Montag, 31. Oktober 2016

Predigt am 30. Oktober 2016 (Reformationsgedenken)

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.
Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Römer 3, 21-28

Er wäre jetzt Zwanzig. Aber vor acht Jahren ist er gestorben, mit Zwölf, an Krebs. Er war unser Nachbar. Wir haben mit ihm hinterm Haus Flugzeuge fliegen lassen oder mit seinen Eltern und Freunden gegrillt. Andrea hat mit ihm gebastelt, oder wir haben mit ihm zusammen Computerspiele gezockt. Jahrelang hat er gekämpft, lange Operationen über sich ergehen lassen, für einige Zeit sah es mal fast gut aus, dann kam der Krebs zurück, schlimmer als zuvor. Das hat ihn zu einem besonderen Kind gemacht. Körperlich war er etwas zurückgeblieben, dafür sagte er manchmal Dinge, die sehr, sehr altersweise klangen. Und er konnte böse sein, aggressiv; es war so viel Wut in ihm wegen dieser Scheiß-Krankheit! Weihnachten 2008 war er nur noch schwach, konnte nur für kurze Zeit mal aufstehen, die Geschenke ansehen, dann hat er sich, schwach und müde wie er war, wieder hingelegt. Am vorletzten Tag des Jahres ist er gestorben. Stumm und friedlich lag er da, der Kampf war ausgekämpft. Wenige Tage später haben wir ihn an einem sonnigen Wintertag in einem bunt bemalten Sarg zu Grabe getragen. Manchmal denken wir an ihn. Oder an seine Eltern.
Seine Mutter ist lange nicht damit fertig geworden, schon lange vor seinem Tod nicht und lange danach nicht. Für manche ist es ein Vorteil, eine Hilfe, den Glauben an Gott als Trost zu haben. Für sie hat es der Glaube nur noch schlimmer gemacht. Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er das geschehen? Da sind so viele glückliche Familien mit gesunden Kindern, und sie darf dieses Glück nicht haben. Sie, die doch besonders christlich war, sie, die sogar Pfarrerstochter war! Womit hatte sie das verdient? Gott ist extrem ungerecht!
Paulus schreibt: Nun ist die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden.
Die Gerechtigkeit Gottes? – Gott ist extrem ungerecht. So empfinden es viele.
Den einen geht es gut, den anderen geht es schlecht. Die einen sind gesund, die anderen sind krank.
Der Kettenraucher wird 96, einer, der gesund lebt und Sport treibt, stirbt mit Anfang 40.
Die einen kommen in Aleppo zur Welt oder in Mossul oder irgendwo in Eritrea, die anderen in Frankfurt, Wien oder Santa Cruz.
Die einen sind reich und schön, die anderen sind arm und krank.
Man könnte ja sagen: Die Welt ist ungerecht. Aber wenn man an Gott glaubt, dann muss man eigentlich auch sagen: Gott ist ungerecht. Er hätte es doch anders machen können: besser, gerechter.
Philosophen haben es versucht zu erklären: Gott ist trotzdem gerecht. Es könnte ja alles noch viel schlimmer sein. Vielleicht ist es ja so, dass nicht mal Gott es besser machen könnte. Aber ich weiß nicht: Möchte ich an einen Gott glauben, der es nicht besser kann?
Paulus schreibt: Nun ist die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden.
Martin Luther, schon alt und krank – ja mit 62 Jahren war man damals schon alt – blickt auf seine frühen Kämpfe zurück und erinnert sich, wie er mit der Gerechtigkeit Gottes gerungen hat. Aber sein Problem mit Gott war nicht gewesen, dass Gott ungerecht ist. Sein Problem war, dass Gott gerecht ist. „Ich hasste nämlich dieses Wort Gerechtigkeit Gottes“, schreibt er. „Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich hasste ihn sogar.“
Versteht ihr das? Für Luther war klar: Wenn Gott gerecht ist, dann bin ich verloren. Wenn Gott gerecht ist, dann kann er mich armen, elenden, sündigen Menschen nur strafen und verurteilen. Wenn Gott gerecht ist, dann bin ich ungerecht – und auf ewig verloren.
So kann man sie nämlich auch verstehen, die Gerechtigkeit Gottes: Nicht als einen Anspruch, den wir Menschen gegenüber Gott hätten, den Anspruch, dass er es allen gut gehen lassen müsste und dass er alle gleich gut behandeln müsste. Sondern als einen Anspruch, den Gott an uns hat: dass wir gerecht leben, weil er gerecht ist. Und wer Gottes Anspruch nicht genügt? – Nun, der ist verloren.
