Sonntag, 24. Februar 2013

Predigt am 24. Februar 2013 (Sonntag Reminiszere)

Jesus wandte sich an seine Zuhörer: »Ich werde fortgehen«, sagte er. »Ihr werdet mich suchen, aber da, wo ich hingehe, könnt ihr nicht hinkommen; ihr werdet in eurer Sünde sterben.«
»Will er sich etwa das Leben nehmen?«, fragten sich die Juden. »Vielleicht sagt er deshalb: ›Da, wo ich hingehe, könnt ihr nicht hinkommen.‹« Doch Jesus fuhr fort: »Ihr seid von unten, ich bin von oben. Ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. Darum habe ich zu euch gesagt, dass ihr in euren Sünden sterben werdet. Glaubt an mich als den, der ich bin; wenn nicht, werdet ihr in euren Sünden sterben.« – »Wer bist du denn?«, fragten sie. Jesus antwortete: »Darüber habe ich doch von Anfang an zu euch gesprochen. Was euch betrifft, hätte ich noch viel zu sagen, und es gäbe noch vieles, worin ich über euch zu urteilen hätte. Aber ich sage der Welt nur das, was ich von dem gehört habe, der mich gesandt hat; und was er sagt, ist wahr.«
Sie begriffen nicht, dass Jesus über den Vater sprach. Deshalb sagte er zu ihnen: »Dann, wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, werdet ihr mich als den erkennen, der ich bin, und werdet erkennen, dass ich nichts von mir selbst aus tue, sondern das sage, was mich der Vater gelehrt hat. Und er, der mich gesandt hat, ist bei mir. Er lässt mich nie allein, denn ich tue immer, was ihm gefällt.«
Als Jesus das sagte, glaubten viele an ihn.


Johannes 8, 21-30


Liebe Schwestern und Brüder,


die christlichen Kirchen haben es zur Zeit nicht ganz leicht. An vielen Orten der Welt nicht, weil Christen in einem nie dagewesenen Ausmaß verfolgt und bedrängt werden. Und bei uns in Europa nicht, weil wir eine Krise des Misstrauens erleben gegenüber der Kirche, ihren Institutionen und ihren Glaubenslehren.
Die katholische Kirche erfährt diese Krise intensiver als die evangelische. Es ist zur Zeit einfach wohlfeil, auf die katholische Kirche mit ihren „verknöcherten Strukturen“, ihrer „Frauenfeindlichkeit“ und ihren „mittelalterlichen Dogmen“ zu schimpfen.


Nicht nur einmal habe ich mich in den letzten Wochen in der Rolle gefunden, diese katholische Kirche zu verteidigen und gegen Unkenntnis und Vorurteile zu argumentieren.


Natürlich kann man eine kirchliche Struktur, die im Wesentlichen über tausend Jahre alt ist, als verknöchert bezeichnen. Man könnte aber auch über ihre Beständigkeit und ihr inneres Erneuerungspotential in all den Jahrhunderten ins Staunen geraten.


Natürlich kann man sich darüber aufregen, dass Frauen in katholischen Krankenhäusern die „Pille danach“ verweigert wird. Man könnte aber auch Respekt haben für die ethisch konsequente Haltung, dass nämlich ein bereits gezeugtes und somit ganz und gar einmaliges menschliches Wesen eben nicht mehr einfach weggemacht, sprich: getötet werden darf – unabhängig davon, wie es entstanden ist. Lebensschutz ist nicht frauenfeindlich.


Natürlich kann man auch die kirchlichen Lehren nicht mehr zeitgemäß finden. Nur, das waren sie noch nie. Und problematisch für mich als evangelischen Christen sind auch gar nicht so sehr die mittelalterlichen Dogmen, sondern die neuzeitlichen: von der Unfehlbarkeit des Papstes zum Beispiel oder von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel. Da kann ich nicht mit, weil diese Lehren keine biblischen Grundlagen haben. Vieles andere, was heute als „mittelalterlich“ erscheint, steht auch in den evangelischen Bekenntnisschriften: zum Beispiel die Jungfrauengeburt oder die Erbsünde und die ewigen Höllenstrafen; wir kommen noch drauf zu sprechen.  – Die Kirche ist, was sie ist, eben nicht durch ihre Anpassungen an den Zeitgeist, sondern durch das, was sie seit bald zweitausend Jahren lebt und glaubt. Und das lässt sich nicht so einfach modernisieren.


