Sonntag, 24. Juni 2012

Predigt am 24. Juni 2012 (Gedenktag Johannes des Täufers)


Liebe Schwestern und Brüder,

der heutige Johannistag hat unterschiedlich stark ausgeprägte Traditionen. An vielen Orten werden Sonnenwendfeuer abgebrannt – so auch hierzulande am Vorabend des Día de San Juan, wie wir gestern Abend wieder gesehen oder gerochen haben. Bei uns in Sachsen begehen wir den Johannistag mit Abendandachten auf den Friedhöfen. Vielleicht hängt das mit der eigenartigen Melancholie der langen Frühsommerabende zusammen, wo wir doch daran denken müssen, dass von nun an die Tage wieder kürzer werden, die Zeit der Ernte, der Winter wieder näher rücken, und dass auch auf der Höhe des Lebens der Tod nicht so fern ist.

Der 24. Juni, der Johannistag steht im Jahreslauf dem Weihnachtsfest, das ja praktisch an der Wintersonnenwende liegt, gegenüber. Das hat auch seinen Grund in den Zeitangaben im Lukasevangelium: Sechs Monate, nachdem Elisabeth, die Mutter des Johannes schwanger geworden war, erscheint der Erzengel Gabriel bei Maria und kündigt ihr die Geburt Jesu an. Demnach ist Johannes ziemlich genau ein halbes Jahr älter als Jesus. Wenn nun der Geburtstag Jesu im Dezember begangen wird, dann der von Johannes im Juni.

Dazu kommt dieses wunderbare Wort, das Johannes über Jesus und über sich gesagt haben soll: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen (Johannes 3, 30). Wie gut das doch zu den abnehmenden Tagen nach Johannis und den zunehmenden Tagen nach Weihnachten passt!

Ihr merkt: Die Geschichte von Johannes dem Täufer hängt ganz eng mit der Geschichte von Jesus zusammen. Johannes ist im Neuen Testament der unmittelbare Vorläufer von Jesus. Er tritt als Bußprediger auf, tauft die Menschen und kündigt ihnen an, dass das Reich Gottes nahe ist. Jesus kommt zu ihm, lässt sich von ihm taufen und beginnt dann selber zu verkündigen, dass das Reich Gottes nahe ist. Dass es ihnen dort ganz nahe ist, wo er selber, Jesus, da ist. Johannes verschwindet hinter Jesus. Er wird gefangen gesetzt, und aus dem Gefängnis heraus lässt er Jesus fragen, ob er denn nun der Richtige wäre, der Christus, der Messias, dessen Kommen Johannes selbst angekündigt hatte. Jesus lässt ihm antworten, man solle ihm sagen, was man hört und sieht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert (Matthäus 11, 5f). Bald darauf wird Johannes hingerichtet. Jesus wirkt weiter – bis auch er hingerichtet wird. – Später finden sich noch lange Spuren der Anhängerschaft von Johannes. Aber sie nehmen ab. Die Spuren des Wirkens Jesu nehmen zu. Seine Gemeinde, seine Kirche lebt.

Der Predigttext für den Johannistag in diesem Jahr steht im 1. Brief des Petrus im 1. Kapitel und hat direkt gar nicht so viel mit Johannes zu tun, aber mit Jesus und mit dem, worin wir mit Jesus weiter sind, als wir es mit Johannes wären.

Ihr habt Jesus Christus nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.
Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die für euch bestimmt ist, und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutete, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach. Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten mit dem, was euch nun verkündigt ist durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, – was auch die Engel begehren zu schauen.
1. Petrus 1, 8-12

Johannes, liebe Schwestern und Brüder, war der Vorläufer Jesu. Wir sind die Nachläufer Jesu. Die Nachfolger Jesu.

Jesus hatte viele Vorläufer, Menschen, die sein Kommen erwartet, angekündigt, vorausgesagt hatten. Das waren vor allem die Propheten, die seit der Zeit Jesajas den Retter, den Messias, den Menschensohn erwartet hatten. In den Worten dieser Propheten fanden die Menschen ihre Hoffnung auf Erlösung, auf Befreiung, auf bessere Zeiten ausgedrückt. Und je schlechter die Zeiten wurden, um so größer die Erwartungen, dass Gott nun bald eingreifen würde und den Messias senden würde. In so einer schlechten Zeit, die voller Spannung auf Gottes Erlösung, auf Gottes Zeitenwende war, trat Johannes auf und sagte den Leuten: Tut Buße, ändert euer Leben, denn sonst kommt Gott für euch zum Gericht.

Mitten hinein in diese Erwartung kam Jesus, und er kam nicht zum Gericht, sondern zum Heil. So sehr war er Heiland, Heilsbringer, dass das erwartete Unheil und Gericht über Gottes Feinde ausblieb, und das machte es den Menschen schwer, an ihn zu glauben: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?, ließ Johannes ihn fragen (Matthäus 11, 3).

