Sonntag, 26. Februar 2012

Predigt am 26. Februar 2012 (Invokavit)

Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49, 8): "Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen." Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.
2. Korinther 6, 1-10



Liebe Schwestern und Brüder,

Kindern gehört die Zukunft. Kinder sind von Natur aus auf die Zukunft ausgerichtet. Sie machen sich spielend die Welt zu eigen, in der sie leben und in der sie leben wollen. Sie stellen sich vor, wie es ist, erwachsen zu sein, und im Spiel nehmen sie das Leben von Erwachsenen vorweg: ob als Lego-Baumeister oder Puppendoktor, als Verkäuferin oder Autofahrer. Und sie sind zuversichtlich, dass das Leben Spaß macht und gelingt. Kinder leben im Morgen, denn ihnen gehört die Zukunft; und diese Zukunft scheint ihnen unendlich zu sein.

Alten Menschen gehört die Vergangenheit. Auch wenn sie manchmal wieder wie die Kinder werden, so sind sie doch, anders als die Kinder, kaum noch auf die Zukunft ausgerichtet. Sie leben in der Vergangenheit, in einer Zeit, die ihr Leben geprägt hat, in einer Welt, die für ihre Kinder und Enkel schon im Dunkel der Geschichte untergegangen ist. Sie stellen sich vor, wie das Damals war. Vielleicht hören sie mit Tränen im Knopfloch die alten Melodien – so wie manche vorgestern abend. Vielleicht färben sie sich schwere Zeiten auch schöner, als sie waren. Sie freuen sich, wenn sie ihre Erinnerungen teilen können. Aber vom Morgen, von der Zukunft erwarten sie nicht mehr viel. Das Leben scheint schon jetzt ohne sie weiter zu gehen; oft kommen sie nicht mehr mit, und meistens wollen sie das auch gar nicht mehr.

Für Kinder liegt die beste Zeit des Lebens noch vor ihnen, in der Zukunft. Für Alte liegt die beste Zeit des Lebens schon hinter ihnen, in der Vergangenheit. – Und für uns?

Unser Predigttext sagt: Seht, jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils. (Die angenehme Zeit – das ist eine ältere, und wie ich finde, richtigere Übersetzung; auch wenn Zeit der Gnade sachlich auch zutreffend ist. Aber es geht hier um die richtige, die gute, die angenehme, die beste Zeit.)

Die beste Zeit des Lebens liegt demnach in der Gegenwart.

Vielleicht meinen wir, das müsste jetzt nach der Logik meiner Worte über Kinder und Alte vor allem für erwachsene Menschen in den mittleren Lebensjahren zutreffen. Die leben in der Gegenwart, die stehen mitten im Leben. Die können es sich gar nicht leisten, in die Vergangenheit zurückzuträumen oder auf eine noch bessere Zukunft zu hoffen – Wobei: manchem erscheint vielleicht auch der nahende Ruhestand als eine bessere Zukunft. Und doch wissen wir ja dann auch nicht, wie lange wir ihn genießen können, und der Abschied vom tätigen Leben fällt auch nicht jedem leicht. – Also wäre die beste Zeit des Lebens nur in der Mitte des Lebens? Dumm nur, dass gerade dann die Midlife Crisis zuschlägt, wo uns das erste Mal der nostalgische Rückblick auf die Jugend ereilt und uns die Begrenztheit unserer zukünftigen Lebenszeit richtig bewusst wird.

Nein, die beste Zeit des Lebens liegt nicht in der Mitte des Lebens, sondern in der Gegenwart des Lebens, immer – auch für den jungen Menschen, auch für das Kind. Und ebenso für den alten Menschen. Die beste Zeit ist heute.

Ja, unsere Träume von der Zukunft und unsere Erinnerungen aus der Vergangenheit sind natürlich wichtig, sie gehören zu uns, ohne sie wären wir arm. Aber leben, wirklich leben können wir doch immer nur in der Gegenwart, im Heute. Seht, jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils.

Warum jetzt, warum heute? Warum nicht auf die bessere Zukunft hoffen? Warum nicht an die gute alte Zeit erinnern?

Weil das Jetzt, weil das Heute Gottes Zeit ist. Gott ist nicht von gestern. Und Gott ist nicht erst morgen. Gott ist jetzt und heute.

Wir stehen mit unserem christlichen Glauben und mit unserer christlichen Verkündigung in derselben Gefahr wie ein Mensch in der Mitte seines Lebens, der doch die Gegenwart verpasst, weil er im Gestern lebt oder im Morgen und darüber das Heute vergisst.

Denn natürlich: Wir erzählen alte Geschichten aus der Vergangenheit. Wir erzählen davon, wie einst Gott mit seinem Volk gehandelt und zu den Menschen gesprochen hat. Wir erzählen davon, wie Jesus geboren wurde, wie er gelebt hat, was er gesagt und getan hat, wie er gestorben ist und wie dann doch immer mehr Menschen daran geglaubt haben, dass er lebt, und wie das ihr Leben verändert hat und die Welt verändert hat. Die alten Geschichten aus der Bibel, die alten Geschichten des Glaubens. Und wir neigen dazu, nostalgisch zu werden: Ja, damals! Ja, wenn wir dabei gewesen wären! Ja, wenn Gott heute noch so deutlich sprechen würden und wenn wir heute noch solche Wunder erleben würden!

