Montag, 28. Januar 2013

Predigt am 27. Januar 2013 (Sonntag Septuagesimä)

Überarbeitete Fassung einer Predigt von 2007

Jesus sah einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: „Folge mir!“ Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: „Warum isst euer Meister mit Zöllnern und Sündern?“ Als das Jesus hörte, sprach er: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6, 6): ‚Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.‘ Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“
Matthäus 9, 9-13


Liebe Schwestern und Brüder,


„Du solltest mal zum Arzt gehen“. Wahrscheinlich hören wir so einen Satz nicht besonders gerne. Denn das heißt ja auch: „Du bist krank. Mit dir stimmt was nicht.“ Und wir wollen natürlich, dass es mit uns stimmt; wir wollen gesund sein, nicht krank. Aber gerade darum hat ja wohl auch der besorgte Mitmensch das zu uns gesagt: „Du solltest mal zu Arzt gehen“; er möchte auch nur, dass wir gesund sind.

Aber – so  ein Arztbesuch ist eben auch mit gewissen Ängsten verbunden: Was ist, wenn er eine gefährliche Krankheit diagnostiziert? Was ist, wenn er mich arbeitsunfähig schreibt, wo ich gerade so viel zu tun habe oder wo der Chef sowieso immer schon böse guckt, wenn Leute fehlen? Was ist, wenn der Arzt mir Einschränkungen verordnet, mir sagt, dass ich nicht so weiter leben kann wie bisher? Besonders beim Essen sind wir da ja empfindlich – und beim Trinken.


Der Arzt ist eigentlich dazu da, um uns gesund zu machen. Aber erstmal macht er uns krank: Er stellt fest, was uns fehlt. Er gibt unserem Unwohlsein einen Namen, und das heißt dann „Krankheit“. Der Arzt bescheinigt es mir: „Du bist krank.“


Irgendwie wissen wir schon, dass wir alle irgendwo was haben, was uns krank macht. „Gesund ist, wer nicht genug untersucht ist“, hat Manfred Lütz in seinem schönen Buch „Lebenslust“ geschrieben. – Und im Übrigen leben die Ärzte ja nicht davon, dass die Leute krank sind; warum sollen sie sie dann für gesund erklären?


Jesus spricht eine einfache Wahrheit aus, wenn er sagt: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Und jeder versteht, dass Jesus sich selber mit dem Arzt meint. Wenn er zu den Menschen geht, mit ihnen redet, mit ihnen isst, sie in die Nachfolge ruft oder sie auch leiblich gesund macht, dann ist das jedes Mal wie ein Krankenbesuch: Der Arzt geht zu den Kranken. Und Jesus geht zu den Menschen, bei denen was nicht stimmt. Weil er möchte, dass ihr Leben in Ordnung kommt.


Der Zöllner Matthäus ist so ein Beispiel. Wahrscheinlich hat er sich bis eben noch ganz gesund gefühlt. Denn es ging ihm gut.


Die viel zitierten Zöllner in den Evangelien arbeiteten gewissermaßen als Pächter der römischen Besatzungsmacht. So wie es heute Tankstellen- oder auch WC-Pächter gibt, oder Franchise-Nehmer von McDonalds oder Burger King, so hatten Sie vom römischen Staat die Zollstation gepachtet. Sie mussten einen bestimmten Anteil ihrer Einnahmen an den römischen Staat abführen, und den Rest durften sie für sich behalten. – Interessant, dass schon die alten Römer staatliche Aufgaben einfach privatisiert haben. Dieses Modell war nämlich effektiv für den Staat, weil die privaten Zollpächter ein Eigeninteresse daran hatten, möglichst viel Zoll und Steuern zu erheben – anders als Beamte, die einfach ihre Vergütung kriegen und dazu vielleicht sogar noch bestechlich sind. Die Kehrseite war natürlich, dass diese Zöllner oft überhöhte Steuern und Zölle kassierten, ohne dass man sich dagegen wehren konnte. – Man stelle sich das vor: Unsere Finanzbeamten würden nach Höhe der aufgebrachten Steuer bezahlt und es gäbe keine Rechtsmittel gegen falsche Steuerbescheide. Wir können uns vorstellen, dass die Finanzbeamten unter diesen Bedingungen einen noch viel schlechteren Ruf hätten als so schon.


