Sonntag, 17. Juni 2012

Predigt am 17. Juni 2012 (2. Sonntag nach Trinitatis)

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung ...
Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen. Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28, 11. 12): "Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr." Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.
1. Korinther 14, 1-3. 20-25


Liebe Schwestern und Brüder,

„Im Urlaub eure Gemeinde haben – das ist wie Urlaub im Urlaub“, sagte uns mal jemand. – Das tut gut, das baut auf.

„Ich habe bei der Bibellesung ganz genau zugehört und da ist mir etwas aufgefallen ...“ – Mit diesen Worten beginnt ein Gemeindeglied ein privates Gottesdienstnachgespräch mit dem Pfarrer, und wir merken: Er hat da etwas ganz Wichtiges für sich und seinen Glauben kapiert. – Das tut gut, das baut auf.

„Gottesdienst – das ist doch eigentlich auch ein Abenteuer, ein heiliges Abenteuer“, sagt der kleine Jonay, vier Jahre, der seit kurzem zu Andrea in den Kindergottesdienst auf La Gomera geht. Man spürt seine kindliche Begeisterung – sozusagen eine heilige Begeisterung. – Das tut gut, das baut auf.

„Herr Pfarrer, Ihre Worte waren genau für mich in meiner Situation bestimmt. Ich danke Ihnen.“ – So was zu hören – und hin und wieder habe ich so was gehört und viele meiner Pfarrkollegen ebenso, – das tut gut, das baut auf.

Und das ist es genau, warum wir Kirche sind, warum wir Gemeinde sind: Dass bei uns und durch uns Menschen aufgebaut werden. Dass sie in unseren Worten Gottes Wort hören und verstehen. Dass sie die heilige Begeisterung spüren, dass Gott da ist, mitten unter uns. Dass sie erfahren: Wir sind angenommen – als Menschen unter Menschen, als Schwestern und Brüder unter Mitchristen, als geliebte Kinder von unserem Gott.

Wie wird unsere Kirche, wie wird die christliche Gemeinde so: so auferbauend für Menschen, Christen, Gotteskinder?

Der Apostel Paulus schreibt: Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!

Genau das ist es, was die Gemeinde aufbaut, was uns als Kirche erbaulich sein lässt – im besten Sinne: die Liebe, die Gaben des Geistes, das prophetische Wort.

Ich möchte euch zeigen, was damit gemeint sein könnte, wobei ich das größte Gewicht auf den letzten Punkt legen möchte, weil der Apostel das in unserem Abschnitt ebenfalls tut.

(1) Wir bauen einander auf durch die Liebe.

Wie zentral die Liebe ist, das hat Paulus in den Zeilen unmittelbar zuvor deutlich gemacht: da steht das so genannte Hohelied der Liebe, ein Bibeltext, der so bekannt und schön ist, dass er sicher auch manchem von euch vertraut ist:
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle … usw. Kurz: Ohne Liebe wären all unsere Worte, all unsere Taten, auch alle Gottesgaben an uns vergeblich, nutzlos, wertlos.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht … usw. Kurz: Die Liebe ist ganz beim Nächsten, beim anderen Menschen.
Und schließlich: Die Liebe hört niemals auf … Und wir kennen sicher auch den Schlussvers: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Also: Die Liebe hat Ewigkeitswert, sie ist das Unvergängliche, das Absolute; alles andere ist relativ und vergänglich.

Und weil das so ist, weil die Liebe das Absolute ist, weil die Liebe ganz beim anderen Menschen ist, und weil ohne die Liebe alles andere umsonst ist, darum steht die Liebe auch in diesem nächsten Kapitel, wo es um den Gemeindeaufbau geht, an der ersten Stelle: Menschen und Gemeinschaften aufzubauen, das geht nur mit Liebe.

Die Liebe ist das umfassende Lebensprinzip der christlichen Gemeinde. Alle Gaben und Aufgaben in der Gemeinde, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeit, das sind Teilaufgaben, die hängen von den Fähigkeiten, den Talenten der einzelnen ab. Aber was auch immer deine besondere Fähigkeit, deine Aufgabe, dein Platz in der Gemeinde sein mag: du sollst ihn mit Liebe ausfüllen.