Die evangelische Kirche erlebt eine andere Krise als die katholische. Sie ist vielleicht weniger offensichtlich, aber viel gefährlicher. Die evangelische Kirche ist dabei, sich überflüssig zu machen. Jedenfalls da, wo sie nichts anderes mehr zu sagen hat, als was der Zeitgeist sagt. Das ist nämlich die wahre Gefahr für die Kirche, dass sie ihre Substanz und ihre Botschaft vergisst, weil sie modern und zeitgemäß sein möchte.


Ich meine damit nicht die äußere Modernität. Ich habe nichts gegen neue Lieder und zeitgemäße Sprache. Es stört mich nicht, wenn im Gottesdienst geklatscht wird. Und ich finde es selbstverständlich, dass wir darüber reden müssen, wie es uns heute mit Gott geht. Aber wir dürfen dabei unsere möglicherweise ganz unzeitgemäßen Inhalte nicht über Bord werfen.


Die Menschen werden über kurz oder lang nicht zu uns kommen, um einen spirituell verbrämten Verschnitt roter und grüner Parteiprogramme zu hören. Sie kommen auch eher nicht, um in der Kirche auch noch die Talkshow-Themen von Amazon bis Pferdefleisch behandelt zu finden. Vielleicht ist das für den einen oder andern eine Zeitlang ganz nett: „Ach, die sind ja ganz auf der Höhe der Zeit!“ Aber lange hält das sicher nicht an. Denn das sind letztlich nicht unsere Themen. Wir sollen das sagen, was anderswo nicht gesagt wird. Und warum sollte sich eigentlich ein überzeugter Konservativer oder Liberaler das antun, sich jede Woche Ökologisch-Soziales in geschlechtergerechter Sprache von der Kanzel anzuhören!


Die evangelische Kirche wollte meistens moderner sein als die katholische und hat sich dabei oft ein Stück zu weit auf den Zeitgeist eingelassen: Als es modern war national zu sein, da wollten Evangelische die besten Deutschen sein. Die Katholiken waren unmodern, weil für sie die Zugehörigkeit zu einer weltweiten, grenzübergreifenden Kirche wichtiger war als ihr Deutschsein. Heute sehen wir, dass diese Haltung wohl die richtigere war. Als es modern war, braun zu sein, wollten viele Evangelische die besten Nazis sein. Die Katholiken waren da wesentlich zurückhaltender. Und als der Zeitgeist rot war, da haben auch wieder mehr Evangelische versucht, dem Kommunismus noch gute Seiten abzugewinnen. Und selbst manche Kritiker der DDR-Verhältnisse wollten noch die besseren Marxisten sein. Ich denke da an traurige Gestalten, die heute mit ihren einstigen Verfolgern in der Linkspartei gemeinsame Sache machen.


Man könnte sich manchmal fragen, ob der evangelische Glaube nicht genug eigene Substanz hat, dass er sich die vom Zeitgeist borgen muss. – Die hat er aber, diese Substanz, wenn wir uns auf das besinnen, was unsere Stärke ist: der Umgang mit der Heiligen Schrift, der persönliche Christusglaube, das Vertrauen auf Gottes grundlose Gnade.


Wir müssen den Mut haben oder ihn wiederfinden, unzeitgemäß zu sein und unmodern. Weil das, was Kirche lebt und glaubt, von Anfang an unzeitgemäß war.


Denkt ihr, Jesus ist deshalb gekreuzigt worden, weil er das gesagt hat, was alle sowieso schon dachten?
In unserem heutigen Predigtabschnitt sagt er lauter Sachen, die die Leute damals geärgert haben, und die sie heute auch noch ärgern:


Ihr werdet in eurer Sünde sterben, sagt er. Und noch mal deutlicher: Wenn ihr nicht an mich glaubt, werdet ihr in euren Sünden sterben. – Dass es Sünde gibt, dass Sünde Trennung von Gott bedeutet und zum Tod führt, und das heißt: die Trennung von Gott auf ewige Dauer stellt, das haben die Leute wahrscheinlich damals genau so als Unverschämtheit aufgefasst, wie wir es heute unverschämt finden, wenn jemand über Sünde und ewige Verdammnis predigt.


