Sonntag, 12. Februar 2012

Predigt am 12. Februar 2012 (Sexagesimä)


Liebe Schwestern und Brüder,

„Guck mal, wie toll ich bin!“ – das war das Motto der Predigt letzte Woche. Und wir haben festgestellt, dass das gar nicht so toll ist, wenn man sich selber so toll findet. Wer sich rühmen will, der soll sich rühmen, dass er Gott kennt; darauf lief es hinaus.

Und nun will es die Predigttextordnung, dass es diese Woche wie in einer Fortsetzung noch mal um dasselbe Thema geht. Und zwar an einem konkreten Beispiel: am Beispiel des Apostels Paulus.

Paulus hat ein Problem. Und sein Problem ist, dass er – genau entsprechend dem Text von letzter Woche – sich nicht selber rühmen will, sich nicht selber großtun will, sondern dass er immer nur Jesus Christus groß machen will, ihn rühmen mit Wort und Tat.

Aber damit stößt er nicht auf so viel Begeisterung und Anerkennung. Und vor allem leidet seine Autorität als Apostel darunter.

Da gibt es nämlich noch ganz andere, die hauen offenbar mächtig auf den Putz: wer sie sind, was sie können, was sie schon Tolles mit Gott erlebt und vollbracht haben. Und nebenbei halten sie noch die Hand auf; denn wer so toll ist, der hat es auch verdient, dass er entsprechend bezahlt wird. – „Superapostel“ nennt Paulus sie. Und wahrscheinlich haben sie auch eine Super-Botschaft: Nicht nur sie selber sind etwas ganz Besonderes, sondern auch ihre Anhänger können etwas ganz Besonderes sein: nicht nur einfach Christen, sondern „Superchristen“, die die totale Erleuchtung haben und völlig über den Dingen stehen. – Mit solchen Leuten in der Gemeinde, die alles besser wissen, besser können und überhaupt die Größten sind, da muss es ja knirschen und krachen. – Davon bekommen wir ein bisschen was mit in den Korintherbriefen des Paulus.

Heute erleben wir, wie ihm die Hutschnur platzt. Er schreibt nach dem Motto: Wenn ihr denkt, ihr könnt auf den Putz hauen; ich kann es auch.

Wir hören einen Abschnitt aus dem 2. Brief an die Korinther im 11. Kapitel:

Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen. Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden. Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen.
2. Korinther 11, 18.23b-30

So, liebe Gemeinde, sieht es aus, wenn Paulus auf den Putz haut: „Guckt mal, was ich alles durchgemacht habe“, sagt er. Gefahren, Gefahren, Gefahren... Statt zu Hause sitzen zu bleiben und Bibelstudien zu treiben, hat er zu Fuß oder zu Schiff den östlichen Mittelmeerraum bereist, Strapazen ohne Ende auf sich genommen und hat dabei noch von allen Seiten auf die Fresse gekriegt, weil die Botschaft vom gekreuzigten Gottessohn den einen zu dumm und den anderen zu anstößig war. Apostel Jesu zu sein, das war damals schon etwas unbequemer als ein Tourismuspfarramt.

Warum macht er das, warum tut er sich das an?, könnte man fragen. – Nun ja, eben nicht um Blumentöpfe zu gewinnen und Bewunderung zu ernten. Denn natürlich kann man auch für Strapazen, Entbehrungen, Gefahren und Erniedrigungen noch Anerkennung oder zumindest Aufmerksamkeit bekommen – ich sage nur: Dschungelcamp. Aber das ist es ja nicht bei Paulus. Er will ja am liebsten gar nicht drüber reden. – Er tut es sich an, weil er ergriffen ist von Jesus Christus. Er kann gar nicht anders, als die Sache Jesu weiterzutragen. Und niemand soll sagen, er tue das um seines eigenen Vorteils und um seines eigenen Erfolges willen!

Als wir am Mittwoch beim Bibelgespräch über diesen Text sprachen, hat jemand eine interessante Beobachtung gemacht: Paulus lässt sich zwar darauf ein, sich selber zu rühmen. Aber er spricht nicht von seinen Erfolgen. Er spricht nicht davon, wie viele Gemeinden er gegründet hat, wie viele Menschen er zum Glauben geführt hat, wie viele er getauft hat – da gibt es sogar eine lustige Stelle im 1. Korintherbrief (1. Korinther 1, 14-16), wo Paulus sagt: Gott sei Dank, habe ich niemanden bei euch getauft, und dann fallen ihm nacheinander doch ein paar Namen ein von Leuten, die er getauft hat, und dann sagt er: Sonst weiß ich nicht, ob ich noch jemand getauft habe . – Es ist ihm einfach nicht wichtig. Er möchte keine Zahlen und Erfolgsbilanzen vorweisen. Weil es ihm eben nicht um seinen eigenen Ruhm geht, sondern um den Ruhm des Herrn. Oder wie wir vorige Woche gesungen haben: Nichts hab ich zu bringen, alles, Herr bist du.

