Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
Was ist eigentlich Zeit? – Es ist das Nacheinander der Dinge und Ereignisse. Es ist die Ordnung von Davor und Danach. Es ist die Folge von Gestern, Heute und Morgen, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und das Besondere am Nacheinander, im Unterschied zum Nebeneinander, ist, dass es kein Zurück in der Zeit gibt. Zeitreisen in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu beeinflussen, sind ein amüsantes Motiv in der Science Fiction; aber es gibt sie nicht, und wir merken, dass sie nach den Kategorien der Logik nicht funktionieren können. So steht uns die Vergangenheit immer nur als Erinnerung oder als Überlieferung zur Verfügung. Und die Zukunft immer nur als Erwartung, als Hoffnung oder Befürchtung. Was wir wirklich haben, ist allein unsere Gegenwart.
Aber was ist Gegenwart? Zwischen der Vergangenheit, die war, und der Zukunft, die kommt, schrumpft die Gegenwart auf einen Punkt, auf ein Nichts zusammen. Die moderne Gehirnforschung hat herausgefunden, dass wir Menschen einen Zeitabschnitt von knapp 3 Sekunden als unmittelbare Gegenwart erleben. So lange nämlich haben wir unsere Eindrücke im unmittelbaren Kurzzeitgedächtnis. Alles davor ist vergangen und muss mehr oder weniger mühevoll erinnert werden. – Sie können das in einem kleinen Experiment selber überprüfen. Einen Satz oder eine Melodiefolge, die kürzer ist als zwei bis drei Sekunden können Sie wahrscheinlich unmittelbar nachsprechen oder nachsingen. Für das, was länger zurückliegt, können Sie nur noch einen ungefähren Eindruck oder vielleicht den Gedankengang wiedergeben. – Also, die Gegenwart ist kurz; aber es ist die Zeit, die Sie wirklich haben. Jetzt.
Natürlich ist Gegenwart in einem weiteren Sinne auch das Heute, dieser Tag, oder das Heuer, wie man im Süddeutschen sagt, dieses Jahr, ein zusammenhängender gegenwärtiger Zeitabschnitt: Genau da befinden wir uns jetzt in der Zeit – das ist die Gegenwart.
Die Gegenwart ist die wichtigste Zeit, weil es die Zeit ist, die wir wirklich haben. Es ist die Zeit, in der wir entscheiden, was dran ist, wie wir uns und unser Leben sehen, was wir tun und denken, was wir sagen, wie wir leben.
Die Gegenwart ist auch die wichtigste Zeit für Gott, um auf ihn zu hören. In der Bibel heißt es: Heute, wenn ihr Gottes Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht (Hebräer 3, 7.15). Und an einer anderen Stelle: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade; siehe, jetzt ist der Tag des Heils (2. Korinther 6, 2).
Also: Leben Sie bewusst im Jetzt und Heute!
Der Zündfunke ist täglich ca. 8.40 Uhr (WEZ) auf Radio Megawelle (88,3 / 103,7 / 104,7 MHz oder unter http://radionetz.de:8000/megawelle.mp3) zu hören.
Donnerstag, 5. Juli 2012
Mittwoch, 4. Juli 2012
Zündfunke (Rundfunkandacht) am Mittwoch, dem 4. Juli 2012
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
wenn wir über das Geheimnis der Zeit nachdenken, dann kommt uns bestimmt auch das Staunen über die Dimensionen der Zeit an. Die Geschichte des Universums berechnen wir in Jahrmilliarden, die Geschichte des Lebens auf der Erde nach Jahrmillionen, die Geschichte der Menschheit nach Jahrtausenden.
Wir können uns diese Dimensionen der Zeit nicht wirklich vorstellen. Das Zeitmaß, das wir in unserer Vorstellung wirklich überschauen, ist unsere eigene Lebenszeit. Wahrscheinlich ist unsere gelebte Lebenszeit unser eigentliches inneres Zeitmaß. Darum kommt es uns auch so vor, dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter wir werden. Wir setzen eben das, was ist, und das, was noch kommt, ins Verhältnis zu dem, was wir schon erlebt haben.
Das erklärt auch das Phänomen der so genannte Midlife Crisis. Um die Vierzig herum wird uns bewusst, dass uns nicht mehr Lebenszeit bleibt, als wir schon hinter uns haben. Das Lebensende rückt in den Bereich der vorstellbaren Zeit. Für manche bedeutet das, ihr Leben jetzt noch mal neu zu überdenken und die verbleibende Zeit bewusster zu leben – in dem Sinne, wie ich gestern davon gesprochen habe, dass Zeit ein knappes und wertvolles Gut ist, das genutzt sein will.
Wir erleben Zeit einfach immer als Lebenszeit. Und wir haben nur unsere eigene Lebenszeit. Schon die Jugendzeit unserer Eltern oder die Zeiten, von denen uns vielleicht noch unsere Großeltern erzählt haben, sind für uns Vorzeit.
Jeder von uns hat seine eigene Lebenszeit. Und so hat jeder von uns seine eigene Sicht auf die Zeit, in der er lebt. Wir können einander mit unseren unterschiedlichen Sichten bereichern. Trotzdem kann ich mich nicht wirklich in die Lebenszeit jener älteren Menschen hineinversetzen, die mir z. B. von Krieg und Gefangenschaft, von Vertreibung und Armut und so weiter erzählen. So ist die Zeit nicht etwas, was objektiv, äußerlich und gleichmäßig dahinfließt, sondern sie ist ganz persönliche, ureigene Lebenszeit. Auch und gerade das macht sie so kostbar.
In einem Psalm in der Bibel steht ein schöner Satz: Meine Zeit steht in deinen Händen (Psalm 31, 16). – Für mich heißt das: Meine eigene, ganz persönliche Lebenszeit ist von Gott gegeben und hat durch Gott ihren Sinn.
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wenn wir über das Geheimnis der Zeit nachdenken, dann kommt uns bestimmt auch das Staunen über die Dimensionen der Zeit an. Die Geschichte des Universums berechnen wir in Jahrmilliarden, die Geschichte des Lebens auf der Erde nach Jahrmillionen, die Geschichte der Menschheit nach Jahrtausenden.
Wir können uns diese Dimensionen der Zeit nicht wirklich vorstellen. Das Zeitmaß, das wir in unserer Vorstellung wirklich überschauen, ist unsere eigene Lebenszeit. Wahrscheinlich ist unsere gelebte Lebenszeit unser eigentliches inneres Zeitmaß. Darum kommt es uns auch so vor, dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter wir werden. Wir setzen eben das, was ist, und das, was noch kommt, ins Verhältnis zu dem, was wir schon erlebt haben.
