Sonntag, 6. März 2011

Predigt vom 6. März 2011 (Estomihi)

Jesus kam in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: "Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!" Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: "Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Lukas 10, 38-42

Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus zwischen zwei Frauen. Marta und Maria wetteifern, ja konkurrieren um seine Gunst. Sie stehen für zwei Typen von Frauen. Die eine, Marta, will mit ihren Küchenkünsten beeindrucken: Liebe geht durch den Magen. Die andere, Maria, will beeindrucken, indem sie bewundernd zu Ihm aufschaut. Die Szene ist regelrecht so gestaltet: Sie sitzt ihm zu Füßen, hört Ihm zu, schaut zu ihm auf. Und die erste, sie macht sich zu schaffen, sie will Ihm dienen.
Was hier vorgestellt wird, ist nicht nur die Art und Weise, wie Frauen ihre Liebe und Bewunderung für einen Mann ausdrücken können. Es ist eine Typologie, wie christliche Frauen sein können: zwei verschiedene Rollenmuster, die es immer auch in der Kirche gegeben hat: die aktiv Dienende, die Praktische, die Küchenfee; und die passiv Hörende, die Kontemplative, auch bekannt als Kanzelschwalbe.
Nein, es sind überhaupt zwei Glaubens- und Lebenstypen, die es nicht nur unter Frauen gibt, sondern auch unter Männern. Ich kenne das aus allen Gemeinden, in denen ich bisher gewesen bin. Ob es hier auch so ist, will ich nach drei Wochen noch nicht beurteilen.
Da gibt es die Aktiven, die Praktischen, die Macher. Wenn es darum geht, ein Fest vorzubereiten, Tische aufzustellen, am Grill zu stehen, oder beim Arbeitseinsatz im Kirchengelände oder im Pfarrwald mitzumachen, da sind sie dabei, diese Männer, auch manche, die man sonst nie oder selten im Gottesdienst sieht. Wenn es darum geht, zu kochen, zu backen oder Kaffee zu machen, wenn im Frühjahr Kirchenputz angesagt ist, dann sind sie dabei, diese Frauen, auch manche, die niemals zur Bibelstunde oder zum Weltgebetstag mitgehen würden.
Ja, und da gibt es die anderen, die lieber zum Gottesdienst gehen als zum Kirchencafé, die für jede Situation das passende Bibelwort parat haben, die sich noch mal extra zum Beten treffen und die vielleicht sogar, ohne dass es groß auffällt, für andere Seelsorger und Berater sind. Aber bei den praktischen Arbeiten, da sieht man sie eher selten oder mit wenig Begeisterung.
Es ist schwer, diese Unterschiedlichkeit auszuhalten. So schwer wie bei Marta und Maria. Es dauert nicht lange, da beschwert sich die eine über die andere. In diesem Falle ist es die Küchenfee, die sich beklagt, dass die andere nicht mithilft. Und – huch – sie sagt es ihr nicht etwa selber: „Maria, könntest du nicht bitte auch was mit machen?“ – Sie beschwert sich lieber bei Jesus. Wenn Maria ihn schon so anhimmelt, dann kann er ja seine Autorität gleich mal nutzen und ihr sagen, was wirklich dran ist.
Es könnte durchaus auch andersherum sein. Jedenfalls in christlichen Gemeinden ist es manchmal auch andersherum: Da beschwert sich auch mal die Kanzelschwalbe über die Küchenfee, dass diese nicht fromm genug ist und bei der ganzen Arbeit das Beten vergisst.
Wie soll man mit solchen Beschwerden umgehen? – Jesus nimmt diejenige in Schutz, über die sich die andere beschwert – ich möchte es zunächst erst mal so neutral ausdrücken: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Könnte heißen: Ich verstehe dich ja. Ich sehe durchaus, was du tust und leistest; und trotzdem: das andere ist auch gut und wichtig: zuhören, glauben lernen, beten.
Könnte er umgekehrt nicht auch Marta in Schutz nehmen – gegen eine Maria, der die Marta nicht fromm genug ist? – "Maria, Maria, du hörst so gut auf meine Worte, aber Marta hat begriffen, dass es nicht nur Hörer, sondern Täter des Wortes braucht?"
