Sonntag, 19. Februar 2012

Predigt am 19. Februar 2012 (Estomihi)

So spricht der HERR: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Amos 5,21-24



Liebe Schwestern und Brüder,

stellt euch vor, Gott sagt zu uns: "Ich mag eure Sonntagsgottesdienste nicht mehr. Ich finde sie unausstehlich. Ich kann es nicht mehr hören, wenn ihr stolz eure Kollekteneinnahmen verkündet und euch erzählt, wie voll die Kirche wieder war. Ihr findet euren Gesang beeindruckend, ihr seid stolz auf euren Kirchenchor, auf eure Organistin, und sogar noch Gitarrenspiel im Gottesdienst. - Vergesst es! Ich kann es nicht mehr hören!"

Wahrscheinlich können wir dieses alte Prophetenwort nur deshalb überhaupt ertragen, weil es nicht zu uns gesagt ist, sondern zu den Menschen im damaligen Nordreich Israel vor 2.750 Jahren.

Und trotzdem: Wenn es nichts mit uns zu tun hätte, wäre es dann heute unser Predigtwort?

Müssen wir uns nicht zumindest fragen: Was ist damals schief gelaufen zwischen Gott und seinem Volk? Worauf müssen wir achten, dass es bei uns nicht auch schief läuft? Und: Wie soll ein Gottesdienst aussehen, der Gott gefällt, so dass er eben nicht auch zu uns sagen muss: Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder?

Ich denke, es ist gut, wenn wir mal grundsätzlich überlegen, was Gottesdienst eigentlich ist. Wenn man über das Wort Gottesdienst nachdenkt, kann man ja schon darauf kommen, dass es zwei Seiten hat: Auf der einen Seite ist es ein Dienst, den wir Gott erweisen; also: Wir dienen Gott. Auf der anderen Seite ist es ein Dienst, den Gott uns erweist; also: Gott dient uns.

Wir müssen aber noch eine weitere Unterscheidung machen: Es gibt den Gottesdienst im engeren Sinne, den Sonntagsgottesdienst, zu dem wir gerade versammelt sind. Und es gibt den Gottesdienst im weiteren Sinne, den Gottesdienst im Alltag der Welt, wie das so schön heißt. Unser ganzes Leben und Tun soll auf Gott bezogen sein, soll Gottesdienst sein: Arbeit und Freizeit, das Miteinander in Familie, Nachbarschaft, Gesellschaft und Staat – das alles soll für uns Gottesdienst sein.

Und nun neigen wir dazu, diese beiden Unterscheidungen so miteinander zu verbinden, dass im Sonntagsgottesdienst vor allem wir Gott dienen wollen, und im Alltagsgottesdienst vor allem Gott uns dienen soll: Wir opfern Zeit und Geld für Gott, wenn wir hierher zum Gottesdienst kommen. Wir singen und beten, wir erheben unsere Herzen, und meinen, dass wir Gott damit einen Gefallen tun. Und dafür, so denken wir weiter, sollte Gott uns dann im Alltag dienen: uns vor Krankheit, Unfall und Gefahren schützen, unserer Arbeit Erfolg verschaffen, uns in den Problemen des täglichen Lebens Kraft geben. Also: Am Sonntag dienen wir Gott, und im Alltag dient Gott uns.

Dabei ist es eigentlich genau umgekehrt: Im Sonntagsgottesdienst will Gott uns dienen, mit seinem Wort, mit seinem Sakrament, mit seinem Segen. Er will uns wohl tun, und unsere Herzen zu sich ziehen. Er will uns Kraft geben für den Alltag. Und dann, wenn der Alltag wieder kommt, dann sind wir wieder damit dran, Gott zu dienen. Denn das ist unser Gottesdienst im Alltag der Welt: dass wir Gott lieben, indem wir seine Gebote achten, und dass wir unseren Nächsten lieben, indem wir Recht und Gerechtigkeit üben, um es mit den Worten unseres Predigttextes sagen.

