Sonntag, 10. Juni 2012

Predigt am 10. Juni 2012 (1. Sonntag nach Trinitatis)

So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem eigenen Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohl gehen –, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.
Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.
Bin ich denn nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR. 
Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Jeremia 23, 16-29





Liebe Schwestern und Brüder,

„Das war ein ganz cooler Gottesdienst. Die Pfarrerin hat genau gesagt, was ich denke.“ – Worte mit denen meine Frau von dem Gottesdienst erzählt hat, den wir am letzten Sonntag miterleben durften. – Ein cooler Gottesdienst also, weil die Pfarrerin sagt, was ich selber denke und empfinde. Da fühle ich mich aufgehoben, angenommen, bestärkt und bestätigt. Ja, so hätten wir es doch alle gern, oder? Die Pfarrerin oder der Pfarrer spricht uns aus dem Herzen, sagt, was wir selber denken, nur mit noch schöneren Worten. Und so gibt die Religion unserem Leben eine höhere Weihe.

Nur, wer sagt uns, dass das, was wir denken und empfinden, auch das ist, was Gott uns sagen will? Ist Gottes Wort eine verbale Kuschelmassage für unsere Seele? Oder ist Gottes Wort nicht viel mehr wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? – Das jedenfalls sind die Worte unseres Predigttextes. Das sind die Worte des Propheten Jeremia. Das sind die Worte, die er als Gottes Wort verkündet.

Jeremia hat es schwer. Er würde auch gerne Wohlfühlpredigten halten, seinen Zuhörern Bestätigung geben und ihrem Leben religiöse Weihe verleihen. Aber er darf nicht. Jeremia hat einen anderen Auftrag von Gott. Er ist zum Unheilspropheten berufen. Zu einer Zeit, als es ausnahmsweise mal friedlich aussah und es den Menschen im Land Juda ziemlich gut ging, sollte er den Untergang ankündigen: Es wird nicht so bleiben. Wiegt euch nicht in falscher Sicherheit. Vertraut nicht auf die Politik der Regierenden; sie wird euch ins Verderben führen. – Damit stand er ziemlich allein da. – Es gab ja noch mehr Propheten und Priester, Zukunftsforscher und politische Analysten. Sie alle sagten etwas anderes. Das, was sich die Menschen wünschen: Alles wird immer besser. – Jeremia sagte das Gegenteil: Das Ende ist nahe.

Manchmal in der Bibel, gerade beim Propheten Jeremia, hat man den Eindruck: Der rechte Prophet, der wirklich den Willen Gottes sagt, das ist der Unheilsprophet. Wer den Menschen Gutes verkündigt, steht von vornherein im Verdacht, nur die Herzenswünsche der Menschen zu bedienen …

Aber ist es so? Wer Unheil und Untergang verkündigt hat Recht? Wer den Menschen die Seele streichelt, liegt verkehrt?

Heute scheint es manchmal fast schon umgekehrt zu sein: Pfarrer und Kirchenvertreter predigen Unheil und Untergang. So lange ich mich erinnern kann, wird immer alles noch schlimmer: Früher hatten wir lokale Umweltprobleme, weil ein Industriebetrieb zu viel Dreck ausgestoßen hat; heute ist die ganz große Katastrophe dank Klimawandel angesagt. Seit Jahrzehnten hören wir, wie die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird und wie Hunger, Elend und Krankheit in großen Teilen der Welt immer weiter zunehmen. Und natürlich ist das immer alles unsere Schuld. Den anderen geht es schlecht, weil es uns gut geht. Und wir sind es natürlich auch, die die eigenen Lebensgrundlagen zerstören. – Inzwischen gilt schon derjenige von vornherein als böse, der das infrage stellt: der böse Klimaleugner, der doch tatsächlich nicht nur behauptet, sondern wissenschaftlich begründet, dass der Klimawandel auch andere als menschengemachte Ursachen haben könnte; der böse Neoliberale, der doch tatsächlich glaubt, dass auch die Armen reicher werden, wenn die Reichen reicher werden … – Alles wird schlimmer, die hausgemachten Probleme der Menschen nehmen zu und führen in den Untergang – das ist die heutige Mainstreambotschaft, die sich auch die Kirchenleute zu eigen gemacht haben. – Aber sagen sie damit nicht einfach nur das, was sowieso alle denken – so wie zur Zeit Jeremias die falschen Propheten auch nur den Leuten nach dem Munde geredet haben? – Mir scheint, es ist ganz folgerichtig, dass sich die Menschen von der Kirche abwenden: Wozu muss ich dorthin gehen, wenn der Pfarrer mir das sagt, was ich ohnehin schon wusste, weil es die Leute von Greenpeace und von der Gewerkschaft genau so sagen?

