Sonntag, 8. September 2013

Predigt am 8. September 2013 (15. Sonntag nach Trinitatis)

Die Apostel sprachen zu dem Herrn: „Stärke uns den Glauben!“ Der Herr aber sprach: „Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: ‚Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!‘, und er würde euch gehorchen.“
Lukas 17, 5-6

Liebe Schwestern und Brüder,
da stimmt doch was nicht! Eigentlich war das doch ganz anders mit dem Senfkorn und dem Baum: Das Korn wird in die Erde geworfen und es wächst heran zu einem großen Baum, der den Vögeln Raum zum Leben gibt (Lukas 13, 18f). – Schön, hoffnungsvoll: „Alles muss klein beginnen, und endlich ist es groß!“ Stattdessen: Glaube als Gewaltfantasie. Bäume ausreißen und ins Meer werfen. Was soll das?
Es klingt nach Unmöglichem. Es klingt nach Tadel an die von Jesus oft so genannten Kleingläubigen: Nicht mal so groß wie ein Senfkorn ist euer Glaube, denn wer von euch hat denn schon mit seinem Glauben Bäume ausgerissen? – Seht ihr! – Ich stelle mir vor, wie die Jüngerschar betreten schweigt.
Ich denke an manche ohnmächtigen Versuche, mit dem Glauben Bäume auszureißen. Natürlich nicht wörtlich. Aber ich denke daran, wie wir für Kranke gebetet haben, und sie sind nicht geheilt worden. Und wir haben uns gefragt: Wessen Glaube war hier nicht groß genug? – Nicht mal so groß wie ein Senfkorn?
Ich denke an die vielen, die in diesen Tagen für den Frieden in Syrien beten. – Der Papst und der Weltkirchenrat hatten ja für gestern zu einem weltweiten Gebet für den Frieden aufgerufen. – Wird ihr Glaube nun den Baum des Hasses und der Gewalt ausreißen und ab heute dem Frieden und der Versöhnung Raum schaffen? – Gott möge mir vergeben: Mein Glaube ist da bei weitem nicht senfkorngroß. Mir scheint das eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit zu sein. Und vielleicht auch eine wohlfeile Demonstration gegen die USA. Warum fällt ihnen erst dann das Beten ein, wenn Amerika droht, mit Waffengewalt einzugreifen, wo schon lange die Waffengewalt tobt? – Nein, ich bin durchaus nicht der Meinung, dass ein militärisches Eingreifen in Syrien irgendwas bringt, aber so zu tun, als ob der Krieg erst beginne, wenn der Westen eingreift, ist doch zumindest eine sehr fragwürdige Sicht. – Es ist ja mit Sicherheit richtig, für die Menschen in Syrien zu beten. Trotzdem bleiben da große Zweifel: Was bewirken unsere Gebete? Vor allem: Was bewirken sie, wenn wir nicht mal glauben, dass sie etwas bewirken?