Wie das konkret geschehen kann, dazu könnte ich noch viel sagen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ihr dazu das meiste schon selber wisst. Darum belasse ich es für heute einfach bei dem Satz des Apostels: Strebt nach der Liebe!

(2) Wir bauen einander auf durch die Gaben des Geistes.

Pfingsten ist noch nicht lange her. Pfingsten hat uns daran erinnert, dass Gott uns seinen Geist gibt. Gott ist gegenwärtig in unseren Herzen und in unserem Miteinander durch den Heiligen Geist.

Wie zeigt sich das? – Die Christen in Korinth, an die Paulus schreibt, waren der Meinung: vor allem durch Geistesgaben, durch Charismen. Und so war die Gemeinde in Korinth, wenn man so will, die erste charismatische Gemeinde der Kirchengeschichte. Mit allen Problemen, die es in charismatischen Gemeinden bis heute gibt: Diskussionen, welche Geistesgaben am wichtigsten sind, Konkurrenz um die richtige Lehre und die richtigen Lehrer, manchmal chaotische Zustände in den Gottesdiensten und Versammlungen, aber auch viel Begeisterung und viel Beteiligung der einzelnen.

Eine Gefahr in charismatischen Gemeinden und Bewegungen ist, dass das Spektakuläre in den Vordergrund gestellt wird, das Außerordentliche, das Wunder. Da wirkt der Heilige Geist am stärksten, so meint man leicht, wo die ungewöhnlichsten Dinge passieren: Kranke geheilt werden, Menschen unter der angeblichen Kraft Gottes umfallen oder – das war damals wie auch heute mancherorten am verbreitetsten –, wo Menschen in Zungen reden, in unbekannten Sprachen, in unverständlichen Worten und Silben, die zwar keiner versteht, die aber den, der da spricht, glücklich machen.

Diese sonderbare Art zu reden oder zu beten muss nicht schlecht sein, sagt der Apostel. Und auch wir müssen das nicht von vornherein ablehnen, nur weil es uns fremd vorkommt. Nein, es ist ja wohl ein Ausdruck dessen, dass unsere gewöhnlichen Worte, unsere normale Sprache, unsere beschränkte Begrifflichkeit nicht ausreicht, die Größe und das Geheimnis Gottes auszudrücken und zu preisen. Zungenrede kann in der Tat ein Ausdruck von Begeisterung sein, ja, von heiliger Begeisterung. Sie kann, wie Paulus schreibt, auch wirklich auferbauend sein – aber eben nicht direkt für die Gemeinde, sondern für den einzelnen.

Wie zeigt sich Gottes Geist? – Nein, eben nicht in erster Linie durch das, was spektakulär ist. Gottes Geist zeigt sich in der Liebe – über die habe ich eben schon gesprochen – und er zeigt sich in Klarheit und Verständlichkeit – darüber werde ich gleich noch etwas sagen.

Die Gaben des Geistes, das sind gerade nicht nur so wundersame Dinge wie Zungenrede und Krankenheilung, sondern eben auch das rechte Wort zur rechten Zeit oder Zuhörenkönnen, die Fähigkeit, Menschen zu führen und eine Gemeinschaft zu leiten oder aber auch zu dienen und sich in eine Gemeinschaft einzufügen.

Bemüht euch um die Gaben des Geistes, schreibt Paulus. Wir können es auch so verstehen: Entdeckt und gebraucht Gottes Gaben, die in euch stecken, um einander in Liebe aufzubauen.

(3) Wir bauen einander auf durch das prophetische Wort.

Letzte Woche habe ich gesagt: Wir müssen uns als Kirchenleute nicht zu Propheten aufschwingen, sondern unsere Aufgabe ist es, Gottes Wort aus der Heiligen Schrift sorgfältig auszulegen. Nun ist aber doch von Paulus das prophetische Wort in der Gemeinde gefordert. Bemüht euch … um die Gabe der prophetischen Rede!

