Sonntag, 5. August 2012

Predigt am 5. August 2012 (9. Sonntag nach Trinitatis)


Liebe Schwestern und Brüder,

was ist der Sinn des Lebens? Nein, konkret, was ist der Sinn deines Lebens? Wozu bist du auf der Welt? Was ist dein Auftrag, deine Bestimmung, deine Berufung? Weißt du das? Hast du dir darüber Gedanken gemacht? - Vermutlich ja. Du kommst ja in die Kirche, du glaubst ja an einen Gott, der deinem Leben seinen Sinn gibt – SEINEN Sinn, also Gottes Sinn. Du glaubst ja an einen Gott, der dich gewollt und geschaffen hat. Du bist also für etwas gut.

Wofür ganz genau, was der ganz große Plan Gottes ist, oder was der ganz kleine und spezielle Plan für dein Leben ist, das wirst du wahrscheinlich nicht ganz so klar beantworten können. Du wirst es vielleicht immer neu herausfinden müssen. Und wahrscheinlich ist es am einfachsten, wenn du Gott jeden Tag, jeden Morgen fragst: "Was ist dein Plan für mich heute? Was ist dein Auftrag, den ich diesen Tag erfüllen soll? Was ist der Sinn, nicht meines ganzen Lebens, sondern was ist der Sinn des heutigen Tages?" Und genau so kannst du am Abend Bilanz ziehen: "Was war der Sinn dieses Tages? Wo habe ich Gottes Auftrag erfüllt, wo nicht?"


Hört als Predigttext die Worte eines Menschen, der den Sinn seines Lebens gefunden hat, weil er Gottes Ruf gehört und verstanden hat. Es sind Worte des Propheten Jeremia, aufgeschrieben im 1. Kapitel des gleichnamigen Prophetenbuchs:

Des HERRN Wort geschah zu mir: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“ – Ich aber sprach: „Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“ – Der HERR sprach aber zu mir: „Sage nicht: 'Ich bin zu jung', sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.“ Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst – und bauen und pflanzen.“


Liebe Schwestern und Brüder,

wahrscheinlich hätte Jeremia gerne auf diese Berufung verzichtet. Obwohl, wenn er gewusst hätte, dass sein Name und seine Geschichte noch nach über zweieinhalb Jahrtausenden bekannt sein würde … Aber ist es das wirklich? Kann das der Sinn des Lebens sein: Berühmt werden, so dass noch spätere Generationen von einem sprechen? – Ich denke, zumindest käme es darauf an, wofür einer berühmt wird … Jeremia ist berühmt geworden, nicht weil er dazu berufen wurde, berühmt zu werden, sondern weil er seiner Berufung gefolgt ist.

Jeremias Berufung war es nicht, berühmt zu werden oder gar populär zu werden. Jeremias Berufung war es, Gottes Wort zu sagen, und zwar denen, bei denen es gerade nicht populär war. Jeremia war kein selbst ernannter Querdenker, kein unbequemer Intellektueller, keiner, der gerne irgendwie auf sich aufmerksam machen wollte. Im Gegenteil, er hätte gerne ein ganz normales und unscheinbares Leben gelebt. Von der Familientradition her hätte er einen recht angenehmen, wohl geordneten und gut bezahlten Job als Priester machen können. Das wäre es doch gewesen.

Aber Gottes Berufung für sein Leben war halt eine andere. Eine, gegen die er sich sträubte: "Ich kann nicht, ich will nicht, ich bin zu jung." Und später mit verzweifelten Anklagen: "O Gott, was hast du mir angetan mit dieser Berufung! Wäre ich doch nie geboren worden!" Und noch später mit stiller Ergebung, als ihn seine Landsleute mitschleppen nach Ägypten, wohin sie fliehen vor den Babyloniern. Vor den Babyloniern, vor denen Jeremia gewarnt hatte. Nach Ägypten, wohin sie nie hätten gehen dürfen, wenn sie auf seine Worte gehört hätten. Dort verlieren sich seine Spuren …

War das der Sinn seines Lebens? Vor einem Schicksal warnen, das dann doch unausweichlich kam, weil es kommen musste? Gottes Wort sagen in der Gewissheit, dass sich doch keiner drum scheren würde? Und die Konsequenzen dieser geistlichen Gehörlosigkeit, dieses Ungehorsams, dieser Verstocktheit am eigenen Leibe erleiden müssen? War das der Sinn seines Lebens? – Jeremia hat sich diese Frage gestellt, und er hat von Gott die Antwort bekommen: "Ja, das ist dein Auftrag. Dazu habe ich dich bestimmt und berufen. Das ist der Sinn deines Lebens. Und darin stehe ich auch zu dir, von Anfang bis Ende."


