Sonntag, 6. November 2016

Predigt am 6. November 2016 (Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres)

Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
Römer 14, 7-9

Wofür lebst du? Weißt du das?
Der 17-Jährige ist mit anderen Jugendlichen bei einer Rüstzeit (wie wir im Osten sagen), bei einer kirchlichen Freizeit. Sie haben Spaß miteinander, Gaudi im Schnee, lustige Spiele am Abend und mitreißende Lieder am Morgen. Und dann auch was mit der Bibel und mit dem eigenen Leben. Ein Fragebogen: Wonach richtest du dich bei den Entscheidungen in deinem Leben? – Schule, Beruf, Freunde, Freizeit, Hobbys, Sexualität … – Wonach richtest du dich? Nach den Eltern? Kumpels? Was dir selber Spaß macht? Den Lehrern? Dem Pfarrer? Nach der Bibel? Nach Gott? – Und er kreuzt an und merkt: Nach Gott und der Bibel eigentlich weniger.
Wofür lebst du? – In der Silvesternacht sitzen sie in einer kalten, dunklen Dorfkirche und der da vorne fragt: Wofür willst du leben? In dem neuen Jahr, das kommt? Und in dem großen, langen Leben, das vor dir liegt? Auf wen willst du hören? Wem willst du gehören?
Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herr; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Ich will auf dich hören, ich will dir gehören, betet der junge Mann in der Stille der Kirchenbank. Und dann lässt er sich, wie die anderen auch, die Hände auflegen und segnen. Und er weiß: Ich lebe dem Herrn.
So oder ganz anders hast du es vielleicht auch erlebt: Irgendwann war dir klar: Ich lebe dem Herrn. Vielleicht war es eine bewusste Entscheidung, und du bist stolz darauf. – Brauchst du nicht zu sein, denn bevor du dich entscheiden konntest, hatte er sich schon für dich entschieden. Also sei nicht stolz, oder wie man bei uns im Erzgebirge sagte: Bild dr nischt ei! Sei lieber dankbar, dass du Gott kennst und ihm vertrauen kannst.
Dem Herrn leben – wie geht das nun eigentlich? – Unser junger Mann liest jeden Tag in der Bibel, und er betet auch regelmäßig. Er geht Sonntags zum Gottesdienst. Und er trifft sich mit anderen jungen Christen in der Jungen Gemeinde. Und dann gibt es noch eine Gruppe, einen Hauskreis, wo sie besonders ernsthaft als Christen leben wollen, da geht er auch hin. Er trägt jetzt einen Anstecker an der Jacke, da steht drauf: Jesus lebt. Und er versucht, anderen von seinem Glauben zu erzählen; das ist aber gar nicht so einfach, weil Schulfreunde einen Haufen andere Interessen haben, die sie miteinander verbinden, und der Glaube gehört eher nicht dazu. Wenn sie Party gemacht haben, dann hat er mit ihnen getrunken und geraucht und unanständige Witze erzählt. Aber dann hat er sich wieder geschämt: Du bist ein schlechter Botschafter für Jesus, du lebst noch gar nicht wirklich dem Herrn.
Dem Herrn leben – wie geht das richtig? – Es gab da manche, die das ganz genau wussten, zu wissen meinten. Die erklärten ihm die Bibel, so wie er sie noch nie verstanden hatte. Die sagten ihm, dass seine Taufe – als kleines Baby – gar keine echte Taufe wäre und dass er sich jetzt richtig taufen lassen müsste. Und sie wussten, was man als Christ alles nicht darf: Zum Beispiel keine Rockmusik hören, die ist vom Teufel, und auch keinen Jazz; dabei liebte er beides: Rock und Jazz. Ja, sogar vieles an klassischer Musik war verdorben: Haydn und Mozart waren Freimaurer – darum war ihre Musik auch schädlich. Und selbstverständlich durfte er keinen Sex vor der Ehe haben.
Und in ihm rumorten die Fragen: Stimmt das denn alles? Und vor allem: Warum sehen das nicht alle so, die sich auf die Bibel berufen? Sind das jetzt keine echten Christen, die immer noch in die Zauberflöte gehen und sich nicht wiedertaufen lassen? – Er las von Menschen, die auch ganz bewusst für den Herrn lebten und doch zu ganz anderen Einsichten kamen. Und er fand auch nicht alles so eindeutig in der Bibel, wie sie es ihm sagten.
