht. Es ist noch gar nicht entschieden, ob er eintreten darf; unsere Mittel und Chancen, ihn daran zu hindern, sind ja in den letzten hundert Jahren massiv gestiegen – Gott sei Dank! Und trotzdem macht er uns Angst und Unruhe, verändert unser Denken, Fühlen und Handeln. Vielleicht sind wir allzu besorgt um einen Menschen, den wir verlieren könnten und erdrücken ihn und uns selbst mit unserer Sorge. Oder wir fühlen uns überfordert und lassen ihn im Stich in seiner Angst und seinem Kampf ums Leben. – Das beides ist mir schon begegnet. Und oft ficht zu alldem der Tod – schon im Modus der bloßen Möglichkeit – unseren Glauben, unsere Hoffnung und unsere Liebe an.
Ja, ich bin wütend auf den Tod, und auf die Macht, die er über unser Leben ausübt, gerade da, wo er nach unserem Nächsten und Übernächsten greift. Dass Menschen sterben müssen, das ist einfach Scheiße!
Ich denke, ich darf das so sagen. Denn die Bibel selber nennt den Tod ausdrücklich einen Feind: Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. (1. Korinther 15, 26)
Gott ist der Gott des Lebens. Er hat eine lebendige Schöpfung geschaffen. Er hat lebendige Menschen geschaffen. Der Tod ist der Feind des Lebens, der Feind des Menschen, der Feind Gottes. Gott hat versprochen, diesen Feind zu vernichten: Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein, heißt es auf den letzten Seiten der Bibel (Offenbarung 21, 4). Der Tod ist zum Tode verurteilt. Der Tod muss des Todes sterben.
Noch ist es nicht so weit. Aber so weit ist es schon, dass wo Gott ist, er dem Tod mit seiner Lebensmacht entgegentritt.
Genau davon erzählt die kleine Geschichte des „Jünglings von Nain“.
Es ist genau eine dieser Bestattungen, wo wir deutlich spüren: Es ist nicht in Ordnung, dass dieser Mensch gestorben ist. Eine der Geschichten, die uns wütend machen. Gerade weil der Tod hier so tief ins Leben eingreift: Einer Witwe stirbt ihr einziger Sohn. Das ist grausam! Nicht nur aus sozialen Gründen, weil er ihr einziger Ernährer ist, wie so gerne betont wird. Nein, aus menschlichen Gründen. Da verliert eine Frau erst ihren Mann, dann ihren Sohn. Auch wenn sie Rentenansprüche hätte, wäre das furchtbar. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, hatte Gott ausdrücklich gesagt, und nun ist sie eben doch allein. Die Menschen, mit denen und für die sie gelebt hat, sind nicht mehr bei ihr. Das ist nicht gut. Wofür soll sie selber jetzt noch leben? – Genau solche Schicksale machen mich traurig und wütend. Wütend auf den Scheiß-Tod!
Doch bei dieser Bestattung ist Jesus da. Er trifft auf den Leichenzug, und auch er ist traurig und wütend. Er spürt den ganzen Jammer, die ganze Verzweiflung dieser Frau. Und wie all die Anteilnahme der Nachbarn ihr nicht helfen kann. In diesem Augenblick ist ihm klar: Es ist nicht akzeptabel, dass der Tod das Leben zerstört. Er muss, er kann, er wird der Macht des Todes Gottes Lebensmacht entgegensetzen.
Weine nicht!, sagt er der Mutter. Denn Gott will trösten. Gott will die Tränen abwischen. – Ich würde eher sagen: „Weinen Sie ruhig!“ Wenn Jesus sagt: Weine nicht!, dann sagt er es, weil es gleich keinen Grund mehr geben wird zum Weinen. Jesus schenkt neues Leben.
Ich sage dir, steh auf! – Aufstehen – Auferstehung! Einer wird dem Tod entrissen. Einer wird dem Leben und den Lebenden zurückgegeben. Eine Mutter braucht nicht mehr um ihren Sohn zu weinen.
Wo Gott ist, da tritt er mit seiner Lebensmacht dem Tod entgegen. Hier geschieht das in extremster und deutlichster Form. Hier ist es vorweggenommen, dass der Tod besiegt und vernichtet sein wird: Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.
Wir erleben so was nicht. Bei unseren Bestattungsfeiern werden keine Toten auferweckt. Die Lebensmacht Gottes ist nicht immer so nahe und so konkret wie in dieser Jesus-Geschichte.
Aber sie ist da. Wir bekennen uns zu ihr, wenn wir dieses Glaubensbekenntnis sprechen: Auferstehung der Toten und das ewige Leben.
Weine nicht!, das kann ich als Pastor den Trauernden nicht befehlen. Aber ich kann ihnen die biblischen Worte weitersagen, dass Gott alle Tränen abwischen wird: Auferstehung der Toten und das ewige Leben.
Stehe auf!, das kann ich dem Toten nicht befehlen. Aber ich kann es sagen, dass Jesus auferstanden ist, damit alle, die gestorben sind, mit ihm leben werden. Der Tod behält nicht das letzte Wort. Seine Macht ist gebrochen. Seine endgültige Vernichtung steht bevor: Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.
Ich muss den schlimmen Tod nicht zu etwas Gutem verklären. Ich muss dem Sinnlosen keinen Sinn abgewinnen. Wenn der Tod junge Menschen aus dem Leben reißt, Familienväter ihrer Ehefrauen, Mütter ihrer Kinder beraubt und schon dort, wo er drohend vor der  Tür steht, menschliches Miteinander bedroht und zerstört, dann ist das schlimm, dann ist das sinnlos, dann macht mich das wütend.
Aber mein Glaube, meine Hoffnung, meine Liebe sagen mir, dass das nicht Gottes wahrer Wille und nicht Gottes letztes Wort ist. Gott will das Leben, und Gott schafft das Leben, und Gott erhält das Leben, und Gott erweckt neues Leben aus dem Tod. Und daran halte ich mich fest, und das sage ich denen, die trauern und wütend und verzweifelt sind:
Findet euch nicht ab mit dem Tod! Und wenn ihr vom Leben nichts mehr erwartet, dann erwartet alles von Gott!