Sonntag, 13. März 2011

Predigt vom 13. März 2011 (Invokavit)

Liebe Schwestern und Brüder,
wir leben nicht im Paradies, nicht mehr. Wenn sich Katastrophen ereignen, so wie vorgestern die Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan, dann wird uns das schlagartig deutlich. Menschen, unschuldige Menschen, wie man so gerne sagt, kommen ums Leben, werden verletzt, verlieren Hab und Gut …
Das ist nur ein Beispiel. Erdbeben, die plötzlich und (fast) unvorhersehbarer Gewalt über die Menschen kommen, sind nur besonders krasse Katastrophen. Sie erschüttern besonders ...
Als 1755 ein gewaltiges Erdbeben Lissabon zerstörte und eine gewaltige Flutwelle durch den Atlantik ging – also auch die Gestade unserer Kanarischen Inseln berührte –, da war das eine große Erschütterung für das optimistisch-aufgeklärte Denken der Denker von damals.
Einer der großen Philosophen, Gottfried Wilhelm Leibniz, hatte doch bewiesen, dass wir in der „besten aller möglichen Welten“ leben.
Der Glaube an den gütigen Gott der Aufklärung bekam Risse.
Nein, wir leben nicht im Paradies, und ob diese nicht paradiesische Welt trotzdem die beste aller möglichen Welten sein könne, ist reine Spekulation.
Die Bibel erzählt uns, dass wir Menschen das Paradies verloren haben, dass wir aus dem Paradies vertrieben worden sind und dass paradiesische Zustände jenseits von Eden nicht zu erwarten sind.
Diese lange Geschichte vom Scheitern des Paradieses, sie ist heute unser Predigttext:

Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: "Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?" Da sprach das Weib zu der Schlange: "Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!" Da sprach die Schlange zum Weibe: "Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist." Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam  versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: "Wo bist du?" Und er sprach: "Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich." Und er sprach: "Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?" Da sprach Adam: "Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß." Da sprach Gott der HERR zum Weibe: "Warum hast du das getan?" Das Weib sprach: "Die Schlange betrog mich, so dass ich aß." Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: "Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen." Und zum Weibe sprach er: "Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein." Und zum Manne sprach er: "Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden."
Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Und Gott der HERR sprach: "Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!" Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.
1. Mose (Genesis) 3, 1-24

