Sonntag, 8. März 2015

Predigt am 8. März 2015 (Sonntag Okuli)

Als Jesus und seine Jünger auf dem Wege nach Jerusalem waren, sprach einer zu ihm: „Ich will dir folgen, wohin du gehst.“
Und Jesus sprach zu ihm: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“
Und er sprach zu einem andern: „Folge mir nach!“
Der sprach aber: „Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.“
Aber Jesus sprach zu ihm: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“
Und ein andrer sprach: „Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.“
Jesus aber sprach zu ihm: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
Lukas 9, 57-62


Er redet, erzählt, gestikuliert, und ständig schaut er mich dabei an.
Das macht man so: einen anschauen, wenn man mit ihm redet.
Das Problem dabei: Wir sitzen im Auto.
Er fährt. Ich werde gefahren.
Viele Kurven. Gegenverkehr.
Und er redet und schaut zu mir.
Nicht auf die Straße.
Nicht auf die Kurven.
Nicht auf den Gegenverkehr.
„Schau doch bitte nach vorn!“, rufe ich.
Er lacht nur.
Ich bin mir sicher: Bei dem werde ich nicht wieder mitfahren.
Wer seine Hand ans Lenkrad legt und schaut nicht nach vorn, der ist nicht geschickt zum Autofahren.
*
Er zieht seine Furchen.
Die Hand am Pflug.
Davor der Ochse.
Er schaut nach vorn.
Einen festen Punkt am Horizont hat er sich ausgewählt; darauf steuert er zu.
So wird er gerade Furchen ziehen.
Es ist eine Kunst, den Pflug so zu führen, dass die Furche gerade wird.
Wenn er nach rechts oder nach links schaut – oder gar zurück, dann verzieht er den Pflug und die Furche wird krumm.
Wie ungeschickt!
Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
*
Sie reden, erzählen, gestikulieren, schauen einander an.
Während sie miteinander gehen.
Eine große Wandergruppe.
Einer ist offensichtlich der Anführer.
Er bestimmt den Weg, die Richtung, das Tempo:
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem.
Sie sind unterwegs von Ort zu Ort.
Und ihre Gespräche drehen sich um ihn:
Was er gesagt hat:
Sorgt euch nicht um Nahrung und Kleidung.
Sorgt euch nicht um den morgigen Tag.
Was er getan hat:
Menschen gesund gemacht und böse Mächte gebannt.
Und dass er das wenige, was sie hatten, teilte und segnete, so dass alle, sie und die Menschen aus den umliegenden Dörfern, alle, die ihm zugehört hatten – tausende von Menschen –, dass sie alle genug zu essen und zu trinken hatten.
Sie reden, erzählen, gestikulieren.
Und einer von denen, die erst vor ganz kurzem dazugestoßen sind, der spricht ihn an:
Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.“
Und er, Jesus, antwortet nur:
Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“
Weiter nichts.
Er sagt nur, wie es ist:
Tiere haben Gruben, Höhlen, Nester, Reviere.
Menschen haben Häuser, Werkstätten, Familien, Heimat. Der Menschensohn und die Gotteskinder haben nichts.
Vielleicht finden sie ein paar billige Plätze in einer Herberge.
Vielleicht einen Schlafplatz in einem Stall oder einer Scheune.
Vielleicht eine Unterkunft bei Freunden, die ihnen die Türen öffnen für ein, zwei Nächte.
Die Wandergruppe Jesu ist eine Gruppe Heimatloser.
Die da mit ihm gehen – nicht nur ein, zwei Tagesreisen, sondern eine Lebensreise weit –, die haben alle Brücken hinter sich abgebrochen.
Sie haben ihre Fischerkähne, Zollstationen und Werkstätten zurückgelassen.
Ihre Häuser, ihre alten Eltern, manche sogar ihre jungen Frauen oder ihre wohlhabenden Männer.
Und das alles für eine ungewisse Zukunft.
„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem.“
Für einige klingt das nach Hoffnung, nach Befreiung, nach Revolution:
Jesus, der Messias, wird das Königreich Gottes ausrufen.
Er aber hat etwas anderes gesagt:
Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden“ (Lk 9,22).
