Sonntag, 9. März 2014

Predigt am 9. März 2014 (Sonntag Invokavit)

Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. Irrt euch nicht, meine lieben Brüder. Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.
Jakobus 1, 12-18

Liebe Schwestern und Brüder,
Anfechtung – Ist das nicht ein wunderbares Exemplar aus der Liste der vom Aussterben bedrohten Worte? – Manchmal denke ich: Es ist richtig gut, dass wir als Kirche ein bisschen so was wie ein Museum sind für solche alten Worte. Wir bewahren sie auf, damit sie nicht ganz in Vergessenheit geraten: Anfechtung, Versuchung, Begierde, Sünde – das lesen wir heute in unserem Abschnitt. Das sind sozusagen die negativ-christlichen Worte. Aber auch die positiven wie Barmherzigkeit, Wahrheit, Heiligkeit, Seligkeit, ja selbst Heiland, Retter, Christus, Gott – selbst das sind Worte, die fast schon vom Aussterben bedroht sind und die wir erst recht bewahren sollten. – Und nun ist das Zentrum für evangelische Predigtkultur der EKD, das sonst eigentlich keine schlechte Arbeit macht, auch noch auf die verrückte Idee gekommen, wir Prediger sollten in der Fastenzeit gerade auf solche Worte verzichten: Sieben Wochen ohne große Worte. – Nun denn, da mache ich nicht mit. Denn ich glaube wir brauchen diese Worte. Und wenn sie keiner mehr sagt, ist es um so wichtiger, dass wir sie aussprechen. – Oder sind diese Worte manchen eine – ja genau – Anfechtung?
Anfechtung also: Das klingt kriegerisch. Da stellt sich mir ein Feind entgegen. Er greift mich an, er ficht mich an. Er will mich erledigen, besiegen, kleinkriegen. Besetzt vielleicht eine Halbinsel auf meiner inneren Landkarte und ich bin nicht mehr eins, nicht mehr heil, nicht mehr ganz, nicht mehr selig. Meine Existenz ist bedroht, mein Glaube, meine Hoffnung, meine Liebe. Anfechtung, das heißt: Ich werde angegriffen.
Das, was uns angreift, uns anficht, ist meistens nicht weit. Wenn es uns sonst so weit gut geht, dann können es auch Kleinigkeiten sein, die uns zur Anfechtung werden: Die Mücken. Warum hat Gott die Mücken geschaffen? Oder die Cucarachas? Die braucht kein Mensch. Oder wenn es ernster wird: Warum hat Gott den Malaria-Erreger geschaffen, das HI-Virus oder die Krebszellen?
Andrea hatte die Tage ein kurzes Gespräch mit jemandem, dem die Demenz eines nahen Angehörigen zu schaffen macht: Warum schickt Gott solche Krankheiten?
Wir reden von „Gottes guter Schöpfung“. Ist sie wirklich gut? Und wenn nicht, ist dann der  Schöpfer wirklich gut? Oder hat er gepfuscht? Oder gibt’s ihn am Ende gar nicht? – So werden aus kleinen Zweifeln existenzbedrohende Anfechtungen.
Die täglichen Nachrichten: aus der Ukraine zum Beispiel. Warum mussten da so viele Menschen sterben? Warum gelingt es nicht, das Zusammenleben von Völkern und Volksgruppen friedlich zu gestalten? Oder Syrien: Wo das Kämpfen und Morden weitergeht, auch wenn wir gerade nicht so viel von dort hören. Geht es nicht anders? Welche Wege könnten denn zu Frieden und Freiheit führen? Wir sehen die Hilflosigkeit der Politik und das Dilemma, sich immer nur zwischen verschiedenen Übeln entscheiden zu können.
Gestern die Nachricht von einem verschwundenen Flugzeug, sicher abgestürzt: 239 Menschen tot. Und wieder eine Niederlage für diejenigen, die das Fliegen doch eigentlich so sicher gemacht haben. Irgendwie kann es trotz allen Fortschritts immer noch und immer wieder zu Fehlern bei Mensch oder Technik kommen, zu einem unwahrscheinlichen Zusammentreffen von Umständen, das dann tödlich endet. Warum?