Die Berufung Jeremias ist eine sehr spezielle. Sie ist nicht deine und nicht meine. Was deine Berufung ist, das erfährst du im täglichen Umgang mit deinem Gott.

Aber wir können lernen auch aus der Berufung Jeremias:

Und da lernen wir zuerst, dass der Sinn des Lebens nicht unbedingt dasselbe ist wie ein immer glückliches und leidfreies Leben. Auch ein hartes und leidgeprüftes Leben kann sinnvoll und gesegnet sein. So wie es das Leben Jeremias war.

Und dann lernen wir noch drei Dinge, die nicht nur für Jeremia richtig und wichtig sind, sondern für jeden, den Gott beruft.

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest. Gott sagt: Ich kenne dich! Das ist das erste.

Gott kennt dich von Anfang an, von Ewigkeit her. Und er hat etwas vor mit dir. Von Anfang an, von Ewigkeit her. Dazu musst du kein Jeremia sein. Auch du bist von Gott gewollt und erwählt.

Wir haben mit dem Psalm am Anfang die Antwort darauf, das Gebet eines Menschen mitgesprochen, der das für sich erkannt hat: Herr, du erforschst mich und kennst mich.

Es ist für mich etwas ganz Großes und eben auch etwas ganz Wesentliches in dieser Gewissheit: Der ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, er kennt mich – persönlich und besser als jeder andere. Da fühle ich mich geborgen und gehalten und verstanden. Da werde ich mir ganz sicher, dass mein Leben bei ihm seinen Sinn hat.

Gott sagt: Ich kenne dich! Du bist erwählt.

Weiter: Du sollst gehen, wohin ich dich sende. Gott sagt: Ich brauche dich! Das ist das zweite.
Da kommt fast immer eine Ausrede, ein Einwand: "Warum gerade mich? Ich bin zu jung. Ich kann das gar nicht, was du verlangst. Nimm doch einen anderen." – Man könnte das an vielen Berufungsgeschichten der Bibel durchdeklinieren: Mose, Jesaja, ja schon Abraham (Der sagt nicht: „Ich bin zu jung“, sondern „Ich bin zu alt.“).

Welchen Einwand hast du, wenn Gott dich ruft? Zu alt, zu faul, zu unqualifiziert, zu schüchtern, zu eitel, zu kleingläubig, zu großspurig …? – Eins musst du wissen: Im Ernstfall zählt das alles nicht bei Gott. Er räumt deinen Einwand beiseite. Sage nicht: Ich bin zu … - jung, sagt er zum Beispiel zu Jeremia. Und dann schafft er Abhilfe: Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Wem Gott einen Auftrag gibt, dem gibt er auch die nötigen Fähigkeiten dazu. Gabe und Aufgabe gehören zusammen. So und so: Wenn Gott dir eine Aufgabe gibt, dann gibt er dir auch die nötige Gabe.

Es kann auch umgekehrt sein: Wenn du noch nicht weißt, wozu du von Gott beauftragt bist, dann schau auf deine Gaben, was du damit tun kannst. Gaben sind auch Aufgaben.

Eines sollst du wissen: Wenn Gott etwas von dir fordert, so wird er dich doch nicht überfordern.

Gott sagt: Ich brauche dich! Du bist begabt.

Und nun das dritte: Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten. Gott sagt: Ich schütze dich!

