Sonntag, 23. Oktober 2016

Predigt am 23. Oktober 2016 (22. Sonntag nach Trinitatis)

Ich danke meinem Gott – immer wenn ich an euch denke, allezeit, mit jedem meiner Gebete für euch alle.
Ich danke ihm, dass ihr dem Evangelium treu seid vom ersten Tag an bis heute.
Ich danke ihm, denn ich bin gewiss, dass er, der in euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird, bis der Tag Jesu Christi kommt.
Ich kann gar nicht anders, als so von euch zu denken, weil ich euch in meinem Herzen habe: Ich bin gefangen und verteidige und bekräftige das Evangelium, und ihr alle habt mit mir zusammen Anteil an der Gnade.
Weiß Gott, ich habe Sehnsucht nach euch aus tiefstem Herzen, aus dem Herzensgrund Jesu Christi.
Und dafür bete ich: dass eure Liebe immer mehr zunehme an Erkenntnis und aller Erfahrung, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt, und damit ihr rein und makellos seid für den Tag Christi, reich an Früchten der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lob Gottes.
Philipper 1, 3-11

Ein Brief mit Herzchen. So was schreiben Teenie-Girls. Heutzutage vielleicht eher Nachrichten im Messenger voller Herzchen-Emotes: „Hab dich lieb, meine Süße! – Küsschen, Herzchen“.
Und Jungs, wenn sie ein bisschen älter sind und noch ein bisschen Stil haben: „Dein ist mein ganzes Herz“ oder sowas.
Ich schreibe heute unter meine E-Mails häufig: „Mit herzlichen Grüßen!“ Klingt verbindlicher als bloß „freundliche Grüße“; nur: sind meine Grüße wirklich so herzlich, oder ist das nur eine Floskel?
*
Paulus sitzt in einer engen Zelle. Nur wenig Sonnenlicht dringt durch die Fensterschlitze und malt sich auf den Boden; ansonsten ist es kühl und dunkel. Paulus hat einen Hocker und einen Tisch. Vor ihm liegt ein Stoß Papyrusblätter, daneben steht ein Gefäß mit Tinte: was für ein Luxus hier im Gefängnis! Die Feder kratzt auf dem Papyrus und aus großen ungelenken Buchstaben werden Worte und Sätze. Sie füllen die Blätter bis an den Rand. Da ist kein Platz für Herzchen. Aber für Herzlichkeit.
Paulus schreibt mit herzlichen Grüßen. Und er hebt sie sich nicht bis zum Ende auf, sondern er bringt sie gleich in den ersten Zeilen unter. Man spürt es seinen Worten ab, dass sie von Herzen kommen:
Ich danke Gott von Herzen, dass es euch gibt,
dass ihr ihm vertraut,
dass er in euch wirkt.
Ich danke Gott, dass ihr mit mir verbunden seid, auch wenn ich nicht zu euch kommen kann, auch wenn ich im Gefängnis bin.
Ihr seid in meinem Herzen.
Ich habe Sehnsucht nach euch von ganzem Herzen, Sehnsucht aus dem Herzensgrund Christi.
Und ich bitte Gott von Herzen: dass er alles gut und vollkommen macht bei euch.
Wenige Wochen später sind sie in Philippi zusammengekommen im Haus der Lydia, der gut betuchten Purpurhändlerin: ihre Freundinnen und ihre Mitarbeiter, der Kerkermeister mit Frau und Kindern und noch ein paar andere. Epaphroditos hat den Brief von Paulus mitgebracht und liest ihn vor. Schweigend hören sie zu, und als die Worte von der Sehnsucht fallen, da stehen einigen schon Tränen in den Augen. Es sind Worte, die zu Herzen gehen. Nicht nur Grußformeln und fromme Floskeln. Sie spüren es: Wir sind viele Tagesreisen voneinander entfernt, aber unsere Herzen schlagen im selben Takt. Das Evangelium verbindet uns. Unsere Gebete verbinden uns. Jesus Christus verbindet uns. Glaube ist Herzenssache.
*
Wer ist eigentlich auf die Idee mit dem Herzen gekommen?
Das Herz ist eine große Pumpe, ein Muskel, kunstvoll konstruiert, um zwei Blutkreisläufe am Laufen zu halten und miteinander zu verbinden. Sie arbeitet normalerweise 70 bis 80 Jahre am Stück, oft auch noch länger. Manchmal gibt es auch vorher schon Schwierigkeiten: Sie stottert oder die Leitungen verstopfen. Dann muss der Techniker ran mit einem künstlichen Taktgeber oder mit einer Verstärkung der Leitungen, oder er legt eine Umleitung, oder der Chemiker tut etwas, damit das Blut besser fließt. Denn, klar, wenn das Herz aufhört zu pumpen, dann hört alles auf. Dann sind wir innerhalb weniger Minuten tot. Lebenswichtig, das Herz. Gut geschützt, eingeschlossen in unserem Brustkorb, pumpt es und pumpt und pumpt. Und es sieht nicht mal aus wie ein Herz.