Vielleicht erzählen wir auch die alten Geschichten aus unserem Leben, oder vielleicht verschweigen wir sie auch, weil sie uns peinlich geworden sind: Wie wir uns bekehrt haben und wie wir gebrannt haben für unseren Herrn, wie begeisternd unser geistliches Leben und unsere christliche Gemeinschaft war. Ja, damals! Und jetzt sind wir alt und abgeklärt, lächeln milde über manchen jugendlichen Überschwang. Oder fragen uns, warum unser christliches Leben heute fade und alltäglich geworden ist.

Und da sagt uns Gott: Ich bin nicht der Gott von gestern. Ich bin nicht nur damals da gewesen bei Abraham und Mose, als Jesus auf der Erde wandelte und als Paulus missionierte. Ich bin heute hier, ich bin der Gott von heute: Heute ist genau meine Zeit. Angenehme Zeit. Heilszeit. Gnadenzeit.

Ich bin nicht nur damals da gewesen, als du ergriffen und begeistert warst vom Glauben und vom christlichen Leben, als mein Wort dich getroffen hat und du anderen davon sagen musstest. Ich bin heute hier, ich bin der Gott von heute: Ich rede auch heute zu dir, ich schenke dir auch heute einen neuen Anfang, ich nehme dich auch heute in meinen Dienst. Denn es ist angenehme Zeit: Ich nehme dich an. Es ist Heilszeit: Ich heile dein Leben. Es ist Gnadenzeit.

Und natürlich: Der christliche Glaube ist auch Zukunftsglaube. Wir hoffen auf das Reich Gottes. Wir glauben daran, dass mit Gott und bei Gott alles besser wird. Wir sind uns zwar nicht ganz einig, ob die Verantwortung dafür nun bei uns liegt: so dass wir das Reich Gottes herbeiführen können, indem wir unsere Welt immer besser machen, oder ob die Verantwortung dafür ganz bei Gott liegt: so dass er kommen und die Welt verwandeln wird. Aber wie auch immer: Die Hoffnung auf Gottes Reich, in dem Friede und Wohlgefallen sein wird und Leid und Geschrei für immer vorbei sind, diese Hoffnung auf die Erlösung, die gehört zum christlichen Glauben unbedingt dazu. – Aber da, in der erlösten Welt, im Reich Gottes, so sagen wir, sind wir noch nicht, darauf hoffen, darauf warten wir.

Und dazu gehört ja auch die persönliche Hoffnung auf Erlösung. Auch wenn uns die Welt nicht als Jammertal erscheinen will, so ist unsere letzte Hoffnung ja eben doch jenseits dieser Welt bei Gott: Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Und wenn wir manchen Leidenden und Sterbenden sehen, dann glauben wir es, dass im Tod Erlösung sein kann und dass es gut ist, heimzukommen zu Gott.

Und doch sagt uns Gott: Ich bin nicht der Gott von morgen. Ich bin nicht der, der euch nur auf eine besseres Leben in der Zukunft und ein ewiges Leben im Himmel vertröstet. Ich bin nicht der Vertröster auf Morgen, sondern der Tröster heute. Die Erlösung kommt nicht erst, wenn du stirbst, sondern die Erlösung kommt jetzt, heute zu dir. Denn heute ist Heilszeit. Zeit der Erlösung. Zeit der Gnade!

Das ist mir wichtig, ganz wichtig: Lebt heute und glaubt heute! Und lebt heute aus dem Glauben! Glaube ist nicht Nostalgie und Glaube ist nicht Vertröstung. Glaube ist Leben in Gottes Gegenwart.

Gott ist der Gott von heute: Er ist hier und jetzt. Und du kannst hier und jetzt zu ihm kommen, zu ihm beten, mit ihm leben.

Heute? – Aber heute kann so viel dagegen sprechen. – Der Apostel Paulus beschreibt im zweiten Teil unseres Textes, was alles zu diesem Heute dazugehören kann, was seine Gegenwart ausmacht: Er lebt in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, ja schlimmer noch: in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen; in Schande und in bösen Gerüchten über ihn usw. – Das sieht nicht nach angenehmer Zeit aus. Und doch ist es das für ihn: Gott ist nämlich dabei, ist gegenwärtig mit seiner Gnade, mit seinem Heil, mit seiner Erlösung in all den Problemen, Nöten, Anfechtungen und Schwierigkeiten. Und darum durchzieht diese Liste seiner Befindlichkeiten eben auch noch ein ganz anderer, ein positiver Zug. Er zählt nicht nur auf, woran er zu leiden hat, und weshalb er sich in eine bessere Vergangenheit zurück oder in eine bessere Zukunft wünschen könnte, sondern er zählt auch auf, worin seine Gegenwart gut ist: in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes usw. – Gott ist nämlich da, ist gegenwärtig in seiner Gegenwart. Gibt ihm die Kraft, die Zuversicht, den Glauben, die Hoffnung, die Liebe. Nicht irgendwann, sondern jetzt, heute. – Mit Gott ist auch die unangenehme Zeit angenehme Zeit. Und so ist er mit Gott auch als Trauriger fröhlich, als Armer reich, als Habenichts beschenkt.

Wisst ihr, mir geht es manchmal so: dass ich weiß: Gott ist hier und jetzt. Es ist seine Zeit. Und darum ist es die allerbeste Zeit.

Manchmal spreche ich mit Menschen, denen geht es genau so: Da ist nicht alles im Lot, nicht alles gut und angenehm. Aber Gott ist in ihrem Leben, und darum ist es für sie gute Zeit.

Ich wünsche euch das, jedem von euch: dass ihr von Herzen Ja sagen könnt zu eurer Gegenwart. Weil ihr wisst, dass es Gottes Gegenwart ist. Seht, jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils.