Sonntag, 1. März 2015

Predigt am 1. März 2015 (Sonntag Reminiszere)

Jesus fing an, zu den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten in Gleichnissen zu reden:
„Ein Mensch pflanzte einen Weinberg
und zog einen Zaun darum
und grub eine Kelter
und baute einen Turm
und verpachtete ihn an Weingärtner
und ging außer Landes.
Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole.
Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort.
Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht;
dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn.
Und er sandte noch einen andern; den töteten sie;
und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie.
Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn;
den sandte er als letzten auch zu ihnen
und sagte sich: ,Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.‘
Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander:
,Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein!‘
Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg.
Was wird nun der Herr des Weinbergs tun?
Er wird kommen und die Weingärtner umbringen
und den Weinberg andern geben.
Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen:
,Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
der ist zum Eckstein geworden.
Vom Herrn ist das geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen‘?“
Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen,
und fürchteten sich doch vor dem Volk;
denn sie verstanden, dass er auf sie hin dieses Gleichnis gesagt hatte.
Und sie ließen ihn und gingen davon.
Markus 12, 1-12


Liebe Schwestern und Brüder,
„Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern… –– von unseren Kindern geliehen.“
– Nein, das stimmt nicht: Wir haben die Erde von Gott gepachtet.
Wir sind nicht zuerst unseren Kindern verantwortlich, denn sie werden selber entscheiden und bestimmen, wie sie mit der Erde umgehen.
Ebensowenig wie wir unseren Eltern verantwortlich sind, denn auch wir sind erwachsen geworden und müssen unsere Welt nicht so erhalten, wie sie sie uns hinterlassen haben.
Wir sind Gott verantwortlich.
Er hat uns die Erde anvertraut.
Verpachtet.
Wir bewirtschaften sie.
Wir genießen ihre Erträge.
Und wir schulden Gott seinen Anteil.
Die Erde ist der Weinberg des Herrn.
Und wir die Weinbergspächter.
*
Ein großes Weingut.
Die Arbeitsbedingungen sind nicht schlecht.
Die Weinstöcke sind schon gepflanzt.
Ein Zaun schützt das Anwesen vor Dieben und wilden Tieren.
Sogar ein Wachtturm ist da.
Und die Kelter, um gleich hier schon den Most zu gewinnen, aus dem dann köstlicher Wein wird.
Aber die Pächter sind für alles verantwortlich.
Für die Bearbeitung und Pflege, für den Ertrag und für den Verkauf.
Am Ende sollte genug bleiben für sie selbst und für den Besitzer.
Nein, die Arbeitsbedingungen sind nicht schlecht, im Weinberg des Herrn.
Gott hat vorgearbeitet.
Hat uns eine bewohnbare Erde übergeben,
die ihre Erträge bringt.
Andere vor uns haben den Weinberg auch schon bestellt und erhalten.
Und wir machen weiter.
Auch wenn wir heute nicht alles genau so machen wie die vor uns.
Wenn wir uns Mühe geben, ist genug für alle da.
Genug für uns und unseren Nächsten.
Genug für uns und unsere Kinder.
Genug für uns und unseren Herrn.
*
Aber dann ist die Revolution ausgebrochen.
Der Weinbergsbesitzer, dieses faule Kapitalistenschwein, sitzt irgendwo im Ausland und schickt nur einmal im Jahr seine Geldeintreiber vorbei.
Wir haben die ganze Arbeit gemacht; wir wollen den ganzen Ertrag für uns allein haben, sagen die Pächter.
Sie verprügeln die Boten, jagen sie zum Teufel, schrecken auch vor Mord nicht zurück.
Vielleicht lebt der Besitzer gar nicht mehr.
Vielleicht gibt es ihn gar nicht.