Das erklärt auch das Phänomen der so genannte Midlife Crisis. Um die Vierzig herum wird uns bewusst, dass uns nicht mehr Lebenszeit bleibt, als wir schon hinter uns haben. Das Lebensende rückt in den Bereich der vorstellbaren Zeit. Für manche bedeutet das, ihr Leben jetzt noch mal neu zu überdenken und die verbleibende Zeit bewusster zu leben – in dem Sinne, wie ich gestern davon gesprochen habe, dass Zeit ein knappes und wertvolles Gut ist, das genutzt sein will.
Wir erleben Zeit einfach immer als Lebenszeit. Und wir haben nur unsere eigene Lebenszeit. Schon die Jugendzeit unserer Eltern oder die Zeiten, von denen uns vielleicht noch unsere Großeltern erzählt haben, sind für uns Vorzeit.
Jeder von uns hat seine eigene Lebenszeit. Und so hat jeder von uns seine eigene Sicht auf die Zeit, in der er lebt. Wir können einander mit unseren unterschiedlichen Sichten bereichern. Trotzdem kann ich mich nicht wirklich in die Lebenszeit jener älteren Menschen hineinversetzen, die mir z. B. von Krieg und Gefangenschaft, von Vertreibung und Armut und so weiter erzählen. So ist die Zeit nicht etwas, was objektiv, äußerlich und gleichmäßig dahinfließt, sondern sie ist ganz persönliche, ureigene Lebenszeit. Auch und gerade das macht sie so kostbar.
In einem Psalm in der Bibel steht ein schöner Satz: Meine Zeit steht in deinen Händen (Psalm 31, 16). – Für mich heißt das: Meine eigene, ganz persönliche Lebenszeit ist von Gott gegeben und hat durch Gott ihren Sinn.
Der Zündfunke ist täglich ca. 8.40 Uhr (WEZ) auf Radio Megawelle (88,3 / 103,7 / 104,7 MHz oder unter http://radionetz.de:8000/megawelle.mp3) zu hören.
Dienstag, 3. Juli 2012
Zündfunke (Rundfunkandacht) am Dienstag, dem 3. Juli 2012
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
“Zeit ist Geld”, sagt der Volksmund. Das klingt vielleicht nicht gut in unseren Ohren, denn es klingt nach Eile, nach Stress, nach Effektivität und Beschleunigung. Wer diesen Satz im Munde führt, wird sich wohl kaum die Zeit für ein Schwätzchen mit uns nehmen. Er wird nicht in Ruhe und Gelassenheit am Meer sitzen. Während wir mit ihm sprechen, wird er auf seinem Smartphone herumwischen, und auf der Autobahn wird er uns als Drängler im Nacken sitzen.
Und trotzdem steckt in dem Satz ein Körnchen Wahrheit. “Zeit ist Geld” – das bedeutet nämlich im Grunde genommen: Zeit ist wertvoll. Wenn wir den Wert einer Sache in Geld bemessen, dann kann man eben auch sagen: “Zeit ist Geld.”
Ökonomisch gesehen ist etwas um so wertvoller, je weniger es davon gibt, je knapper es zur Verfügung steht. Gold war und ist vor allem deshalb wertvoll, weil es nicht so viel davon gibt, weil es ein knappes Gut ist. Und je größer die Nachfrage nach einem knappen Gut ist, um so höher ist der Preis; das konnte man auch am Goldpreis in den letzten Jahren beobachten.
Auch Zeit ist ein knappes Gut. Sie steht uns nicht in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Das wissen wir, wenn wir sagen: Der Tag hat nur 24 Stunden. Das wissen wir auch, wenn wir an unsere Lebenszeit denken. Wir können nicht genau sagen, wie viel wir noch davon haben werden, aber wir wissen ganz genau, dass unsere Zeit begrenzt ist, und dass sie immer knapper wird. Wir überlegen und planen, was wir in dieser knappen Zeit noch tun und anstellen können und was nicht. Manche Entscheidungen dürfen nicht hinausgeschoben werden, sonst ist es zu spät. Die Zeit ist knapp.
Überraschenderweise findet sich dieser ökonomische Blick auf die Zeit auch in der Bibel: Kauft die Zeit aus, heißt es im Brief an die Kolosser (Kolosser 4, 5). Das klingt so ähnlich wie das lateinische Carpe diem! – Nutze den Tag!
Wofür wollen Sie den heutigen Tag nutzen? Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, Sie überlegen, wie Sie die knappe Zeit, die Ihnen heute zur Verfügung steht, möglichst so nutzen, dass Sie selbst und vielleicht auch jemand anders etwas davon hat.
Ach, und im übrigen: Die Zeit, in der Sie in Ruhe und Gelassenheit am Meer sitzen oder ein Schwätzchen mit den Nachbarn halten, ist gewiss keine nutzlos vertane Zeit.
Der Zündfunke ist täglich ca. 8.40 Uhr (WEZ) auf Radio Megawelle (88,3 / 103,7 / 104,7 MHz oder unter http://radionetz.de:8000/megawelle.mp3) zu hören.
“Zeit ist Geld”, sagt der Volksmund. Das klingt vielleicht nicht gut in unseren Ohren, denn es klingt nach Eile, nach Stress, nach Effektivität und Beschleunigung. Wer diesen Satz im Munde führt, wird sich wohl kaum die Zeit für ein Schwätzchen mit uns nehmen. Er wird nicht in Ruhe und Gelassenheit am Meer sitzen. Während wir mit ihm sprechen, wird er auf seinem Smartphone herumwischen, und auf der Autobahn wird er uns als Drängler im Nacken sitzen.
Und trotzdem steckt in dem Satz ein Körnchen Wahrheit. “Zeit ist Geld” – das bedeutet nämlich im Grunde genommen: Zeit ist wertvoll. Wenn wir den Wert einer Sache in Geld bemessen, dann kann man eben auch sagen: “Zeit ist Geld.”
Ökonomisch gesehen ist etwas um so wertvoller, je weniger es davon gibt, je knapper es zur Verfügung steht. Gold war und ist vor allem deshalb wertvoll, weil es nicht so viel davon gibt, weil es ein knappes Gut ist. Und je größer die Nachfrage nach einem knappen Gut ist, um so höher ist der Preis; das konnte man auch am Goldpreis in den letzten Jahren beobachten.
Auch Zeit ist ein knappes Gut. Sie steht uns nicht in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Das wissen wir, wenn wir sagen: Der Tag hat nur 24 Stunden. Das wissen wir auch, wenn wir an unsere Lebenszeit denken. Wir können nicht genau sagen, wie viel wir noch davon haben werden, aber wir wissen ganz genau, dass unsere Zeit begrenzt ist, und dass sie immer knapper wird. Wir überlegen und planen, was wir in dieser knappen Zeit noch tun und anstellen können und was nicht. Manche Entscheidungen dürfen nicht hinausgeschoben werden, sonst ist es zu spät. Die Zeit ist knapp.
