Samstag, 28. März 2015

7 Wochen ohne Verzicht

In Twitter und Facebook habe ich eine Kolumne von Harald Martenstein über die Fastenaktion der evangelischen Kirche zustimmend geteilt. Mein Kollege Heiko Kuschel hat auf evangelisch.de die Fastenaktion und ihre Mottos verteidigt.  Auf Facebook fand eine Kollegin die Einlassungen von Martenstein „verletzend“. Ich habe unter dem Beitrag von Heiko Kuschel, wie folgt, kommentiert:


Ich mag Harald Martenstein. Trocken und in scheinbar naivem Ton stellt er Woche für Woche scheinbare Gewissheiten und falsche Korrektheiten in Frage. Ein liebenswürdiger Spötter. Ein geistreicher Aufklärer.

Nun hat es mal die evangelische Kirche erwischt mit ihrer alljährlichen Fastenaktion „7 Wochen ohne“.
Und warum? Weil die Mottos so schön missverständlich sind. Eigentlich eine Steilvorlage für jemanden wie Martenstein.

Ich habe diesen Beitrag zustimmend über die sozialen Netze geteilt. Und habe selber dafür nicht nur (aber auch) Zustimmung bekommen. Wäre ja auch verwunderlich!

Martenstein bleibt mit seinem Spott im Grunde genommen an der Oberfläche. Die Probleme mit der Fastenaktion „7 Wochen ohne“ (bei der ich insgeheim immer das Wörtchen „oben“ mitdenken muss), liegen tiefer:

Nach meinem Verständnis unseres evangelischen Glaubens gibt es gar keine „Fastenzeit“. Bis vor einigen Jahren hieß das „Passionszeit“. Es war die Zeit, in der der Leidensweg Jesu in besonderer Weise im Blick war. Dann hat man begonnen, die katholische Terminologie zu übernehmen und eine Praxis des Fastens in dieser Zeit zu propagieren. Inzwischen kommt man sich in gewissen protestantischen Kreisen schon komisch vor, wenn man in der Passionszeit einfach nicht fastet.
Dabei verdankt sich der Erfolg der evangelischen Reformation zu einem großen Teil gerade der Aufhebung der Fastenvorschriften. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“

Das heißt ja nicht, dass Fasten, der bewusste Verzicht auf bestimmte Nahrungs- und Genussmittel, nicht eine gute und sinnvolle Frömmigkeitspraxis wäre. Interessant ist doch aber, wie Jesus über das Fasten lehrt: Zeige es nicht nach außen, dass du fastest! Mach das heimlich; denn es ist eine Sache zwischen deinem himmlischen Vater und dir! (Matthäus 6,16-18). Mit anderen Worten: Fasten gehört in den intimsten Bereich der Gottesbeziehung und nicht in öffentliche Aktionen! – Ich faste auch manchmal in der Passionszeit. Aber ich tue es so, dass keiner etwas davon mitbekommt. Dazu gehört auch, dass ich in bestimmten Situationen das Fasten aussetze.

Die Fastenaktion „7 Wochen ohne“ weitet den Begriff des Fastens nun aber auch noch auf alles Mögliche aus. Aber ist das dann noch Fasten? Wenn Geiz grundsätzlich nicht gut ist, warum dann nur „7 Wochen ohne Geiz“? Wenn es generell verkehrt ist, sich oder anderer „runterzumachen“, warum dann nur 7 Wochen? In traditioneller Form sieben Wochen auf Fleisch oder Alkohol oder dergleichen zu verzichten, ist doch etwas ganz Anderes. Da enthalte ich mich von Dingen, die grundsätzlich gut sind und mit Dankbarkeit genossen werden sollen, um doch ihnen gegenüber frei zu sein. Frei für Gott, für meinen Nächsten, für mich selbst.

Ja, um Freiheit geht es. Zu solcher Freiheit kann geordneter Verzicht für bestimmte Zeiten beitragen. Aber zur Freiheit gehört auch, dass ich nichts muss, sondern alles darf. Wie wäre es denn, wenn es nächstes Jahr hieße: „Du bist frei! 7 Wochen ohne Verzicht“?