Donnerstag, 24. Dezember 2015

Predigt am 24. Dezember 2015 (Heiligabend)

Hört Worte aus dem Brief an Titus im 2. Kapitel:
Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und formm in dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus. (Titus 2, 11-14)
*
Liebe weihnachtliche Festgemeinde,
es muss in meinem zweiten Dienstjahr als Pfarrer gewesen sein, da habe ich Heiligabend einen schrecklichen Fehler begangen:
In der zweiten Christvesper habe ich nicht Stille Nacht, heilige Nacht singen lassen.
Das gab Ärger mit einigen Gemeindegliedern.
Heiligabend ohne Stille Nacht – das geht einfach nicht!
Ja, ich hab’s eingesehen: Seitdem gab es bei mir keine Christvesper mehr ohne Stille Nacht, und sicher wird es auch nie wieder eine geben.
Wir haben’s eben ja auch gesungen.
Wir brauchen das für unseren weihnachtlichen Seelenhaushalt.
Warum? Was macht dieses Lied so besonders?
Es fasst das Wesentliche der Heiligen Nacht, der Weihnacht, in wenige eingängige Worte:
Drei Strophen reichen völlig aus, um alles zu sagen.
Und zu diesen Worten dann die Melodie, die sich von der Stille der heiligen Nacht hinaufschwingt zu einem großen Weihnachtsglockenklang – vor allem in der zweiten Strophe, wo es laut von fern und nah tönt: Christ der Retter ist da.
Alles Wesentliche ist gesagt und wird gesungen: die heilige Familie, das Kind in der Krippe, die Hirten und die Botschaft der Engel. Und in der dritten Strophe sind Wir dabei: Da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt.
*
Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten, schreibt der Apostel.
Christ der Retter ist da, sagen die Engel.
Hören die Hirten.
Singen wir.
Ja, sind wir denn noch zu retten?
Manchmal kommen uns Zweifel.
Dieser Wahnsinn!
Terror, Krieg, Flüchtlingselend.
Rette sich wer kann!
Und wir versuchen zu retten, was zu retten ist.
Wir versuchen zu retten, wen wir retten können.
Vielleicht ist gerade das das Christliche am Abendland: Menschen retten, die in Not sind.
Menschen helfen, die Hilfe brauchen, ohne Ansehen der Person.
Vielleicht ist das aber zugleich auch der Untergang des Abendlandes, befürchten manche: Wenn wir unter den Opfern des Terrors auch unerkannt die Täter willkommen heißen, die Wahnsinnigen, die Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Toleranz als Schwäche deuten und bekämpfen.
Wenn wir Freund und Feind nicht mehr unterscheiden. Wenn wir uns dort in Syrien in den Krieg einmischen. Und die syrischen Krieger sich unter uns mischen.
Vielleicht ist aber auch das der Untergang des Abendlandes, wenn seine Verteidiger selber zu Terroristen werden.
Wer Flüchtlingsheime anzündet oder Busse mit Menschen darin angreift, ist auch nur ein Terrorist.
Ja, sind wir denn noch zu retten?
Christ der Retter ist da, singen wir.
Glauben wir es auch?
Jedenfalls glaubt Gott es.
Er glaubt, dass wir noch zu retten sind.
Sonst wäre Christus nicht geboren.
Gott glaubt an uns.
Das Kind in der Krippe ist das Zeichen dafür.
Gott hat uns nicht aufgegeben.
Christ der Retter ist da.
*
Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten, schreibt der Apostel.
Gnade heißt: Dir ist das Leben geschenkt.
Einer wurde verurteilt – und dann begnadigt:
Ihm wurde das Leben geschenkt, das Leben in Freiheit.
Ein Kind ist geboren.
Ihm wurde das Leben geschenkt.
Von seinen Eltern.
Aber letztlich von Gott.
Denn Leben können wir nicht machen.
Wir können es nur bewahren, behüten, das Leben leben lassen.
Dass wir leben, dass wir behütet leben, dass wir in Freiheit leben – das ist Gnade.
Einem Kind wurde das Leben geschenkt.
Es ist das Kind, das uns das Leben schenkt.
Gott wird Mensch, Gott wird Kind.
Der gottlose Mensch wurde begnadigt.
Christus ist gekommen, um ihm das Leben zu schenken.
Christ, der Retter ist da.
*
Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten, schreibt der Apostel.
Und weiter:
Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben.
Gottes Gnade erzieht uns.
Sie nimmt uns in Zucht, übersetzte Luther.
Das befremdet.
Weil es auch nach Züchtigung klingt.
Zucht oder Erziehung kommt aber von Ziehen.
Und Gott zieht uns nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe.
Seht ihr, wie es die Menschen zur Krippe hin zieht?
Die Hirten damals.
Und euch heute, die ihr es nicht lassen könnt, Weihnachten in die Kirche zu kommen.
Niemand hat euch gezwungen.
Das Kind in der Krippe zieht von selber – immer noch.
Die Hirten sind anders von der Krippe weggegangen, als sie hingekommen waren. Ihr Herz war voller Freude, und ihr Mund ging über von dem, wovon ihr Herz erfüllt war.
Und auch ihr werdet anders von hier weggehen, als ihr gekommen seid. In eurem Herzen wird etwas klingen und schwingen von Stille Nacht und O du fröhliche.
So erzieht uns Gottes Gnade:
Sie verändert uns – zum Guten.
Durch das Kind in der Krippe.
Wer von Herzen Stille Nacht, heilige Nacht singt, der kann nicht gottlos sein, der kann seinem Mitmenschen nichts Böses tun.
Wer staunend erkennt, dass Gott das Leben schenkt, der wird auch anderen das Leben gönnen.

Ja, wir sind noch zu retten.
Denn: Christ, der Retter ist da.