Sonntag, 20. Januar 2013

Predigt am 20. Januar 2013 (Letzter Sonntag nach Epiphanias)

Das Volk sprach zu Jesus: „Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: ‚Der Menschensohn muss erhöht werden‘? Wer ist dieser Menschensohn?“ Da sprach Jesus zu ihnen: „Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.“ Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.
Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn, damit erfüllt werde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagte (Jesaja 53, 1): „Herr, wer glaubt unserm Predigen? Und wem ist der Arm des Herrn offenbart?“ Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja hat wiederum gesagt (Jesaja 6, 9.10): „Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe.“ Das hat Jesaja gesagt, weil er seine Herrlichkeit sah und redete von ihm.
Johannes 12, 34-41


Liebe Schwestern und Brüder,

Dunkel und noch dunkler – so hat die FAZ vor ein paar Tagen einen Artikel überschrieben. Darin geht es – ihr habt vielleicht davon gehört – um die Geschichte von Zwillingsbrüdern aus Belgien: 45 Jahre alt, von Geburt an taub, gehörlos. Und nun begannen sie auch noch zu erblinden. Worauf sie sich gemeinsam entschieden, sich töten zu lassen. „Ihr ganzes Leben haben sie Seite an Seite verbracht“, schreibt die FAZ, „gemeinsam bewohnten sie ein Appartement, gemeinsam absolvierten sie eine Ausbildung zum Schuhmacher und gemeinsam starben sie nun kurz vor Weihnachten 2012. Es waren Ärzte des Brüsseler Universitätsklinikums, die ihnen die tödlichen Injektionen spritzten.“


Dunkel und noch dunkler – so schien ihnen die Welt zu sein, der sie entgegen gingen, eine Welt ohne Töne, ohne Licht, ohne Bilder, ohne sichtbare Zeichen. – Wir können uns das kaum vorstellen. In die stille Welt eines Gehörlosen mögen wir uns mit Mühe hineinversetzen können. Die dunkle Welt eines Blinden, in der er sich durch Töne und Klänge, durch Tasten und Führen doch noch orientieren kann, das mag uns möglich erscheinen. Und wir kennen ja auch Menschen, die nicht sehen oder nicht hören. Aber die beiden wichtigsten Sinne zu verlieren, das ist schon unerhört. Blind und gehörlos. Was spüre ich da noch von der Welt, in der ich lebe, von den Menschen, mit denen ich lebe?


Dunkel und noch dunkler – ja, noch dunkler – finster, kalt, grausam – ist es für mich aber, wenn ein Mensch – oder hier zwei Menschen gemeinsam – ihr Leben für wertlos erklären. Nicht mehr lebenswert. Lebensunwertes Leben. Tötet uns! Macht uns weg! – Und schon sind sie zur Stelle, die Ärzte mit der Todesspritze.

Taubblinde können nicht sehen und nicht hören, gewiss. Aber sie können fühlen, tasten. Sie können kommunizieren – sich in die Hände schreiben, lesen – die Blindenschrift. Mithilfe von Computern schreiben und am sozialen Leben teilnehmen. Sie können denken, dichten, sich ausdrücken, arbeiten und basteln. Sie können riechen, schmecken, Wind, Wasser, Wärme spüren. Sie können einen anderen Menschen neben sich spüren, berühren, riechen, fassen, streicheln, küssen, lieben. – Das soll alles nichts sein? Leben, das es nicht wert ist, gelebt zu werden?


Ich denke an Andreas, der im letzten Sommer hier war; einige haben ihn kennengelernt. Andreas ist blind. Erblindet auf Grund einer Stoffwechselkrankheit. Andreas ist gehbehindert – auf Grund derselben Stoffwechselkrankheit; es wird nicht besser, im Gegenteil. Andreas ist schwerhörig, auf seine Hörgeräte angewiesen, auch das infolge derselben Krankheit. Es wird alles nicht besser, auch wenn die Verschlimmerung mit richtiger Ernährung verzögert werden kann. Vielleicht wird er trotzdem eines Tages nicht mehr selber gehen können und kaum noch hören können. – Andreas hat es genossen, dass er hier war. Auch wenn er die Berge und das Meer, die Sonne und die Weite nicht sehen konnte, hat er die Luft und das Wasser gespürt, hat sich zeigen und erklären lassen, was er nicht sehen konnte; er hat glückliche Tage mit uns erlebt. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass Andreas sagt: „Gebt mir die Spritze! Mein Leben ist nichts mehr wert!“