Überraschenderweise findet sich dieser ökonomische Blick auf die Zeit auch in der Bibel: Kauft die Zeit aus, heißt es im Brief an die Kolosser (Kolosser 4, 5). Das klingt so ähnlich wie das lateinische Carpe diem! – Nutze den Tag!
Wofür wollen Sie den heutigen Tag nutzen? Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, Sie überlegen, wie Sie die knappe Zeit, die Ihnen heute zur Verfügung steht, möglichst so nutzen, dass Sie selbst und vielleicht auch jemand anders etwas davon hat.
Ach, und im übrigen: Die Zeit, in der Sie in Ruhe und Gelassenheit am Meer sitzen oder ein Schwätzchen mit den Nachbarn halten, ist gewiss keine nutzlos vertane Zeit.
Der Zündfunke ist täglich ca. 8.40 Uhr (WEZ) auf Radio Megawelle (88,3 / 103,7 / 104,7 MHz oder unter http://radionetz.de:8000/megawelle.mp3) zu hören.
Montag, 2. Juli 2012
Zündfunke (Rundfunkandacht) am Montag, dem 2. Juli 2012
Guten Morgen, liebe Hörerinnnen und Hörer,
wie doch die Zeit vergeht: schon wieder Montag, schon wieder Juli …
Zeit vergeht, das ist ihr Wesen. Sie bleibt nicht stehen. Sie läuft nicht zurück. Niemals. Was gestern gewesen ist, ist vorbei, nicht zu wiederholen, nicht zu verändern. Was morgen sein wird, ist heute noch ungewiss. Übermorgen wird es auch gewesen sein.
Und wir, wir bleiben nicht stehen im Fluss der Zeit. Wir sind heute nicht mehr dieselben, die wir gestern waren, und morgen werden wir uns gegenüber heute verändert haben. Nur ein ganz klein wenig. Aber immerhin. Wir schwimmen mit im Fluss der Zeit. Die Zeit verändert uns. Den Unterschied zwischen gestern und morgen bemerken wir kaum, aber den Unterschied zwischen letztem Jahr und diesem Jahr vielleicht schon. Manchmal schauen wir uns alte Fotos an und werden wehmütig: Wie jung wir doch einmal waren! Wie lange ist das doch her! Die Zeit vergeht. Nichts kommt wieder.
Die Zeit, sie ist etwas ganz Erstaunliches, sie ist ein Wunder. Wir kennen keine Zeitlosigkeit.
Wissenschaftler erklären uns, dass es vor der Entstehung unseres Universums keine Zeit gab, also eigentlich überhaupt kein Davor. Wie soll man sich das, bitteschön, vorstellen?
Die Bibel erzählt in der Sprache und im Weltbild einer lange vergangenen Zeit ganz ähnlich von der Entstehung der Welt. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, heißt der erste Satz in der Bibel. Mit Himmel und Erde ist die ganze Welt gemeint, das Universum. Das erste, was Gott in dieser noch völlig ungeordneten Welt – tohuwabohu heißt das auf Hebräisch, der Sprache des Alten Testaments – das erste, was Gott in dieser noch völlig ungeordneten Welt werden lässt, ist das Licht. Diese Aussage stimmt mit der modernen Wissenschaft überein, die auch davon ausgeht, dass zuerst nur reine Strahlung, Energie da war. Erstaunlich, nicht wahr? Und dann, heißt es, wird aus dem Licht Tag und Nacht – der erste Tag ist da. Mit anderen Worten: die Zeit ist entstanden. Alles, was weiterhin entsteht und geschaffen wird, alles, was fortan sein wird, die Natur, die Menschheit, auch Sie und ich, alles existiert in der Zeit und mit der Zeit. Alles hat einen Anfang und ein Ende. Und es verändert sich fortwährend.
Ich finde das zum Staunen. Und ich möchte Sie einladen, in dieser Woche mit mir zusammen ein wenig über das Wunder der Zeit zu staunen.
Der Zündfunke ist täglich ca. 8.40 Uhr (WEZ) auf Radio Megawelle (88,3 / 103,7 / 104,7 MHz oder unter http://radionetz.de:8000/megawelle.mp3) zu hören.
wie doch die Zeit vergeht: schon wieder Montag, schon wieder Juli …
Zeit vergeht, das ist ihr Wesen. Sie bleibt nicht stehen. Sie läuft nicht zurück. Niemals. Was gestern gewesen ist, ist vorbei, nicht zu wiederholen, nicht zu verändern. Was morgen sein wird, ist heute noch ungewiss. Übermorgen wird es auch gewesen sein.
Und wir, wir bleiben nicht stehen im Fluss der Zeit. Wir sind heute nicht mehr dieselben, die wir gestern waren, und morgen werden wir uns gegenüber heute verändert haben. Nur ein ganz klein wenig. Aber immerhin. Wir schwimmen mit im Fluss der Zeit. Die Zeit verändert uns. Den Unterschied zwischen gestern und morgen bemerken wir kaum, aber den Unterschied zwischen letztem Jahr und diesem Jahr vielleicht schon. Manchmal schauen wir uns alte Fotos an und werden wehmütig: Wie jung wir doch einmal waren! Wie lange ist das doch her! Die Zeit vergeht. Nichts kommt wieder.
Die Zeit, sie ist etwas ganz Erstaunliches, sie ist ein Wunder. Wir kennen keine Zeitlosigkeit.
Wissenschaftler erklären uns, dass es vor der Entstehung unseres Universums keine Zeit gab, also eigentlich überhaupt kein Davor. Wie soll man sich das, bitteschön, vorstellen?
Die Bibel erzählt in der Sprache und im Weltbild einer lange vergangenen Zeit ganz ähnlich von der Entstehung der Welt. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, heißt der erste Satz in der Bibel. Mit Himmel und Erde ist die ganze Welt gemeint, das Universum. Das erste, was Gott in dieser noch völlig ungeordneten Welt – tohuwabohu heißt das auf Hebräisch, der Sprache des Alten Testaments – das erste, was Gott in dieser noch völlig ungeordneten Welt werden lässt, ist das Licht. Diese Aussage stimmt mit der modernen Wissenschaft überein, die auch davon ausgeht, dass zuerst nur reine Strahlung, Energie da war. Erstaunlich, nicht wahr? Und dann, heißt es, wird aus dem Licht Tag und Nacht – der erste Tag ist da. Mit anderen Worten: die Zeit ist entstanden. Alles, was weiterhin entsteht und geschaffen wird, alles, was fortan sein wird, die Natur, die Menschheit, auch Sie und ich, alles existiert in der Zeit und mit der Zeit. Alles hat einen Anfang und ein Ende. Und es verändert sich fortwährend.