Luther grübelte über die Gerechtigkeit Gottes, weil er ahnte, dass damit noch etwas anderes gemeint sein müsste, weil er wusste, dass Gott doch nicht den Tod des Sünders will, sondern das Leben. Und er fand die Antwort – im Römerbrief: Der Gerechte lebt aus dem Glauben. Oder, wie es an unserer Stelle heißt: die Gerechtigkeit, die durch den Glauben an Jesus Christus kommt. Also: Gottes Gerechtigkeit kommt zu den Menschen. „Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als eine solche zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben.“ Und weiter: „ Da zeigte mir die ganze Schrift ein völlig anderes Gesicht. Ich ging die Schrift durch, soweit ich sie im Gedächtnis hatte, und fand auch bei anderen Worten das gleiche, z.B.: Werk Gottes bedeutet das Werk, welches Gott in uns wirkt; Kraft Gottes - durch welche er uns kräftig macht; Weisheit Gottes - durch welche er uns weise macht. Das gleiche gilt für Stärke Gottes, Heil Gottes, Ehre Gottes. Mit so großem Haß, wie ich zuvor das Wort Gerechtigkeit Gottes gehasst hatte, mit so großer Liebe hielt ich jetzt dies Wort als das allerliebste hoch.“
Paulus schreibt: Nun ist die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden.
Und Luther übersetzt statt einfach nur Gerechtigkeit Gottes: die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Denn darauf kommt es an: Unsere menschliche Gerechtigkeit gilt vor Gott nicht. Sie reicht dem gerechten Gott nicht. Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, das ist Gottes eigene Gerechtigkeit, die er uns schenkt. Und Gottes eigene Gerechtigkeit, das ist seine Liebe, mit der er uns in Christus liebt. So ist Martin Luther die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden.
Halten wir fest:
Gerechtigkeit Gottes heißt nicht: Gott muss es uns recht machen.
Gerechtigkeit Gottes heißt auch nicht: Wir müssen es Gott recht machen.
Gerechtigkeit Gottes heißt: Gott macht uns ihm recht.
Gott macht uns ihm recht – das nennen wir Rechtfertigung. Das ist die Mitte der reformatorischen Botschaft. Das ist die Mitte des Evangeliums: die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben.
Ist Gott ungerecht? – In gewisser Weise: ja. Er gibt uns nicht nach unserem Verdienst und Würdigkeit, wie Luther sagen würde, er gibt uns auch nicht weniger als wir verdienen, er gibt uns viel mehr: nämlich das wahre Leben, die ewige Seligkeit. Das ist ungerecht, wir haben es nicht verdient. – So ungerecht ist die Gerechtigkeit Gottes!
Wenn wir dieser Gerechtigkeit Gottes vertrauen, dann müssten sich unsere Perspektiven verschieben:
Manches, was wir hier in dieser Welt als ungerecht ansehen, ist es dann wohl nur deshalb, weil wir nicht weiter sehen, nicht so weit wie Gott.
Ja, wenn ein Kind mit 12 sterben muss, dann ist das schrecklich, weil wir meinen, es müsste das Leben doch noch vor sich haben. Und, ja, es ist auch schrecklich für Eltern und Freunde, wo wir doch so viel Liebe, Kraft und Geduld gegeben haben und so viel Hoffnung begraben müssen. Aber wenn ein Kind zu Gott geht, dann ist es doch auch unendlich gut, weil es ins Leben geht, weil Liebe, Kraft und Geduld vor Gott gewiss nicht umsonst waren und weil bei ihm nicht das Ende der Hoffnung ist, sondern der Anfang.

Ja, die Welt ist ungerecht. Ja, wir Menschen sind ungerecht. Aber Gott ist gerecht und macht gerecht. Dieser Glaube tröstet mich: Diese Welt ist nicht das Reich Gottes. Und unsere Ungerechtigkeit ist nicht das letzte Wort. Gott macht uns ihm recht; wir sind ihm recht, um Jesu willen. Wenn wir das glauben, dann müssen wir keine Angst haben vor dem Ungenügen, vor dem Scheitern, vor dem Sterben. Denn, das ist ein paar Seiten später, das große Fazit des Paulus: ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserm Herrn. (Römer 8, 38f)