Und dann spricht Jesus von sich selber als dem einzigen Ausweg aus Sünde und Tod: Glaubt an mich als den, der ich bin! – Genau dafür ist Jesus damals gekreuzigt worden: weil er sich mit Gott selber identifizierte. Denn der Ich bin, das ist der, der sich im Alten Testament unter diesem Namen vorgestellt hat (2. Mose/Exodus 3, 14). Und der immer wieder gesagt hat: Ich bin. Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben … (2. Mose/Exodus 20, 2f) Ich, ich bin der HERR, und außer mir ist kein Heiland (Jesaja 43, 11). Jesus sagt: Glaubt an mich als den Ich bin.


Wer bist du denn?, fragen sie zurück. – Ja, wer ist er denn, dass er sich selber an Gottes Stelle setzen darf? – Auch das ist gegen den Zeitgeist: Jesus für Gott zu halten. Prophet, göttlicher Lehrer, alles ok. Da haben wir ihn dann in eine Reihe mit Buddha und Mohammed gestellt. Wir sind doch so tolerant! Wie könnten wir denn behaupten, dass Gott nur durch ihn zu uns kommt, und dass wir nur durch ihn zu Gott kämen!


Nein, wir sind nicht wirklich tolerant. Echte Toleranz tut weh, weil Toleranz bedeutet, das auszuhalten, was wir nicht für gut heißen. Toleranz heißt: Meinungen zuzulassen, die nicht unsere sind. Toleranz heißt: Mit friedlichen und fairen Mitteln um die Wahrheit streiten. Aber wir sind nicht tolerant, wir sind gleichgültig. Es ist uns alles egal. Soll doch jeder glauben, was er will. Wir sind ja erwachsene Menschen. Und am Ende kommen wir alle in den Himmel. Oder auch nicht, denn ob es den überhaupt gibt, kann man ja nicht wissen. Und: Wenn es keine Hölle gibt, wozu brauchen wir dann einen Himmel? – Wo alles gleich gültig ist, da ist am Ende nichts mehr gültig. Es ist alles egal. Es gibt kein Wahr und Falsch mehr, kein Gut und Böse, kein Oben und Unten. Wir drehen uns um uns selber. Und der Ausdruck Gott ist nur noch die Projektion unserer eigenen Wünsche.


Irrtum, sagt Jesus: Ich stehe für den Unterschied zwischen Wahr und Falsch, zwischen Gut und Böse, zwischen Oben und Unten. Ich bin von oben, ihr seid von unten. Ich bin die Wahrheit, ihr seid im Irrtum. Ich komme von Gott, ihr seid des Teufels. Ich werde erhöht, und ihr werdet in euren Sünden sterben.
Das ist die völlig unzeitgemäße evangelische Botschaft, die Botschaft des Evangeliums. Genau dieselbe, die auch die völlig unzeitgemäße katholische Kirche lehrt.


Aber das ist nicht alles. Die ganze Wahrheit ist, dass Gott die Welt geliebt hat. Dass Jesus Christus von ganz da oben runter gekommen ist, um uns zu ihm rauf zu bringen. Dass er für unsere Sünden gestorben ist, damit wir nicht in unseren Sünden sterben. Und dass die, die an ihn glauben, gerettet werden.


Das ist unsere Botschaft. Sie ist nicht von dieser Welt. Sie ist unmodern und unzeitgemäß. Aber mir ist es lieber, die Kirche ist weltfremd und unzeitgemäß, ein Fremdkörper in dieser Welt und ein Stachel wider den Zeitgeist, als dass sie sich im postmodernen Einerlei verlöre, weil sie den verloren hätte, der sie zur christlichen Kirche macht, zur Kirche Jesu Christi.