Donnerstag, 3. März 2011

Predigt vom 27. Februar 2011 (Sexagesimä) - Gottesdienst mit Einführung ins Pfarramt Teneriffa-Süd

Jesus sprach: "Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.
Markus 4, 26-29

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,
so ein Landwirt hat's gut: Im Frühjahr säen, dann ein paar Monate nichts tun, und im Herbst die Ernte einfahren. Aufgehen und Wachsen kann die Saat auf dem Feld von allein. So einfach ist das – sagt Jesus in dieser kleinen Gleichnisgeschichte.

So ein Tourismuspfarrer hat's auch gut: „sonnenbadender Touri mit Arbeitserlaubnis“ – so hat mir ein neidischer Zeitgenosse vor ein paar Tagen in einer E-Mail geschrieben. – Und hat er nicht Recht? – Gesät haben hier schon andere. Meine Vorgänger, vor allem Martin Götz und Wilfried Heitland, haben hier Entscheidendes geleistet: Der eine hat eine Gemeinde gesammelt, der andere hat gemeinsam mit dieser Gemeinde die organisatorischen und räumlichen Strukturen geschaffen, in denen das Wort Gottes nun wachsen kann. Ich kann mich gewissermaßen ins gemachte Nest setzen, bzw. auf meinen Balkon in Chayofa, und zuschauen, wie diese gute Saat aufgeht. Erntezeit scheint ja noch nicht zu sein. – So schön, so einfach könnte es sein.