So oder ganz anders, hast du es vielleicht auch erlebt: Es war klar, du lebst dem Herrn, und andere haben dir gesagt, wie das geht. Und irgendwann hast du angefangen, deine eigenen Fragen zu stellen: Stimmt das alles so? Und in dir wuchsen die Skrupel und die Zweifel, weil du nicht warst wie sie, oder wie sie zu sein vorgaben.
Ein paar Jahre später fing der junge Mann an Theologie zu studieren, weil er dem Herrn leben und seine Botschaft weitersagen wollte. Da machten ihm manche von seinen frommen Freunden Angst: Er könnte den Glauben verlieren, wenn er sich wissenschaftlich mit der Bibel beschäftigte. Das konnte er sich nicht vorstellen; denn wieso sollte denn der Gebrauch des eigenen von Gott gegebenen Verstandes von Gott wegführen? Und dann traf er welche dort beim Studium, die hatten tatsächlich vorsichtshalber gleich mal ihren Verstand abgeschaltet; sie weigerten sich einfach mitzudenken, sprich: die Proseminararbeit nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu schreiben. Sie kamen sich als Glaubenshelden vor, aber er fand sie einfach nur dumm: sie lehnten etwas ab, was sie noch nicht mal geprüft hatten. Prüfet alles und das Gute behaltet, stand da in seiner Bibel. Das wollte er tun. Und er staunte: Als er es lernte, die Bibeltexte Wort für Wort zu analysieren und ihre Geschichte und ihre Hintergründe zu begreifen, da verstand er vieles besser als vorher, und Gott wurde für ihn viel größer und nicht kleiner. Sein Glaube wandelte sich, aber er ging nicht verloren.
Ihm wurden Sätze wie diese immer wichtiger: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Und: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.
Und: Wo der Geist, des Herrn ist, da ist Freiheit.
Alles Sätze von Paulus.
Also: Dem Herrn leben, das heißt nicht: Gesetze und Regeln und Vorschriften buchstabengenau beachten, sondern es heißt: Den Geist der Freiheit atmen und in der Freiheit leben.
Und so probierte er die Freiheit aus, ließ die Skrupel hinter sich. Hörte Rockmusik und hatte Sex vor und später in der Ehe, und nach der Ehe und vor und in der nächsten Ehe.
Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten, hatte Paulus geschrieben. Was nicht zum Guten diente, das musste er allmählich neu lernen, manchmal schmerzhaft. Nein, es war nicht alles gut und es ging nicht alles gut. Aber nichts war so schlecht, dass es ihn vom Herrn trennen konnte.
Du hast es wahrscheinlich ganz anders erlebt. Du hast andere Erfahrungen gemacht und bist andere Wege gegangen. Aber vielleicht hast du auch gelernt die Freiheit zu schätzen: dir nicht von anderen vorschreiben zu lassen, was und wie du zu glauben hast. Selber zu prüfen und nachzudenken. Eigene Fehler zu machen und aus den eigenen Fehlern zu lernen. Und dabei doch dir und dem Herrn treu zu bleiben.
Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
Als Paulus diese Zeilen nach Rom geschrieben hat, da waren sie sich nicht einig, was das heißt: dem Herrn zu leben. Die einen legten die Regeln strenger aus: was du alles nicht essen darfst, weil das Fleisch den Götzen geweiht war, und welche Lieder du nicht singen darfst, weil sie die bei den Prozessionen zu Ehren der Götter auch gesungen haben, und welche Leibesübungen du nicht machen darfst, weil sie aus heidnischen Religionen kommen. Paulus sagt: Es ist alles erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Vor allem dient es nicht zum Guten, wenn ihr euch gegenseitig euren Glauben absprecht. Wir alle leben und sterben dem Herrn, auch wenn wir uns über manches nicht einig sind.

Wofür lebst du? Weißt du das?
Ich lebe dem Herrn, habe ich damals vor 35 Jahren gesagt. Seitdem ist viel geschehen, mein Glaube ist gewachsen, hat sich verändert, ist sicher cooler und abgeklärter als damals. Aber manchmal denke ich auch noch an den Fragebogen von damals und sage mir: Ich sollte genauer auf Gott hören, was er von mir will (Er, nicht die anderen, die in seinem Namen sprechen). Denn Christus ist mein Herr im Leben und im Sterben.
Deiner auch? – Deiner auch!