Montag, 10. Juni 2013

Predigt am 9. Juni 2013 (2. Sonntag nach Trinitatis)

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!
Jesaja 55, 1-3b


Liebe Schwestern und Brüder,
Gott macht Werbung.
Zum Beispiel da und dort an deutschen Autobahnen, da sieht man hunderte Meter weit aus allen Richtungen riesige Plakate: Ich halte dich! – Gott. Oder: Ich bin dir näher als du glaubst. – Gott. Darunter, wie es sich gehört, Gottes Internetadresse: gott.net.
gott.net macht auch große Plakate für Baugerüste an Kirchtürmen. Oder Postkarten. Und Denkanstöße mit Bild und Text im Internet.
Gott macht Werbung. Ich find’s gut.
Genau genommen sind es Menschen, evangelische Christen, die mit dieser Aktion und dieser Website Werbung machen für Gott, ein Verein, der mit Spenden diese Aktionen finanziert. Damit Gott auf sich aufmerksam machen kann – in unserer Zeit, wo alles voll ist mit Werbung. Wo inzwischen auch schon die Atheisten zum Gegenschlag ausgeholt haben und Busse bekleben mit der Aufschrift: „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott.“ – Aber das ist natürlich witzlos: Warum sollte man Werbung für etwas machen, das es gar nicht gibt? Oder erreicht man damit vielleicht sogar das Gegenteil: Dass Menschen sich anfangen Gedanken zu machen, ob es Gott vielleicht doch gibt?
Wie auch immer: Gott macht Werbung, und bringt sich ins Gespräch. Und wie immer tut er das durch Menschen, die für ihn Werbung machen.
Hast du vielleicht ein komisches Gefühl, wenn so großformatig für Gott plakatiert wird? Findest du das aufdringlich oder peinlich? Oder gar tendenziell fundamentalistisch?
Ich nicht. Für jeden Mist wird heute Werbung gemacht, und wer sein Produkt an den Mann oder an die Frau bringen will, der kommt um Werbung kaum herum. – Warum sollte für Gott, der ja nun gerade kein Mist ist, dann keine Werbung gemacht werden? Er will sich doch auch an den Mann und an die Frau bringen!
Gott macht schon lange Werbung: Ein Kirchturm, auch ohne großformatiges Plakat daran, ist Werbung für Gott. Das Glockenläuten vom Kirchturm ist Werbung für Gott. Gottesdienst mit offenen Türen hier im Touristenzentrum, das ist Werbung für Gott. Unsere täglichen kleinen Rundfunkandachten bei der Megawelle – Werbung für Gott. Und im Unterschied zu anderen Werbetreibenden müssen wir nicht mal dafür bezahlen.
Gott macht schon lange Werbung. Einer seiner ältesten Werbetexte ist unser heutiger Predigtabschnitt aus dem Jesaja-Buch.
Kommt her und kauft!, ruft Gott durch seinen Werbefachmann, den Propheten.

Und was gibt’s da zu kaufen bei Gott? – Wasser …
Wasser? Sonst nichts?
Du weißt doch wie wichtig Wasser ist – sauberes, trinkbares Süßwasser. Der Ozean vor unserer Nase ist voller Wasser, aber es ist nicht trinkbar. Du kannst auf dem Meer treiben und doch verdursten. Das Wasser, das in unseren Hotels und Wohnanlagen aus dem Hahn kommt, ist auch nicht unbedingt so gut zum Trinken. Höchstens im Notfall und abgekocht. Nein, hierzulande kaufen wir uns ständig Wasser in Flaschen und Kanistern. Wir brauchen es einfach als Lebensmittel.
Genau das ist es, was Gott uns verkaufen möchte: Wasser als Lebensmittel, Wasser zum Leben. Das Grundnahrungsmittel gegen das Verdursten, frisch und rein, nicht versalzen, nicht gechlort. Quellwasser, das uns erfrischt. Damit unsere Seele nicht verdurstet. Das verstehen wir schon!
Aber nicht nur Wasser will uns Gott verkaufen; auch Wein und Milch. – Das finde ich gut. Milch und Wein waren zwar schon damals sehr selbstverständliche Lebensmittel in einer Gesellschaft, wo viele Viehzüchter und Weinbauern waren. Aber es ist doch mehr als nur Wasser, mehr als nur das absolut Lebensnotwendige. Milch ist gut und nahrhaft. Wein schmeckt und macht das Herz fröhlich, wie es auch in der Bibel heißt. Gott wirbt nicht für ein asketisches Leben, nicht für Enthaltsamkeit oder für vegane Ernährung. Gott wirbt für Lebensfreude, fürs Feiern, für das, was mehr ist als Wasser und Brot, was mehr ist als gesunde Ernährung und langes Leben. Seine Lebensmittel versprechen gutes Leben.
Das ist ein Unterschied zu dem, was heute in ist. Da verwechselt man langes Leben mit gutem Leben. Manfred Lütz hat ja mal sarkastisch bemerkt, dass alle, die sich mit Joggen und ähnlichem abquälen, ihr Leben vielleicht gerade mal um die Zeit verlängern, in der sie sich mit ihren asketischen Leibesübungen abquälen. Eigentlich ein Nullsummenspiel. Anstatt sein kurzes Leben zu genießen, quält man sich, um es ein bisschen zu verlängern. Man tut alles, um möglichst alt zu werden, aber alt sein möchte man dann auch nicht.
Gott verspricht nicht langes Leben, sondern gutes Leben – ewiges Leben.
Ja, darum geht es vor allem: gutes Leben, ewiges Leben!
Werbung, wie wir sie kennen, verspricht meistens mehr, als sie halten kann. Ein Auto bringt mich nicht nur von A nach B, sondern es begeistert mich und macht mich glücklich. Ein Waschmittel wäscht nicht nur, sondern verschafft mir ein wunderbares Tragegefühl für meine Kleidung. Eine Bank bewahrt nicht nur mein Geld auf oder gewährt mir einen Kredit, sondern nimmt mir meine Sorgen ab. Usw. – Bei Gott scheint es andersherum zu sein. Er hält mehr, als er versprechen überhaupt versprechen kann. Wasser, Wein, Milch – na gut, das klingt nicht nach viel; aber es steht in Wahrheit für viel, viel mehr – mehr, als wir uns vorstellen können!
Gott wirbt geradezu mit Understatement. Wir als Kirchen und Christen haben uns dieses Understatement wohl ein bisschen zu sehr zu eigen gemacht: „Ja, wir sind schon Christen; ja, es ist schon nicht ganz schlecht bei uns in der Kirche; ja, vielleicht hast du ja auch mal Lust vorbeizuschauen.“ – Aggressive Werbung sieht anders aus. Und selbst die 140 Quadratmeter an der Autobahn sind ja nicht wirklich aggressiv.
Gott macht Werbung. Und wir machen Werbung für Gott. Wer euch hört, der hört mich (Lk 10,16), sagt Jesus - Wochenspruch der vergangenen Woche. – Hoffentlich stimmt das auch: dass wir Ihn hörbar machen, dass wir für Ihn Werbung machen, und nicht nur für uns selbst!