Ja, aber wo ist er denn, der Herr? Was hast du denn mit ihm erlebt? So könnten ihn seine Gegner fragen. Mit der Antwort darauf sind wir beim zweiten Teil unseres heute sehr langen Predigttextes:

Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarung nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
2. Korinther 12, 1-10

Wo ist er, der Herr? – das war die Frage. Und die Antwort ist unsere Jahreslosung, die genau in diesem Abschnitt steht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Lass dir an meiner Gnade genügen.

Dabei könnte Paulus doch eine ganz andere Antwort geben. Er könnte von seiner Himmelsreise erzählen. Ja, was war das? Eine Vision? Eine Entrückung? Eine Art Nahtoderfahrung? Und was hat er da gesehen und gehört? – Dafür gibt es gar keine angemessenen Worte. Überunaussprechlich haben die alten Kirchenväter die Gottesschau genannt. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, hat der Philosoph Wittgenstein gesagt. Und Paulus in philosophischer Weisheit schweigt ebenfalls über das Unaussprechliche. – Anders übrigens als der Seher Johannes, dessen befremdliche Vision wir vor 14 Tagen besprochen haben.

Was immer Paulus von Gottes Wirklichkeit gesehen und gehört hat, es hat sich gewiss ausgewirkt auf sein Reden und Schreiben, auf sein Glauben und Leben. Aber er bringt es nicht selber zur Sprache. Er spricht, wenn er von sich selber spricht, lieber von seiner Schwachheit, von seiner Krankheit, von seiner Anfechtung – und von Gottes Gnade.

Bloß nicht überheblich werden, bloß nicht sich was einbilden auf die übernatürliche Offenbarungserfahrung! – Das ist für ihn der Sinn dessen, was ihm da als Pfahl im Fleische sitzt. Ich habe es schon im Neujahrsgottesdienst gesagt: Wir wissen es nicht, was für eine Belastung, wahrscheinlich Krankheit er mit sich herumschleppt. – Und vielleicht ist das gerade gut für uns, weil wir uns so mit unseren eigenen Einschränkungen, Krankheiten und Anfechtungen darin wiederfinden können. Sie bekommen ihren Sinn durch das Wort Jesu: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den schwachen mächtig!

Das ist die Antwort für Paulus – vielleicht auch für uns: Da ist der Herr: Wo wir schwach sind. Wo unsere Möglichkeiten am Ende sind. Wo wir nichts eigenes mehr vorzuweisen haben.

Das ist es, was ich euch heute wieder als Gottes Wort und Zuspruch mitgeben möchte: Gottes Gnade genügt.

Gottes Gnade genügt, wo Ruhm und Anerkennung ausbleiben. – Paulus erfährt heftigen Widerspruch und scheinbares und tatsächliches Scheitern. – Scheitern ist ja ein wunderbar gleichnishaftes Wort. Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten. – Wie oft hast du Schiffbruch erlitten in deinem Leben? – Aber du hast überlebt, vielleicht erst nachdem du einen Tag und eine Nacht auf dem offenen Meer getrieben bist. Und doch bist du errettet worden. – Lass dir an meiner Gnade genügen!

Gottes Gnade genügt, wo das Wunder ausbleibt. – Darum hatte Paulus ja gebetet, um das Wunder: Dass der Satansengel von ihm weichen soll, dass ihm der Pfahl im Fleisch entfernt wird. – Wir wissen es: Es gibt das Wunder. Es gibt die Heilung, die unerwartete Wendung, die Befreiung von Lebenslasten. Und wo es das gibt, staunen und danken wir. – Aber wir wissen auch: Es gibt das Ausbleiben des Wunders, das Fortschreiten der Krankheit, das Eintreten der Katastrophe, das Gefühl, dass uns mehr aufgelegt wird, als wir tragen können. Und es gibt das Gebet, das nicht erhört wird. Zumindest nicht so, wie wir es gewünscht haben. – Ich wünsche dir, dass du auch diese Antwort annehmen kannst: Lass dir an meiner Gnade genügen!

Gottes Gnade genügt, wo der Satan dich anficht. – Paulus spricht ja von einem Engel des Satans, der ihn mit Fäusten schlägt. Vielleicht tust du dich schwer mit solchen Bildern. Vielleicht befremdet es dich, dass Gott offenbar dem Teufel einen Spielraum lässt, sich an dir auszuprobieren. Vielleicht denkst du an die Geschichte Hiobs, wo der Teufel seine Anfechtungen auf die Spitze treiben darf. – Aber vergiss dabei nicht: Gott ist Herr des Geschehens. Und Jesus ist Herr deines Lebens. Und keine Macht der Finsternis kann dich aus seiner Hand reißen. Lass dir an meine Gnade genügen! Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Da ist der Herr, dessen wir uns rühmen sollen, da wo wir schwach sind. Wo wir selbst das, was wir mit Recht vorweisen könnten, noch vergessen und hinter uns lassen, wo wir nur noch ganz auf ihn angewiesen sind. Da ist er, da ist er bei uns. Da nimmt er unsere Hände und führt uns bis an unser selig Ende und ewiglich. Selbst da, wo wir nichts spüren von seiner Macht, führt er uns durch Nacht und Dunkel zum Ziel. – Das singen wir jetzt mit dem Lied Nr. 376: So nimm denn meine Hände.