Vielleicht haben sich seine Boten nur selber dazu ernannt, um an unserer Arbeit mitzuverdienen.
Privateigentum an Produktionsmitteln gehört abgeschafft.
Die rechtmäßigen Besitzer des Weinbergs sind wir.
So lügen sie sich die Welt zurecht.
Und wir, Pächter der Erde, wir sind auch gerade dabei, die Revolution zu proben.
Der liebe Gott ist außer Landes gegangen.
Oder sitzt auf einer Wolke.
Oder in einem fernen Universum.
Er kümmert sich nicht um uns.
Wir machen die ganze Arbeit allein.
Wir müssen ihm nichts abgeben.
Sagen immer mehr.
Verweigern den kleinen Pachtanteil in Form von Kirchensteuern, Gottesdienst und der Einhaltung von ein paar Geboten, die Gott sich wünscht.
Der nächste Schritt ist, dass Gottes Boten verunglimpft und beschimpft werden.
Der übernächste, dass man sie tötet.
Vielleicht haben sie ihn sich ja auch nur selber ausgedacht, ihren Gott, um uns zu unterdrücken und auszubeuten.
Der letzte Schritt, dass wir Gott selber töten.
Wenn sein letzter Bote fortgejagt, sein eigener Sohn getötet und sein auserwähltes Volk vernichtet ist, dann ist auch Gott tot.
Dann sind wir die Herren der Erde.
Die Herren über Gut und Böse.
Frei von Forderungen und Geboten.
Gott-los.
*
Was wird nun der Herr des Weinbergs tun?, fragt Jesus.
Was wird nun der Herr der Erde tun?
Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.
Das hätte ein Weinbergbesitzer vor 2000 Jahren gemacht.
Der Herr der Erde hat seine Pächter nicht umgebracht.
Damals nicht, als alle dachten, das jüdische Volk wäre gemeint.
Als ihre Aufstände niedergeschlagen, der Tempel zerstört, viele Juden getötet und noch mehr vertrieben wurden.
In Wahrheit hat Gott sein Volk bewahrt.
Und bis heute ist es sein Bote in der Welt.
Stein des Anstoßes:
Verworfen und zum Eckstein geworden.
Der Herr der Erde bringt seine Pächter nicht um.
Auch heute nicht.
Schlimm genug, wenn sie sich selber gegenseitig umbringen.
Und seine Boten und seine Kinder noch dazu.
*
Nein, das ist nicht der Punkt: dass Christen bessere Pächter von Gottes Weinberg wären als die Juden oder wer auch immer.
Das ist der Punkt:
Dass wir Gott Gott sein lassen über unserer Welt.
Dass wir uns die Erde untertan machen, sie bebauen und bewahren, ihre Früchte bearbeiten und genießen und damit handeln und sie teilen.
Dass wir jedem geben, was ihm zusteht:
dem Kaiser, was des Kaisers ist,
dem Staat, was dem Staat zusteht,
unseren Vertragspartnern, was wir vereinbart haben,
unserem Nächsten Liebe, so viel wir eben haben,
vor allem aber dass wir Gott geben, was Gottes ist.
Seinen Anteil an unserem Leben.
Wie hoch ist der?
Manche sagen: der zehnte Teil von allem.
Aber auf Zahlen kommt es nicht an.
Gottes Pachtzins kann für den einen niedrig sein
und für den andern ganz hoch werden.
Manche geben alles, sogar ihr Leben, für den Herrn der Erde. (Ich habe erst vor 14 Tagen daran erinnert.)
Vielleicht könnte das für uns die entscheidende Frage werden:
Wie stehen wir als Gottes Pächter neben den andern Pächtern, die nicht mehr Gottes Pächter sein wollen?
Widersprechen wir ihnen?
Erinnern wir sie daran, wer der Herr der Erde ist?
Stellen wir uns schützend vor Gottes Boten?
Oder stehen wir schweigend abseits?
Halten uns zurück?
Halten die Klappe?
Machen vielleicht sogar ein bisschen mit – um nicht aufzufallen?
Vielleicht kommen Zeiten, in denen auch wir Stein des Anstoßes sein müssen.
*
Ich will nicht Angst machen.
Denn Jesus will nicht Angst machen.
Er will Mut machen.
Mut für schwere Zeiten.
Und Hoffnung auf das neue Leben.
Bald ist Ostern.
Dann werden wir diese Worte wieder hören und miteinander beten im Osterpsalm:

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom Herrn geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.
Lasst uns auf Gottes Wunder vertrauen!