Sonntag, 16. Oktober 2016

Predigt am 16. Oktober 2016 (21. Sonntag nach Trinitatis)

Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.
Epheser 6, 10-17

Ich hatte eine Kinderbibel, die hieß: Schild des Glaubens. Die war nicht neu; wenn ich mich richtig erinnere, hatte meine Mutter die schon als Kind. Die Seiten waren schon ein bisschen vergilbt. Aber ich mochte sie. Ich habe viel darin gelesen. Besonders die Geschichten aus dem Alten Testament: von Abraham und Lot, von Saul und David, von Elia und Elisa – die waren spannend. Und am Ende etwas, was ich überhaupt nicht verstand, und was mich doch faszinierte: ein Abschnitt aus der Johannes-Offenbarung: vom neuen Jerusalem, der Stadt, die aus dem Himmel kam. Mir gefielen die strengen und klaren Illustrationen von Paula Jordan; kein Mensch braucht bunte Bilder zu farbigen Geschichten. So habe ich die Bibel kennengelernt. Natürlich auch im Kindergottesdienst und in der Christenlehre; aber es war schön, wenn ich die Geschichten schon vorher kannte oder hinterher nachlesen konnte. Das Schild des Glaubens – das gab mir etwas, was andere nicht hatten. Es half mir, Christ zu sein und an Gott zu glauben, in einer eher gottlosen Umgebung.
Heute weiß ich auch etwas über die Geschichte dieses Buches – Schild des Glaubens. Ich weiß, dass es nach dieser Bibelstelle im Epheserbrief genannt ist, die heute im Predigttext steht. Ich weiß, dass heute kein Mensch mehr auf die Idee käme, eine Kinderbibel so zu nennen. Ich weiß, dass sie sogar noch älter ist als meine Mutter, von der ich sie bekommen habe. Ende der 30-er Jahre wurde der Badener Religionslehrer Jörg Erb beauftragt, eine neue, zeitgemäße Kinderbibel für den Religionsunterricht zu erarbeiten. Als sie 1941 veröffentlicht wurde, war sie zeitgemäßer, als sich viele vorgestellt hatten. Sie war zeitgemäß durch ihre Unzeitgemäßheit. Sie enthielt keinerlei moralisierende oder politisierende Belehrungen; sie erzählte einfach die wichtigsten biblischen Geschichten in enger Anlehnung an die Lutherbibel und stellte einzelne Bibelsprüche und Liedverse daneben (so wie es damals üblich war, Sprüche und Lieder auswendig zu lernen). Sie sollte den Kindern auch in den schlimmsten Zeiten Halt und Sicherheit in Gottes Wort geben, eine geistliche Rüstung gegen gottfeindliche Mächte und Ideologie:
Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels.
Schild des Glaubens – das blieb nach dem Krieg für etwa zwei Generationen die prägende Kinderbibel – sowohl im Westen als auch im Osten des geteilten Deutschlands. Danach gab es wohl nichts Vergleichbares mehr.
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Manchmal merken wir, dass wir unterschiedliche Sprachen sprechen im Westen und im Osten, unterschiedliche Ausdrücke verwenden, auch in kirchlichen Dingen. Ein typischer DDR-Kirchen-Ausdruck ist die Rüstzeit. Während Kindergruppen oder Konfirmanden im Westen Freizeiten hatten, gab es im Osten Rüstzeiten. Da steckt das Wort Rüstung drin. Politisch waren wir ja durchaus für Frieden und Abrüstung, geistlich aber haben wir aufgerüstet, zugerüstet. Vielleicht, wahrscheinlich hat diese Ausdrucksweise mit dem Umfeld zu tun. Wir konnte und wollten nicht einfach Freizeit machen. Es ging darum, stark zu werden im Herrn und in der Macht seiner Stärke.
Wir wussten, dass wir im Kampf stehen. Nicht im Kampf mit Fleisch und Blut, nicht im Kampf mit Menschen. Die Menschen, das waren ja unsere Klassenkameraden und Lehrer, unsere Nachbarn und Kollegen, auch die Parteisekretäre, Volkspolizisten, Stasi-Spitzel und was es so gab. Manchmal machten sie uns das Leben schwer. Sie konnten über unsere Karrieren und Lebenswege bestimmen. Sie konnten uns drohen und einsperren. Sie konnten uns dazu bringen, dass wir Dinge sagten und Dinge taten, von denen wir nicht überzeugt waren oder von denen wir sogar wussten, dass sie falsch waren. In der Kirche lernten wir: Ihr kämpft nicht gegen diese Menschen. Ihr müsst sie nicht hassen. Sie sind, wie sie sind. Überzeugt oder angepasst. Böswillig oder gutmeinend. Ihr kämpft gegen geistige Mächte, gegen eine gottlose Ideologie, eine Ideologie, die unter dem Deckmantel einer höheren Humanität und Gerechtigkeit in Wahrheit Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit schafft. Dazu müsst ihr gerüstet sein.