Fürchte dich nicht!, ist ein ganz wichtiges und immer wiederkehrendes Wort Gottes an die, die er kennt und braucht. Denn beängstigend, ja furchteinflößend ist das allemal, wenn der allmächtige Gott etwas von dir fordert. Beängstigend und furchteinflößend ist es zumal, wenn du etwas tun sollst, das den gängigen Meinungen und Verhaltensweisen entgegensteht. Opposition erfordert Mut. Das ist schon im Kleinen so, wenn ich sagen muss: "Nein, das sehe ich anders." Oder: "Ich glaube, da liegst du falsch." Es kostet immer ein bisschen Überwindung, anders zu sein als die anderen.

Jeremia war berufen extrem anders zu sein, dem Mainstream und den Mächtigen offen zu widersprechen, und dafür ist er nicht nur gehasst, sondern auch verhört, verhaftet, gefoltert, verschleppt und gedemütigt worden. Das erforderte viel Mut und Durchhaltevermögen, ja Furchtlosigkeit. Und es ging wohl nur, weil er es nicht nur wusste, sondern immer auch wieder spürte, dass der HERR bei ihm war und ihn errettete – trotz allem. Am Ende zählt es eben nicht, auf der Seite der Mehrheit oder der Mächtigen gewesen zu sein, sondern auf Gottes Seite.

Wenn ich das sage, schwingt da immer ein bisschen unserer Erfahrung vom Christsein in der DDR mit. Aber ich glaube, auch Christsein in der Bundesrepublik oder im heutigen Europa wird nicht einfacher werden. Christlicher Glaube ist nicht mehr Mainstream. Und einige Vorreiter der öffentlichen und veröffentlichten Meinung treten immer aggressiver gegen Religion und Christentum auf. Ich will das heute nicht vertiefen.

Aber ich will dir sagen: Wo und wann immer du Angst bekommst, wo die Furcht nach dir greift, du könntest Gottes Berufung nicht gewachsen sein, da sagt er dir: "Fürchte dich nicht! Ich schütze dich. Ich behüte und bewahre dich. Was auch kommen mag!"

Gott sagt: Ich schütze dich! Du bist gesegnet.

Woher ich das weiß, dass Gott das auch zu dir sagt: Ich kenne dich. Ich brauche dich. Ich schütze dich? – Ich weiß es, weil du getauft bist. Und weil Gott genau das einem jeden Christenmenschen in der Taufe zusagt und verspricht, und es so auch dir zugesagt und versprochen hat: Ich kenne dich. Ich brauche dich. Ich schütze dich.

Gott gibt deinem Leben seinen Sinn: Er beruft dich nach seinem Willen. An dir ist es, seinen Ruf zu hören und ihm zu folgen, Tag für Tag. Dazu bist du erwählt, begabt und gesegnet.

Sonntag, 29. Juli 2012

Predigt am 29. Juli 2012 (8. Sonntag nach Trinitatis)


Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. [...] Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.
1. Korinther 6, 9-14. 18-20

Liebe Schwestern und Brüder,

seid vorgestern, genau genommen erst seit gestern, feiert die Welt wieder das große Fest der Leiblichkeit. Natürlich sind die Olympischen Spiele vieles mehr. Vor allem, wenn man etwas von der großen Idee spürt, die dahintersteht: die Welt im friedlichen Wettkampf vereint. Trotzdem, sie sind vor allem ein Fest der Leiblichkeit, denn im Mittelpunkt steht der Sport, stehen die Höchstleistungen menschlicher Körper. Wir staunen, was sie vollbringen. Und wir bewundern auch die Kraft und Schönheit eines athletischen Körpers. Viele Sportler präsentieren genau das, ihren fantastischen Körper, unterstrichen und verschönert vielleicht auch durch eindrucksvolle Tattoos …

Die Olympischen Spiele fügen sich ein in eine Zeit, in der der menschliche Körper wiederentdeckt worden ist. Ein Kennzeichen der Moderne, und damit meine ich das 19. und vor allem das 20. Jahrhundert, ist die Wiederentdeckung der Leiblichkeit. Der Mensch hat nicht nur einen Körper, der sich irgendwie dem Geist unterzuordnen hat, sondern der Mensch ist Körper. Wie wichtig das ist, das kann man daran ablesen, welche Bedeutung die Themen des Körpers, der Leiblichkeit gewonnen haben.