Das Problem vor 2.750 Jahren war, dass die Menschen genau diese Verwechslung gemacht haben: Sie wollten Gott dienen mit schönen Gottesdiensten und eindrucksvollen Opfern an den Feiertagen. Dafür sollte Gott seinen Segen zu ihren Alltagsgeschäften geben. Es war ein religiöser Handel: Wir tun was für dich, Gott – am Feiertag. Du tust was für uns, Gott – im Alltag. Damals meinte man, große Tieropfer und der Wohlgeruch von verbrannten Opfergaben würden Gott beeindrucken, dazu möglichst exquisite Kirchenmusik für Solo, Chor und Harfe. Und dann müsste Gott doch so nett sein und über die Dinge hinwegsehen, die im Alltag nicht so ganz nach seinen Geboten liefen.

Das war damals eine ganze Menge. Der Prophet spricht zum Beispiel von Menschenhandel. Offenbar gerieten einige in so tiefe Schulden, dass sie nichts mehr hatten als ihren eigenen Leib, den sie in Zahlung gaben – Schuldsklaverei. Mädchen mussten sich prostituieren, und erhielten doch kaum das Lebensnotwendigste dafür. Auf der anderen Seite waren die, die die Ausweglosigkeit der Armen und Schwachen ausnutzten, ja die mit gefälschten Gewichten und minderwertigen Waren ihren Gewinn vervielfachten, die ihren Wohlstand zur Schau stellten und öffentliche Besäufnisse veranstalteten. Ihre Frauen bezeichnete der Prophet ganz unverhohlen als fette Kühe. – Genau diese feine Gesellschaft war es, die sich dann am Sabbat zum Gottesdienst traf und meinte, sie könnte sich mit religiösen Leistungen bei Gott freikaufen.

Aber Gott ist unbestechlich. Er liefert Segen und Vergebung nicht als Gegenleistung für frommes Verhalten am Sonntag. Im Gegenteil: Er erwartet, dass das Verhalten im Alltag dem Gottesdienst am Sonntag entspricht. Wenn du nicht bereit bist, dein Leben im Alltag als Gottesdienst zu gestalten, dann kannst du dir den Sonntagsgottesdienst auch schenken.

Gottesdienst im Alltag der Welt: Dafür stehen die Worte Recht und Gerechtigkeit.

Bei Recht denken wir zurecht an Gesetze, die einzuhalten sind, und an eine Rechtsprechung, die diesen Gesetzen Geltung verschafft. Recht tun bedeutet also zunächst ganz schlicht und einfach: sich an die Gesetze halten. Zum Beispiel an Steuergesetze. Es ist Unrecht, sich selber auf Kosten anderer oder auf Kosten des Staates Vorteile zu verschaffen, die einem nicht zustehen. Und es bleibt Unrecht, auch wenn andere dasselbe tun.

Wenn in der Bibel von Recht die Rede ist, dann ist dabei noch an mehr gedacht. Recht ist, was Gott recht ist. Gottes Gebote sind so einfach, dass wir sie uns an den zehn Fingern abzählen können. – Ich beobachte, dass fast jeder zustimmt, wenn man sagt, dass die Zehn Gebote eine wichtige Grundlage für ein anständiges und gottgefälliges Leben sind. Ich beobachte aber auch, dass man dann doch schnell Abstufungen vornimmt, was davon wichtiger ist und was nicht, was man davon halten kann und was nicht. Und dann ist man schnell an dem Punkt, wo außer „nicht töten“ und „nicht stehlen“ nicht mehr viel bleibt von den Zehn Geboten. Nicht ehebrechen? – Es hat eben nicht mehr so gestimmt, und die andere war irgendwie besser, schöner, jünger … Vater und Mutter ehren? - Naja, aber die machen uns doch das Leben schwer. Nicht schlecht reden über andere? – Geht das überhaupt? Worüber soll man denn dann überhaupt noch reden, wenn man nicht lästern kann? Nicht begehren? – Aber hallo, das geht doch gar nicht! Und die Gebote mit Gott: Keine anderen Götter anbeten? – Ich kenne genug Leute, die den Götzen Gesundheit anbeten. Wie wohltuend fand ich es, als kürzlich bei einer Geburtstagsgratulation jemand nicht sagte: "Das ist das wichtigste", als ich Gesundheit wünschte, sondern als ich Gottes Segen wünschte! Den Namen Gottes nicht missbrauchen – Ja, um Gottes Willen, geht das denn? Und den Feiertag heiligen? – Mal ehrlich: Ich verstehe es nicht ganz, wenn jemand, der als Rentner sieben Tage in der Woche frei hat, ausgerechnet am Sonntagvormittag wandern gehen muss.