Ich finde das zum Staunen. Und ich möchte Sie einladen, in dieser Woche mit mir zusammen ein wenig über das Wunder der Zeit zu staunen.
Der Zündfunke ist täglich ca. 8.40 Uhr (WEZ) auf Radio Megawelle (88,3 / 103,7 / 104,7 MHz oder unter http://radionetz.de:8000/megawelle.mp3) zu hören.
Sonntag, 24. Juni 2012
Predigt am 24. Juni 2012 (Gedenktag Johannes des Täufers)
Liebe Schwestern und Brüder,
der heutige Johannistag hat
unterschiedlich stark ausgeprägte Traditionen. An vielen Orten
werden Sonnenwendfeuer abgebrannt – so auch hierzulande am Vorabend
des Día de San Juan, wie wir gestern Abend wieder gesehen oder
gerochen haben. Bei uns in Sachsen begehen wir den Johannistag mit
Abendandachten auf den Friedhöfen. Vielleicht hängt das mit der
eigenartigen Melancholie der langen Frühsommerabende zusammen, wo
wir doch daran denken müssen, dass von nun an die Tage wieder kürzer
werden, die Zeit der Ernte, der Winter wieder näher rücken, und
dass auch auf der Höhe des Lebens der Tod nicht so fern ist.
Der 24. Juni, der Johannistag steht im
Jahreslauf dem Weihnachtsfest, das ja praktisch an der
Wintersonnenwende liegt, gegenüber. Das hat auch seinen Grund in den
Zeitangaben im Lukasevangelium: Sechs Monate, nachdem Elisabeth, die
Mutter des Johannes schwanger geworden war, erscheint der Erzengel
Gabriel bei Maria und kündigt ihr die Geburt Jesu an. Demnach ist
Johannes ziemlich genau ein halbes Jahr älter als Jesus. Wenn nun
der Geburtstag Jesu im Dezember begangen wird, dann der von Johannes
im Juni.
Dazu kommt dieses wunderbare Wort, das
Johannes über Jesus und über sich gesagt haben soll: Er muss
wachsen, ich aber muss abnehmen (Johannes 3, 30). Wie
gut das doch zu den abnehmenden Tagen nach Johannis und den
zunehmenden Tagen nach Weihnachten passt!
Ihr
merkt: Die Geschichte von Johannes dem Täufer hängt ganz eng mit
der Geschichte von Jesus zusammen. Johannes ist im Neuen Testament
der unmittelbare Vorläufer von Jesus. Er tritt als Bußprediger auf,
tauft die Menschen und kündigt ihnen an, dass das Reich Gottes nahe
ist. Jesus kommt zu ihm, lässt sich von ihm taufen und beginnt dann
selber zu verkündigen, dass das Reich Gottes nahe ist. Dass es ihnen
dort ganz nahe ist, wo er selber, Jesus, da ist. Johannes
verschwindet hinter Jesus. Er wird gefangen gesetzt, und aus dem
Gefängnis heraus lässt er Jesus fragen, ob er denn nun der Richtige
wäre, der Christus, der Messias, dessen Kommen Johannes selbst
angekündigt hatte. Jesus lässt ihm antworten, man solle ihm sagen,
was man hört und sieht: Blinde sehen und Lahme gehen,
Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen
wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir
ärgert (Matthäus 11, 5f). Bald darauf wird
Johannes hingerichtet. Jesus wirkt weiter – bis auch er
hingerichtet wird. – Später finden sich noch lange Spuren der
Anhängerschaft von Johannes. Aber sie nehmen ab. Die Spuren des
Wirkens Jesu nehmen zu. Seine Gemeinde, seine Kirche lebt.
Der Predigttext für
den Johannistag in diesem Jahr steht im 1. Brief des Petrus im 1.
Kapitel und hat direkt gar nicht so viel mit Johannes zu tun, aber
mit Jesus und mit dem, worin wir mit Jesus weiter sind, als wir es
mit Johannes wären.
Ihr habt Jesus
Christus nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an
ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit
unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures
Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.
Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die für euch bestimmt ist, und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutete, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach. Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten mit dem, was euch nun verkündigt ist durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, – was auch die Engel begehren zu schauen.
Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die für euch bestimmt ist, und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutete, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach. Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten mit dem, was euch nun verkündigt ist durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, – was auch die Engel begehren zu schauen.
1. Petrus 1, 8-12
Johannes, liebe Schwestern und Brüder, war der Vorläufer Jesu. Wir sind die Nachläufer Jesu. Die
Nachfolger Jesu.
Jesus hatte viele Vorläufer, Menschen, die sein Kommen erwartet,
angekündigt, vorausgesagt hatten. Das waren vor allem die Propheten,
die seit der Zeit Jesajas den Retter, den Messias, den Menschensohn
erwartet hatten. In den Worten dieser Propheten fanden die Menschen
ihre Hoffnung auf Erlösung, auf Befreiung, auf bessere Zeiten
ausgedrückt. Und je schlechter die Zeiten wurden, um so größer die
Erwartungen, dass Gott nun bald eingreifen würde und den Messias
senden würde. In so einer schlechten Zeit, die voller Spannung auf
Gottes Erlösung, auf Gottes Zeitenwende war, trat Johannes auf und
sagte den Leuten: Tut Buße, ändert euer Leben, denn sonst kommt
Gott für euch zum Gericht.
Mitten hinein in diese Erwartung kam Jesus, und er kam nicht zum
Gericht, sondern zum Heil. So sehr war er Heiland, Heilsbringer, dass
das erwartete Unheil und Gericht über Gottes Feinde ausblieb, und
das machte es den Menschen schwer, an ihn zu glauben: Bist du es,
der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?, ließ
Johannes ihn fragen (Matthäus 11, 3).
Das Gericht traf Jesus selbst, das Unheil zog er auf sich – und
wendete es damit von den Menschen ab. – Das ist das Geheimnis
seines Heils.
Und nun im Rückblick schreibt der Apostel Petrus – ich formuliere
es mit meinen Worten:
Wisst ihr, wie gut ihr es habt? Gottes Heil,
auf das Menschen jahrhundertelang gewartet haben, von dem die
Propheten (bis hin zu Johannes) nur einen blassen Schimmer hatten,
dieses, Gottes Heil ist zu euch gekommen. Es ist das Heil eurer
Seelen, das euch durch Jesus Christus geschenkt ist!
Und wir, zweitausend Jahre später, wissen wir noch, wie gut wir es
haben? – Wissen wir, was wir für einen Vorzug haben gegenüber
denen, die Jesus Christus nicht kennen?