Der Sport ist wiederentdeckt worden. Der menschliche Körper ist eben nicht nur ein Arbeitstier, sondern etwas, das Freude bringt, wenn man es in Bewegung setzt.

Das Thema Gesundheit ist immens wichtig geworden. Denken wir an die Entwicklung der Medizin in den letzten 200 Jahren. War man davor den meisten Krankheiten ziemlich hilflos ausgeliefert, so können wir heute unheimlich viel für die Gesundheit tun. So viel, dass wir Krankheit schon fast als etwas wahrnehmen, das eigentlich gar nicht sein soll, woran wir oftmals selber schuld sind und das mit der richtigen Behandlung und mit der richtigen Einstellung überwunden werden kann. – „Ich habe den Krebs besiegt“ - ein Satz, auf den vor 200 Jahren kein Mensch gekommen wäre.

Der ganze Bereich der Sexualität, der körperlichen Liebe, ist aus seiner dunklen Tabuzone – das ist peinlich, darüber spricht man nicht – herausgetreten. Sexualität wird offen – mancher empfindet es allerdings auch schamlos – thematisiert und praktiziert.

Und denken wir einfach auch an die Freizügigkeit, mit der heute der menschliche Körper, auch und gerade der weibliche Körper der Öffentlichkeit präsentiert, manchmal muss man auch sagen: zugemutet wird (Da müssen wir ja nur vor die Tür gehen.).


Wir müssen zugeben: Als Christen und als Kirchen standen wir bei all diesen Entwicklungen hin zu mehr Leiblichkeit und Körperbewusstsein nie an der Spitze der Bewegung. Uns umgibt immer ein Hauch von Leibfeindlichkeit, von Prüderie und Schamhaftigkeit. Dazu kommt, dass in den Kirchen weltweit immer noch die heftigsten Schlachten um die Sexualmoral geschlagen werden.

Irgendwie ist es nicht ganz aus der Luft gegriffen, dass der Kirche Lust- und Leibfeindlichkeit nachgesagt wird. Man kann das sicherlich geschichtlich aufdröseln. Ein wichtiger Punkt dabei wird sein, dass der christliche Glaube sich sehr früh mit der Philosophie des alten Platon und seiner Nachfolger angefreundet hat, die das Gute, Wahre und Schöne in einem Reich der Ideen erblickte, zu dem man sich hinwendete, indem man sich von den vergänglichen körperlichen Dingen abwendete. Abtötung des Leibes wurde zum Ideal des platonisch beeinflussten Mönchtums. Das hat die Christenheit geprägt.

Dabei steht am Anfang der christlichen Botschaft etwas ganz anderes: die Bejahung des Leibes, des Körpers, des ganzen Menschen.

Jesus hat Menschen körperlich geheilt. Er hat sie berührt und gesund gemacht. Hat ihnen nicht gesagt: Dein Leib ist unwichtig, Hauptsache deine Seele wird gerettet. Er hat ihnen ausdrücklich das Heil für Seele und Leib gebracht.

Und Jesus selbst – er war ja Mensch, ganz und gar: mit einem Leib, einem Körper, der Hunger und Durst hatte, der Schmerz und Lust kannte, der wusste, was Mühe und Entspannung bedeutete. Das Wort ward Fleisch, heißt es. Gott wurde Mensch, sagt das Glaubensbekenntnis. Warum? – Weil es Gott eben nicht nur um unsere Seele geht, sondern auch um den Leib, um den ganzen Menschen. Christus hat leiblich gelitten am Kreuz – das war in der frühen Christenheit ein ganz wichtiges Thema: Indem er ganz wie wir war, auch in seinem leiblichen Leben und Sterben, konnte er uns auch ganz erlösen, mit Seele und Leib.

Ja, und Erlösung mit Seele und Leib, das heißt dann eben auch leibliche Auferstehung. Auferstehung des Fleisches, habe ich als Kind noch gelernt, bevor dann die neue ökumenische Fassung des Glaubensbekenntnisses eingeführt wurde. Auferstehung, wie Christen sie glauben, ist eben nicht nur ein Weiterleben der unsterblichen Seele nach dem Tod, sondern eine neue leibliche Existenz. Weil eine Seele ohne Leib unvollständig ist. Weil Gott uns leiblich geschaffen hat und wir in Ewigkeit zur Leiblichkeit bestimmt sind.

„Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes“ , so der Württemberger Theologe Friedrich Christoph Oetinger bereits im 18. Jahrhundert.

Richtig verstanden ist also unser Leib, unser menschlicher Körper immens wichtig. Gott hat uns zu einem leiblichen, körperlichen Leben geschaffen. Wir erfahren und gestalten unsere Welt durch unseren Leib. Wir geben und empfangen mit unserem Leib. Wir kommunizieren mit unserem Leib. Wir sind unser Leib. Und ohne Leib sind wir nicht. Gott liebt nicht nur unsere Seele, sondern auch unseren Leib. Und deshalb sollen wir selber unseren Leib, unseren Körper auch wichtig nehmen, ihn nicht verachten oder vernachlässigen, sondern ihn pflegen, ihm Gutes tun und Gutes mit ihm tun.


So ist auch unser Predigttext gemeint. Vielleicht hat er beim ersten Hören etwas von dieser alten prüden Leibfeindlichkeit anklingen lassen, wenn da von sexuellen Lastern und Hurerei die Rede ist. Aber die Pointe ist ja eine ganz andere: Unser Leib ist kostbar, ist wertvoll, ist wunderbar. Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes. – Was für eine Ehre, was für eine Auszeichnung! Gottes Geist wohnt in unserem Leib. Gott selber wird leiblich in unserem Leib. – Wie anders sollen Menschen Gott begegnen, als durch uns, durch unsere leibliche Existenz!

Und deshalb geht es hier überhaupt nicht darum, den Leib mit seinen Bedürfnissen zu verachten, sondern es geht darum, ihn zu ehren – als Gottes Werk und Gottes Wohnung.

Geht achtsam um mit eurem Leib!, sagt der Apostel. Überlegt, was ihr tut mit eurem Leib!

Dabei geht es gar nicht um Verbote und Tabus, sondern darum, was mir nützt und was mir schadet. Alles ist mir erlaubt, schreibt Paulus, aber nicht alles dient mir zum Guten.

Christliches Leben, Leben mit Christus ist Freiheit, nicht Zwang. Leben mit Christus heißt, nicht immer erst fragen zu müssen, was ich darf, und darauf zu achten, was vielleicht verboten ist. Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, was für mich und für die anderen gut ist, und was nicht, und darüber soll ich in Freiheit entscheiden. In Freiheit entscheiden, heißt Verantwortung übernehmen. Ich bin verantwortlich für das Leben, das ich führe. Ich bin verantwortlich dafür, was ich mit meinem Körper anstelle.

Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen. – Pass auf, heißt das, dass du deiner Freiheit nicht neue Fesseln anlegst! Pass auf, dass du nicht zum Sklaven deines Leibes wirst! Es geht um die Freiheit.

Wir kennen doch die Beispiele von Unfreiheit, gerade im Blick auf unseren Körper. Da werden aus Trieben Süchte. Da wird aus Essen, das uns guttut, Völlerei, die uns fett und krank macht. Da wird aus dem Genuss von belebenden Getränken der zwanghafte Griff zur Flasche, der uns hässlich und am Ende auch krank macht. Da wird aus dem Bedürfnis nach Bewegung und Sport ein suchtartiges Nicht-Aufhören-Können. Da wird aus dem Wunsch nach einem schönen Körper krankhafte Magersucht oder der Zwang, immer neue chrirurgische Verschlimmbesserungen am eigenen Körper vornehmen zu lassen, bis überhaupt nichts mehr echt daran ist. Und da wird aus dem Bedürfnis nach körperlicher Nähe und sexueller Befriedigung bindungsloses Umherschweifen, die Gefährdung und Zerstörung von Beziehungen oder gar Missbrauch und Gewalt. Um diese Gefahren der Unfreiheit, des Zwanges, der Sucht und der Zerstörung geht es Paulus, wenn er vor Hurerei und anderen Lastern warnt.


