Sonntag, 6. Dezember 2015

Predigt am 6. Dezember 2015 (2. Sonntag im Advent)

So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
Jakobus 5, 7-8
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So seid nun geduldig!


Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Wenn wir am frühen Abend nach Hause fahren, stehen wir fast täglich im Stau. Die Insel ist voll mit Autos. Und alle wollen gleichzeitig nach Hause. Nervös trommle ich aufs Lenkrad. Aber davon geht es auch nicht schneller. Ärgerlich!
Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Wenn mein Gesprächspartner nicht auf den Punkt kommt und mir mit immer neuen Worten erklärt, was ich schon lange verstanden habe, dann werde ich unruhig. Und manchmal in einer Diskussion – im Kirchenvorstand, oder auch beim Bibelgespräch, oder mit meiner Frau – da falle ich dem andern ins Wort, lasse ihn nicht ausreden, und manchmal gibt es dann Streit und Verstimmung.
Oder wenn meine Frau am Computer sitzt und ich soll ihr erklären, warum er nicht macht, was sie will, dann bin ich genervt: Warum kann sie das nicht auch selber rauskriegen? Und dann erkläre ich was, und sie versteht es nicht gleich, und ich bin erst recht genervt. Ungeduldig eben. Und dann sitze ich an meinem Computer und er macht nicht, was ich will. Und ich bin jetzt super-genervt, schreie das berühmte Wort mit S-C-H, und aus der anderen Ecke der Wohnung höre ich: „Roland!“
Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Die Dinge müssen schnell gehen und auf Anhieb funktionieren. Das Gespräch soll auf den Punkt sein, kein sinnloses Gelaber.
Die Kommunikationskultur des Internetzeitalters kommt meiner Ungeduld entgegen. Statt einen Brief zu schreiben, kann ich sofort whatsappen. Wenn mich ein Buch interessiert, lade ich es mir auf den Reader, und wenn’s da keine E-Book-Ausgabe von gibt, bin ich schon mal sauer: Wieder bestellen und warten. Für Musik gibt’s Streaming-Dienste – wozu erst noch umständlich CDs kaufen?
Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Angeln mag ich nicht; das habe ich erst neulich jemandem erzählt. Er meinte, das wäre doch schön und entspannend: Einfach am Wasser sitzen, warten dass ein Fisch beißt und die Natur genießen. Ich weiß nicht: Dazu bin ich zu ungeduldig. Am Wasser sitzen und die Natur genießen, gerne. Aber dabei noch auf Fische warten und mich ärgern, wenn sie nicht beißen? Muss ich nicht haben.
Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Oder einen Garten bebauen, Pflanzen pflegen. Das habe ich mal versucht. Im Frühjahr habe ich mit Begeisterung Beete angelegt und gesät und gepflanzt. Dann gingen die Pflänzchen auf und mit ihnen das so genannte Unkraut. Nach ein paar Wochen hatte ich die Geduld verloren. Ein paar dürftige Möhrchen und Radieschen habe ich noch aus der grünen Wüste gerettet, und die Kartoffeln waren auch ohne viel Pflege geworden, die musste ich nur noch ausgraben. Aber eigentlich, habe ich gemerkt, bin ich zu ungeduldig dafür.
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Seht, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig.
Der Bauer – oder der Gärtner – ist nicht ungeduldig. Er geht nicht jeden Tag auf das Feld, um zu sehen, ob die Pflanzen nun endlich wieder ein bisschen gewachsen sind. Das muss er nicht. Sie wachsen sowieso. Wenn das Wetter mitspielt. Wenn es zur rechten Zeit regnet und zur rechten Zeit die Sonne scheint.
