Montag, 4. Juli 2011

Predigt vom 3. Juli 2011 (2. Sonntag nach Trinitatis)

Gekürzte und überarbeitete Fassung einer Predigt von 2005

Jesus redete in Gleichnissen und sprach: Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: "Sagt den Gästen: 'Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit!'" Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.
Dann sprach er zu seinen Knechten: "Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet." Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll.
Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: "Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an?" Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: "Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein." Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.
Matthäus 22, 1-14

Liebe Gemeinde,

Frohbotschaft oder Drohbotschaft. Gottes Einladung an alle, so weit nur Straßen führen, oder Gottes Gericht über die, die seine Einladung ausschlagen. Das große Hochzeitsfest des Königssohns Jesus Christus oder der Rausschmiss dessen, der nicht rein passt. Reich Gottes oder Heulen und Zähneklappern. Himmel oder Hölle. – Ein „schreckliches Evangelium“ fand Luther. Aber eben doch Evangelium.

Die Frohbotschaft: Viele sind berufen! – Die Drohbotschaft: Nur wenige sind auserwählt!

Der Vorwurf wird uns gerne gemacht: Die Kirche hätte aus der Frohbotschaft Jesu eine Drohbotschaft gemacht. Richtig ist – und das bekommen wir nicht wegdiskutiert –: Jesu Botschaft enthält auch die Drohung des Gerichts und des ewigen Verlorenseins. – Aber eben auch. Sie steht nicht für sich, diese Drohbotschaft. Das Eigentliche ist das Evangelium, ist die Frohbotschaft, das Reich Gottes, der Himmel, das ewige Leben.
Und: Es ist diese Frohbotschaft selbst, die sich für einige in eine Drohbotschaft verwandelt. Das ist, wie man so sagt, die andere Seite der Medaille.

Stell dir vor, es ist Reich Gottes, und keiner geht hin! Stell dir vor, der Himmel steht offen, und keiner will hinein!

Du bist eingeladen zu einer Hochzeitsfeier. Nicht irgendeiner Hochzeit, sondern der Hochzeit, der königlichen Hochzeit. So einer, wie sie erst vor ein paar Wochen in England oder gestern in Monaco zu erleben war. Zu so einer Hochzeit ist normalerweise nur eine auserwählte Schar von Prominenten und Ehrengästen eingeladen; die Öffentlichkeit wird durch Sperrgitter und Polizei abgeschirmt. Und nun, stell dir vor, bist du selber einer von den auserwählten Ehrengästen. Warum eigentlich? Womit hast du das verdient? – Du weißt es selber nicht.

Folgst du dieser Einladung oder schlägst du sie aus?

Jesus erzählt von Leuten, die so eine Einladung ausschlagen. Sie haben Wichtigeres zu tun: Der eine geht auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Zu viel zu tun. Die Arbeit darf nicht liegen bleiben. Gerade jetzt muss das Feld bestellt werden. Gerade jetzt habe ich einen wichtigen Auftrag an Land ziehen können. Gerade jetzt muss ich die Termine einhalten. Wir können das fortsetzen: Gerade jetzt brauche ich mal Zeit für meine Familie. Gerade jetzt habe ich einen Urlaubsplatz. Gerade jetzt habe ich mal ein paar Stunden, die ich in meinem Hobbykeller verbringen kann … – Schade eigentlich, aber es gibt Wichtigeres als eine Hochzeitsfeier. – Komisch nur, dass das bei allen geladenen Gästen so ist. – Alle sagen sie ab.

Es könnte übrigens noch einen triftigen Grund geben, der Einladung nicht zu folgen: Vielleicht passt mir jemand Bestimmtes nicht, der auch mit eingeladen ist. Ihm möchte ich nicht begegnen; mit ihm möchte ich nicht am selben Tisch Platz nehmen müssen.

Stell dir vor, es ist Reich Gottes und keiner geht hin! Es gibt Wichtigeres als das Himmelreich.

So sieht sie aus, die Rückseite der Medaille. Gottes lädt ein, und keiner kommt. Aber wer nicht kommt, der darf sich dann nicht beschweren, dass er draußen bleibt. Viele sind berufen, und manche schließen sich selber aus.

So sind wir es selber, die aus der Frohbotschaft eine Drohbotschaft machen. Wenn wir uns nicht einladen lassen, dann sind wir irgendwann einfach ausgeladen, ausgeschlossen, haben das Nachsehen.

Gott lädt oft und immer wieder ein zu seinem himmlischen Fest. Seine Boten sind schon lange unterwegs in der Welt. Gott möchte nicht allein sein mit sich selbst. Gott in trauter Dreisamkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – das ist nicht das Reich Gottes. Das ist nicht die Familienidylle, die Gott sich vorstellt. Er möchte, dass die Tische voll werden. Im Himmel ist Platz genug für alle.

Darum lädt er auch immer wieder ein. Dabei stößt er allzu oft auf die altbekannten Entschuldigungen. Und manchmal auch auf offene Ablehnung und Rebellion. – Wir haben die harten Sätze gehört über diejenigen, die die Knechte des Königs verhöhnt und getötet haben und denen der König in einem Rachefeldzug die Stadt anzündet. – Ja, das ist eine von den Aussagen in diesem Text, die ihn in unseren Ohren zu einem „schrecklichen Evangelium“ machen.

