Sonntag, 24. April 2016

Predigt am 24. April 2016 (Sonntag Kantate)

Kleider machen Leute. Das ist nicht nur ein Sprichwort, sondern auch eine bekannte Novelle von Gottfried Keller, Schweiz, 19. Jahrhundert; wir mussten das in der Schule lesen.
Kleider machen Leute: Da kleidet sich einer besser, als es seinem Stand entspricht, und schon wird er für einen Grafen gehalten. Und da er in Wirklichkeit nur ein Schneider ist, wird das zum Problem für ihn.
Sicher hat sich die Kleidungsordnung nivelliert. Ob einer Schneider oder Graf ist, sieht man ihm nicht mehr so einfach an. – Trotzdem gibt es immer noch Kleiderordnungen und Dresscodes. Was wir anziehen, sagt was über uns. (Oder was wir ausziehen; wenn ich z. B. an die Herren da draußen denke, die ihr T-Shirt in der Hand tragen, um ihre nackten Bäuche der Sonne und dem Publikum zu präsentieren.)
Was wir anziehen, will überlegt sein (was wir ausziehen, auch).
Warum steht die Frau vor dem Kleiderschrank und zieht sich noch dreimal um, bevor wir gehen? Warum muss ich ihre Frage beantworten: „Kann ich das anziehen?“ Es geht bei unserer Kleidung immer auch darum, wer wir sind oder als wer wir uns zeigen wollen.
Dabei befinden wir uns in diesem eigenartigen Spannungsfeld zwischen Individualismus und kollektiver Norm. Mode: Was trägt man jetzt, und was geht gar nicht? – Das ist die kollektive Norm. Und auf der anderen Seite: Wie schrecklich, wenn eine andere genau das gleiche Kleid anhat, wie ich! – Am liebsten würde ich ein Unikat tragen, ein Kleidungsstück, das nur ich allein habe und was meine besondere Persönlichkeit zum Ausdruck bringt, ganz individuell; aber gleichzeitig soll es etwas sein, das man tragen kann. Ich möchte dazugehören und mich doch unterscheiden von allen anderen.
Kleider machen Leute. Gerade, wo es sich um Dienstkleidung handelt. Der weiße Kittel macht den Arzt. Die Uniform macht den Polizisten. Der Blaumann macht den Handwerker. Der Talar macht den Pfarrer. Ich trage ja nicht so häufig das Kollarhemd (also das mit der weißen Kragenleiste), aber wenn, dann werde ich – zumindest von den Einheimischen sofort anders behandelt, respektvoller, werde nicht mehr als Tourist, sondern als Padre angeredet.
Kleider machen Leute. Im Idealfall sagt unsere Kleidung etwas darüber, wer wir sind. Oder wer wir sein wollen.
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Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Kolosser über die Kleidung der Christen:
Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertragt einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit, mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
Kolosser 3, 12-17
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Im Idealfall sagt unsere Kleidung etwas darüber, wer wir sind. Etwas darüber, dass wir Christen sind.
Sie sagt aus, dass wir Auserwählte Gottes sind – etwas ganz Besonderes.
Du bist ein Königskind Gottes – das soll man dir ruhig ansehen.
Du bist ein Heiliger – das soll man auch äußerlich merken.
Du bist geliebt – das muss doch nach außen strahlen.
Was soll ich anziehen: als Christ, als Gotteskind, als Heiliger und Geliebter?
Gibt es eine spezifisch christliche Kleidung – mal abgesehen von der Dienstkleidung von Pfarrern oder der Tracht von Ordensleuten?
Ich kenne noch so Sondergemeinschaften (man kann auch Sekten dazu sagen) oder extrem pietistische Gruppen, wo die Frauen Röcke tragen mussten (aber natürlich nicht etwa mini, sondern weit übers Knie) und die Haare zur Glaubenszwiebel gesteckt hatten. Aber das ist in Wahrheit nicht besonders christlich, sondern besonders verklemmt. – Das sieht nicht aus wie auserwählt und geliebt, und wenn das heilig sein soll, dann möchte ich das gar nicht sein.
Was soll ich anziehen?
Paulus öffnet den christlichen Kleiderschrank. Da liegen und hängen statt Hemd und Hose, Socken und Jacke: Barmherzigkeit und Freundlichkeit – in unterschiedlichen Farben und Größen, Sanftmut und Geduld - frisch gewaschen und gebügelt, Demut – noch in der ungeöffneten Originalverpackung, und daneben die Toleranz, die ich so gerne trage.
Zieh das an, sagt der Apostel. Ist vielleicht ein bisschen altmodisch, aber es steht dir gut.
Und darüber dann noch die Liebe. Du meinst, dass das zu viel ist? Zu dick? – Nein, die Liebe brauchst du schon; ohne Liebe wirkt das andere alles nicht so richtig.
Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, Toleranz, Vergebungsbereitschaft und Liebe. Das ist die Kleidung, an der man Christen erkennt. Oder erkennen sollte.
Manchmal tragen wir eben auch andere Klamotten, selbst wenn die uns nicht so gut stehen. So was wie: Härte, Ungeduld, Unfreundlichkeit, Intoleranz, Egoismus. – Aber muss das sein?
Und manchmal tragen andere, die sonst mit Gott und Jesus nicht so viel am Hut haben, diese schönen Sachen aus dem christlichen Kleiderschrank. Vielleicht einfach deshalb, weil dieser Schrank allen offen steht. Jeder darf sich bedienen. Und vielleicht auch deshalb, weil wir Christen über Jahrhunderte hinweg die Kleidungsordnung mitbestimmen durften. Da ist noch was übrig geblieben von der christlichen Mode. Ich freue mich, wenn ich sie auch bei anderen sehe.
Was Christen gut tragen können, das ist durchaus nicht monoton oder uniform. Die Farben und die Schnitte sind verschieden. Freundlichkeit kann man in einem ernsten oder auch in einem humorvollen Ton tragen. Geduld kann ganz schlicht als stilles Abwarten geschnitten sein oder aber sehr aufwändig mit viel Action und interessanten Versuchen ein Ziel zu erreichen. Toleranz kann so viele Farben haben, wie es verschiedene Menschen gibt. Und Liebe gibt’s in der ganz großen Ausführung oder auch ganz kleinteilig.
Und wo bekommt man nun diese christliche Mode her?
Zunächst müssen wir sie uns nicht selber schneidern. Das hat Gott schon gemacht.
Wir müssen sie uns auch nicht selber kaufen. Wir müssen nicht dafür arbeiten und sie nicht teuer bezahlen.
Wir müssen nur den Kleiderschrank für unsere Seele aufmachen und uns herausnehmen, was zu uns passt, es anprobieren und dann tragen.
Gott hat schon alles hineingelegt, was zu uns passt.
Und wo steht dieser Kleiderschrank?
Nun, vielleicht auch hier, in dieser Kirche, in dieser Gemeinde. Und in jeder anderen auch. Hoffe ich. – Also bedient euch!
Probiert es an! Und dann sagt euch gegenseitig, was euch steht, was zu euch passt, was gut aussieht. Und auch, was nicht so toll ist.
Kleider machen Leute.
Und diese Kleider, Gottes Kleider, machen euch zu attraktiven Christenleuten.
Sie zeigen, wer ihr seid: Auserwählte, Heilige, Geliebte.