Das Thema Kinderpornographie ist wieder in den Medien. Mich hat ein Artikel diese Woche sehr bewegt, in dem von einem Mann berichtet wird, den es allein zu acht- bis zehnjährigen Jungs hinzieht und der mit therapeutischer Hilfe darum kämpft, dieses Begehren zu unterdrücken und nur ja keine Taten daraus werden zu lassen. Kann so ein Mensch jemals glücklich werden? Oder ist es sein ganzes Glück, wenn er andere nicht unglücklich macht? – Warum? Was ist da schief gelaufen in Gottes guter Schöpfung?
Eine andere Anfechtung: die jüngste Mitgliedschaftserhebung der Evangelischen Kirche zeigt, so die Überschrift in einer großen Tageszeitung: Deutsche verlieren ihren Glauben an Gott. Eine zunehmende und sich verhärtende Religionslosigkeit wird da festgestellt. Das Konzept von vor acht Jahren „Wachsen gegen den Trend“ sei nur in einzelnen Bereichen erfolgreich gewesen – also im Wesentlichen eben nicht –, sagt der EKD-Cheftheologe Gundlach. – Das deckt sich mit meinen Beobachtungen, wie vor allem jüngere Menschen sich zu Kirche und Glauben verhalten. Glaube wird als irrelevant und überholt angesehen. An Gott zu glauben, ist für sie unvernünftig, und die Fragen, wie das mit den Übeln in der Welt und mit Gott überhaupt zusammenpassen soll, spielt dabei immer auch eine Rolle. Man kann die Welt auch ohne ihn erklären. Man kann auch ohne ihn glücklich und sinnerfüllt leben, das glauben immer mehr. – Und uns fällt es zunehmend schwer, ihnen da zu widersprechen.
Anfechtung – Wer ist dieser Feind, der sich mir und meinem Glauben da entgegenstellt? Wer oder was steckt dahinter?
Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, schreibt Jakobus. Und kurz zuvor, gleich zu Beginn seines Briefes: Erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallt. – Das ist das eigentliche große Thema des Jakobusbriefs: die Anfechtung zu erdulden. – Ihr wisst ja vielleicht: Der Jakobusbrief hat seit Martin Luther einen Makel mit sich herumzutragen: eine stroherne Epistel hat der Reformator ihn genannt, weil er nur das Gesetz predige und nicht das Evangelium. Vielleicht müssen wir ihn anders lesen: Nicht als Schreiben, das uns sagt, was wir tun und lassen müssen, um selig zu werden, sondern das uns eine Hilfe geben will, in Anfechtungen zu bestehen.
Anfechtungen sind normal; das setzt Jakobus voraus. Im Brief geht es um verschiedene Bereiche, die Christen damals zur Anfechtung geworden sind: Streit und Unfrieden in der Gemeinde, soziale Spannungen, Kranhkeit, und immer wieder und vor allem, das eigene Versagen: die Unfähigkeit, die rechten Worte zu finden, Streit zu vermeiden, das eigene Ego zurückzustellen. – Solche Anfechtungen sind normal. Wo Glaube ist, da ist auch Anfechtung.
Und gerade deshalb: Selig, der sie erduldet. Glücklich, wer das aushält und im Glauben besteht.
Gott nahe zu sein, ist mein Glück! – Ihr erinnert euch: Das ist die Jahreslosung. Glücklich ist, wer Gott nahe bleibt in Schwierigkeiten, Versuchungen, Anfechtungen. Gott ist dein Glück, auch und gerade im Unglück – das ist die Antwort des Glaubens auf die Anfechtung! Es ist nicht Erklären, warum dies oder jenes so schlecht ist, wie es ist, sondern die Antwort ist: Bei Gott bleiben. Dennoch.
Die größte Anfechtung ist es, Gott verantwortlich zu machen für dein Unglück und für die Dinge, die dich anfechten: Niemand sage, dass er von Gott versucht werde. – Gott ist nicht dein Feind, der dir gegenübersteht, um deinen Glauben anzufechten und deine Existenz, deine geistliche Existenz, zu vernichten. Gott ist niemals gegen dich; Gott ist für dich.
Denn – und das ist ein wunderbares Bild –: er ist der Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis.
