Sonntag, 2. Oktober 2016

Predigt am 2. Oktober 2016 (Erntedanktag)


Der Apostel Paulus hat ein großes Spendenprojekt. In den griechischen Gemeinden, wo immer er auch hinkommt, sammelt er Geld. Oder schickt Leute, die für ihn Geld sammeln. Es geht darum, die armen Christen in Jerusalem zu unterstützen. Dort hat alles angefangen – mit Jesus und den Aposteln und dem Evangelium vom Reich Gottes. Und genau dort in Jerusalem haben sie es besonders schwer. So spektakulär die Anfänge gewesen sind, sie bleiben doch eine angefeindete Minderheit und eine arme Gemeinde; vielleicht haben sogar eigene Fehler dazu beigetragen, dass sie jetzt so arm sind. Wie auch immer: Paulus hat versprochen zu helfen, die Verbindung mit der Urgemeinde in Jerusalem hochzuhalten und bei den griechischen Heidenchristen für sie eine Kollekte zu sammeln. Und nun trommelt er um möglichst große Beiträge.
Die Epistel für den Erntedanktag stammt aus dem Spendenaufruf des Paulus, den er an die Gemeinde in Korinth geschickt hat:
Denkt daran: Wer wenig sät, der wird auch wenig ernten. Und wer in Fülle und mit Segen sät, der wird auch in Fülle und mit Segen ernten. Jeder soll für sich selbst entscheiden, wie viel er geben möchte, und soll den Betrag dann ohne Bedauern und ohne Widerstreben spenden. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.
Er hat die Macht, euch mit all seiner Gnade zu überschütten, damit ihr in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit alles habt, was ihr zum Leben braucht, und damit ihr sogar noch auf die verschiedenste Weise Gutes tun könnt. In der Schrift heißt es ja von dem, der in Ehrfurcht vor Gott lebt: „Er teilt mit vollen Händen aus und beschenkt die Bedürftigen; das Gute, das er tut, hat immer Bestand.“
Derselbe Gott, der dafür sorgt, dass es dem Bauern nicht an Saat zum Aussäen fehlt und dass es Brot zu essen gibt, der wird auch euch mit Samen für die Aussaat versehen und dafür sorgen, dass sich die ausgestreute Saat vermehrt und dass das Gute, das ihr tut, Früchte trägt. Er wird euch in jeder Hinsicht so reich beschenken, dass ihr jederzeit großzügig und uneigennützig geben könnt. Und wenn wir dann eure Spende überbringen, werden die, die sie empfangen, Gott danken.
Ihr seht also: Dieser Dienst, der zur Ehre Gottes getan wird, trägt nicht nur dazu bei, die Nöte der Gläubigen in Jerusalem zu lindern, sondern bewirkt noch weit mehr, indem er zu vielfachem Dank gegenüber Gott führt. Euer Einsatz bei diesem Projekt zeigt, dass ihr in eurem Glauben bewährt seid, und dafür werden die, denen ihr dient, Gott preisen. Sie werden ihn dafür preisen, dass ihr euer Bekenntnis zum Evangelium von Christus ernst nehmt und eure Verbundenheit mit ihnen und allen anderen auf eine so großzügige Weise zum Ausdruck bringt. Und wenn sie für euch beten, werden sie das voll Sehnsucht nach euch tun, weil Gott seine Gnade in so reichem Maß über euch ausgeschüttet hat.
Dank sei Gott für das unbeschreiblich große Geschenk, das er uns gemacht hat.
2. Korinther 9. 6-15 (nach NGÜ)

