Donnerstag, 28. Februar 2013

Ich trauere um Zettel. Ein Nachruf


Zettel war das Pseudonym, unter dem er seit ca. sieben Jahren sein Blog Zettels Raum betrieb. Wie er mit bürgerlichem Namen hieß, wie er aussah, das wusste keiner. Und doch kannten wir ihn. Wir, das waren seine „Zimmerleute“, die in seinem Forum mit dem Namen Zettels Kleines Zimmer über seine Blogbeiträge und vieles mehr diskutierten.

Zettel war ein umfassend informierter, unheimlich belesener, wahnsinnig fleißiger und unglaublich luzide denkender Mensch, der außerdem die Gabe besaß, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu erklären. Was Qualitätsjournalismus ist, konnte man bei ihm fast täglich bewundern, oft im Gegensatz zu den sich selbst gerne so nennenden deutschen „Qualitätsmedien“.

Und obwohl ihn (fast) keiner persönlich kannte und trotz seines journalistischen Fleißes ist er vielen in seinen Artikeln und seinen Forenbeiträgen ein Gesprächspartner mit Gesicht und Charakter gewesen. Wir kannten ihn als einen, der irgendwo im Hessischen mit Frau und Hund, umgeben von Unmengen von Büchern und Stapeln von Zeitungen und Zeitschriften täglich und nächtlich viele Stunden hinter seinem Netbook verbrachte. Wir wussten, dass er emeritierter Hochschullehrer in einem naturwissenschaftlichen Fach war. Wir haben uns gefragt, wie er es gemacht hat, selten länger als ein paar Stunden nicht im Netz anwesend zu sein. Aber offensichtlich hatte er dabei immer noch die Zeit für kulinarische und andere kulturelle Genüsse und Zeit für den Menschen an seiner Seite. Seine Frau schrieb mir heute, sie hätten täglich zwei bis drei Stunden im Gespräch miteinander verbracht. Das hat mich tief beeindruckt.

Kennengelernt haben wir uns im Herbst 2009. Ich weiß nicht mehr, aus welchem Grund ich auf einen Beitrag in Zettels Raum aufmerksam geworden bin. Irgendwann hat mich die Diskussion in seinem Kleinen Zimmer animiert, mich selber dort anzumelden. Nachdem ich auf einen eigenen Blogeintrag zum Ausgang der Bundestagswahl verlinkt hatte, sind wir schnell ins Gespräch gekommen. Zettel war hoch erfreut, einen evangelischen Pfarrer kennenzulernen, der nicht links war. Wir kamen schnell ins Gespräch über theologische und philosophische Fragen oder über die Beurteilung der DDR-Geschichte. Schon nach wenigen Wochen lud mich Zettel ein, Gastbeiträge für sein Blog zu schreiben. Später machte er mich unter meinem Pseudonym (bzw. der Abkürzung) Herr zu einem der Mitautoren des Blogs. Wobei ich das immer als zu viel der Ehre empfand, habe ich doch letztlich nicht mehr als zwei Hand voll Artikel für Zettels Raum beigesteuert.

Allerdings hatte die Erweiterung des Autorenkreises Anfang 2011 schon das Wissen zum Hintergrund, dass Zettel selber nicht mehr lange die Kraft haben würde, das Blog so fortzusetzen.

Der mediale und politische Umgang mit dem japanischen Erdbeben und Tsunami, der sich bis heute für die meisten nur mit dem Namen eines Atomkraftwerks verbindet, hat ihm zugesetzt. Offenbar war er ohnehin schon herzkrank und hat das gespürt. Nachdem er in einer unglaublichen Recherche-Arbeit fortlaufend Informationen über die tatsächliche Lage in und um Fukushima aufgearbeitet und veröffentlicht hatte, wie sie es sonst nirgendwo in der deutschen Medienlandschaft zu lesen gab, kündigte er Anfang April seinen Rückzug vom politischen Bloggen an und schockierte seine Lesergemeinde mit einem Artikel über den Tod. Und in einer privaten Nachricht ließ er mich, nein, meine Frau Andrea, mit der er damals einen öffentlichen Briefwechsel in Zettels Raum führte, wissen, der Sensemann stünde schon neben ihm.

