Sonntag, 21. Juni 2015

Predigt am 21. Juni 2015 (3. Sonntag nach Trinitatis)

Es nahten sich Jesus allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.“
Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
„Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: ,Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.‘
Und er teilte Hab und Gut unter sie.
Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.
Da ging er in sich und sprach: ,Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu deinem Tagelöhner!‘
Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: ,Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.‘ Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: ,Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.‘ Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
Aber der älteste Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte zu ihm: ,Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat.‘ Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: ,Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Und aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.‘ Er aber sprach: ,Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.
Lukas 15, 1-3. 11b-32

Stell dir vor, es ist ein Fest, und du gehst nicht hin!
Die meisten von euch werden sich an die Predigt vergangene Woche erinnern: Da ging es um Feste, um Kirche und um den Himmel; und darum, ob du da hingehst oder nicht.
Stell dir vor, du gehst nicht hin, weil ein anderer hingeht, der es nicht verdient hat – in deinen Augen: Dein Bruder. Der missratene. Hat sich seinen Anteil am Erbe auszahlen lassen, im Ausland auf großem Fuß gelebt. Und jetzt, wo er abgebrannt ist, steht er wieder vor der Tür. Und deine Eltern feiern ein Fest für ihn.
Kennst du dieses Gefühl von Verletzung, von Schmerz und Wut, weil sie dich zutiefst ungerecht behandelt haben? Du bist einfach nur das A..., und du weißt gar nicht, warum. Du hast alles richtig gemacht. Du warst da, wenn du gebraucht wurdest. Du warst immer nett und freundlich. Und es war normal. Es gab kein besonderes Lob, keine besondere Anerkennung, erst recht kein Fest zu deinen Ehren! Aber dein Bruder, der missratene, der das Geld deiner Eltern versoffen, verkokst und verhurt hat, der bekommt zur Belohung noch eine Extra-Party! Willst du da mit feiern?
Und so stehst du doppelt draußen. Draußen, weil du ihm gegenüber die schlechte Karte gezogen hast. Und draußen, weil die drinnen ohne dich feiern und fröhlich sind.
Und dann kommt dein Vater raus zu dir. Stellt sich zu dir: „Komm doch mit rein!“
Und du schreist ihm deine ganze Wut ins Gesicht.
Und er bleibt ganz ruhig, legt dir die Hand auf den Arm und sagt: „Sieh’s doch mal so: Du bist die ganze Zeit hier bei uns. Im Elternhaus. Alles, was wir hier haben, ist auch dein. Du arbeitest mit, du lebst mit, du feierst mit. Was fehlt dir denn? Und jetzt ist dein Bruder zurückgekommen, von dem wir alle dachten, er wäre verloren; er war schon tot und ist wieder lebendig geworden; du solltest mit uns glücklich sein!“
Und, kannst du das?
*
Der Apostel Paulus hat einen großen, einfachen, wunderbaren Satz geschrieben:
Die Liebe hört niemals auf (1. Korinther 13, 8a).
Das ist eigentlich die ganze Erklärung für das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Dein Bruder kann getan haben, was er will. Er kann sein Leben verpfuscht haben, das Erbe verprasst, Gottes Gaben vergeudet – sein Vater hat ihn einfach lieb. Er bleibt sein Sohn. Und wenn er umkehrt, heimkehrt, dann schlägt dem Vater das Herz vor Freude bis zum Hals, und er läuft ihm entgegen und fällt ihm um den Hals und feiert ein Freudenfest. Er kann gar nicht anders. Es ist wie Auferstehung: Mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.
Die Liebe hört niemals auf. Die Liebe des Vaters zu seinem Sohn hört niemals auf. Zu keinem seiner Söhne und Töchter.
Der Apostel Johannes hat auch einen großen, einfachen, wunderbaren Satz geschrieben:
Gott ist die Liebe (1. Johannes 4, 16b).
Jesus hat Geschichten und Gleichnisse erzählt, um zu zeigen, wie das ist mit Gott und den Menschen und mit der Liebe. Und er hat es vorgelebt, wie das ist mit Gott und den Menschen. Hat mit allen gegessen und gefeiert, auch mit denen, die man für verloren hielt, die Zöllner und Sünder. Und andere, die sich für rechtschaffen hielten, standen draußen und wollten nicht mit feiern. Da hat Jesus die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt.
Paulus und Johannes haben es auf den Punkt gebracht, was Jesus von Gott mitgebracht hatte: Gott ist die Liebe und: Die Liebe hört niemals auf.
Wir nennen das Evangelium, Gute Nachricht, Frohe Botschaft. Es ist das Wichtigste, was du von Gott wissen musst: Gott ist die Liebe und: Die Liebe hört niemals auf.
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Der Vater fragt:
„Kannst du das: mit uns glücklich sein?
Kannst du das: nicht nur dich sehen, und wo du meinst, zu kurz gekommen zu sein?
Kannst du das: nicht vergleichen, sondern lieben?“
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Stell dir vor, du gehst jetzt mit hinein zum Fest! Stell dir vor, du begrüßt deinen Bruder. Mit Handschlag; für eine Umarmung reicht’s noch nicht. Und er erzählt dir, wie schrecklich das war: sein verpfuschtes Leben und das Elend und der Hunger da bei den Schweinen. Und wie leid ihm das tut, und wie froh er ist, dass er jetzt wieder zu Hause ist. Und wie gut du es hattest die ganze Zeit. Und dann erzählt ihr euch die Geschichten von früher, eure gemeinsamen Geschichten: als ihr Kinder wart und du schon immer der Vernünftigere und Liebere und er der, der sich immer Streiche ausdachte und Unfug machte. Und wie euch eure Eltern doch beide liebhatten, so unterschiedlich ihr wart.
Und stell dir vor: Du spürst, wie es dir warm wird ums Herz. Was für ein Augenblick, wieder gemeinsam hier zu sein – im Elternhaus! Und du umarmst deinen Bruder.
Die Liebe hört niemals auf.
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Jesus hat eine große, einfache und wunderbare Geschichte erzählt. Man hat sie das Gleichnis vom verlorenen Sohn genannt. In Wahrheit ist es die ganze große Geschichte von Gottes Liebe zu seinen Menschenkindern in eine kurze Erzählung gepackt. Von Menschenkindern, die in die Welt hinaus laufen, um das Glück zu finden. Von anderen Menschenkindern, die zuhause bleiben, um ihre Sicherheit zu bewahren. Davon auch, wie unsicher das Glück ist und wie die Sicherheit unglücklich macht. Es ist die Geschichte vom verlorenen Paradies. Und von der Sehnsucht nach Heimat. Es ist die Geschichte von Umkehr und neuem Leben. Vor allem aber die Geschichte von dem liebenden Vater, der seine Kinder nicht festhält, wenn sie gehen, und nicht wegschickt, wenn sie wiederkommen. Die Geschichte von offenen Türen und offenen Armen und von ewiger Liebe. Auch für dich!