Die Bauern, die ich kenne, die haben gar keine Zeit ungeduldig zu sein. Sie sind gut beschäftigt. Sie wissen, wann was zu tun ist. Sie haben lange Arbeitstage und schöne Feierabende. Die Zeit bis zur Ernte ist gut gefüllte Zeit. Keine Zeit für Ungeduld.
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Advent. Wir warten auf Weihnachten.
In meiner Erinnerung ist die Adventszeit eine Zeit des ungeduldigen Wartens. Vier endlos lange Adventswochen. Was würde mich dann wieder an Wunderbarem erwarten? In diesem herrlichsten aller Augenblicke, wenn sich die Tür zur Weihnachtsstube öffnet? Aber bis dahin waren es noch so viele Türchen am Adventskalender, so viele Nachmittage im Kerzenschein, Abende mit Plätzchenbacken und Weihnachtsvorbereitungen, später auch mit vielen Posaunenchoreinsätzen. Vielleicht doch nicht so ungeduldig, denn es war eine gut gefüllte Zeit, die Adventszeit. Gefüllt mit Vorfreude. Eine erfüllte Zeit. Ja, was wäre Weihnachten ohne die Zeit zuvor, ohne Advent!
Schon lange hat sich das geändert. Die Adventswochen, in Wirklichkeit nur drei, vergehen wie im Flug. Es ist 2. Advent, und bei uns ist noch nicht mal die Krippe aufgebaut. Ideen für Geschenke sind dringend gesucht. Und überhaupt – so viel vorbereiten, und immer wieder neu und originell die alte Botschaft sagen. Nein, ich warte nicht auf Weihnachten; Weihnachten könnte noch ein bisschen auf mich warten. Keine Zeit für ungeduldiges Warten. Genau genommen aber: keine Zeit für geduldiges Warten. Die Zeit ist verdorben durch meine Ungeduld. Ich lasse den Dingen nicht ihre Zeit, und ich erlebe das, was dran, ist zu wenig als erfüllend. Das ist eigentlich schade. Schade um den Advent.
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Gott sei Dank: Es gibt Momente, da staune ich über mich, dass ich so geduldig bin.
Ich stehe mit Andrea im Stau und wir haben Gelegenheit, in Ruhe über manches zu reden.
Ich höre mir dieselbe Geschichte zum wiederholten Male an und reagiere ganz freundlich. Ich merke: Das ist ihm ganz wichtig; da muss er eben drüber reden – oder sie.
Der Computer spinnt, und ich finde es spannend, das Problem zu lösen; und dann klappt es, und ich bin stolz auf mich.
Es gibt Gespräche, die brauchen Zeit und Geduld: Traugespräche. Oder Trauergespräche. Seelsorge. Da nehme ich mir Zeit zum Zuhören, und oft sind wir nahe beieinander, und ich habe das Gefühl: Das hat jetzt gut getan.
In meinem Zimmer mickert eine Grünpflanze vor sich hin. Immer wieder bringt sie doch wieder ein neues Blatt hervor. Ich gieße sie von Zeit zu Zeit, ich gebe sie nicht auf. – Vielleicht werde ich eines Tages doch wieder einen Garten haben, wer weiß. – Nur Angeln gehen werde ich wahrscheinlich nicht.
Ja, es gibt Momente, da staune ich über mich, dass ich so geduldig bin.
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Advent. Wir warten auf Weihnachten. Ungeduldig. Oder geduldig. Oder beides. Oder gar nicht.
Alles hat seine Zeit. Der Adventsstern leuchtet seit einer Woche. Die Krippe werde ich wohl heute aufbauen. Und morgen denke ich wieder darüber nach, wie ich die alte Botschaft in diesem Jahr sagen kann. Weihnachten wartet auf mich. Seht, die gute Zeit ist da.
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Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
Advent, das Kommen des Herrn: Wir warten auf Gott.
Wahrscheinlich habt ihr jetzt ungeduldig darauf gewartet, dass ich noch die Jesus-Kurve kriege.
Aber vielleicht warten wir ja gar nicht wirklich auf ihn. Denn er ist ja schon bei uns. Wartet mit uns. Hat mit uns Geduld. Macht aus unserer Zeit erfüllte Zeit. Dass wir nicht ungeduldig werden.