Donnerstag, 3. März 2011

Predigt vom 20. Februar 2011 (Septuagesimä)

Jesus sprach: "Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt zu ihm, wenn der vom Feld heimkommt: 'Komm gleich her und setz dich zu Tisch'? Wird er nicht viel mehr zu ihm sagen: 'Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken'? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: 'Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.'"
Lukas 17, 7-10

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

"Du bist ein Nichtsnutz!" – Vielleicht haben wir diesen Satz irgendwann mal als Kinder gehört. Wir haben ihn uns nicht allzu sehr zu Herzen genommen. Denn genau genommen ist das das Privileg der Kindheit: Wir mussten noch zu nichts nütze sein. Wir haben das Leben genossen und die Welt entdeckt, und ganz nebenbei haben wir gelernt nützlich zu werden, uns nützlich zu machen. Dankbar haben wir das Lob aufgesogen, wenn uns etwas gelungen war, wenn wir etwas selber konnten.

Ich weiß, nicht allen wird es so gegangen sein. Manche sind in Zeiten und Verhältnissen groß geworden, wo sie sich von Anfang an mit nützlich machen mussten, Arbeiten in Haus, Garten, Hof oder Geschäft mit verrichten, auf kleinere Geschwister aufpassen, kurz: Verantwortung übernehmen von Klein auf. Wenn es dann hieß: "Du bist ein Nichtsnutz!", dann hatte man wahrscheinlich richtig Mist gemacht, Schaden angerichtet, war seiner Verantwortung nicht gerecht geworden.

Wir wollten natürlich keine Nichtsnutze sein. Im Leben als Erwachsene kam es darauf an, nützlich zu sein, seine Aufgaben gut wahrzunehmen, sich Lob zu verdienen und nicht den Tadel, weil wir etwas versaut hatten. – Ich erinnere mich, wie ich in meiner ersten Arbeitsstelle, im Fotolabor, eine größere Zahl von Bildern in nicht so guter Qualität vergrößert hatte und wie mein Chef getobt hat, weil ich Pfusch abgeliefert hatte, Arbeitszeit und Material vergeudet und, wenn die Bilder so zu den Kunden gegangen wären, dem Ansehen des Geschäfts geschadet hätte. – Er hatte Recht: Wenn ich immer so gearbeitet hätte, wäre ich ein unnützer Mitarbeiter gewesen.

Nützlich zu sein, uns nützlich zu machen, das ist für uns ganz elementar wichtig im Leben. Das verschafft uns Anerkennung bei anderen und nicht zuletzt Achtung vor uns selbst: Das kann ich, das tue ich, das habe ich geleistet, darauf bin ich stolz, ich bin nützlich, mein Dasein hat einen Sinn.

Sicher ist das auch eine Motivation für viele, sich hier in unserer Gemeinde nützlich zu machen. Ich denke gerade an diejenigen, die nicht mehr im Berufsleben stehen und sich nun ganz bewusst hier engagieren. Sie wollen noch zu etwas nütze sein. Und natürlich: Sie wollen auch, dass das wahrgenommen wird, dass sie dafür zumindest Lob und Anerkennung und gelegentlich ein Dankeschön erhalten.

Im Gleichnis Jesu, das wir gehört haben, fällt für unsere Begriffe etwas auseinander, das doch zusammengehört: Da sind Menschen, die sich nützlich machen, die ihre Arbeit tun – so wie das damals war: als Knechte auf dem Acker und im Stall: fleißige, pflichtbewusste Menschen. Dazu würde auf der anderen Seite nun doch der Dank, die Anerkennung, der Lohn gehören. Stattdessen: Kein Dankeschön. Stattdessen die Aufforderung zur Selbstbescheidung: Wir sind unnütze Knechte.

Wer will das sein? Wer kann mit solch einer Haltung glücklich sein: Ich kann mir Mühe geben, wie ich will, und trotzdem bin ich eigentlich nur ein unnützer Knecht. Ich bin verzichtbar, bin ersetzbar, ich muss dankbar sein, dass ich überhaupt noch mitarbeiten darf, Dank und Anerkennung habe ich nicht zu erwarten. Wer hält das auf die Dauer aus? Macht nicht genau das so viele krank und kaputt, dass sie nur funktionieren müssen, ohne dafür etwas zurückzuerhalten?

Es ist noch nicht lange her, da hat man auch in unserer Kirche eine solche Haltung noch kultiviert: "Mein Lohn ist, dass ich dienen darf", hieß es bei den Diakonissen, und wie viele von ihnen waren am Ende verhärmt und verbittert und keineswegs die frohen Dienerinnen des Herrn, die sie einmal sein wollten!

Und trotzdem ist diese kleine, fremde, ärgerliche Gleichnisgeschichte ausgesprochen evangelisch. Sie entspricht dem Evangelium, das dann vor allem Paulus verkündet, das Luther neu entdeckt hat: Vor Gott kommt es am Ende nicht auf unsere Werke, auf unsere Taten, auf unsere Leistungen an. Wir können uns Lob und Anerkennung bei Gott nicht verdienen, auch wenn wir noch so gute Mitarbeiter in seiner Kirche sein sollten, auch wenn wir ein noch so engagiertes, gerechtes und menschenfreundliches Leben führen sollten. Vor ihm, vor Gott sind wir unnütze Knechte (und Mägde). Bzw. Mitarbeiter, auf die er auch verzichten könnte, die er durch andere ersetzen könnte, die dankbar sein müssen, dass sie überhaupt mitarbeiten dürfen. – Eigentlich!


Aber – und das ist nun die andere Seite, das ist das eigentliche Evangelium – aber: Gott versagt uns Lob und Anerkennung gerade nicht. – Diese kleine Geschichte, die Jesus erzählt, sie bricht ab mit dem Wort der Mitarbeiter: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. Aber was wird der Herr dieser Knechte darauf sagen? Was wird er tun?

Ein anderes, ganz ähnliches Gleichnis von Jesus gibt die Antwort:
Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen (Lukas 12,37). Den Knechten, die ihr Herr bei der Arbeit findet, denen wird er, der Herr, zum Knecht. Für die sorgt er. Denen gibt er, worauf sie kein Anrecht haben.
Und da macht es keinen Unterschied, wie du dich selber siehst und wie dich andere sehen. Ob du dir unnütz vorkommst, ob du das Gefühl hast, nichts oder zu wenig zu leisten, oder ob du das Gefühl hast, viel, ja allzu viel zu tun, und keiner sieht es und keiner lobt dich; ob du wirklich und wahrhaftig viel und Großes leistest, oder ob du nur wenig zustande bringst: Für deinen Herrn, für unseren Herrn bist du kein unnützer Knecht, keine unnütze Magd. Was du tust und zustandebringst, ist nicht vergeblich. Selbst das, was dir misslingt und wo du scheiterst, es hat seinen Sinn in Gottes Plan.

Wenn dir also einer sagt: "Du bist ein Nichtsnutz!" – sei gewiss, dass du für Gott viel mehr bist.
Wenn du dir selber sagst: "Ich bin ein Nichtsnutz!" – sei gewiss, dass Gott dich liebt. Du bist Gottes Kind, das einfach leben darf, ohne zu etwas nütze zu sein.

Dein Leben, was du bist und was du tust, es hat seinen Wert in sich selbst. Es hat seinen Wert in Gott. Amen.