Sonntag, 17. Februar 2013

Predigt am 17. Februar 2013 (Sonntag Invokavit)

Jesus sprach zu Petrus: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder.“ Er aber sprach zu ihm: „Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ Er aber sprach: „Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.“
Lukas 22, 31-34


Liebe Schwestern und Brüder,

manchmal finde ich es direkt etwas schade, dass ich nicht katholisch bin – jedenfalls nicht römisch-katholisch. Wenn wir römisch-katholisch wären, dann würde der heutige Predigtabschnitt nämlich vom Papst handeln: Dann wäre Petrus der erste Papst gewesen. Und der zurückgetretene Papst sein Nachfolger. Und der neu zu wählende auch. Der Predigttext wäre ganz aktuell, und wir könnten fragen: Wie wird einer Papst? Wie findet man heraus, wer dafür geeignet ist? Wie wird gesiebt, bis der eine richtige Kandidat übriggeblieben ist, nachdem alle anderen durchs Raster gefallen sind?

Wie tröstlich doch zu wissen, dass Petrus ein sehr schwacher und menschlicher Mensch war! Wie tröstlich, dass er alles andere als unfehlbar war! Und wie tröstlich, dass Jesus trotzdem und gerade mit ihm seine Kirche gründen und bauen konnte!

Für uns Evangelische gilt, was die BILD-Zeitung damals sehr richtig geschrieben hat: „Wir sind Papst!“ Oder, um Martin Luther zu zitieren: „Was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweihet sei.“ – Also: „Wir sind Papst!“ Wir sind Menschen in der Nachfolge von Petrus, weil wir – wie er – Menschen in der Nachfolge von Jesus sind. Auf Menschen wie Petrus, auf Menschen wie Joseph Ratzinger, auf Menschen wie dich und mich baut der Herr seine Kirche.

Nur: Kann der Herr auf dich und mich bauen? Auf Petrus und Papst Benedikt?

Benedikt hat offenbar gesagt: „Auf mich nicht mehr, jedenfalls nicht mehr in diesem Amt, ich bin zu schwach.“ – Das ehrt ihn.

Petrus hat gesagt: „Auf mich kannst du bauen. Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ – Das ehrt ihn.

Was sagst du? Kann der Herr auf dich bauen?
Was sage ich? Kann der Herr auf mich bauen?

Vor 34 Jahren bin ich gefragt worden, ob ich unter Jesus Christus meinem Herrn leben, im Glauben an ihn wachsen und in seiner Gemeinde bleiben wolle – und ich habe Ja gesagt. – Das war mir sehr ernst, damals bei meiner Konfirmation. Es war mir so ernst, dass dieses Versprechen für mich ein Bekenntnis zum sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat, wie es in der Jugendweihe gefordert wurde, ausschloss. Auch wenn das Nachteile und Risiken bringen würde. Es waren nur wenige in meinem Jahrgang, die sich für diesen eindeutigen Weg entschieden. Die meisten, die mit mir den Konfirmandenunterricht besucht hatten, gingen zur Jugendweihe und dann erst ein Jahr später zur Konfirmation. – Ich war stolz wie Petrus: Herr, ich bin bereit … – und habe ein bisschen auf die anderen herabgesehen. – Dabei war es doch nur ein Kompromiss. Ich bin ja schließlich im selben Jahr in die FDJ, die Jugendorganisation der SED eingetreten, in der fast alle waren – FDJ, die Kampfreserve der Partei. Ich wollte schließlich auf die Erweiterte Oberschule.

Wie schwer eine Entscheidung gegen die Jugendweihe sein konnte, habe ich erst kürzlich wieder im Gespräch gehört: Wenn es nicht nur um die Konsequenzen für die eigene Zukunft ging, sondern um die Position von Eltern und Verwandten oder um den Studienplatz von Geschwistern: Wen durfte, konnte, sollte man da mit hineinziehen in so eine Entscheidung? – Ich hatte es im Grunde genommen leicht. Für meine Eltern und meine Schwester stand nichts auf dem Spiel.

Wie weit war ich, wie weit bin ich bereit, für meinen Glauben zu gehen? Ins Gefängnis, in den Tod? – Ich habe damals den Wehrdienst verweigert – aus meiner christlichen Überzeugung heraus. Nein, ich habe ihn eben nicht verweigert: Ich habe Ersatzdienst als Bausoldat geleistet. Statt mit der Knarre das Schießen zu üben, habe ich ohne Knarre, aber auch in Uniform mit an dem Übungsplatz gebaut, wo dann die anderen mit der Knarre geschossen haben. War das so viel besser? War das eine Heldentat? – War es nicht. Ich hatte einfach Angst, ins Gefängnis gehen zu müssen. Könnte, würde ich das durchstehen?, habe ich mich gefragt und dann lieber den Kompromiss gewählt. Einmal mehr.