So einer war der Zöllner Matthäus. Für ihn war das Leben in Ordnung, denn es ging ihm auf gut – jedenfalls materiell. Nur seine Mitbürger sahen das anders: „Das ist doch krank!“, sagten sie, „dass sich da einer einfach so die eigenen Taschen füllen darf.“ Und sie behandelten ihn entsprechend wie einen Aussätzigen. Aussätzig war er auch aus religiösen Gründen, denn er machte sich die Finger schmutzig, indem er für den Staat arbeitete – für einen heidnischen, gottlosen Staat! Er beschmutzte seine Seele, indem er sich über Gottes Gebote hinwegsetzte. Er war unrein – wie ein Kranker. So sahen es die Gläubigen seiner Zeit.


Als Jesus zu ihm kam – als Arzt auf Krankenbesuch –, verordnete er ihm sofort seine Therapie: „Komm mit! Folge mir!“ – Das ist schon krass und kaum zu begreifen, dass Matthäus tatsächlich auf ein Wort von Jesus hin alles stehn und liegen lässt, sein altes, gesichertes Leben aufgibt und mit ihm mitgeht in eine ungesicherte Zukunft. Sicher hat das eine umfassendere Vor- und Nachgeschichte. Vielleicht gibt uns ja der Evangelist nur eine absolut gekürzte Fassung des Patientengesprächs wieder, das Jesus mit ihm führt.


Ja, dass die Leute ihn für krank hielten, das wusste er schon lange. Aber Hilfe haben sie ihm trotzdem nicht angeboten. Und so gab es gar keinen Weg für ihn heraus aus diesem kranken Leben. Bis Jesus kam, von dem er mit Sicherheit schon gehört hatte. Jesus erklärte ihn nicht nur für krank, sondern er verordnete ihm ein neues, verändertes Leben.


War es eine leichte Entscheidung, sich darauf einzulassen, oder ist sie ihm schwer gefallen? – Immerhin sollte er seinen bisherigen sicheren und gut bezahlten Job aufgeben. Aber wie und warum auch immer: Matthäus ließ sich darauf ein.


Der Evangelist Matthäus erzählt uns die Geschichte vom Zöllner Matthäus, weil an dieser Stelle sein krankes Leben in Ordnung gekommen ist, geheilt wurde – durch Jesus, den Arzt.


Die Pharisäer ärgert das. „Darf der denn das?“ – Ja, Jesus darf. Er muss sogar, das ist sein Auftrag – als Arzt.


Wahrscheinlich haben die pharisäischen Kritiker Jesu das nicht verstanden, dass er Gottes Arzt ist für die Menschen, deren Leben ziemlich krank ist. Zu denen geht Jesus hin auf Krankenbesuch. Er ist überhaupt auf Krankenbesuch in dieser Welt, wo so vieles einfach nur krank ist und so viele einfach nur krank sind.


Aber sie hatten etwas anderes erwartet von Gott, von seinem Messias. Er sollte zu ihnen kommen, zu den Gesunden, zu den Gerechten. Das hatten sie sich verdient, weil sie so fromm lebten. Wenn an einem Tag alle Juden alle 613 Gebote des Alten Testaments einhalten würden, dann würde der Messias kommen, so hatten sie es erwartet. Er würde zu ihnen kommen, den Frommen und zum Lohn für ihre Treue Israel erlösen und befreien und mit ihnen Gottesreich errichten.