Liebe Schwestern und Brüder, das wäre sympathisch. Damit könnte ich gut leben. Das wäre auch eine gute Linie, die ich als Pfarrer in der Gemeinde fahren könnte: Jeder ist wichtig, ob mit Worten oder mit Taten. Seht hin und erkennt es an, was der andere tut! Freut euch, dass es die Praktischen gibt, die für das Wohlergehen des Leibes sorgen – und damit letztlich ja auch der Seele. Und seid dankbar, dass es die Kontemplativen gibt, die für ihre Seele sorgen – und damit letztlich auch für unser aller Seelen. Wir sind verschieden, und das ist gut so! So sind wir Gemeinde!
Ja, das wäre mir sympathisch. Aber in der Begegnung mit Jesus, Marta und Maria, geht es nicht so zu. Jesus kann und will es offenbar nicht allen recht machen. Er ergreift Partei. Er ergreift Partei für Maria, die Passive, die Nichtstuerin, die Nur-Zuhörerin. Was Marta da in der Küche tut, ist gut und schön. Maria aber, sagt er, hat das gute Teil erwählt. Die beste Portion, könnte man auch übersetzen. Während Marta sich noch müht, dass alle etwas Ordentliches vorgesetzt bekommen, hat Maria, so sagt es Jesus, schon die beste Portion bekommen.
Die beste Portion, das Wichtigste überhaupt ist eben nicht das gute Essen und Trinken, es ist das Miteinander, es ist das Einander-Mitteilen, Aufeinander-Hören. Es ist das Hören auf Jesus.
Leuchtet das ein? – Mir schon: Essen und Trinken, das leibliche Wohl, die Gebäude, die Infrastruktur, das Drumherum – das alles ist wichtig; aber es ist nicht das Wichtigste. Es ist eigentlich immer Mittel zum Zweck. Nicht dass der Gast bewirtet wird, ist eigentlich wichtig, sondern dass das Essen und Trinken Gemeinschaft stiftet, dass sich Menschen am Tisch begegnen, miteinander reden, aufeinander hören.
So ist es auch in der Kirche, in der Gemeinde: Die Versorgung, der Küchen- und Tischdienst, das Bauen und Verwalten – das alles ist wichtig; aber es ist nicht das Wichtigste. Es ist Mittel zum Zweck: Damit Menschen einander begegnen können, miteinander reden, aufeinander hören, voneinander lernen. Mehr noch: damit sie Gott begegnen können, mit ihm reden, auf ihn hören und von ihm lernen. Das ist der Sinn von Kirche, von Gemeinde. Das ist wohl sicher auch damit gemeint gewesen, als unser Gemeindezentrum, das neue wie schon das alte, „Haus der Begegnung“ genannt worden ist. Das ist das Eine, das nottut, das wir brauchen: einander begegnen und Gott begegnen. – Das ganze organisatorische und praktische Drumherum ist dem zugeordnet.
Wenn wir Technik und Verwaltung, Küche und Kuchen hätten, aber keine Menschen, die sich hinsetzen und bei Kaffee und Kuchen miteinander reden, die sich auch zur Bibelstunde treffen und miteinander Gottesdienst feiern, dann wäre das alles umsonst.
Um diese Priorität geht es: Die Begegnung von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Gott, die ist das Wichtigste. Alles andere hat dienende Funktion.
Maria, die von Jesus gelobt wird, der war das Wichtigste so wichtig, dass sie das Drumherum einfach vergessen hat. Das kann man ihr vorwerfen, wie Marta es tut. Man könnte sie aber auch bewundern, dass ihr die Äußerlichkeiten so unwichtig geworden sind.
Wie so oft endet die Geschichte mit einem pointierten Satz: Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. Wie es weitergeht erfahren wir nicht. Könnte es sein, dass Jesus am Ende hinzugefügt hat: „Und nun, Maria, lass uns zu Marta in die Küche gehen, wir können ihr helfen und dabei das Gespräch zu dritt fortsetzen“?
Aktivität und Kontemplation, Arbeiten und Beten, Küchenfee und Kanzelschwalbe, Marta und Maria – die müssen nicht im Wettstreit miteinander stehen.