Was wir fühlen, wünschen, empfinden und teilen, das ist eigentlich anderswo. Nicht in der Pumpe, sondern im Kopf, im Rückenmark, vielleicht sogar im Bauch. Und trotzdem haben wir das Gefühl: Wir fühlen mit dem Herzen. Bewusst oder unbewusst legen wir die Hand aufs Herz, wenn wir von unserem Innersten sprechen.
Die Bibel spricht vom Herzen, von dem, was im Herzen ist, aus dem Herzen kommt und zu Herzen geht. Auch wenn Gott selber es natürlich besser weiß, wo was im menschlichen Körper passiert. Aber er spricht so, wie wir es verstehen.
Das Herz, von dem wir meistens sprechen, das Herz, von dem auch die Bibel spricht, das ist kein Körperteil, sondern es ist die Mitte unserer Seele. Das Tiefste, das Innerste, das Heiligste. Der Ort, wo die Liebe wohnt – und der Hass. Der Ort, wo Gott uns regiert – oder der Teufel. Was uns zu Herzen geht, das trifft uns im Zentrum unseres Seins. Was von Herzen kommt, das sind wir selber. Und wem wir unser Herz schenken, dem gehören wir ganz.
Erhebet eure Herzen. – Wir erheben sie zum Herren.
Oder: Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha. So soll es sein. Dass ER unsre Herzen besitzt – dass er der Herr unsres Lebens ist.
*
Unsre katholischen Schwestern und Brüder verehren das heiligste Herz Jesu. Jedem ist schon mal so eine Darstellung begegnet: Zum Beispiel steht eine kleine Jesus-Statue oben am Teide, an der Seilbahnstation, und auf seiner Brust dargestellt das Herz – umwunden mit dem Dornenkranz, gekennzeichnet mit dem Kreuz, eine Feuerflamme schlägt heraus und ein Strahlenkranz umgibt es. So wird es meistens dargestellt – das heiligste Herz Jesu. Für uns Protestanten und selbst für viele Katholiken mutet die Herz-Jesu-Frömmigkeit befremdlich an. Und doch lohnt es sich, diese Symbolik zu bedenken und zu meditieren.
Das Herz Jesu:
Es ist Gottes menschliches Herz für uns.
Er zeigt uns sein Herz in Jesus.
Er schenkt uns sein Herz in Jesus.
Weil er uns liebt.
Er fordert nicht einfach, dass wir ihm unser Herz schenken.
Nein, er schenkt uns sein Herz zuvor.
Er gibt sich ganz für uns hin.
Er ist selbst die Liebe.
Leidenschaftliche Liebe:
Liebe, die Leiden schafft,
zuerst und vor allem ihm selbst.
Da ist das Kreuz und die Dornenkrone:
Er leidet an uns und für uns.
Und da ist die Feuerflamme und der Strahlenkranz:
Sein Herz brennt für uns.
Und seine Liebe strahlt aus –
in die Welt, zu uns Menschen.
Gott hat ein Herz für uns.
Ein offenes Herz.
Ein liebendes Herz.
Ein brennendes Herz.
Ein durchbohrtes Herz.
Das Herz Jesu.
*
Paulus sitzt in seiner Zelle und schreibt einen merkwürdigen Satz. Epaphroditos und die Philipper lesen ihn wenige Wochen später:
Gott weiß, ich habe Sehnsucht nach euch aus tiefstem Herzen, aus dem Herzensgrund Jesu Christi.
Eigentlich kann man diesen Satz kaum übersetzen, denn schon im Griechischen ist er ungewöhnlich. Und das tiefste Herz Jesu, sein Herzensgrund, der ist noch viel tiefer, als ihr denkt.
Aber genau aus dieser Tiefe kommt die zu Tränen rührende Herzlichkeit zwischen Paulus und seinen Geschwistern in Philippi. Es ist mehr als menschliche Sympathie. Es ist mehr als herzliche Zuneigung. Es ist göttliche Liebe. Die Liebe von Gott und zu Gott, die Herz und Herz zueinander zieht und beieinander hält.
Und weil sie göttlich ist, schreibt sie sich nicht nur Briefe mit Herz, sondern dankt Gott für den anderen und bittet Gott für den anderen – von Herzen.
Wir alle sind im Herzen Jesu. Und wir alle haben Jesus im Herzen.
Und so sollen unsere Herzen beieinander sein, füreinander schlagen, füreinander brennen. Wahrscheinlich ist das ein Ideal, dem wir entgegengehen bis zum jüngsten Tag.
Aber jeden Tag können wir miteinander und füreinander danken.
Und jeden Tag können wir miteinander und füreinander beten. Glaube ist Herzenssache.