Zur Zeit Jeremias mangelte es an Unheilspropheten, die den Menschen sagten, wie es wirklich um sie stand – aus Gottes Sicht. Fehlen uns heute die Heilspropheten?

Ach nein, die gibt es ja auch zur Genüge. Das ist die andere Seite des Mainstreams: die Seelenstreichler und Verkünder einer Wohlfühlspiritualität: Lass es dir gut gehen, dann geht es dir gut! Sei wie du bist! Folge deinem Herzen, höre auf deine Träume! Usw. Einen Gott, der etwas von dir fordert, einen Gott, der dich gar prüfen oder strafen könnte, den gibt es nicht – Gott bewahre!

Wisst ihr, was die modernen Unheils- und Heilspropheten miteinander verbindet? – Ihre Gottvergessenheit, ihre Gottlosigkeit. Ihr Maßstab ist immer nur der Mensch: Was der Mensch dem anderen und der ganzen Schöpfung Böses tun kann – so schafft er sich selber das Unheil; und was der Mensch sich selbst und anderen Gutes tun kann – so schafft er sich das Heil. Das Heil, das von Gott kommt, ist nicht mehr so wichtig. Und dass von Gott Unheil kommen könnte, das wird gleich ganz und gar geleugnet.

Insofern steht Jeremia quer zu unserem Zeitgeist, auch zu unserem christlich-religiösen Zeitgeist. Sein alleiniges Maß ist Gott: Gottes Wort, das er hört. Gottes Wort, das er sagen muss, auch wenn es wehtut; das er sagen muss, auch wenn es ihm selber wehtut. Gottes Wort, das nicht besänftigt, das nicht beruhigt, sondern das wie ein Feuer ist und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt.

Trotzdem haben wir es – im Vergleich mit Jeremia – gut: Wir haben Gottes Wort in klarerer und verlässlicherer Form als er, der alttestamentliche Prophet, den das Wort Gottes überkam, überwältigte, ohne dass er einen Beweis, eine Bestätigung dafür hatte. Es bestätigte sich erst Jahre später, als das prophezeite Unheil eintraf. Im Gegenüber zu den anderen Priestern und Propheten stand Jeremias Aussage allein gegen die der anderen, die sich ja auch auf Gott beriefen. Eine Minderheitsmeinung, die man leicht abbügeln, niedermachen, ausgrenzen konnte; so wie man den Propheten selber abgebügelt, niedergemacht und ausgegrenzt hat. Was wahr ist und was falsch, was Gott sagt und will, das kann man halt nicht per demokratischer Mehrheitsentscheidung bestimmen. Das zeichnet gerade die Propheten und Wahrheitsboten aus, dass sie als einzelne gegen den Rest standen, bevor man ihnen im Nachhinein Recht gab. – Wir haben es insofern gut, dass Gottes Wort für uns eine verlässliche, nachprüfbare Form angenommen hat: Wir haben die Bibel als Maßstab. Wir können an ihr überprüfen, was Gottes Wort und Wille ist und was nicht.

Genau genommen aber ist Gottes Wort nicht Buchstabe, sondern Fleisch geworden. Wir haben Jesus Christus, der für uns der verlässliche Maßstab ist. Es mag ja oft genug unklar sein, wie wir die Bibel als Gottes Wort auszulegen haben. Dann ist Jesus Christus, seine Worte und seine Werke, der Maßstab für uns.

Wir haben es auch deshalb gut, weil wir – im Unterschied zu Jeremia – keine Propheten sein müssen. Manche Pfarrer und Kirchenvertreter machen es sich extra schwer, weil sie meinen, sie hätten einen prophetischen Auftrag. – Nein, Propheten, das sind immer nur einzelne, denen in besonderen Situationen ein besonderer Auftrag zukommt. Einer der wenigen, die ich außerhalb der Bibel einen Propheten nennen würde, ist Martin Luther gewesen. Er war es genau deshalb, weil er neu auf Gottes Wort gehört und Gottes Wort neu verstanden und gesagt hat.

Wir Pfarrer und Kirchenleute haben natürlich auch Gottes Wort zu sagen. Wir tun es, indem wir die Bibel auslegen. Indem wir sorgfältig darauf achten, was Gott einmal sagen wollte und was er womöglich heute sagen will. Das ist manchmal redliche Mühe und Arbeit. Das ist manchmal Inspiration und Ergriffenheit. Wie Propheten auftreten und sagen: „So spricht der HERR“, das werden wir wohl eher nicht. Aber darauf vertrauen, dass der Herr durch uns spricht, das schon. Und dass sein Wort etwas bewirkt, wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt.

Und ob es dann Zustimmung oder Widerspruch bewirkt, das ist gar nicht mehr so wichtig. Wichtig ist, dass es an uns arbeitet und uns verändert, so wie Gott selber es haben will. Zu unserem Heil. Amen.