Gott hat uns einen großartigen, wunderbaren Körper geschenkt. Wir können herrliche Dinge mit ihm erleben und tun. Wir können ihn schmücken und ehren und ihm wohltun. Wir können ihn in den Dienst unserer Mitmenschen und der menschlichen Gemeinschaft stellen. Wir können ihn als Tempel von Gottes Geist bewohnen lassen, so dass wir Gott damit Ehre machen.

Es ist gut, dass der menschliche Körper in den letzten Jahrhunderten wieder zu Ehren gekommen ist. Dass wir ihn wahrnehmen können. Dass wir seine Schönheit und Leistungsfähigkeit bewundern können, so wie jetzt wieder bei den Olympischen Spielen.

Wir können heute vielleicht sogar wieder etwas besser verstehen, was leibliche Auferstehung bedeutet. Wir sollen einmal den Himmel genießen.

Es ist gut, dass uns unser menschlicher Körper, unser Leib wichtig ist. Weil er Gott wichtig ist. Und darum auch wollen wir mit unserem Leib wie mit unserer Seele, mit unserem ganzen Leben Gott die Ehre geben.

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Sonntag, dem 29. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

wir nennen Gott Vater, Schöpfer, König, Richter, Hirte, Quelle, Burg und vieles mehr. – Aber wie heißt Gott wirklich? Hat er keinen richtigen Namen? – Gott ist ja eigentlich nur eine Gattungsbezeichnung: Hier der Mensch, dort der Gott. Menschen haben verschiedene Götter angebetet in vergangenen Zeiten und auch noch heute. Hat unser Gott, der Gott den Christen und Juden verehren, nicht auch einen Namen?


Vielleicht haben Sie sich mal mit Mitgliedern der Gemeinschaft der “Zeugen Jehovas” unterhalten. Die werden Ihnen erklären, Gottes richtiger Name sei Jehova. – Wie kommen sie darauf?


Nun sie haben damit nicht ganz Unrecht. Denn in der hebräischen Bibel, der Originalfassung unseres Alten Testaments, steht tatsächlich immer wieder dieser Name. In unseren Bibelübersetzungen wird der meistens mit dem groß gedruckten Wort HERR wiedergegeben. Das hat damit zu tun, dass die Juden schon in alter Zeit aus Ehrfurcht den Namen Gottes nicht ausgesprochen haben, sondern ihn z.B. durch dasWort für Herr ersetzt haben. Wie der Gottesname ursprünglich ausgesprochen wurde, wissen wir deshalb gar nicht mehr ganz genau: wahrscheinlich Jachwe oder Jahwe. Die falsche Aussprache Jehova ist dadurch entstanden, dass man schon in den hebräischen Handschriften des Alten Testaments als Lesehilfe die Vokale für das Wort HERR ergänzt hatte. Leute, die das nicht mehr wussten, haben dann JEHOVA gelesen. Aber so heißt Gott nicht.


Der alte Gottesname JAHWE wird in der Bibel hergeleitet aus Gottes Worten: Ich bin, der ich sein werde, oder einfach: Ich bin da. Sein Name sagt, wer er für uns ist. Er ist für uns da. Gott gibt sich zu erkennen. Er kümmert sich um uns. Er ist für uns da. Das ist sein Wesen. Das ist sein Name.


Ja, und warum nennen wir Gott dann nicht bei diesem seinen Namen? – Nun, weil wir wie die Juden den Namen Gottes mit Ehrfurcht behandeln und so die Anrede HERR übernommen haben. Und weil wir wissen, wenn wir Gott sagen, dass es ja nur den einen gibt, der in Wahrheit Gott ist: der Gott, der für uns da ist.

Samstag, 28. Juli 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Samstag, dem 28. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Dieser Psalm ist eines der bekanntesten Bibelworte und eines der am  häufigsten gesprochenen Gebete überhaupt. Der Herr ist mein Hirte – Psalm 23: Das ist christliches Grundwissen, das bis heute noch die meisten Konfirmanden zu lernen haben.


Dabei ist das ja ein sehr altes und gar nicht undbedingt mehr so lebensnahes Bild: der Hirte mit seinen Schafen. Und doch spricht es viele von uns immer noch an, spricht uns aus der Seele.