Das Gericht traf Jesus selbst, das Unheil zog er auf sich – und wendete es damit von den Menschen ab. – Das ist das Geheimnis seines Heils.

Und nun im Rückblick schreibt der Apostel Petrus – ich formuliere es mit meinen Worten:
Wisst ihr, wie gut ihr es habt? Gottes Heil, auf das Menschen jahrhundertelang gewartet haben, von dem die Propheten (bis hin zu Johannes) nur einen blassen Schimmer hatten, dieses, Gottes Heil ist zu euch gekommen. Es ist das Heil eurer Seelen, das euch durch Jesus Christus geschenkt ist!

Und wir, zweitausend Jahre später, wissen wir noch, wie gut wir es haben? – Wissen wir, was wir für einen Vorzug haben gegenüber denen, die Jesus Christus nicht kennen?

Ich könnte manchmal verzweifeln, wenn ich mitbekomme, wie wenig wert vielen heute unser eigener Glaube ist. Irgendwie erscheinen uns alle Religionen gleichwertig: Alle glauben an was Höheres, alle haben irgendwelche Weisheiten aufbewahrt. Aber das, was so einzigartig ist, worauf die Menschen gewartet und was sie ersehnt haben, das ist uns gleichgültig geworden: dass Gott uns erlöst, befreit, lebendig macht und uns das ewige Heil, der Seelen Seligkeit, wie es in Luthers Übersetzung so schön heißt, schenkt und dass er dafür persönlich als Mensch zu uns Menschen kommt und sich persönlich für uns aufopfert – mir scheint, es ist uns unwichtig und gleichgültig geworden.

Ich weiß nicht genau, warum das so ist. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir uns so daran gewöhnt haben, dass Gott lieb ist und nichts tut, so dass wir meinen bei den anderen müsste es auch so sein. Und dann wollen wir nicht sehen, wie den Moslems Gott ein Herrscher im Stil eines orientalischen Tyrannen ist, der Gehorsam und Unterwerfung will und seine Feinde notfalls auch mit der Gewalt seiner Anhänger unterwirft. Wir wollen nicht sehen, dass der angeblich so sanfte Buddhismus seinen Anhängern einen Weg harter Übungen abverlangt, auf dem sie eventuell mal nach vielen mühevollen Leben zur Erlösung kommen können. Wir wollen nicht sehen, dass die Natur- und Stammesreligionen vieler Völker geprägt ist von tiefer Angst vor Geistern und Dämonen, vor Hexerei und schwarzer Magie. Wir schämen uns unserer christlichen Missionsgeschichte und übersehen, wie dankbar diejenigen sind, die durch den christlichen Glauben von ihren alten, zerstörerischen und angstmachenden Religionen befreit wurden.

Und im Blick auf unsere eigene Religion vergessen wir, dass es Gott ernst ist mit uns, ernst ist mit seiner Liebe zu uns: so ernst, dass er von seinen ernsten Forderungen an uns absieht und sie stellvertretend für uns in Jesus erfüllt sein lässt: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3, 16) – Wahrscheinlich ist das der wichtigste Satz in der Bibel, die Zusammenfassung von allem. – Meine Konfirmanden mussten nicht viele Bibelworte lernen, aber diesen Satz wenigstens sollten sie auswendig kennen. – Das ist das, was Petrus hier Evangelium nennt. Das ist die gute Nachricht, die frohe und befreiende Botschaft, von der wir leben. Nach der sich die Menschheit gesehnt hat, wonach die Propheten geforscht haben und was, wie es hier heißt, sogar die Engel begehren zu schauen.

Alle waren und sind sie neugierig, wie die Geschichte Gottes mit den Menschen ausgehen würde. Und nun wissen wir: Sie geht gut aus. Unser Leben, unser Dasein hat ein Ziel: der Seelen Seligkeit.

Und wie kommen wir dahin? – Nicht durch Angst vor irgendwelchen Mächten und Gewalten, die wir milde stimmen müssten. Nicht durch die Unterwerfung unter Gesetze und Gebote. Nicht durch eigene Anstrengungen und gute Werke. – Wir kommen dahin, wenn wir es im Glauben entdecken, dass wir schon da sind.

Wirklich schon da sind? Schon im Himmel? Schon bei Gott? – Ja, schon bei Gott, weil Gott schon bei uns ist, seit er zu uns gekommen ist in Jesus Christus. – Und deshalb auch schon im Himmel, denn wo Gott ist, da ist der Himmel. Noch sehen wir es nicht, noch nicht ganz so wie es endgültig sein soll. Aber es ist nicht so, dass wir uns erst noch dahinbemühen müssten, wo wir es sehen werden. Es ist nur so, dass wir noch warten müssen, dass uns die Augen ganz und gar aufgetan werden für die Gegenwart Gottes, für den Himmel.

Wisst ihr, wie gut wie gut wir es haben?