Aber dann kam Jesus, und er kam wohl mit dem Anspruch, der Gesandte Gottes zu sein. Aber er kam nicht zu ihnen, nicht zu den Frommen, den Treuen, den Gerechten, die es verdient hätten. Er ging an ihnen vorbei und gab sich lieber mit den Zöllnern ab, die auch nicht einen Tag wirklich nach Gottes Geboten lebten; er ging zu den Unreinen, die schon durch ihre bloße Existenz Gott beleidigten; er ging zu den Armen, die es sich gar nicht leisten konnten, nach dem Gesetz zu leben. – Das war die große Enttäuschung der Pharisäer. Jesus kam nicht zur Belohnung für die, die keine Hilfe brauchten, weil sie sich selber helfen konnten, er kam aus Gnade zu denen, die Gottes Hilfe am nötigsten hatten, zu den Kranken, den Armen, zu den Kaputten.


Den Frommen und Gerechten, den Starken und Gesunden hat Jesus einen biblischen Vers des Propheten Hosea ins Stammbuch geschrieben: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht an Opfer. – Ja, die Frommen brachten sicher Opfer, indem sie sich große Mühe gaben, nach Gottes Willen zu leben, alle Vorschriften einzuhalten – das waren damals natürlich auch Opfervorschriften – und auch um ihre Synagogen und den Jerusalemer Tempel zu unterhalten – das kostete mit Sicherheit auch finanzielle Opfer, aber das war es ihnen wert. Und doch, sagt Jesus: Das ist es nicht wirklich, woran Gott Gefallen hat. Er möchte lieber Barmherzigkeit. Die zeigt sich daran, wie Menschen miteinander umgehen, insbesondere, wie sie mit denen umgehen, die als Kranke, als Schwache, als Sünder leben. Die nicht allein herausfinden aus dem, was sie krank macht an Leib und Seele. Genau diese sind Jesus wichtig. Genau zu denen ist er als Arzt gekommen.



Für uns, liebe Schwestern und Brüder, kann diese Geschichte in zweierlei Hinsicht wichtig werden.


Erstens: Wir sollen wissen: Er ist auch unser Arzt. Wo wir mit unserem Leben nicht mehr weiter kommen, nicht mehr weiter wissen, wo wir mit unseren Anstrengungen scheitern, Gott und uns selbst zu genügen, da wo uns Probleme und Nöte, Ängste und Zweifel über den Kopf wachsen, da ist er als Arzt für uns da. Auch wenn es schwer fällt: Wenn es so ist, dann sollten wir es auch zugeben, dass wir krank sind, Sünder sind, hilfsbedürftig sind. Und dann hingehen, zum Arzt, zu Jesus. Er kann uns helfen, und er will uns helfen.

Zweitens ist diese Geschichte auch wichtig für den Pharisäer in uns. Machen wir es uns klar, dass Jesus nicht für die Gerechten gekommen ist, sondern für die Sünder, nicht für die Gesunden, sondern für die Kranken! Unsere Gottesdienste und Veranstaltungen, unsere Feste und Feiern sind eigentlich gar nicht so sehr für die Frommen, die Rechtgläubigen und die Geisterfüllten gedacht, sondern in erster Linie für alle die, bei denen irgendwas nicht stimmt. – Den Gedanken: „Was will der denn hier? Ist der denn überhaupt gläubig?“, den sollten wir ganz schnell wieder vergessen; es ist ein pharisäischer Gedanke.


Martin Luther hat mal gesagt, der Gottesdienst sollte eine „öffentliche Aufreizung zum Glauben“ sein – also eine Einladung, ein Anreiz zum Glauben für alle, die nicht glauben, wenig glauben, zweifeln. Wer mit Gott im Reinen ist, der braucht keine Kirche. Aber wer nach Sinn und Halt und Hilfe sucht, weil in seinem Leben was nicht stimmt, der ist richtig bei uns.


Willkommen in der Gemeinschaft der Zöllner und Sünder!