Liebe Schwestern und Brüder, diese lange Geschichte, diese alte Geschichte kann man nicht mal so eben schnell in einer Predigt ausdeuten. Es ist auch keine Geschichte, die eindeutige Antworten auf eindeutige Fragen gibt.
Vielleicht ist es aber am ehesten diese Frage, auf die sie antwortet: Warum ist unsere Welt, die Welt, in der wir leben kein Paradies? Warum gibt es das Böse in der Welt? – Gefährliche Tiere und gefährliche Pflanzen, das Miteinander und Gegeneinander der Geschlechter, die Mühen des Broterwerbs, die Mühen des Kinderkriegens, das Sich-Schämen, Sich-Verstecken, Sich-Herausreden der Menschen voreinander – und vor Gott, die Klugheit und Verdorbenheit des Menschen und vor allem: der Tod? – Warum ist diese Welt so und nicht anders? Warum ist sie kein Paradies?
Und weil sich darauf keine kurze, knappe, logische Antwort geben lässt, darum erzählt die Bibel eine Geschichte.
Eine Geschichte zunächst davon, wie das Paradies aussehen könnte. Und eine Geschichte davon, was über kurz oder lang passiert, wenn man den Menschen in dieses Paradies hineinsetzt.
Es ist wie eine Versuchsanordnung: Die beste aller möglichen Welten, alles ist gut. Und doch geht es nicht gut.
Da ist die Schlange. Das Böse windet sich aus dem Guten hervor.
Immer wieder hat man in der Schlange den Teufel gesehen, den Bösen, den Versucher: Ein Gegenspieler Gottes bringt die Schöpfungsordnung durcheinander.
Davon steht im Bibeltext kein Wort. Es wird ausdrücklich gesagt, dass auch die Schlange Gottes Geschöpf ist, von ihm gemacht. Sie ist ein Stück Schöpfung, ein Stück Natur.
Die Natur aber ist nicht einfach nur gut. Sicher, Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut! (1. Mose 1,31) – Alles funktioniert, alles ist perfekt aufeinander abgestimmt – das können wir staunend beobachten, wenn wir den Lauf der Gestirne, die Vielfalt und Funktionalität von Tieren und Pflanzen bestaunen oder uns einfach an der Schönheit der Natur erfreuen. – Aber das heißt noch lange nicht, dass diese Natur auch moralisch gut ist. Sie weiß nicht zu unterscheiden zwischen Gut und Böse.
Die Plattentektonik der Erde ist faszinierend, und wahrscheinlich könnte unser Planet nicht ohne sie sein. Der Vulkanismus kann wunderschöne Berg- und Gesteinsformationen hervorbringen: Wir haben sie hier täglich vor Augen. – Und doch sind diese Kräfte mächtig, zerstörerisch, tödlich. Dahinter steckt keine Bosheit, und doch können sie für uns bitterböse werden.
Das Zeitalter der Romantik hat die Natur zu etwas Gutem verklärt; das Zeitalter der neuen Romantik, das wir erleben, hat die Natur zu etwas Heiligem verklärt, das wir Menschen vor unserer Nutzungskultur schützen müssten. – Eigentlich war es immer anders: Die Menschen mussten sich vor der gefährlichen Natur schützen. – Bei so einem Erdbeben wird das wieder sichtbar: Entscheidend sind die Schutz- und Warnsysteme. – Wir sehen ja auch, was es für einen Unterschied macht, ob ein Erdbeben ein unterentwickeltes Land wie Haiti trifft oder ein hochtechnisiertes Land wie Japan ...
Die Möglichkeit zum Bösen – sie liegt offenbar in der Natur. Sie ist mit Gottes guter Schöpfung mitgeschaffen.
Die Möglichkeit zum Bösen – sie liegt aber auch im Menschen. Der Mensch kann, ja er muss, Entscheidungen treffen. Wer oder was schützt ihn vor Fehlentscheidungen? – Die Erkenntnis von Gut und Böse, sie stellt sich oft erst hinterher ein. So ist es ja auch in der biblischen Geschichte. Wie soll der Mensch wissen, dass es böse ist, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, wenn er gerade noch nicht von diesem Baum gegessen hat? – Der Mensch in der Freiheit ist der Mensch im Dilemma. Er ist seiner Freiheit nicht gewachsen.
Es ist ja nicht die Bosheit des Menschen, die ihm zum Fallstrick wird, es ist viel mehr seine Güte, seine Gutmütigkeit, seine Arglosigkeit. Warum sollte er den Worten der Schlange nicht glauben? Warum sollte das, was Gott gesagt hat, richtiger sein? Gott ist gerade weg. Die Schlange ist da.
Und dann ist die Frau da, der Mitmensch. Sie gibt ihm zu essen. Warum soll er ihr misstrauen?
Es ist wie in der klassischen Tragödie. Die Katastrophe braut sich zusammen, und sie ist unausweichlich. Gerade weil der Mensch die Freiheit zum Guten hat, wählt er zwangsläufig das Böse.
Und dann gehen ihm die Augen auf. Aber es ist zu spät.
Schon in diesem Moment ist das Paradies kein Paradies mehr. An die Stelle von Offenheit, Unverstelltheit und Arglosigkeit tritt das Sich-Verstecken. Der Mensch weiß um Gut und Böse, er kennt das Böse in sich selber, und darum schämt er sich, darum versteckt er sich. Vor dem Mitmenschen, selbst vor dem engsten Lebenspartner – und dann auch vor Gott.
Er ist nicht mehr eins mit seiner Entscheidung. Gefragt, warum er getan hat, was er getan hat, redet er sich heraus, redet er sich um Kopf und Kragen: "Ich war's nicht. Das Weib war's", sagt der Mann, "das Weib, das du mir gegeben hast." Mit anderen Worten: "Gott, du bist selber schuld." – "Ich war's nicht. Die Schlange betrog mich", sagt das Weib. "Es ist ja nur die Natur." – Die Natur, die Schlange, kann sich nicht mehr wehren.
Wir können uns ja fragen, wo solche Ausreden vorkommen: Verführt worden. Die Verhältnisse. Die natürlichen Neigungen und Bedürfnisse.
Das alles mögen Erklärungen sein. Es sind keine Entschuldigungen. Der Mensch, der in der Freiheit steht, der Mensch, der Gut und Böse zu unterscheiden weiß, er ist verantwortlich für seine Entscheidungen. Und er muss die Konsequenzen tragen.
Die Lebensverhältnisse jenseits von Eden, außerhalb des Paradieses sind Konsequenzen daraus, Konsequenzen aus der verfehlten Freiheit. – Ich kann das heute nicht weiter ausführen; es wird sonst zu lang.
Aber eines dürfen wir nicht übersehen, die erschwerten Lebensverhältnisse jenseits von Eden, mit Katastrophen, Krankheit, Mühe und Not und am Ende dem Tod, sie sind immer noch eine Chance zum Leben. An dem Tagen, an dem du diesem Baum isst, wirst du des Todes sterben, hatte Gott gesagt (1. Mose 2, 17). – Doch dann hat er dem Menschen noch eine Lebensspanne eingeräumt. Der Tod ist ihm nie fern, das Damoklesschwert hängt über ihm, aber er darf leben und leben weiter geben. Er lebt nicht im Paradies, aber er lebt mit Mühe und Arbeit, mit Liebe und Leid.
Und er lebt in der Hoffnung auf Erlösung. In der Hoffnung auf die Rückkehr ins verlorene Paradies.
Vielleicht ist es auch etwas von dieser Hoffnung, das uns auf diese Eilande hier getrieben hat, die Inseln des ewigen Frühlings, die nach alten Mythen die Insel der Seligen sein sollten, ein letztes Stück Paradies auf Erden.
Wir sollten aber auch wissen: Auf diesen Vulkaninseln an einer tektonisch sensiblen Stelle unseres Planeten leben auch wir gefährdet.
Jedenfalls kann uns dieser schöne Ort nicht die Erlösung ersetzen.
Wir befinden uns, liebe Schwestern und Brüder, am Beginn der Passionszeit. Wir lassen uns erinnern an die Geschichte vom Leiden, Sterben und Auferstehen des Menschensohnes Jesus Christus. Er hat uns, indem er die nicht erlöste Welt durchlebt und durchlitten hat, erlöst und die Tür zum Paradies wieder aufgestoßen. So heißt es ja in einem bekannten Weihnachtslied: "Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis …" (EG 27, 6), so klingt es auch in der Osterbotschaft, der wir entgegen gehen. Und darum singen wir jetzt auch ein Osterlied …
Jesus Christus hat die Macht des Todes überwunden und uns das Leben wiedergebracht.