Vielleicht müssen wir auch berücksichtigen, woran Matthäus dachte, als er diese harten Worte aufschrieb: Dass Jesus von den Führern seines eigenen Volkes, Gottes Volkes, abgelehnt, verraten und den Römern zur Kreuzigung übergeben worden war. Dass die jungen christlichen Gemeinden keinen Platz in der jüdischen Gemeinschaft fanden. Dass sich offenbar wiederholte, was in der Geschichte Israels immer wieder geschehen war, dass Gottes Einladung ausgeschlagen worden war. Und dass wenig später, im Jahre 70 n. Chr. die Stadt Jerusalem durch die Römer dem Erdboden gleich gemacht wurde. – Es schien so, dass sich Israel vom Himmelreich ausgeschlossen hatte.

Und dann ergeht im Gleichnis eine neue Einladung: Die Boten des Königs gehen abermals hinaus, bis an die äußersten Enden der Straßen, so weit nur Wege führen, so weit es nur Menschen gibt, und laden sie zur Hochzeit ein: alle, Gute und Böse. – Wir denken an den Auftrag, den Jesus am Ende seines Wirkens auf Erden seinen Boten gegeben hat: Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker (Mt 28,19). Gottes Einladung ergeht an alle Welt, an die, die vormals dem Reich Gottes fern waren. Und tatsächlich: Jetzt werden die Tische im Reich Gottes voll. Menschen aus allen Völkern der Welt kommen zu Gottes Fest.

Ich möchte zur Vorsicht mahnen. Es könnte so klingen, als dürften die Christen aus aller Welt sich jetzt als die Auserwählten fühlen und könnten die Juden als die Verworfenen betrachteten: die haben Gottes Einladung abgelehnt, die haben Gottes Sohn getötet, die sind Feinde des Evangeliums, denen darf man die Stadt anzünden. Schlimme Folgen hatte diese Interpretation: von plündernden Kreuzfahrerheeren über Pogrome und brennende Synagogen bis hin zur industriellen Vernichtung der Juden. Und weiter bis zum neuen Antisemitismus, der sich als Kritik am Staat Israel ausgibt. Christlicher Antijudaismus hat leider einen großen Anteil an dieser Geschichte tödlichen Hasses. Und dieses unser Gleichnis hat daran mitgewirkt.

Wir sollten uns heute hüten, diese Anwendung auf das alte Gottesvolk mitzuvollziehen. Es geht nicht darum, wer das ist, der verworfen und ausgeschlossen vom Reich Gottes ist. Es geht darum, dass wir auf uns selber achten, dass wir Gottes Einladung nicht verpassen. Denn das ist die eigentliche Frage: Sind wir drin, oder sind wir draußen, wenn Gottes Fest beginnt?

Liebe Gemeinde, noch einen Haken hat diese Gleichnisgeschichte für uns: Da ist die Rede von einem Hochzeitsgast, der schon dabei ist beim Fest und dann doch wieder rausfliegt, weil er nicht die richtige Hochzeitskleidung trägt. Und wir fragen uns: Wie kann das sein? Da werden Leute unvorbereitet von den Straßen eingeladen und dann werden sie getadelt, nein rausgeschmissen, wenn sie nicht das Richtige anhaben? – Wird die Einladung an Gute und Böse hier nicht konterkariert?

Kann sein, das Bild vom Hochzeitskleid ist nicht so ganz stimmig. Im biblischen Zusammenhang stehen die neuen Kleider, die weißen Kleider für das neue Leben der Christen: für das Leben aus der Taufe. Christen sind erkennbar neue Menschen, bekleidet mit Glauben, Hoffnung und Liebe. – Die Erfahrung zu allen Zeiten aber ist: Nicht alle, die der Einladung in die Gemeinde Jesu gefolgt sind, sind wirkliche Christen, die aus der Taufe leben und Glauben, Hoffnung und Liebe ausstrahlen. Zugehörigkeit zur Kirche ist noch keine Heilsgarantie. Jesus macht das z. B. auch deutlich mit dem Gleichnis vom Unkraut, das mitten zwischen dem Weizen wächst (Matthäus 13, 24-30). Und er macht es deutlich, wenn er sagt: Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel (Matthäus 7, 21). – Eigentlich aber müsste uns schon die Einladung ins Reich Gottes und die Gemeinschaft an den Tischen des Herrn so verändern, dass wir nicht in unseren alten Kleidern losgehen können. Jeder würde doch alles daran setzen, etwas Passendes anzuziehen zu finden, und wenn er es sich borgen müsste. Einfach so loszugehen in Alltagsklamotten, das wäre eine Beleidigung für die Gastgeber.

Manche Ausleger haben darauf hingewiesen, dass es damals zu einer königlichen Hochzeitseinladung dazugehört hat, den Festgästen auch entsprechende Hochzeitskleidung zur Verfügung zu stellen. Wir können unsere alten Kleider, unser Leben, das nur bestimmt ist vom Alltag und von den Sorgen ums tägliche Leben, unser Leben, bei dem wir uns immer wieder dreckig machen, ablegen und neue Hochzeitskleider anziehen. Oder unsere alten Kleider zur Reinigung bei Jesus abgeben. Keiner muss dreckig und zerlumpt ins Reich Gottes kommen. Ja, es sind Gute und Böse eingeladen, Gerechte und Sünder. Aber die Sünder müssen keine Sünder bleiben und die Bösen sollen nicht böse bleiben. Das ist die Vorderseite der Medaille, die Frohbotschaft.

Viele sind berufen. Wir sind berufen. Du bist berufen. Und du bist auch auserwählt, wenn du dich nicht selber der Einladung Gottes verschließt. Amen.