Aus dieser Zeit gibt es die meisten Artikel des von ihm gewonnenen Autorenteams. Es wäre jedenfalls in seinem Sinne, hier weiter zu machen.

Was Zettel auszeichnete war sein Glaube an die Vernunft in Politik und Wissenschaft. Er war ein Aufklärer im besten Sinne. Emotional wurde er, wenn er sah, wie Vernunft und Freiheit auf der Strecke blieben. Hierhin gehört sein Mantra von der „kollektiven Besoffenheit“ der Deutschen, die sich in der überstürzten und völlig irrationalen „Energiewende“ manifestierte. Wogegen er kämpfte, war die fortschreitende Entmündigung, zum Teil ja auch Selbstentmündigung der Deutschen im Namen von Gesundheit, Ökologie und sozialer Fürsorge. Eindrücklich war zum Beispiel auch seine wirklich sachliche an der Überprüfung der Fakten ausgerichteten Beschäftigung mit Thilo Sarrazin und seine gleichzeitige Entrüstung, wie unfair, unsachlich und persönlich diffamierend die Debatte über dessen Buch geführt wurde.

Das sind nur wenige Beispiele. Zettel schrieb tendenziell über alles: Über den „arabischen Frühling“, den er als einer der ganz wenigen eben nicht so nannte und von Anfang an kritisch und, wie man heute weiß, realistisch sah. Immer wieder über Frankreich, was ich sehr erhellend fand, weil mir Frankreich ganz fern liegt und ihm ganz nahe lag. Über die USA und Barak Obama. Die besten Informationen über den letzten Präsidentschaftswahlkampf habe ich in Zettels Raum gelesen. Er schrieb aber auch, wenn er Zeit und Muße fand, über Regietheater oder über Arno Schmidt. Und er war ein vorzüglicher Wissenschaftsjournalist. Zuletzt hat er über die fast zeitgleiche Asteroiden-Passage und den Meteoriteneinschlag im Ural geschrieben, Zusammenhänge erläutert und über die Möglichkeiten einer Gefahrenabwehr gegen Asteroiden-Einschläge nachgedacht. Sein letzter Blogeintrag galt der Wahl in Italien ...

Zettel war ein bekennender Agnostiker. Als Kind mit schlimmen Kriegserfahrungen konfrontiert, gleichzeitig gesegnet mit hoher Intelligenz und einem, wie er mir schrieb, „ungläubigen Pfarrer“ als gutem Onkel und Welterklärer für den wissbegierigen Jungen, war ihm der Weg zu einem naiven Gottvertrauen aber dann auch zu einem kritisch-reflektierten Glauben verstellt. Menschliches Erkenntnisvermögen war ihm mit Kant auf die empirische Wirklichkeit beschränkt. Darüber, dass Kant gerade mit dieser Beschränkung in der „Kritik der reinen Vernunft“ Platz machen wollte für einen moralisch begründeten Gottesglauben, konnten wir uns nie einig werden. Er bewunderte, wie ich christlichen Glauben und kritisch-rationales Denken unter einen Hut brachte; und, wenn ich ehrlich bin: Darüber wundere ich mich manchmal selber. Er konnte es nicht.

Zettel war sich nicht sicher, aber letztlich doch davon überzeugt, dass man mit dem Tod aufhöre zu existieren und dass es deshalb völlig unvernünftig sei, den Tod zu fürchten. Ich nehme an, er konnte in dieser Furchtlosigkeit sterben.

In der christlichen Liturgie gibt es den Satz: „Möge er schauen, was er geglaubt hat.“ Für Zettel bitte ich: Möge er schauen, was er nicht glauben konnte.