Wir wollen ja gerne behütet sein. Wir wollen den Weg zur grünen Aue und zum frischen Wasser finden. Wir wollen den richtigen Lebensweg gehen und nicht am Ende dastehen und sagen müssen: Ich habe alles falsch gemacht. Wir wollen auch in Gefahr, in Leid und Unglück bewahrt, hindurchgeführt und getröstet werden. Und wir wollen, das einer mit uns geht, dem wir vertrauen können und der immer das beste für uns will. – Und so finden wir uns wieder in den Bildern dieses Psalmes.


Was wir freilich nicht sein wollen, das sind arme, dumme Schafe, die ohne zu überlegen in der großen Herde mittraben.


Aber vielleicht ist es ja so: Wir halten viel von Freiheit und selbstbestimmtem Leben, und entscheiden uns dann in unserer Freiheit doch oft genug dafür, so zu leben, wie die meisten leben – also in der Herde. Oder wir suchen uns selber unseren Weg und merken dabei gar nicht, wie Gott, der gute Hirte uns trotzdem führt.


Das Bild von Gott als dem Hirten hat Jesus ausdrücklich aufgenommen. Er hat zum Beispiel diese schöne Gleichnisgeschichte erzählt von dem Schaf, das verlorengegangen ist, weil es seine eigenen Wege gehen wollte. Und der gute Hirte sucht dieses eine Schaf, findet es und bringt es nach Hause.


So ist Gott zu uns: Er hält uns nicht fest. Er lässt uns unsere eigenen Wege gehen. Aber er lässt uns trotzdem nicht verloren gehen. Diese Hoffnung, dieses Gottvertrauen ist es wohl, das so viele in diesem Gebet finden: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Freitag, 27. Juli 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Freitag, dem 27. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Das ist eines der bekanntesten Kirchenlieder. Es erinnert von seiner Sprache und seinem Inhalt her an alte Kirchenlieder aus der Bibel; die heißen dort Psalmen. Auch da wird Gott ganz oft König genannt.


Wahrscheinlich liegt uns das heute nicht mehr so nahe, Gott als König zu bezeichnen. Ich würde ihn wahrscheinlich von mir aus auch nicht so anreden. Die Zeiten einer Königsherrschaft, einer absoluten Monarchie sind vorbei. Wir leben in der Demokratie. Und weder mit heutigen Bundeskanzlern oder Präsidenten noch mit den Königen der wenigen konstitutionellen Monarchien, die es noch gibt, so wie hier in Spanien, würden wir Gott vergleichen.


Als man in biblischen Zeiten begann, Gott König zu nennen, lag das auch nicht daran, dass man die eigenen Könige und Herrscher so toll fand. Im Gegenteil: Die Könige waren, wie sie waren. Die meisten verfolgten ihre eigenen Machtinteressen und fühlten sich weder ihrem  Volk noch ihrem Gott gegenüber besonders verantwortlich. Wenn das Volk nun aber Gott als König bezeichnete, dann drückte es damit aus, dass es Gott als einen echten, guten, gerechten und mächtigen König verehrten, der noch über ihre schlechten, ungerechten und selbstsüchtigen Könige regierte. Gott als König anzubeten, das war geradezu subversiv. Es beinhaltete die Kritik an jeder Herrschaft, die sich nicht nach Gottes Willen ausrichtete. In einem Gebet aus dieser Zeit heißt es: HERR, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du, aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens (Jesaja 26, 13).


Selbst heute in unübersichtlichen Zeiten, wo wir das Gefühl haben, wir sind zwar nicht unbedingt Königen, aber doch irgendwelchen mächtigen Regierenden, Strippenziehern oder Finanzmärkten ausgeliefert, ist es ganz tröstlich zu wissen, dass über allen ein Größerer ist, der alles so herrlich regieret: Gott, der Herr, der mächtige König der Ehren.

Donnerstag, 26. Juli 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Donnerstag, dem 26. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. – Am Anfang des christlichen Glaubensbekenntnisses sagen wir, wer Gott für uns ist: kein namenloses, abstraktes höheres Wesen, sondern der, den wir als Vater ansprechen, weil er uns liebt, aber auch der Allmächtige und der Schöpfer der ganzen Welt.