So schön, so einfach ist es nicht. Das weiß ich schon nach den ersten knapp zwei Wochen hier. Das wusste ich schon, nachdem wir uns im Oktober hier vorgestellt und umgesehen hatten. Das wusste ich auch schon, als wir die Bewerbung auf diese Pfarrstelle losgeschickt haben.
Das Gleichnis von dem Samen, der ganz von allein aufgeht, wächst und Frucht bringt, ist, wenn ich das richtig verstehe, auch ein bisschen anders gemeint. Es ist keine Einladung zum Nichtstun und Zuwarten. Es ist eher eine Anleitung zur Geduld, eine Hilfe, Wachstumsprozesse zu verstehen.
So ist Gottes Reich, sagt Jesus immer wieder: etwas, das wachsen muss, das sich entwickelt, entfaltet. Das Zeit braucht. Es kommt nicht mit Macht und Gewalt. Es kommt mit kleinen Samenkörnern, die Zeit brauchen zum Keimen, zum Aufgehen, zum Früchte ausbilden.
Jesus hat sich selber in der Rolle des Landwirts, des Sämanns gesehen. Seine Worte, seine Taten, seine kleinen Geschichten – so auch diese – das sind die Samenkörner des Reiches Gottes. Mehr noch: Er selber ist mit seiner Geschichte, mit seinem Leben, Sterben und Auferstehen Gottes Samenkorn. Das Reich Gottes ist eingesät, eingepflanzt in diese unsere Welt.
Manchmal haben sich die Menschen gefragt, manchmal fragen wir uns, ob er sich nicht mehr um seine Saat kümmern könnte: was daraus wird, wie es wächst, ob vielleicht manches Pflänzchen eingeht, ob nicht Dornen, Disteln und Unkräuter wuchern unter dem Weizen. – Aber er lässt es einfach wachsen, schläft und steht auf und schaut zu, was aus seiner Saat wird, wie sie der Ernte entgegengeht.
Für uns sieht es manchmal so aus, als ob er sich zu wenig kümmert – um seine Kirche, um seine Menschen, um sein Reich in dieser Welt. – Wenn wir geschichtliche Maßstäbe anlegen, dann ist die Jesus-Christus-Geschichte, die vor 2000 Jahren begann, eine große Erfolgsgeschichte. Daran ändern auch Rückschläge und Rückgänge des Glaubens da oder dort nichts. Wir sind Teil der Wachstumgsgeschichte von Gottes Reich in dieser Welt. Dass wir davon manchmal so wenig sehen, das liegt daran, dass Wachstum so langsam geht und dass es nicht überall und immer gleichmäßig wächst.
Und es liegt daran, dass wir selber im Wachsen sind. Wir sind ja gar nicht die Bauern, die säen und zusehen und warten, wie es wächst. Wir sind ja selber Gottes Pflanzung, Gottes Garten. Wir selber wachsen. Jeder von uns könnte erzählen von Wachstum in seinem Leben. Jeder könnte erzählen von Phasen, in denen sich schnell etwas verändert hat, wo ihm Gottes Wort groß geworden ist, wo Glaube in ihm gewachsen ist. Jeder könnte erzählen von Ruhephasen, von Zeiten des Stillstands, von Trockenheit, Dürre; manche sind fast schon eingegangen. Und dann eben doch wieder gewachsen. Manche Pflanze wächst in die Höhe und ist doch nur unfruchtbares Stroh, manche Pflanze wächst nicht weiter, aber bildet unerwartet schöne Blüten oder reiche Früchte aus. So ist es doch bei uns Menschen auch. Wir sind im Wachsen.
Wachstum ist manchmal geradezu dramatisch. Das Samenkorn vergeht, stirbt, wie es Jesus auch sagt, und bringt gerade so den Keim für die Pflanze hervor. Der Keim kämpft sich durch die Erde ans Licht. Die Pflanze widersteht den Bedrohungen durch Sonne, Wind, Nässe, Dürre. Manche vergeht zu früh, aber andere werden groß, stark, schön, fruchtbar. – So sind wir: Gottes Garten, seine Pflanzung, sein Reich.
So ist Jesus Christus: das Korn, das in die Erde fällt und stirbt, das wieder lebendig wird und viel Frucht bringt.
So ist er bei uns, so ist er in uns: im Guten und im Schweren, in Liebe und in Leid, in Sonne und Wind. Er durchlebt und durchleidet unsere Wachstumsprozesse. Wir wachsen mit ihm, an ihm, in ihm.
Ich möchte bei euch, bei Ihnen nicht als Zuschauer sein. Ich möchte nicht nur gucken, was hier so wächst und in der Zwischenzeit in der Sonne liegen. Ich möchte teilhaben an den Wachstumsprozessen, die sich unter uns abspielen. Ich möchte beständig und immer neu daran erinnern, dass Jesus Christus hier mit uns, unter uns, in uns lebt.
Und natürlich: ein bisschen Sämann, Bauer, Landwirt auf Gottes Ackerfeld bin ich schon auch. So leicht und einfach, wie es im Gleichnis klingt, ist dessen Leben ja denn doch nicht. Gottes Wort ist immer neu auszusäen. Und darüber hinaus sollten die Pflänzchen ja nicht ganz sich selbst überlassen bleiben. Gelegentlich muss der Boden gelockert werden. Hin und wieder sollte man auch gießen. Oder düngen. – Das Schöne am Düngen ist ja, dass auch der Mist zu etwas gut ist. Vielleicht mache ich auch mal Mist. Hoffentlich kann das dann auch dem Wachstum nützen.
Und dann noch etwas, etwas ganz Wichtiges: Ich bin es nicht allein, der hier sät und gießt und vielleicht auch Mist macht. Es sind auch nicht nur meine Frau und ich. Wir sind viel mehr. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir hier auf Teneriffa Gemeinde sind – ich habe gerade gelernt, dass es auch Tourismuspfarrer gibt, die praktisch keine Gemeinde im Hintergrund haben. Wir hier sind viele. Wir können miteinander und aneinander wachsen. Und wir können miteinander für andere Säleute des Glaubens sein.
Das Reich Gottes breitet sich nicht, zumindest nicht allein, dadurch aus, dass es ordentlich berufene Diener des Wortes Gottes gibt. Gottes Same wird vor allem ausgestreut durch die vielen, die Gemeinde sind, bei denen schon Früchte des Glaubens gewachsen sind. Auch und gerade das ist unsere Aufgabe hier an diesem Ort: Kirche für andere sein, für Fremde, für Menschen, die Gott schon lange vergessen haben oder die noch nie von ihm gehört haben.
Eines ist mir aber ganz wichtig, am allerwichtigsten: Wir können kein Wachstum machen, wir können es nicht produzieren. Es ist ein organischer Prozess. Wir müssen ihn geschehen lassen. Das ist wohl der tiefste Sinn des Gleichnisses. Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand. So kennen es viele von uns als Erntedanklied, und so ist es auch: Wir können mitwirken, so wie der Landwirt mitwirkt, dass etwas wächst. Aber wir können es nicht machen. Das Entscheidende kommt von Gott. Er hat das Potential zum Wachsen und Gedeihen in uns hineingelegt und lässt es einfach geschehen. – Das gibt uns, das gibt mir am Ende doch wieder eine gewisse Gelassenheit.  Vielleicht und hoffentlich kann ich mich ja zwischendurch wirklich auch mal in die Sonne legen und zusehen, wie Gott es wachsen lässt.