Aber dieses Wort verstanden sie nicht (Lk 9,44).
Wie weit wird er mitgegangen sein, der ihm da die Gefolgschaft angeboten hat?
Ein, zwei Tagereisen weit?
Oder bis nach Jerusalem?
Als Jesus am Kreuz hing, war ihm genau einer bis dorthin gefolgt:
Ein Jünger von Hunderten, die ihm nachgelaufen waren.
Und: ein paar Frauen, die ihn die ganze Reise von Galiläa nach Jerusalem begleitet hatten.
Wahrscheinlich doch das stärkere Geschlecht!
(Herzlichen Glückwunsch zum Weltfrauentag!)
Traurig, dass es am Ende so wenige sind!
Aber tröstlich, dass wir, die wir meistens zurückbleiben hinter dem Anspruch Jesu, in so großer Gesellschaft sind!
Und großartig, dass einige die Kraft haben, Jesus zu folgen bis ans Kreuz!
*
Der eine möchte Jesus folgen, und kann es wohl nicht.
Den anderen möchte Jesus als Nachfolger, und er kann noch nicht.
Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe!“
Aber Jesus antwortete ihm: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“
Das vermutlich härteste Wort Jesu im ganzen Evangelium.
Ich werde nichts davon wegerklären und schönreden.
Jesus hat das so gesagt.
Und er hat es genau so gemeint, wie er es gesagt hat.
Und ich verstehe ihn nicht.
Wenn mein Vater gestorben ist, dann werde ich an seinem Grab stehen und weinen.
Dann mögen andere das Reich Gottes verkündigen – ich nicht!
Wenn mein Vater gestorben ist, dann werde ich die Hand vom Pflug nehmen und innehalten.
Dann werde ich zurückschauen auf sein Leben, mich erinnern an das, was gewesen ist, was gut war, wofür ich dankbar bin.
Und ich hoffe, dass mir dann ein anderer die Botschaft vom Reich Gottes sagt, von der Zukunft, wo er dann sein wird.
*
Der dritte will Jesus folgen und möchte doch erst noch Abschied nehmen.
Er möchte zurückgehen, wo er hergekommen ist.
Sich erklären.
Tränen vergießen.
Zurückschauen.
Lange winken und fast den Anschluss verpassen.
Er ist hin- und hergerissen zwischen dem, was war, und dem, was kommt.
Er möchte loslassen und möchte es zugleich nicht.
Das bin ich.
Ich hänge an meinem Leben, wie es ist.
An meinen Lieben.
An meinen Erinnerungen.
Ich möchte mit Jesus gehen.
Und ich möchte doch immer wieder zurückkehren in das, was war.
In die gute alte Zeit.
Möchte sie mitnehmen.
Sie festhalten.
Denn die Zukunft ist ungewiss.
Die Zukunft mit Jesus zumal.
Ich möchte lieber meine Sicherheiten:
meine Wohnung, meinen Schreibtisch, meine Frau, meine Kinder, meine Heimat.
Und wenn ich weitergehe, dann möchte ich mitnehmen, was zu mir gehört.
Jesus aber sagt mir:
„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
*
Er zieht seine Furchen.
Mit der Hand am Lenker.
Oben auf dem Trecker.
Den Pflug hinter sich.
Gleich sieben Furchen auf einmal zieht er.
Er schaut nach vorn.
Einen festen Punkt am Horizont hat er sich ausgewählt; darauf steuert er zu.
So wird er gerade Furchen ziehen.
Aber manchmal schaut er doch nach links, nach rechts – in die großen Rückspiegel.
Manchmal schaut er zurück, und er sieht die Furchen, die er gezogen hat.
Sie sind, wie sie sind.
Er wird sie nicht mehr ändern.
Aber es ist gut so.
Dann schaut er wieder nach vorn.
*
Ich rede, erzähle und gestikuliere.
Aber ich schaue dabei nach vorn, nicht zu dem, mit dem ich rede.
Das macht man so.
Denn wir sitzen im Auto.
Autobahn, mehrere Spuren.
Ich ziehe nach links zum Überholen.
Mit lautem Hupen zieht haarscharf ein Fahrzeug an uns vorbei.
„Hast du den denn nicht gesehen?“, fragt mein Beifahrer.
Nein, ich habe nicht in den Spiegel geschaut.
Der Rückspiegel –  eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheit.
Wer seine Hand ans Lenkrad legt und schaut nicht in den Spiegel, der ist nicht geschickt zum Autofahren.
*
Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir, dass ich hin und wieder in den Rückspiegel schaue.
Amen.