Ich könnte manchmal verzweifeln, wenn ich mitbekomme, wie wenig wert
vielen heute unser eigener Glaube ist. Irgendwie erscheinen uns alle
Religionen gleichwertig: Alle glauben an was Höheres, alle haben
irgendwelche Weisheiten aufbewahrt. Aber das, was so einzigartig ist,
worauf die Menschen gewartet und was sie ersehnt haben, das ist uns
gleichgültig geworden: dass Gott uns erlöst, befreit, lebendig
macht und uns das ewige Heil, der Seelen Seligkeit, wie es in
Luthers Übersetzung so schön heißt, schenkt und dass er dafür
persönlich als Mensch zu uns Menschen kommt und sich persönlich für
uns aufopfert – mir scheint, es ist uns unwichtig und gleichgültig
geworden.
Ich weiß nicht genau, warum das so ist. Vielleicht hat es damit zu
tun, dass wir uns so daran gewöhnt haben, dass Gott lieb ist und
nichts tut, so dass wir meinen bei den anderen müsste es auch so
sein. Und dann wollen wir nicht sehen, wie den Moslems Gott ein
Herrscher im Stil eines orientalischen Tyrannen ist, der Gehorsam und
Unterwerfung will und seine Feinde notfalls auch mit der Gewalt
seiner Anhänger unterwirft. Wir wollen nicht sehen, dass der
angeblich so sanfte Buddhismus seinen Anhängern einen Weg harter
Übungen abverlangt, auf dem sie eventuell mal nach vielen
mühevollen Leben zur Erlösung kommen können. Wir wollen nicht
sehen, dass die Natur- und Stammesreligionen vieler Völker geprägt
ist von tiefer Angst vor Geistern und Dämonen, vor Hexerei und
schwarzer Magie. Wir schämen uns unserer christlichen
Missionsgeschichte und übersehen, wie dankbar diejenigen sind, die
durch den christlichen Glauben von ihren alten, zerstörerischen und
angstmachenden Religionen befreit wurden.
Und im Blick auf unsere eigene Religion vergessen wir, dass es Gott
ernst ist mit uns, ernst ist mit seiner Liebe zu uns: so ernst, dass
er von seinen ernsten Forderungen an uns absieht und sie
stellvertretend für uns in Jesus erfüllt sein lässt: So sehr
hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das
ewige Leben haben. (Johannes 3, 16) – Wahrscheinlich ist das der wichtigste Satz
in der Bibel, die Zusammenfassung von allem. – Meine Konfirmanden
mussten nicht viele Bibelworte lernen, aber diesen Satz wenigstens
sollten sie auswendig kennen. – Das ist das, was Petrus hier
Evangelium nennt. Das ist die gute Nachricht, die frohe und
befreiende Botschaft, von der wir leben. Nach der sich die Menschheit
gesehnt hat, wonach die Propheten geforscht haben und was, wie es
hier heißt, sogar die Engel begehren zu schauen.
Alle waren und sind sie neugierig, wie die Geschichte Gottes mit den
Menschen ausgehen würde. Und nun wissen wir: Sie geht gut aus. Unser
Leben, unser Dasein hat ein Ziel: der Seelen Seligkeit.
Und wie kommen wir dahin? – Nicht durch Angst vor irgendwelchen
Mächten und Gewalten, die wir milde stimmen müssten. Nicht durch
die Unterwerfung unter Gesetze und Gebote. Nicht durch eigene
Anstrengungen und gute Werke. – Wir kommen dahin, wenn wir es im
Glauben entdecken, dass wir schon da sind.
Wirklich schon da sind? Schon im Himmel? Schon bei Gott? – Ja, schon bei
Gott, weil Gott schon bei uns ist, seit er zu uns gekommen ist in
Jesus Christus. – Und deshalb auch schon im Himmel, denn wo Gott
ist, da ist der Himmel. Noch sehen wir es nicht, noch nicht ganz so
wie es endgültig sein soll. Aber es ist nicht so, dass wir uns erst
noch dahinbemühen müssten, wo wir es sehen werden. Es ist nur so,
dass wir noch warten müssen, dass uns die Augen ganz und gar
aufgetan werden für die Gegenwart Gottes, für den Himmel.
Wisst ihr, wie gut wie gut wir es haben?
Sonntag, 17. Juni 2012
Predigt am 17. Juni 2012 (2. Sonntag nach Trinitatis)
Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung ...
Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen. Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28, 11. 12): "Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr." Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.
1. Korinther 14, 1-3. 20-25
Liebe Schwestern und Brüder,
„Im Urlaub eure Gemeinde haben –
das ist wie Urlaub im Urlaub“, sagte uns mal jemand. – Das tut
gut, das baut auf.
„Ich habe bei der Bibellesung ganz
genau zugehört und da ist mir etwas aufgefallen ...“ – Mit
diesen Worten beginnt ein Gemeindeglied ein privates
Gottesdienstnachgespräch mit dem Pfarrer, und wir merken: Er hat da
etwas ganz Wichtiges für sich und seinen Glauben kapiert. – Das
tut gut, das baut auf.
„Gottesdienst – das ist doch
eigentlich auch ein Abenteuer, ein heiliges Abenteuer“, sagt der
kleine Jonay, vier Jahre, der seit kurzem zu Andrea in den Kindergottesdienst auf La Gomera geht. Man
spürt seine kindliche Begeisterung – sozusagen eine heilige
Begeisterung. – Das tut gut, das baut auf.
„Herr Pfarrer, Ihre Worte waren genau
für mich in meiner Situation bestimmt. Ich danke Ihnen.“ – So
was zu hören – und hin und wieder habe ich so was gehört und viele meiner Pfarrkollegen ebenso, – das tut gut, das baut auf.
Und das ist es genau, warum wir Kirche
sind, warum wir Gemeinde sind: Dass bei uns und durch uns Menschen
aufgebaut werden. Dass sie in unseren Worten Gottes Wort hören und
verstehen. Dass sie die heilige Begeisterung spüren, dass Gott da
ist, mitten unter uns. Dass sie erfahren: Wir sind angenommen – als
Menschen unter Menschen, als Schwestern und Brüder unter
Mitchristen, als geliebte Kinder von unserem Gott.
Wie wird unsere Kirche, wie wird die
christliche Gemeinde so: so auferbauend für Menschen, Christen,
Gotteskinder?
Der Apostel Paulus schreibt: Strebt
nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten
aber um die Gabe der prophetischen Rede!
Genau das ist es,
was die Gemeinde aufbaut, was uns als Kirche erbaulich sein lässt –
im besten Sinne: die Liebe, die Gaben des Geistes, das
prophetische Wort.