Gottes Gebote, Gottes Recht – sie gehen weit über das hinaus, was staatliche Gesetze fordern können: Gottes Recht, das heißt Gott lieben und seinen Nächsten wie sich selbst.

Und das ist vielleicht auch die kürzeste und einfachste Beschreibung für das andere große Wort, für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit hat immer etwas mit anderen zu tun. Ich bin nicht für mich selber gerecht; Selbstgerechtigkeit ist keine Gerechtigkeit. Sondern ich bin gerecht in meinem Verhalten andern gegenüber. Gerechtigkeit ist immer sozial. – Darum ist der Ausdruck "soziale Gerechtigkeit" ein Pleonasmus, also so etwas wie ein "weißer Schimmel" oder "kaltes Eis". Wahrscheinlich wird der Ausdruck "soziale Gerechtigkeit" aber deshalb so gerne gebraucht, weil man damit die Verantwortung für die Gerechtigkeit von sich weg auf die Gesellschaft delegieren kann.

Wenn die Bibel von Gerechtigkeit spricht, dann meint sie das Verhalten einzelner Menschen untereinander (oder auch gegenüber Gott). Gerechtigkeit nimmt den anderen in den Blick. Er ist ein Mensch wie ich: Er hat Interessen und Bedürfnisse wie ich. (Er hat Fehler und Schwächen wie ich.) Er hat Rechte und Freiheiten wie ich. Und gerecht verhalte ich mich, wenn ich ihm, meinem Nächsten gerecht werde – oder gerecht zu werden versuche. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Vor allem heißt das eins: Ich werde den anderen Menschen als Menschen behandeln, seine Würde achten, wie immer das auch konkret aussehen mag. – Da mögen dann wieder die Zehn Gebote eine gute Orientierung sein. Und so reichen sich Recht und Gerechtigkeit die Hand.

Es ströme das Recht wie das Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. – Das ist die Beschreibung für den Gottesdienst im Alltag der Welt.

Und von daher bekommt dann auch der Sonntagsgottesdienst seine Bedeutung. Der ist vor allem die Art von Gottesdienst, in der Gott uns dient. Da sind wir nämlich an der Quelle. Von hier aus strömen Recht und Gerechtigkeit in unser Leben hinein. Hier sind wir nicht zuerst Gebende, sondern Empfangende. Gott gibt uns sein Wort. Gott lässt uns sein Recht wissen, sagt uns, was ihm recht ist. Und Gott spricht uns seine Gerechtigkeit zu. Das heißt auch: Er vergibt uns.

Es ist nämlich nicht so, dass wir erst zu Gott kommen dürften, wenn unser alltäglicher Gottesdienst perfekt wäre. Nein, wir kommen zu ihm durchaus mit dem Wissen unserer Unvollkommenheit, unserer Ungerechtigkeit, unseres Unrechts. Wir kommen zu ihm mit dem Wissen, dass wir ihm nichts bringen können, was uns freikauft und vor ihm gerecht macht. Wir kommen, um von ihm freigemacht zu werden, ohne Verdienst und Gegenleistung. Aber dann auch frei gemacht, um wirklich seine Gerechtigkeit zu leben.

Das ist letztlich der Sinn unseres Gottesdienstes: dass Gottes Gerechtigkeit von hier aus in unser Leben strömt – und weiter hinein in die Welt, in der wir leben und in der wir berufen sind, Gott zu dienen.