Sonntag, 15. März 2015

Predigt am 14. und 15. März 2015 (Sonntag Lätare)

Es waren einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: „Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.“ Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.
Jesus aber antwortete ihnen und sprach:
„Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Wer sein Leben liebt, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.
Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“
Johannes 12, 20-26


„Mäßig interessante Texte für mäßig interessierte Hörer“ – das sei es, was Pastoren und Prediger anzubieten hätten. So hat es der große Journalistik-Lehrer und Sprach-Papst Wolf Schneider vor Kirchenleuten gesagt.
In Facebook wurde darüber diskutiert:
Wir hätten doch die großen, kraftvollen Texte der Bibel; sollten wir die „mäßig interessanten“ einfach weglassen?
Und was machen unsere Worte mit den großen und kleinen Worten der Bibel?
Der Anspruch ist hoch: in der Kirche geht es ums Ganze:
Das, was uns bedingt angeht – so sagt es Paul Tillich, einer der größten unter den Theologen des letzten Jahrhunderts.
Um den einzigen Trost im Leben und im Sterben – so sagt es der Heidelberger Katechismus.
Um Leben und Tod – davon spricht Jesus.
Mäßig interessant?
Oder entscheidend fürs Leben?
Ihr seid heute hier, vermute ich, als mäßig interessierte Gottesdienstbesucher:
Aus Gewohnheit.
Wegen der anderen netten Leute.
Um euch mal wieder beim lieben Gott sehen zu lassen.
Um euch den Segen für die neue Woche abzuholen.
Vielleicht auch, weil die Predigten manchmal ganz interessant sind. ...
Es gäbe auch hunderte gute Gründe, heute nicht hier zu sein:
Wir haben Besuch.
Wir machen einen Ausflug.
Wir gehen heute brunchen.
Wir wollen heute kochen.
Es ist uns zu weit.
Wir sind zu bequem.
Wir schlafen lieber aus.
Wir waren erst letzte Woche.
Ich habe da meistens Verständnis für.
Diese Veranstaltung hier reißt nun mal keinen vom Hocker.
Muss sie auch nicht.
Kann sie auch gar nicht.
Es ist halt mäßig interessant.
Wenn Gott spricht, dann ist das nicht nur mäßig interessant.
Gottes Wort ist entscheidend fürs Leben.
Aber ich kann nicht jede Woche eine Entscheidungspredigt halten.
Und du kannst nicht jede Woche dein Leben auf den Kopf stellen.
Es ist ja eher die Vertiefung, die du brauchst;
der kleine Anstoß, dass du weiter auf Kurs bleibst; die Orientierung, dass die Richtung stimmt, in die du lebst.
Nicht spektakulär.
Aber wenigstens interessant.
Mäßig interessant.
*
Ein paar Griechen waren als Pilger zum Passafest in Jerusalem unterwegs.
Ich glaube, die waren auch so mäßig interessiert.
Die Feierlichkeiten mit den großen Opfern und den Menschenmassen, das war natürlich spektakulär.
Aber bis dahin war noch etwas Zeit, und nun hatten sie von Jesus gehört, trafen – wie auch immer – auf einen seiner Anhänger und sagten: „Mein Herr, wir würden ganz gerne mal diesen Jesus sehen.“
Jesus sehen: als wäre er ein Geheimtipp für Jerusalemreisende.
Jesus als Sehenswürdigkeit.
Dabei ist er doch vor allem eine Hörenswürdigkeit.
Er spricht das Wort Gottes.
Er ist das Wort Gottes.
Entscheidend fürs Leben.
Jesus sehen? – Da hast du nicht viel von.
Du musst Jesus hören!
Der ist großartig!
Da geht’s ums Ganze!
Um Leben und Tod!
Um Himmel und Hölle!
Vielleicht aber können sie auch nicht anders.
Weil sie ihn nicht hören können;
hören vielleicht, aber nicht verstehen.
Es sind Griechen.
Wahrscheinlich verstehen sie kein Aramäisch – die Sprache, die Jesus damals gesprochen hat.
Wie gut, dass es unter den Jüngern welche gibt, die des Griechischen mächtig sind: Philippus, Andreas – schon die Namen verraten es.