Ich möchte euch
zeigen, was damit gemeint sein könnte, wobei ich das größte
Gewicht auf den letzten Punkt legen möchte, weil der Apostel das in
unserem Abschnitt ebenfalls tut.
(1) Wir bauen einander auf durch die
Liebe.
Wie zentral die
Liebe ist, das hat Paulus in den Zeilen unmittelbar zuvor deutlich
gemacht: da steht das so genannte Hohelied der Liebe, ein Bibeltext,
der so bekannt und schön ist, dass er sicher auch manchem von euch
vertraut ist:
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete
und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine
klingende Schelle … usw. Kurz: Ohne Liebe wären all unsere
Worte, all unsere Taten, auch alle Gottesgaben an uns vergeblich,
nutzlos, wertlos.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die
Liebe eifert nicht … usw. Kurz: Die Liebe ist ganz beim
Nächsten, beim anderen Menschen.
Und schließlich: Die Liebe hört
niemals auf … Und wir kennen sicher auch den Schlussvers: Nun
aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist
die größte unter ihnen. Also: Die Liebe hat Ewigkeitswert, sie
ist das Unvergängliche, das Absolute; alles andere ist relativ und
vergänglich.
Und weil das so
ist, weil die Liebe das Absolute ist, weil die Liebe ganz beim
anderen Menschen ist, und weil ohne die Liebe alles andere umsonst
ist, darum steht die Liebe auch in diesem nächsten Kapitel, wo es um
den Gemeindeaufbau geht, an der ersten Stelle: Menschen und
Gemeinschaften aufzubauen, das geht nur mit Liebe.
Die Liebe ist das umfassende
Lebensprinzip der christlichen Gemeinde. Alle Gaben und Aufgaben in
der Gemeinde, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeit, das sind
Teilaufgaben, die hängen von den Fähigkeiten, den Talenten der
einzelnen ab. Aber was auch immer deine besondere Fähigkeit, deine
Aufgabe, dein Platz in der Gemeinde sein mag: du sollst ihn mit Liebe
ausfüllen.
Wie das konkret geschehen kann, dazu
könnte ich noch viel sagen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass
ihr dazu das meiste schon selber wisst. Darum belasse ich es für
heute einfach bei dem Satz des Apostels: Strebt nach der Liebe!
(2) Wir bauen einander auf durch die
Gaben des Geistes.
Pfingsten ist noch
nicht lange her. Pfingsten hat uns daran erinnert, dass Gott uns
seinen Geist gibt. Gott ist gegenwärtig in unseren Herzen und in
unserem Miteinander durch den Heiligen Geist.
Wie zeigt sich das?
– Die Christen in Korinth, an die Paulus schreibt, waren der
Meinung: vor allem durch Geistesgaben, durch Charismen. Und so war
die Gemeinde in Korinth, wenn man so will, die erste charismatische
Gemeinde der Kirchengeschichte. Mit allen Problemen, die es in
charismatischen Gemeinden bis heute gibt: Diskussionen, welche
Geistesgaben am wichtigsten sind, Konkurrenz um die richtige Lehre
und die richtigen Lehrer, manchmal chaotische Zustände in den
Gottesdiensten und Versammlungen, aber auch viel Begeisterung und
viel Beteiligung der einzelnen.
Eine Gefahr in
charismatischen Gemeinden und Bewegungen ist, dass das Spektakuläre
in den Vordergrund gestellt wird, das Außerordentliche, das Wunder.
Da wirkt der Heilige Geist am stärksten, so meint man leicht, wo die
ungewöhnlichsten Dinge passieren: Kranke geheilt werden, Menschen
unter der angeblichen Kraft Gottes umfallen oder – das war damals
wie auch heute mancherorten am verbreitetsten –, wo Menschen in
Zungen reden, in unbekannten Sprachen, in unverständlichen Worten
und Silben, die zwar keiner versteht, die aber den, der da spricht,
glücklich machen.
Diese sonderbare
Art zu reden oder zu beten muss nicht schlecht sein, sagt der
Apostel. Und auch wir müssen das nicht von vornherein ablehnen, nur
weil es uns fremd vorkommt. Nein, es ist ja wohl ein Ausdruck dessen,
dass unsere gewöhnlichen Worte, unsere normale Sprache, unsere
beschränkte Begrifflichkeit nicht ausreicht, die Größe und das
Geheimnis Gottes auszudrücken und zu preisen. Zungenrede kann in der
Tat ein Ausdruck von Begeisterung sein, ja, von heiliger
Begeisterung. Sie kann, wie Paulus schreibt, auch wirklich
auferbauend sein – aber eben nicht direkt für die Gemeinde, sondern für den einzelnen.
Wie zeigt sich
Gottes Geist? – Nein, eben nicht in erster Linie durch das, was
spektakulär ist. Gottes Geist zeigt sich in der Liebe – über die
habe ich eben schon gesprochen – und er zeigt sich in Klarheit und
Verständlichkeit – darüber werde ich gleich noch etwas sagen.
Die Gaben des
Geistes, das sind gerade nicht nur so wundersame Dinge wie Zungenrede
und Krankenheilung, sondern eben auch das rechte Wort zur rechten
Zeit oder Zuhörenkönnen, die Fähigkeit, Menschen zu führen und
eine Gemeinschaft zu leiten oder aber auch zu dienen und sich in eine
Gemeinschaft einzufügen.
Bemüht euch um die Gaben des
Geistes, schreibt Paulus. Wir
können es auch so verstehen: Entdeckt und gebraucht Gottes Gaben,
die in euch stecken, um einander in Liebe aufzubauen.
(3) Wir bauen einander auf durch das
prophetische Wort.
Letzte Woche habe
ich gesagt: Wir müssen uns als Kirchenleute nicht zu Propheten
aufschwingen, sondern unsere Aufgabe ist es, Gottes Wort aus der
Heiligen Schrift sorgfältig auszulegen. Nun ist aber doch von
Paulus das prophetische Wort in der Gemeinde gefordert. Bemüht
euch … um die Gabe der prophetischen Rede!
Was prophetische
Rede ist und kann, wird aus dem Zusammenhang deutlich. Prophetische
Rede hat immer mit Verstehen zu tun. Prophetische Rede ist es,
wenn Menschen verstehen, was Gott sagen will, und wenn es Menschen
gelingt, das für andere verständlich zu machen.
Der große Kummer
des Apostels im Blick auf seine Korinther ist, dass sie das
Unverständliche besser finden als das Verständliche. Sie sind
begeistert von der unverständlichen Zungenrede, dabei bringt die
doch keinen Gewinn für die Gemeinde. Dass Gott verständlich zu Wort
komme, darum soll es gehen! Das baut die Gemeinde auf!