Manche haben sich intensiv mit ihnen auseinandergesetzt, mit diesen geistigen Mächten, haben den Marxismus studiert, um mit den Genossen auf Augenhöhe kämpfen zu können. Manche sind darüber zu besseren Kommunisten geworden, als es die SED-Genossen waren. Aber eigentlich war das nicht der Weg der Kirche. Geistliche Zurüstung, das hieß vor allem: stark sein in dem, was unser Eigenes ist: Die Waffenrüstung Gottes tragen. Mit der Bibel leben. Wahrhaftig sein und fest im Glauben. Am Gebet festhalten. Und in der Gemeinschaft der Christen zusammenhalten. Das vor allem waren Rüstzeiten für uns: Zeiten intensiver Gemeinschaft, Zeiten des gemeinsamen Betens, Zeiten mit der Bibel, Zeiten, die uns im Glauben gestärkt haben. So konnten wir als Christen überleben in einer gottlosen Gesellschaft:
Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels.
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Christlicher Glaube ist keine Freizeitaktivität. Christlicher Glaube ist Kampf.
Wir haben Zeiten erlebt, die letzten 26 oder 72 Jahre, wo es leicht war, Christ zu sein. Glaube gehörte einfach dazu: Wir waren ein bisschen fromm und der liebe Gott war es auch: ein frommer Mann – für alle Fälle. Wir können dankbar sein für diese guten Zeiten. Ich habe das Gefühl – andere auch –, sie gehen zu Ende. Noch feiert sich die Kirche selbst. Das Reformationsjubiläum im kommenden Jahr wird eine ganz große Sause. Noch liegen sich Kirche und Staat liebestrunken in den Armen: Pastoren und ihre Töchter machen Politik. Christlich imprägnierte Gesinnungsethik hat über die politische Verantwortung gesiegt. Jedoch: Die Ideologien, die gott- und menschenfeindlichen Mächte lassen sich nicht besiegen, indem man sie umarmt. Es gibt sie, und sie sind gefährlich. Ich nenne sie auch beim Namen:
Der politische Islam ist eine menschenfeindliche Ideologie, auch wenn sie sich auf Gott beruft, weil sie alle anderen unterwerfen will.
Sozialismus und Kommunismus sind Ideologien, die mit ihren Gleichheitsidealen die Vielfalt und die Freiheit menschlichen Lebens zerstören.
Und genau so sind Nationalismus und alle Formen von Rassismus unmenschliche und gottfeindliche Ideologien, weil sie bestimmte Menschen und Menschengruppen über andere stellt.
Ich sehe diese Ideologien erstarken. Ich sehe den Hass, den Terror, die Zerstörung, die sie bringen. Und ich sehe, wie viele die Gefahr immer nur auf der einen oder der anderen Seite sehen. Ich sehe, wie sie zwischen Mensch und Ideologie nicht unterscheiden. So entsteht Hass: Anstatt die Ideologie zu bekämpfen, an die einer glaubt, bekämpfen sie die Menschen, die an sie glauben. Statt gegen den Islamismus geht es gegen Flüchtlinge. Statt gegen den Nationalismus geht es gegen die Anhänger von AfD und Pegida. Statt gegen den Sozialismus geht es gegen bestimmte Politiker. Ich sehe den Hass zunehmen und die Gewalt. Und ich sehe, wie schon heute Christen Opfer werden von Hass und Gewalt – von allen Seiten.
Das wäre unsere Aufgabe als Kirche, als Christen heute, dass wir diese Unterscheidung stark machen und selber danach leben: Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen – mit den gottfeindlichen Geistesmächten unserer Zeit. Wir kämpfen nicht gegen Menschen, sondern gegen Dämonen!
Christlicher Glaube ist Kampf. Wir werden es künftig nicht mehr so leicht haben. Wir werden zwischen den Stühlen sitzen und angefeindet werden. Wir werden unsere Privilegien verlieren. Christlicher Glaube wird nicht mehr selbstverständlich sein. Ein bisschen fromm reicht nicht mehr, und auch der liebe Gott wird kein frommer Mann mehr sein, sondern ein General.

Wie gut, wenn wir gerüstet sind für alles, was kommen mag. Wie gut, wenn wir den Schild des Glaubens tragen. Und den Helm des Heils. Und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. Wie gut, wenn wir in der Gemeinschaft der Christen bleiben, im Gebet und im Hören auf die Bibel. Wie gut, wenn wir bei dem bleiben, was unser eigenes ist. Ganz unzeitgemäß und gerade dadurch zeitgemäß: stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.