Wo ich das Gefühl hatte, Jesus erwartet von mir ein klares Bekenntnis, einen unerschütterlichen Glauben, einen geraden Weg, da habe ich Kompromisse gemacht, habe hier Nein gesagt, um dort wieder Ja zu sagen, um irgendwie unbeschadet durchzukommen.

1989 als viele den Mut fanden, aus den Häusern in die Kirchen und aus den Kirchen auf die Straßen zu gehen, da war mein Glaube so klein, dass ich mich in meiner Studierstube verkrochen habe. Ich hätte nach Leipzig fahren sollen, aber ich hatte einfach Angst vor den Gewehrmündungen und den gepanzerten Fahrzeugen hinter den Straßenecken, von denen gemunkelt wurde. Von wegen: bereit ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. – Ich nicht! – Erst nach dem 9. Oktober, dem Wunder von Leipzig, erst als die Situation gekippt war, da habe ich dann auch mitgemacht …

„Auf mich kannst du bauen“ – wer kann das schon so sicher für sich sagen?

Petrus meint es ganz ernst. Petrus geht weit für seinen Glauben, geht weit mit seinem Herrn. Weiter als die anderen, die schon vorher das Weite suchen. Aber nicht weit genug, nicht so weit, wie er wollte und dachte. Nicht ins Gefängnis, nicht in den Tod. Noch nicht. – Ich lerne gerade spanische Redewendungen: Está como un flan. – Er ist wie ein Pudding. Er kriegt weiche Knie. – Petrus, der Fels, auf den Jesus bauen möchte, ist nur ein Wackelpudding.

Durchgefallen ist er – beim Test für glaubensstarke Felsenmänner. Durchgefallen wie ich, wie so viele, die im entscheidenden Moment der Mut verließ, die Kompromisse gemacht haben, die nicht konsequent waren in ihrem Bekenntnis zu Jesus Christus.

„Auf mich kannst du bauen“ – Wer kann das schon für sich sagen? Wer das sagt, kennt sich nicht gut genug.

Aber es ist ja, Gott sei Dank, anders herum. Jesus sagt zu Petrus: „Ich will auf dich bauen.“ Und: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Nicht unsere Stärke qualifiziert uns, sondern Jesu Einsatz für unseren Glauben.

Mit dem Pudding-Mann Petrus hat Jesus begonnen, seine Kirche zu bauen. Und mit solchen Leuten wie ihm hat er sie durch die Jahrhunderte hin gebaut, bis heute.

Immer wieder hat es die Versuchung gegeben, die Schwachen, die Versager und Kompromissler auszusortieren aus der Kirche. Nach den ersten Christenverfolgungen kam die Frage auf, ob diejenigen noch Christen sein könnten, die unter Folter und Todesdrohung ihren Glauben verleugnet hatten. Es gab ja die anderen, die wirklich Gefängnis und Tod auf sich genommen hatten. Aber es gab eben auch sie, die schwach geworden waren. Sollten sie zurückkommen dürfen in die Gemeinde? Sollten sie gar kirchliche Ämter bekleiden dürfen? – Die Kirche in der Nachfolge von Petrus hat sich dafür entschieden, ihnen einen neuen Anfang mit Christus zu ermöglichen. So wie ihm, Petrus der neue Anfang geschenkt worden war. Sogar schon bevor er versagt hatte, hat Jesus ihm den Neuanfang verheißen.

Ja, es stimmt: Wir sind Papst. Wir sind Petrus: Schwach, fehlbar, unvollkommen. Aber von Jesus geliebt und beauftragt. In dieser Kirche, wo schwache, fehlbare und kleingläubige Menschen angenommen sind und gebraucht werden, da bin ich gerne zu Hause.

Und das wünsche ich mir auch für unsere katholischen Geschwister, wenn sie sich einen neuen Papst erwählen. Es sollte ihnen tröstlich sein, dass der Nachfolger von Petrus nicht besser sein muss, als es Petrus selber war. Auch er darf Schwäche zeigen, auch er darf Fehler machen. Das wird Jesus Christus nicht hindern, auch mit ihm seine Kirche zu bauen.

Jesus hat von einem Sieb gesprochen, durch das uns der Teufel durchschütteln möchte. Ein Sieb, das unseren Glauben prüfen soll. Mir scheint, wenn der Teufel nur lange genug rüttelt, fallen wir sicher alle durch dieses Sieb. Aber das Wunderbare an diesem Bild ist, dass beim Weizen, der gesiebt wird, es gerade die guten Körner sind, die durchfallen. Gerade die, die durchfallen, sind der Same für das Reich Gottes.