Das baut die
Gemeinde auch dadurch auf, dass es Außenstehenden was bringt. Denn
was geschieht, fragt Paulus, wenn ein Außenstehender zu euch in die
Gemeinde, in den Gottesdienst kommt? Macht er auf der Schwelle kehrt,
weil er nur unverständliches Zeug hört? Oder bleibt er gebannt auf
der Schwelle stehen, weil die Worte, die er hört, ihn treffen, ihn
ansprechen, ihn berühren, weil sie ihn mit der Wirklichkeit Gottes
in Berührung bringen?
Und gerade da wird dieser
Text für uns aktuell. Mit der Frage: Wie verständlich sind wir
als christliche Gemeinde für andere? Wie geht es einem Menschen, der
zum ersten Mal oder nach langer Zeit mal wieder in unseren
Gottesdienst kommt? Hört und versteht er nur Bahnhof bzw. Phrasen
und Formeln in der „Sprache Kanaans“, der altertümelnden Sprache
christlich-frommer Tradition, die für ihn ja eine unbekannte Sprache
ist? Oder hört und versteht er, dass er gemeint ist, dass es um sein
Leben geht, darum dass Gott ihn berühren und verändern will?
Gewiss, wir halten
ganz bewusst manche alten Formulierungen und sogar fremdsprachige
Stücke in unserem Gottesdienst lebendig. Das hat gute Gründe:
Wir
drücken damit aus, dass manche Worte unersetzbar sind, und dass wir
sie sagen müssen, auch wenn sie außerhalb der Kirche kaum noch
gebraucht werden: Worte wie Sünde und Gnade, wie Heiligkeit und
Ewigkeit, wie Erbarmen oder Heil.
Wir drücken damit aus, dass wir es
mit einer Wirklichkeit zu tun haben, die größer und weiter ist als
die Wirklichkeit dieser Welt, und darum brauchen wir auch andere
Worte als die, die wir für unseren Alltag in der Welt gebrauchen.
Und wir drücken damit auch aus, dass wir verbunden sind mit denen,
die vor uns geglaubt haben und Worte für ihren Glauben gefunden
haben: so singen wir auch ihre Lieder und sprechen auch ihre Gebete.
Das hat seinen guten Sinn, der sich auch erschließen kann, wenn
wir an anderen Stellen ganz bewusst in verständlichen Worten reden.
Darin sehe ich ganz
besonders meine Aufgabe als Prediger: Gottes Wort in verständlichen
Worten weitersagen.
Es ist aber nicht
allein meine Aufgabe. Es ist Aufgabe eines jeden Christen, seinen
Glauben verständlich zu leben; auskunftsfähig zu sein über seinen
Glauben. So sind wir manchmal sogar prophetische Boten des
Gotteswortes. So bauen wir uns als Gemeinde auf. So sind wir
einladend. So wecken wir Begeisterung.
Wenn wir von der
Liebe bestimmt sind, wenn Gottes Geist uns begabt, wenn wir verstehen
und verständlich werden, dann sind wir begeisternd, einladend,
aufbauend. – Die Beispiele, die ich am Anfang gesagt habe, wo
Menschen positiv auf unsere Worte, auf unsere Gottesdienste, auf
unsere Art, als Gemeinde zu leben, reagieren, sie zeigen, wie das
sein kann – wie das sein kann, wenn Gottes Geist unter uns wirkt. –
Das tut gut, das baut auf.
Sonntag, 10. Juni 2012
Predigt am 10. Juni 2012 (1. Sonntag nach Trinitatis)
So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem eigenen Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohl gehen –, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.
Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.
Bin ich denn nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR.
Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?
Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.
Bin ich denn nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR.
Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?
Jeremia 23, 16-29
Liebe
Schwestern und Brüder,
„Das
war ein ganz cooler Gottesdienst. Die Pfarrerin hat genau gesagt, was
ich denke.“ – Worte mit denen meine Frau von dem Gottesdienst
erzählt hat, den wir am letzten Sonntag miterleben durften. – Ein
cooler Gottesdienst also, weil die Pfarrerin sagt, was ich selber
denke und empfinde. Da fühle ich mich aufgehoben, angenommen,
bestärkt und bestätigt. Ja, so hätten wir es doch alle gern, oder?
Die Pfarrerin oder der Pfarrer spricht uns aus dem Herzen, sagt, was
wir selber denken, nur mit noch schöneren Worten. Und so gibt die
Religion unserem Leben eine höhere Weihe.
Nur,
wer sagt uns, dass das, was wir denken und empfinden, auch das ist,
was Gott uns sagen will? Ist Gottes Wort eine verbale Kuschelmassage
für unsere Seele? Oder ist Gottes Wort nicht viel mehr wie ein
Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? – Das
jedenfalls sind die Worte unseres Predigttextes. Das sind die Worte
des Propheten Jeremia. Das sind die Worte, die er als Gottes Wort
verkündet.
Jeremia
hat es schwer. Er würde auch gerne Wohlfühlpredigten halten, seinen
Zuhörern Bestätigung geben und ihrem Leben religiöse Weihe
verleihen. Aber er darf nicht. Jeremia hat einen anderen Auftrag von
Gott. Er ist zum Unheilspropheten berufen. Zu einer Zeit, als es
ausnahmsweise mal friedlich aussah und es den Menschen im Land Juda
ziemlich gut ging, sollte er den Untergang ankündigen: Es wird nicht
so bleiben. Wiegt euch nicht in falscher Sicherheit. Vertraut nicht
auf die Politik der Regierenden; sie wird euch ins Verderben führen.
– Damit stand er ziemlich allein da. – Es gab ja noch mehr
Propheten und Priester, Zukunftsforscher und politische Analysten.
Sie alle sagten etwas anderes. Das, was sich die Menschen wünschen:
Alles wird immer besser. – Jeremia sagte das Gegenteil: Das Ende
ist nahe.
Manchmal in der Bibel,
gerade beim Propheten Jeremia, hat man den Eindruck: Der rechte
Prophet, der wirklich den Willen Gottes sagt, das ist der
Unheilsprophet. Wer den Menschen Gutes verkündigt, steht von
vornherein im Verdacht, nur die Herzenswünsche der Menschen zu
bedienen …
Aber
ist es so? Wer Unheil und Untergang verkündigt hat Recht? Wer den
Menschen die Seele streichelt, liegt verkehrt?