Was prophetische Rede ist und kann, wird aus dem Zusammenhang deutlich. Prophetische Rede hat immer mit Verstehen zu tun. Prophetische Rede ist es, wenn Menschen verstehen, was Gott sagen will, und wenn es Menschen gelingt, das für andere verständlich zu machen.

Der große Kummer des Apostels im Blick auf seine Korinther ist, dass sie das Unverständliche besser finden als das Verständliche. Sie sind begeistert von der unverständlichen Zungenrede, dabei bringt die doch keinen Gewinn für die Gemeinde. Dass Gott verständlich zu Wort komme, darum soll es gehen! Das baut die Gemeinde auf!

Das baut die Gemeinde auch dadurch auf, dass es Außenstehenden was bringt. Denn was geschieht, fragt Paulus, wenn ein Außenstehender zu euch in die Gemeinde, in den Gottesdienst kommt? Macht er auf der Schwelle kehrt, weil er nur unverständliches Zeug hört? Oder bleibt er gebannt auf der Schwelle stehen, weil die Worte, die er hört, ihn treffen, ihn ansprechen, ihn berühren, weil sie ihn mit der Wirklichkeit Gottes in Berührung bringen?

Und gerade da wird dieser Text für uns aktuell. Mit der Frage: Wie verständlich sind wir als christliche Gemeinde für andere? Wie geht es einem Menschen, der zum ersten Mal oder nach langer Zeit mal wieder in unseren Gottesdienst kommt? Hört und versteht er nur Bahnhof bzw. Phrasen und Formeln in der „Sprache Kanaans“, der altertümelnden Sprache christlich-frommer Tradition, die für ihn ja eine unbekannte Sprache ist? Oder hört und versteht er, dass er gemeint ist, dass es um sein Leben geht, darum dass Gott ihn berühren und verändern will?

Gewiss, wir halten ganz bewusst manche alten Formulierungen und sogar fremdsprachige Stücke in unserem Gottesdienst lebendig. Das hat gute Gründe:
Wir drücken damit aus, dass manche Worte unersetzbar sind, und dass wir sie sagen müssen, auch wenn sie außerhalb der Kirche kaum noch gebraucht werden: Worte wie Sünde und Gnade, wie Heiligkeit und Ewigkeit, wie Erbarmen oder Heil.
Wir drücken damit aus, dass wir es mit einer Wirklichkeit zu tun haben, die größer und weiter ist als die Wirklichkeit dieser Welt, und darum brauchen wir auch andere Worte als die, die wir für unseren Alltag in der Welt gebrauchen.
Und wir drücken damit auch aus, dass wir verbunden sind mit denen, die vor uns geglaubt haben und Worte für ihren Glauben gefunden haben: so singen wir auch ihre Lieder und sprechen auch ihre Gebete.
Das hat seinen guten Sinn, der sich auch erschließen kann, wenn wir an anderen Stellen ganz bewusst in verständlichen Worten reden.

Darin sehe ich ganz besonders meine Aufgabe als Prediger: Gottes Wort in verständlichen Worten weitersagen.

Es ist aber nicht allein meine Aufgabe. Es ist Aufgabe eines jeden Christen, seinen Glauben verständlich zu leben; auskunftsfähig zu sein über seinen Glauben. So sind wir manchmal sogar prophetische Boten des Gotteswortes. So bauen wir uns als Gemeinde auf. So sind wir einladend. So wecken wir Begeisterung.

Wenn wir von der Liebe bestimmt sind, wenn Gottes Geist uns begabt, wenn wir verstehen und verständlich werden, dann sind wir begeisternd, einladend, aufbauend. – Die Beispiele, die ich am Anfang gesagt habe, wo Menschen positiv auf unsere Worte, auf unsere Gottesdienste, auf unsere Art, als Gemeinde zu leben, reagieren, sie zeigen, wie das sein kann – wie das sein kann, wenn Gottes Geist unter uns wirkt. – Das tut gut, das baut auf.