Beim Glauben, der Bäume ausreißt und Berge versetzt, haben wir es mit einem der größten philosophischen Probleme zu tun: dem Geist-Materie-Problem. Wie kann etwas Geistiges, also Gedanken, Ideen, Wünsche, Hoffnungen, die materielle Welt beeinflussen? – In der materiellen Welt verändert sich nichts, nur weil wir es uns so vorstellen. Wir können mit unseren Gedanken keine Gegenstände bewegen – Telekinese, so nennt sich das, gibt es nicht. Und darum können wir mit unserem Glauben auch keine Bäume ausreißen. Jedenfalls nicht, wenn wir meinen, wir müssten nur angestrengt glauben.
Aber in Wahrheit können wir natürlich doch sehr, sehr viel mit unseren Gedanken, Ideen, Wünschen und Hoffnungen erreichen. Denn wir Menschen sind das Wunderwesen, in dem Geist und Materie sich treffen. Wir können nämlich mit unseren Gedanken unseren Körper dazu bringen, das zu tun, was wir uns vorstellen. Ich stelle mir vor: Ich strecke meinen Arm aus, und mein Arm streckt sich aus. Ich stelle mir vor, ich gehe auf dich zu, und meine Beine tun es. Ich stelle mir vor: Ich sehe dich an, und mein Auge tut es. Ich stelle mir vor: Ich spreche dich an, und mein Mund sagt zu dir: „Du bist ein wunderbarer Mensch!“ Und ich stelle mir vor: Du lächelst dabei, und du tust es wirklich … Und ich stelle mir vor, du reichst mir die Hand, und du tust es auch. (Ich habe das praktisch mit einer Frau aus der Gemeinde getan, natürlich unabgesprochen.)
Was in meinem Geist geschieht, kann sich materialisieren. Genau genommen, passiert das ständig. Es geschieht durch meinen Leib. Unser Körper ist Organ des Geistes. Ich kann etwas bewegen, weil ich meinen Körper bewegen kann. Und weil in mir etwas ist, das aus bloßen Gedanken etwas verändert in der materiellen Welt.
Vielleicht kann ich mit meinem Glauben keine Bäume ausreißen, aber ich kann mit meinen Händen Bäume pflanzen. Ich kann Samenkörner aussähen. Und es verändert sich etwas in der Welt. Am Anfang war da nur eine Idee …
Und ich kann ja noch mehr. Ich kann auch andere Menschen dazu bringen, meine Idee umzusetzen. Ich kann dich dazu bringen, mir die Hand zu geben und mich anzulächeln. – Mein Geist beeinflusst deinen Geist und dein Leib tut, was ich mir vorgestellt habe.
Natürlich kann man das auch gebrauchen, um Menschen zu manipulieren. Aber dagegen kannst du dich wehren, wenn du mir nicht die Hand geben willst, dann musst du es nicht. Aber das kostet Widerstandskraft…
Was ich sagen will: Im Menschen liegt die Möglichkeit, aus Glauben, aus Gedanken, aus Worten Realitäten werden zu lassen. Über den Umweg unseres Leibes. Dazu hat ihn uns Gott gegeben.
Das Geist-Materie-Problem haben wir noch mal auf einer anderen Stufe, wenn wir über Gott nachdenken. Gott ist Geist. – Wie kann Gott in der materiellen Welt etwas bewegen? – Manche haben gemeint, die materielle Welt wäre gewissermaßen der Leib, der Körper Gottes. Wenn Gott sich etwas vorstellt oder etwas ausspricht, dann kann er allein dadurch die Welt verändern. So wie ich meinen Arm heben kann, kann Gott in der Welt etwas verändern. Bäume ausreißen zum Beispiel. Oder Krankheiten wegmachen.
Meist wählt Gott aber einen anderen Weg. Er wählt den Umweg über den Menschen. So wie ich dich dazu bringen kann zu lächeln oder mir die Hand zu geben, so kann Gott dich auch dazu bringen, das zu tun, was er will. Wenn du nämlich seine Worte und Gedanken einlässt in dein Herz, dann wird dein Leib zu Gottes Leib. Dann tut er durch dich, was er getan haben will in dieser Welt.
Gott will uns beeinflussen, uns manipulieren – und weil Gott Gott ist, natürlich nur zu unserem Besten. Und dann verändert Gott die Welt, indem er uns losschickt zum Bäumeausreißen und Senfkörnersäen.
Und was heißt dann Glauben haben so groß wie ein Senfkorn? – Es heißt: Dass wir uns offen halten für Gott, für das, was er uns sagt, für das, was er von uns erwartet. Und dass wir es auch tun.
Beim Glauben, der Bäume ausreißt und Berge versetzt, geht es am Ende nicht darum, dass wir der Welt unseren Willen aufzwingen, sondern dass durch uns Gottes Wille geschieht, wie im Himmel so auf Erden.
Die Beispiele dafür sind nicht fern. Sie stehen unmittelbar vor unserem Predigtwort: Da warnt Jesus davor, Menschen zum Abfall vom Glauben zu verführen. Und da erwartet er, dass wir unserem Bruder (oder unserer Schwester oder unserem Ehepartner) siebenmal am Tage vergeben. – Immer wieder vergeben, niemals etwas tun oder sagen, das nicht vom Glauben wegführen könnte – wie soll das möglich sein? – Das sind wohl eigentlich die Bäume, die unser Glaube ausreißen soll: das Ärgernis, das andere von Gott trennt, und die Unversöhnlichkeit, die uns voneinander trennt.
Glaube, so groß wie ein Senfkorn, heißt: Uns von Gottes Geist bestimmen lassen.

Vorige Woche habe ich von Martin Luther King und seinem Traum von der Gerechtigkeit und der Freiheit für alle gesprochen. Ich glaube, das ist ein ganz reales Beispiel für den Glauben, der Berge versetzt. Sein Traum, seine Ideen, seine Vorstellungen haben sich realisiert, weil es Gottes Traum war. Und weil Menschen daran gegangen sind, ihn zu verwirklichen. Sie haben sich von Gott beeinflussen lassen, so konnte er durch sie handeln. Und so haben sie den schlechten Baum des Rassismus, der mit seinen verschlungenen Wurzeln die Brunnen der Gerechtigkeit zu zerstören drohte, ausgerissen. Mit ihrem Glauben und mit ihrem Handeln, das aus dem Glauben kam.
Träumen allein war es nicht. Händefalten und Beten allein war es auch nicht. Aber Losgehen und Protestieren allein war es auch nicht. Es war der Glaube, der sich aus Gottes Traum gespeist hat, der sich im Händefalten und im Händeausstrecken verwirklicht hat. Es war das Senfkorn, das der Lehrer aus Nazareth gesät hatte. Und das stark genug ist, die Welt zu verändern.
Ich will nicht drumherumreden: Manchmal ist unser Glaube klein und schwach und hilfos. Manchmal richten unsere Gebete nichts aus, und wir können nicht mal glauben, dass sie etwas ausrichten. – Aber ich verstehe eines: Der Senfkornglaube, von dem Jesus spricht, ist kein Kraftakt, den er von mir fordert, sondern Gottvertrauen. Ich muss keine Bäume ausreißen. Ich brauche nur im Vertrauen auf Gott seine Samenkörner zu säen.