Gott macht Werbung. Er lockt mit einem Gratisangebot: Kauft ohne Geld und umsonst!, sagt er. Ihr gebt Geld aus für unnützen Müll, für Dinge, die euch nicht satt und nicht glücklich machen und die ihr in zwei, drei Jahren wieder wegschmeißt: Mode, Technik, ihr wisst schon. Bei mir bekommt ihr, was ewig hält und was seinen Reiz niemals verliert, und ihr bekommt es umsonst: gutes Leben, ewiges Leben.
Ich halte dich! – Gott. – So kann man das zum Beispiel beschreiben. Gehaltensein in allen Lebenslagen – das ist wahrhaft gutes Leben! Es kann nichts wirklich schief gehen, auch wenn es schief geht. Ich halte dich! – Gott. – Ein großartiges Angebot!
Warum kommen die Leute dann nicht? – Sind sie misstrauisch gegenüber Gratisangeboten? Oder haben sie nicht mal für Umsonst Interesse am ewigen Leben? – Ich glaube, sie befürchten eine Hintertür eine Falle, einen Preis, der nicht genannt wird, den sie dann aber doch zahlen müssen.
Auf der Hand liegt, dass Kirche eben doch nicht umsonst ist. 9 % auf die Einkommenssteuer drauf als Kirchensteuer – in Deutschland. Oder 60 Euro im Jahr – hier. Und dann werden Spenden erwartet: Kein Gottesdienst ohne Klingelkörbchen. Kein Kirchencafé ohne Spendenpreisliste. Das summmiert sich im Laufe des Lebens, kann ich dir sagen. Und wenn du drei Mal in der Kirche warst, dann wirst du gleich angesprochen, ob du nicht mitarbeiten möchtest – ehrenamtlich versteht sich. – Also von wegen: Gratisangebot. Lauter versteckte Kosten. – Ich kann es verstehen, dass manche da zurückschrecken.
Und viele vermuten noch viel höhere Kosten. Dieser Gott, der da für sich Werbung macht, der will letztlich über mein Leben bestimmen, befürchten sie. Der hat so bestimmte Gebote und Erwartungen, wie ich als Mensch sein sollte, wie ich leben sollte. Will ich das wirklich? Muss ich da nicht den Spaß am Leben aufgeben, den ich ohne ihn haben kann? – Mich auf Gott einzulassen, das könnte mich am Ende sehr, sehr viel kosten. – Von wegen Gratisangebot!
Nein, ihr Lieben! Wahrscheinlich haben wir da als Kirche immer wieder was falsch gemacht. – Immer dann, wenn wir für Gottes Angebot Gegenleistungen erwarten, ob nun finanziell oder durch Mitarbeit oder durch einen so genannten christlichen Lebenswandel – was immer heute auch darunter zu verstehen sein mag. Immer dann, wenn wir gesagt oder gedacht haben: Du musst aber!
Evangelische Kirche hat damit angefangen, dass einer gesagt hat: Bei Gott musst du nicht bezahlen! Damit die Seele in den Himmel springt, muss nicht erst das Geld im Kasten klingen. Martin Luther hat das Wörtchen gratis in der Bibel wiederentdeckt. Es ist verwandt mit gratia, der Gnade. Gott ist gnädig – das heißt: Gott gibt umsonst, gratis, kostenlos.
Nein, sagt Gott, du musst nicht bezahlen. Du musst nur zugreifen, bei meinem Angebot. Oder denkst du, du kommst in die Hölle, weil du nichts in die Kollekte legst? Meinst du, ich lasse dich verloren gehen wegen deiner paar Sünden? – Nein, mache ich nicht, sagt Gott. Gott bietet dir Vergebung und ewiges Leben an, und dieses Angebot ist und bleibt gratis. Du musst es nur annehmen.

Gott macht Werbung. Und wir als seine Kirche machen mit. Als seine Werbeagentur.