Sonntag, 13. November 2016

Predigt am 13. November 2016 (Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres)

Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.
Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf mit Geduld.
Römer 8, 18-25

Es ist schwer.
Es belastet.
Es zieht nach unten.
So vieles.
Das Alter und das Älterwerden.
Wir haben wieder Geburtstage gefeiert diese Tage.
Der Zähler geht immer weiter, irgendwann bleibt er stehen.
Die Krankheiten, die sich irgendwann nicht mehr wegmachen lassen.
Wenn einer den Verstand verliert.
Ich meine wörtlich: Die Welt nicht mehr versteht, Bekannte nicht mehr erkennt, nicht weiß, was er tut und wo er ist.
Und die lichten Momente werden immer weniger.
Wenn Krieg und Gewalt und Terror nicht aufhören, wenn den Zynikern der Macht Menschenleben und Menschenwürde am Allerwertesten vorbeigehen – wie in Syrien.
Wenn sich ein Partnerland des Westens in einen islamofaschistischen Unrechtsstaat verwandelt – wie in der Türkei.
Wenn einer, der sich selbst nicht unter Kontrolle hat, die mächtigste Nation der Welt regieren soll.
Und auch wenn angebliche Demokraten demokratische Entscheidungen nicht akzeptieren mögen.
Wenn christliche Bischöfe sich unter dem Zeichen des Halbmondes fotografieren lassen und dabei das Kreuz ablegen.
Wenigstens zieht uns das Wetter nicht so runter.
Kein Herbst.
Keine toten Blätter und kahlen Bäume.
Keine Nebelnässe und keine Winterreifen.
Das haben wir zurückgelassen.
Darum sind wir hier.
Aber auch das geht zu Ende.
Abschiedssaison für uns.
Für andere vielleicht auch.
Oder es ist sowieso nur ein kurzer Urlaub von der Kälte.
Die Insel mit Sonne und Meer und warmherzigen Menschen wird bald wieder weit weg sein.
Alles hat ein Ende.
Und was noch nicht gleich endet, das verändert sich – und oft nicht zum Guten.
Es ist schwer.
Es belastet.
Es zieht nach unten.
So vieles.
Es zieht die Waagschale nach unten.
Es zieht unsere Bilanzen ins Minus.
Was bleibt unterm Strich?
Leiden.
Und Freuden, die immer schon mit dem Vorzeichen der Vergänglichkeit versehen sind.
Es ist alles ganz eitel,
so der Prediger, 12 Kapitel im alten Testament.
Eitel, Haschen nach Wind.
Vergänglich, sinnlos.
Ja, sagt Paulus, es ist alles ganz eitel.
Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit.
Und wir mit ihr.
Und sie mit uns.
Es geht dem Menschen wie dem Vieh, sagt der Prediger.
Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub.
Da hängt sie die Waagschale, tief unten.
Und dann wirft Paulus ein Wort, ein einziges Wort in die andere Waagschale:
Hoffnung.
Hoffnung – du winzig-kleine.
(Kleines Senfkorn Hoffnung, haben wir früher gesungen.)
Hoffnung, kannst du uns hochziehen, uns aufrichten?
Hoffnung, wiegst du schwer genug gegen all das Leiden und das Sterben, gegen den Winter, die Dunkelheit und den Tod?
Hoffnung kann wachsen.
Groß werden, schwer werden.
Größer als alles, was uns nach unten zieht.
Die Schöpfung leidet.
Und wir mit ihr.
Und sie mit uns.
Aber sie leidet in Hoffnung, sagt Paulus:
Es sind keine Todesschmerzen.
Es sind Geburtsschmerzen.
Die Wehen einer neuen Welt,
einer neuen Zeit,
des Gottesreichs.
Noch hat es das Licht nicht erblickt.
Und wir haben es noch nicht gesehen.
Noch beten wir, es möge kommen.
Noch tragen wir es in uns.
Spüren seine Bewegungen, die zur Welt drängen.
Noch leiden wir Geburtsschmerzen.
Noch haben wir Angst vor dem großen Augenblick.
Und doch sind wir guter Hoffnung:
Auf das Gottesreich.
Hoffnung kann wachsen: riesengroß.
Ein Baum, in dessen Zweigen die Vögel nisten.
So wird es sein, das Gottesreich, sagt Jesus.
Herrlich, sagt Paulus.
Und er denkt ein großes schweres hebräisches Wort von der Macht und Unermesslichkeit Gottes.
Davon, dass ER groß und herrlich und überwältigend da ist.
So, dass kein Platz mehr ist für anderes.
So, dass alles, was schwer ist, alles, was nach unten zieht, federleicht wird, gegenüber der Gottesherrlichkeit.
Sie wiegt schwerer.
Sie wiegt alles auf.
Sie beginnt mit der senfkornkleinen Hoffnung in uns.
Jesus hat sie ausgesät.
Als er als Sämann über die Erde ging.
Und nun lassen wir sie wachsen.
Was uns nach unten zieht, ist nicht eigentlich das Leiden und das Sterben, die Kälte und der Tod.
Was uns nach unten zieht, ist, dass wir Gottes Herrlichkeit nicht sehen – noch nicht sehen.
Uns erscheint alles andere so groß und so schwer, weil wir nicht sehen, was viel größer ist und viel schwerer wiegt.
Aber so ist das nun mal:
Was man hofft, kann man noch nicht sehen.
Es ist Zukunft.
Nicht dieser Zeit Leiden, sondern die Herrlichkeit, die auf uns zu kommt.

So bleiben uns die Hoffnungssenfkörner.
Der Frühling und die Inselherrlichkeit.
Das Licht und die Wärme.
Die guten Worte und die liebevollen Menschen.
Und die Wunder:
wenn Kranke geheilt werden und Sterbende getröstet,
wenn Hungernde gespeist und Fremde aufgenommen werden.
Die Worte der Bibel,
die Zeichen von Taufe und Abendmahl
und das Wunder der Vergebung.
Und das Wunder, dass so viele, so viele die Hoffnung nicht aufgeben.
Trotz allem.
Winzige Hoffnungssenfkörner.
Mit dem ganzen Gewicht der Gottesherrlichkeit.
Mit der ganzen Macht des neuen Lebens, das aus ihnen wächst.
Sie ziehen unsere Waagschale nach oben – himmelwärts.