Heute
scheint es manchmal fast schon umgekehrt zu sein: Pfarrer und
Kirchenvertreter predigen Unheil und Untergang. So lange ich mich
erinnern kann, wird immer alles noch schlimmer: Früher hatten wir
lokale Umweltprobleme, weil ein Industriebetrieb zu viel Dreck
ausgestoßen hat; heute ist die ganz große Katastrophe dank
Klimawandel angesagt. Seit Jahrzehnten hören wir, wie die Schere
zwischen Arm und Reich immer größer wird und wie Hunger, Elend und
Krankheit in großen Teilen der Welt immer weiter zunehmen. Und
natürlich ist das immer alles unsere Schuld. Den anderen geht es
schlecht, weil es uns gut geht. Und wir sind es natürlich auch, die
die eigenen Lebensgrundlagen zerstören. – Inzwischen gilt schon
derjenige von vornherein als böse, der das infrage stellt: der böse
Klimaleugner, der doch tatsächlich nicht nur behauptet, sondern
wissenschaftlich begründet, dass der Klimawandel auch andere als
menschengemachte Ursachen haben könnte; der böse Neoliberale, der
doch tatsächlich glaubt, dass auch die Armen reicher werden, wenn
die Reichen reicher werden … – Alles wird schlimmer, die
hausgemachten Probleme der Menschen nehmen zu und führen in den
Untergang – das ist die heutige Mainstreambotschaft, die sich auch
die Kirchenleute zu eigen gemacht haben. – Aber sagen sie damit
nicht einfach nur das, was sowieso alle denken – so wie zur Zeit
Jeremias die falschen Propheten auch nur den Leuten nach dem Munde
geredet haben? – Mir scheint, es ist ganz folgerichtig, dass sich
die Menschen von der Kirche abwenden: Wozu muss ich dorthin gehen,
wenn der Pfarrer mir das sagt, was ich ohnehin schon wusste, weil es
die Leute von Greenpeace und von der Gewerkschaft genau so sagen?
Zur
Zeit Jeremias mangelte es an Unheilspropheten, die den Menschen
sagten, wie es wirklich um sie stand – aus Gottes Sicht. Fehlen uns
heute die Heilspropheten?
Ach
nein, die gibt es ja auch zur Genüge. Das ist die andere Seite des
Mainstreams: die Seelenstreichler und Verkünder einer
Wohlfühlspiritualität: Lass
es dir gut gehen, dann geht es dir gut! Sei wie du bist! Folge deinem
Herzen, höre auf deine Träume! Usw. Einen Gott, der etwas von dir
fordert, einen Gott, der dich gar prüfen oder strafen könnte, den
gibt es nicht – Gott bewahre!
Wisst
ihr, was die modernen Unheils- und Heilspropheten miteinander
verbindet? – Ihre Gottvergessenheit, ihre Gottlosigkeit. Ihr
Maßstab ist immer nur der Mensch: Was der Mensch dem anderen und der
ganzen Schöpfung Böses tun kann – so schafft er sich selber das
Unheil; und was der Mensch sich selbst und anderen Gutes tun kann –
so schafft er sich das Heil. Das Heil, das von Gott kommt, ist nicht
mehr so wichtig. Und dass von Gott Unheil kommen könnte, das wird
gleich ganz und gar geleugnet.
Insofern
steht Jeremia quer zu unserem Zeitgeist, auch zu unserem
christlich-religiösen Zeitgeist. Sein alleiniges Maß ist Gott:
Gottes Wort, das er hört. Gottes Wort, das er sagen muss, auch wenn
es wehtut; das er sagen muss, auch wenn es ihm selber wehtut. Gottes
Wort, das nicht besänftigt, das nicht beruhigt, sondern das wie
ein Feuer ist und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt.
Trotzdem
haben wir es – im Vergleich mit Jeremia – gut: Wir haben Gottes
Wort in klarerer und verlässlicherer Form als er, der
alttestamentliche Prophet, den das Wort Gottes überkam,
überwältigte, ohne dass er einen Beweis, eine Bestätigung dafür
hatte. Es bestätigte sich erst Jahre später, als das prophezeite
Unheil eintraf. Im Gegenüber zu den anderen Priestern und Propheten
stand Jeremias Aussage allein gegen die der anderen, die sich ja auch
auf Gott beriefen. Eine Minderheitsmeinung, die man leicht abbügeln,
niedermachen, ausgrenzen konnte; so wie man den Propheten selber
abgebügelt, niedergemacht und ausgegrenzt hat. Was wahr ist und was
falsch, was Gott sagt und will, das kann man halt nicht per
demokratischer Mehrheitsentscheidung bestimmen. Das zeichnet gerade
die Propheten und Wahrheitsboten aus, dass sie als einzelne gegen den
Rest standen, bevor man ihnen im Nachhinein Recht gab. – Wir haben
es insofern gut, dass Gottes Wort für uns eine verlässliche,
nachprüfbare Form angenommen hat: Wir haben die Bibel als Maßstab.
Wir können an ihr überprüfen, was Gottes Wort und Wille ist und
was nicht.
Genau
genommen aber ist Gottes Wort nicht Buchstabe, sondern Fleisch
geworden. Wir haben Jesus Christus, der für uns der verlässliche
Maßstab ist. Es mag ja oft genug unklar sein, wie wir die Bibel als
Gottes Wort auszulegen haben. Dann ist Jesus Christus, seine Worte
und seine Werke, der Maßstab für uns.
Wir
haben es auch deshalb gut, weil wir – im Unterschied zu Jeremia –
keine Propheten sein müssen. Manche Pfarrer und Kirchenvertreter
machen es sich extra schwer, weil sie meinen, sie hätten einen
prophetischen Auftrag. – Nein, Propheten, das sind immer nur
einzelne, denen in besonderen Situationen ein besonderer Auftrag
zukommt. Einer der wenigen, die ich außerhalb der Bibel einen
Propheten nennen würde, ist Martin Luther gewesen. Er war es genau
deshalb, weil er neu auf Gottes Wort gehört und Gottes Wort neu
verstanden und gesagt hat.
Wir
Pfarrer und Kirchenleute haben natürlich auch Gottes Wort zu sagen.
Wir tun es, indem wir die Bibel auslegen. Indem wir sorgfältig
darauf achten, was Gott einmal sagen wollte und was er womöglich
heute sagen will. Das ist manchmal redliche Mühe und Arbeit. Das ist
manchmal Inspiration und Ergriffenheit. Wie Propheten auftreten und
sagen: „So spricht der HERR“, das werden wir wohl eher nicht.
Aber darauf vertrauen, dass der Herr durch uns spricht, das schon.
Und dass sein Wort etwas bewirkt, wie ein Feuer und wie ein Hammer,
der Felsen zerschmeißt.
Und ob
es dann Zustimmung oder Widerspruch bewirkt, das ist gar nicht mehr
so wichtig. Wichtig ist, dass es an uns arbeitet und uns verändert,
so wie Gott selber es haben will. Zu unserem Heil. Amen.
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