Zugegeben, das Thema Sterbehilfe ist ein schwieriges Thema. Wer sich, so wie ich, dagegen positioniert, wird schnell als unbarmherzig hingestellt, als jemand, der Menschen Leiden zumutet, das er ja selber nicht ertragen muss. Weiß ich, wie sich auswegloses Leidens-Dunkel anfühlt? Bin ich vielleicht einer von diesen arroganten Freunden Hiobs, die sagen: So darfst du nicht reden, denken, fühlen? – Aber nein, ich möchte ja niemanden verurteilen, dem das Leben so unerträglich geworden ist, dass er lieber sterben möchte. Das ist dem Hiob in der Bibel auch nicht anders ergangen oder auch dem Jeremia. – Ich finde es nur erschreckend, wenn auf das Verzweilfungs-Dunkel von Menschen so bereitwillig mit dem Todes-Dunkel geantwortet wird: Wenn er nicht mehr will, blasen wir ihm eben das Lebenslicht aus. Gäbe es nicht noch Möglichkeiten, Licht ins Dunkel zu bringen? So dass Leben bleibt, wenn auch eingeschränkt? So dass Liebe bleibt, weil einer dem andern Licht ist, auch da, wo das Todes-Dunkel nahe ist?


Ich glaube an das Licht. Ich glaube, dass es auch in der tiefsten Dunkelheit scheint und dass keine Finsternis es auslöschen kann. Ich glaube, dass dieses Licht, Gottes Licht, in die Welt gekommen ist. Damals, Weihnachten. Damals, als Jesus zur Welt gekommen ist. Daran glaube ich.


Und darum bin ich ratlos, wenn es in dieser Welt dunkel und noch dunkler wird, wenn es in Menschenherzen so dunkel wird, dass sie gar kein Licht mehr sehen können.


Offensichtlich gibt es sie, unzählige Menschen, die das Licht nicht sehen können – oder nicht sehen wollen. Oder die dem Licht nicht trauen.


Können wir ihm denn trauen? Ist es denn wirklich heller geworden, seit Jesus gekommen ist? Ist dieses Hoffnungslicht von Weihnachten nicht doch wieder verglommen?


Weihnachten minus Engel und Hirten minus Stern und Könige – da bleibt eine Familie auf der Flucht und ein Massaker an Kleinkindern. Es ist wieder dunkel in Bethlehem.


Christ, der Retter, ist da – ja für ein paar Jahre. Da und dort wird es hell, als er Blinden die Augen öffnet und Tauben die Ohren. Aber dann ist er wieder weg. Stirbt am Kreuz. Und über Golgatha ist es dunkel.


Und dann doch das Licht sehen. Den Ostermorgen. In Jesus mehr sehen als den Gescheiterten. Dem Auferstandenen begegnen. – Das ist ein Geschenk. Das ist Gnade.


Ich glaube an das Licht. Und ich weiß: Dass ich glauben kann, liegt nicht an mir. Es liegt an ihm. Er hat sein Licht in meinem Herzen angezündet. Irgendwann. Vielleicht war es Weihnachten: Das strahlende Kinderlachen Gottes. Vielleicht war es Ostern: der starke Herr an meiner Seite. Vielleicht war es immer wieder: Lichtstrahlen da und dort, die mein Herz erreicht haben.


Ich glaube an das Licht. Vielleicht habe ich Glück, dass ich glauben kann. Vielleicht weiß ich noch nicht, was wirkliches Dunkel ist. Vielleicht aber war es sein Licht in mir, dass die Finsternis immer wieder vertrieben hat. Ich kann mir jedenfalls keine Finsternis vorstellen, die so dunkel wäre, dass nicht noch ein Fünkchen Licht da hinein scheinen könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Leben absolut dunkel und lebensunwert werden könnte.


Liebe Freunde, unser Glaube an das Licht ist ein schwacher und angefochtener Glaube – in einer dunklen Welt, in der nicht nur da und dort gelitten wird, sondern in der das Leiden, der Zweifel und die Verzweiflung plötzlich ganz nahe sein können. – Aber und gerade deshalb: Sucht das Licht! Haltet euch an das Licht! Glaubt an das Licht! Werdet Kinder des Lichts! Damit euch kein Dunkel je verschlingen kann!