Und ihre Herkunft aus Betsaida; dort sprach man eher griechisch als aramäisch.
Wenn sie Jesus nicht nur sehen, sondern auch hören und verstehen wollen, dann brauchen sie Übersetzer.
*
Schon die Evangelien, die ja auf Griechisch verfasst sind, sind Übersetzungen.
Unsere deutschsprachigen Bibelausgaben sind dann Übersetzungen von Übersetzungen.
Und unsere Predigten: ja, das sind dann die Übersetzungen von Übersetzungen von Übersetzungen.
Wir setzen Texte über von einem Ufer zum anderen – über einen Abstand von 2000 Jahren.
Manches kommt dann an unserem Ufer nicht mehr so gut an, hat auf der Reise Schaden genommen, ist vielleicht verdorben, oder so alt geworden, dass wir nichts mehr damit anfangen können.
Dann fangen wir an zu erklären, und herauskommen mäßig interessante Texte für mäßig interessierte Hörer.
Eigentlich wollen sie Jesus sehen, ihm begegnen, sich von ihm beeindrucken lassen.
Aber wir können nur übersetzen und erklären.
Eigentlich müssten wir aufhören zu reden und stattdessen auf Jesus zeigen können: Da ist Jesus. Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.
Vielleicht haben unsere katholischen Geschwister mehr davon verstanden, in der Weise wie sie Gottesdienst und Abendmahl feiern.
Das ist nicht nur eine Gedächtnisfeier für Jesus, sondern die Feier seiner Gegenwart:
Schmecket und sehet!
Heiliges Theater.
Für die Augen, für den Gaumen, für die Nase – Weihrauch – und ja, schließlich auch für die Ohren. Aber dann bitteschön nicht einfach gesprochen, sondern gesungen: eine Messe!
*
„Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“
Ja, wenn der Menschensohn verherrlicht wird, dann gibt es etwas zu sehen.
Herrlichkeit, Glanz und Gloria.
Einzug in Jerusalem.
Palmen und Psalmen.
Auferstehung der Toten.
Zumindest schon mal eines Toten – Lazarus.
Das alles war kurz zuvor geschehen.
Jesus Christ - Superstar.
Einerseits.
*
Andererseits:
Jesus sagt: Hier gibt’s nichts zu sehen.
Ein Weizenkorn fällt in die Erde und stirbt.
Da gibt’s nichts zu sehen.
Da müsst ihr später wiederkommen, wenn die Halme aufgegangen sind und Ähren tragen.
Hier gibt’s nichts zu sehen.
Eine Hinrichtung am Kreuz.
Das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.
Und dann immer wieder, immer weiter: Hinrichtungen, Folter, Leiden, Tod. Denn: Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.
Mäßig interessant, sagen viele.
Das Elend der Welt kennen wir.
Und einen Gott, der es zulässt, der sogar noch seinen Sohn sterben lässt, der interessiert uns eigentlich nicht.
Wirklich nicht?
Es geht um Leben und Tod.
Es geht um Himmel und Hölle.
Und entscheidend wird es spätestens, wenn es dir ans Leben geht.
Kannst du es loslassen, dein Leben?
Deinen Geist in Gottes Hände befehlen?
Darauf hoffen und vertrauen, dass, was in die Erde fällt und stirbt, zu neuem Leben erwacht?
*
Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
Der eine Menschensohn Jesus – der am Kreuz stirbt und am dritten Tage aufersteht.
Und die vielen Menschensöhne und -töchter – die ihr Leben verlieren, loslassen, hingeben – und am dritten Tage immer noch bei Jesus sind.
*
Was ich wirklich interessant finde:
Dass Jesus, dass die Bibel, dass der christliche Glaube konsequent darauf vertrauen, dass Gott am Ende alles gut macht.
Am Ende wird der Menschensohn verherrlicht,
die Menschenkinder verherrlicht
und Gott verherrlicht.
Das Licht aus Gottes Zukunft fällt auf das Kreuz,
auf das Leiden,
auf den Tod.
Am Ende ist immer Leben.
Und das ist herrlich.
*
Mäßig interessant, wenn wir das sowieso schon glauben.
Aber gut, wenn wir immer wieder daran erinnert werden und auf Kurs gebracht werden
– auf Kurs ins Leben,
zu Gott,
in die Herrlichkeit.