Ihr kennt ja die Redensart: „Wo Licht ist, da ist auch Schatten.“ – Aber genau genommen stimmt das nicht. Wo wirklich Licht ist, an der Quelle des Lichts, da ist kein Schatten. Der Schatten ist immer auf der lichtabgewandten Seite. In der Flamme selbst ist kein Schatten. In der Sonne selbst ist kein Dunkel. Der Schatten ist immer dort, wo das Licht nicht hinkommt.
So ist das auch mit den dunklen Dingen, die uns anfechten. Wo wir Dunkel, Tod, Krankheit, Verderben und Unglauben sehen, da sehen wir nur die Schattenseiten.
Gott hat sich eine Welt geschaffen, die ohne ihn nicht sein kann, aber die nicht in Gott ist, nicht mit Gott identisch ist. Sie steht außerhalb der ewigen Lichtquelle, außerhalb Gottes. Und deshalb hat sie ihre Schattenseiten. So wie die Erde eine Nachtseite hat, so wie der Mond eine dunkle Seite hat, die von der Sonne abewandt ist, so hat Gottes Schöpfung ihre dunkle Seite. Gott sei Dank, dreht sich die Erde, so dass aus der Nacht wieder Tag, aber eben aus dem Tag wieder Nacht wird. – Möglicherweise dauert das in anderen Teilen der Schöpfung länger. Sie bleiben für uns lange im Dunkel, bis vielleicht doch irgendwann Gottes Licht in dieses Dunkel fällt.
Auch wir selber sind Gottes Geschöpfe, und so haben wir selber unsere dunkle Seite, und wir werfen Schatten in die Welt. Das sind die Dunkelheiten und Anfechtungen, die wir uns selber schaffen. Wir können gar nicht anders. Wir werden unsere Schattenseiten nicht los, so lange wir nicht ganz im Licht, ganz in Gott sind.
Aber womöglich beschäftigen wir uns zu sehr mit diesen Schattenseiten, mit den Dunkelheiten des Lebens und bekommen sie doch nicht hell. Weil wir die Sonne im Rücken haben, wenn wir unseren Schatten ansehen, weil wir im Dunkeln suchen und dort das Licht nicht finden. Vielleicht würde es helfen, wenn wir zur Seite treten, dass unser Schatten nicht mehr genau dorthin fällt, wo wir gerade hinsehen. Vielleicht würde es helfen, uns umzuwenden und nicht mehr ins Dunkel zu starren, sondern ins Licht zu sehen.
Ja, das ist wohl unser größtes Problem: dass wir uns immer wieder von Gott, dem Vater des Lichts, abwenden. Dann wird unser Angesicht finster und verschattet und wir sehen nur noch die Schattenseiten des Lebens.
Jakobus verordnet uns einen Richtungswechsel: Dreht euch um, schaut zu Gott, und nicht immer nur auf das, was Dunkel ist in eurem Lebens. Er verordnet uns einen Perspektivwechsel: Tretet mal zur Seite, schaut mal aus einer anderen Richtung; vielleicht seht ihr dann die Dinge in einem anderen Licht.
Der Blick nach oben, der Blick ins Licht – ja, der kann uns auch blenden. Wer auch nur mal kurz in die Sonne geblickt hat, der weiß, dass er danach fast blind ist für die irdischen Dinge. So geht es uns auch manchmal, wenn wir einen kurzen Augenblick in Gottes Licht geschaut haben. Manche finden das nicht gut; manche sehen nachgerade den Sinn ihres Lebens darin, sich mit den Übeln und Schattenseiten dieser Welt zu beschäftigen. Aber vielleicht ist es doch viel wichtiger das Licht zu sehen, als nur über das Dunkel zu klagen.
Und schließlich: Wer ins Licht blickt, dessen Angesicht wird selber strahlend hell. Stell dir vor: Dir steht einer gegenüber, der die Sonne im Rücken hat. Er sieht das Licht selber nicht; aber er sieht es auf deinem Gesicht. Du reflektierst das Licht für ihn. Genau das ist die Aufgabe von uns Christen in dieser Welt.
Anfechtungen sind normal, sagt Jakobus. Aber sie kommen nicht von Gott. Nein, sie werden erträglich, wenn wir zu Gott schauen und uns zu ihm halten. Er ist unser Licht im Dunkel, er ist unser Glück auch im Unglück, er ist unser Heil auch in Versuchung, Leid und Anfechtung.