Erntedank. Und ich denke daran, wie wir ernten.
Vor zwei Wochen waren wir in Casimiras Weinberg und haben Körbe voll Weintrauben gelesen: süß und saftig.
Das ging ganz schnell, ohne viel Aufwand und Mühe.
Wir hatten die Früchte für wenig Geld, und Casimira war froh, dass sie sie loswurde.
Irgendwann hat einer diesen Weinberg angelegt mit viel Aufwand und Mühe, hat hunderte Weinstöcke gepflanzt, andere haben ihn gepflegt, auch in diesem Jahr.
Am leichtesten war das Ernten.
Ich denke daran, wie das früher bei uns war mit dem Erten, als ich Kind war:
Im Garten hinter dem Haus haben wir Erdbeeren gepflückt oder Bohnen, Kartoffeln ausgegraben, Kirschen, Äpfel, Birnen und Pflaumen mit Leitern von den Bäumen geholt, Beeren von den Sträuchern.
Das hat meistens Spaß gemacht, und es war auch viel weniger mühevoll als Umgraben oder Unkraut jäten.
Ich denke daran, wie die Mähdrescher fuhren.
Vorn verschlangen ihre gewaltigen Schneidwerke das Getreide auf dem Feld, hinten fiel das Stroh heraus und an der Seite die Körner in breitem Strom auf große Anhänger.
Lärm, Staub, Sonne, Schweiß; aber irgendwie kam es mir auch schön vor: die Ernte.
Vor der Ernte steht das Säen oder Pflanzen.
Im Frühjahr oder schon im Herbst hatten sie die Saat ausgebracht, und dann waren die Halme aufgegangen, gewachsen, haben Ähren und neue Körner hervorgebracht.
Auch Bohnen und Gemüse wurde im Frühjahr augesät, um es im Sommer ernten zu können.
Und auch Blumen.
Bäume, Sträucher und Weinstöcke hatte man schon Jahre zuvor irgendwann gepflanzt, nachdem die Pflanzen aus Samen oder kleinen Trieben großgezogen worden waren.
Vor der Ernte steht das Säen oder Pflanzen, das ist trivial.
Aber zwischen Saat und Ernte steht das Wunder.
Das Wunder des Wachsens.
Das Wunder des Lebens.
Das Weizenkorn fällt in die Erde und bringt hundertfältig Frucht.
Der Weinstock, der mal ganz klein war, trägt Trauben über Trauben, jahraus jahrein.
Aus wenig wird viel.
Aus klein wird groß.
Wir nennen das Überfluss.
Wir nennen das Segen.
Und wir danken Gott dafür.
Das ist Erntedank.
Wir wollen ernten.
Denn wir wollen leben, gut leben.
Wir wollen Wohlstand, Erfolg und Anerkennung ernten.
Das geht nur, wenn wir zuvor auch säen.
Von nichts wird nichts.
Wenn alle nur ernten wollen, wo keiner gesät hat, dann ist irgendwann alles abgeerntet und nichts übrig zum Verteilen.
Wo keiner sät, da wächst nichts, und wo nichts wächst, da kann man nichts ernten.
Und wo man nichts erntet, kann man nicht neu säen.
Oder deutlicher, für die Wachstumskritiker und Wirtschafts-Analphabeten: Wo es keine Investitionen gibt, gibt’s kein Wachstum, und ohne Wachstum gibt’s keinen Gewinn, der verteilt werden kann bzw. der auch reinvestiert werden kann.
Wachstum heißt: Aus wenig wird viel.
Wir nennen das Segen.
Ja, wir wollen gut leben.
Aber wir wollen auch, dass die anderen gut leben, dass alle gut leben. Nicht nur wir.
Dass Menschen schlecht leben, während es uns gut geht, das ist schlimm.
Dass manche Hunger leiden, während wir satt sind, das ist übel.
Dass Menschen durch Bomben sterben und durch Waffen verletzt werden, während wir friedlich in unseren Betten schlafen, das ist schrecklich.
Dass Menschen im Meer ertrinken, ja dass es ihnen überhaupt so schlecht geht, dass sie das Risiko einer solchen Reise auf sich nehmen, während wir im Flugzeug darüber hinweg an unsere Ferienorte und Winterquartiere fliegen, das ist skandalös.
Das können wir nicht wollen.
Ja, wir wollen gut leben, aber die anderen sollen es doch auch.
Und nein, das heißt nicht, dass wir daran schuld sind, dass es den anderen schlechter geht.
Und es heißt auch nicht, dass wir ein schlechtes Gewissen haben müssten oder dass es uns schlechter gehen müsste, damit es ihnen besser geht.
Aber es heißt: Wenn wir ernten wollen, dann müssen wir auch säen, und wenn die anderen, die nichts zum Säen haben, auch ernten sollen, dann müssen wir für sie mit säen. Oder ihnen was zum Säen geben.
Das ist es, was Paulus in seinem Spendenaufruf sagt: Ihr habt schon gesät und geerntet in eurem Leben. Lasst aus der Ernte wieder Saatgut werden, dass neues Leben wächst. Gebt dem Wunder des Wachstums Raum. Gebt dem Wunder des Lebens Raum. Gebt Gottes Segen Raum. Diesmal konkret: für eure armen Schwestern und Brüder in Jerusalem. Sie sollen auch gut leben. Gebt, was ihr geben könnt. Ihr sollt darüber nicht arm werden. Nein, ihr werdet dadurch sogar reicher werden. Denn auch bei euch wird etwas wachsen: Liebe, Verbundenheit im Glauben, Gottvertrauen und Freude.

Erntedank.
Dazu gehört es seit alters her, dass wir denen abgeben, die weniger geerntet haben als wir, die vielleicht gar nichts zum Ernten haben.
Verschuldet oder unverschuldet egal.
Wir haben auch in diesem Jahr Gaben für das Kinderprojekt in Valle San Lorenzo zusammengestellt – aus euren Spenden. Letzte Woche erst haben wir für diesen Zweck gesammelt.
Und Spenden dafür nehmen wir immer an.
Darüber hinaus kennt jeder von euch auch andere Vereine und Projekte, durch deren Arbeit Vertrauen, Hoffnung und Gerechtigkeit wächst – irgendwo in der Welt, wo es so vielen nicht so gut geht wie uns.
Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.