Wenn wir an Gott den Schöpfer denken, dann kommen möglicherweise die alten und befremdlichen Bilder der biblischen Schöpfungsgeschichte in uns hoch: In sieben Tagen soll Gott die ganze Welt geschaffen haben, und den Menschen aus Erde geformt und die Menschenfrau aus der Rippe des Mannes geschaffen haben. – Wer soll so was heute noch glauben?


Aber andererseits ist es für uns doch immer noch selbstverständlich von der Schöpfung zu reden, davon wie schön sie ist und wie gefährdet: Bewahrung der Schöpfung ist eine feststehende Formulierung geworden, die besser klingt als 'ökologische Verantwortung'.


Wenn wir über die Schönheit und Perfektion der Natur staunen, wenn wir die Vielfalt der Lebewesen sehen, uns vielleicht einfach nur wundern, wie perfekt die kleine unscheinbare Stubenfliege fliegt und landet und wie flink sie reagiert, wenn wir nach ihr schlagen, wenn wir bedenken, wie alles in der Natur aufeinander abgestimmt ist und zueinander passt, dann können wir es uns nur schwer vorstellen, dass dahinter nicht ein perfekter Plan steht, ein umfassender Sinn, ein mächtiger Schöpfergott.


Martin Luther beginnt die Erklärung dieses ersten Satzes aus dem Glaubensbekenntnis so: “Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat, samt allen Kreaturen”. – Ich selber muss doch staunen, dass ich da bin, ich, dieser ganz besondere, einmalige Mensch unter Milliarden anderen ganz besonderen, einmaligen Menschen und unter all den anderen Mitgeschöpfen. Offenbar habe ich einen Platz im großen Weltenplan. Gott hat mich geschaffen. Durch ihn hat mein Leben seinen Sinn. Das alles drücken wir aus, wenn wir Gott unseren Schöpfer nennen.

Mittwoch, 25. Juli 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Mittwoch, dem 25. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

Vater unser im Himmel – so beginnt das bekannteste christliche Gebet. Jesus selbst hat es seine Jünger gelehrt.


Ihm war es ganz wichtig, dass wir Gott als Vater ansprechen können und dürfen. Er hat sogar die kindliche Form Abba, wir würden sagen Papa, für Gott gebraucht: Gott, der Vater, zu dem wir kindliches Vertrauen haben können.


Heutzutage, wo alles kritisch hinterfragt wird, sagen manche, Gott könnte doch ebensogut als Mutter bezeichnet werden. Andere machen sich Gedanken, wie die Bezeichnung Gottes als Vater denn für jemanden sei, der mit seinem Vater schlimme Erfahrungen verbinde oder der seinen eigenen Vater nicht kennt. – Ich glaube, in uns allen ist, unabhängig davon, wie unser menschlicher Vater zu uns gewesen sein mag, doch ein Urbild des gütigen, liebevollen, gerechten und uns akzeptierenden Vaters. Auch wenn keiner von uns den perfekten Vater hatte, wir haben doch eine Vorstellung, ein Ideal, wie der perfekte Vater sein sollte. Und wenn wir von Gott reden, dann ist genau dieses gute, positive Urbild eines Vaters angesprochen.


Jesus malt dieses Bild des guten Vaters aus, wenn er zum Beispiel das berühmte Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt, das viel besser Gleichnis vom gütigen Vater heißen könnte. Dieser Vater gibt seinem Kind die Freiheit und die Mittel, um in die weite Welt hinauszuziehen und ein Leben zu führen, wie es ihm passt. Und als dieses sein Kind zurückkommt, heruntergekommen und halb verhungert, da schließt er es wieder in seine Arme und feiert mit ihm ein Fest. Er macht ihm keinen Vorwurf, er sagt nicht mal “Siehst du!” Denn dieser Vater hat sein Kind einfach nur lieb, bedingungslos lieb. – So ist Gott zu uns, will Jesus damit sagen: der gute, liebevolle Vater, zu dem wir jederzeit zurückkehren können, egal, was wir gemacht haben.

Vater unser im Himmel, so sollen wir ihn anreden. Vor ihm, vor Gott sind wir wie die Kinder: umsorgt und geliebt.