Sonntag, 17. April 2016

Predigt am 17. April 2016 (Sonntag Jubilate)

Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, Gottes Sohn, der ist aus Gott geboren. Und ein Kind, das seinen Vater liebt, liebt auch die anderen Kinder des Vaters, denn es sind seine Geschwister. Aber auch umgekehrt: Dass wir die Kinder Gottes lieben, merken wir daran, dass wir Gott lieben und nach seinen Geboten leben. Unsere Liebe zu Gott zeigt sich nämlich darin, dass wir nach seinen Geboten leben. Und seine Gebote sind nicht schwer. Denn jeder, der aus Gott geboren ist, siegt über die Welt. Das ist der Sieg, der die Welt besiegt: unser Glaube. Wer erringt also den Sieg über die Welt? Der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist!
1. Johannes 5, 1-5

Manchmal denke ich an Deutschland, an Sachsen, ans Erzgebirge. Ich mache die Augen zu und sehe die Orte, wo ich mal zu Hause war, die Menschen, die dort lebten und immer noch leben.
Manchmal denke ich an diese schönen Abende, als es Sommer wurde und wir draußen saßen. Im warmen Abendlicht. Und die Schwalben flogen.
Und wenn es besonders schön und ruhig war, dann flogen auch die Ballons: Heißluftballons. Manchmal ganz dicht über unseren Kirchturm. Wir haben den Leuten da oben zugerufen und gewinkt und sie uns. Langsam schwebten sie über unser Städtchen dahin. Sommerleicht. Ganz ruhig. Nur hin und wieder hörte man das Röhren des Gasbrenners. Ein Heißluftballon braucht Wärme, um da oben zu bleiben.
An anderen Abenden waren es nicht die Ballons, sondern die Freizeitpiloten. Einer aus unserem Ort hatte ein Ultraleichtflugzeug und eine bucklige Start- und Landebahn hinter seinem Haus. Oft drehte er an so einem schönen Abend seine Runden. Manchmal winkte er mit den Tragflächen. Einmal bin ich mitgeflogen: unvergesslich.
Fliegen oder Schweben zwischen Himmel und Erde: das ist ein Wunder. Wir überwinden die Schwerkraft und alles wird leicht. Früher haben sie geglaubt, wir müssten erst Engel werden, um das zu erleben; heute ist es möglich, einfach so.
Ja, die Schwerkraft: das ist das, was uns nach unten zieht. Das, was uns am Boden festhält. Das, was uns hindert zum Himmel aufzusteigen.
Schwerkraft, das hat mit Masse zu tun: mit dem Gewicht der Erde. Mit der Last der Welt.
Ja, ich weiß, es ist physikalisch nicht korrekt, statt Masse, von Gewicht zu sprechen. Das Gewicht ist die Kraft, die Massen aufeinander ausüben. Wir und die Erde wir ziehen uns an, und das ist das Gewicht, die Last unseres Daseins. Es zieht uns nach unten.
Physikalisch korrekt ist es, von der Krümmung der Raumzeit zu sprechen. Große Massen verkrümmen das Universum. Aus geradlinigen Bewegungen werden Parabeln und Ellipsen. Der Stein, den ich werfe, fliegt in einem Bogen auf die Erde zurück. Der Satellit, der in den Himmel geschossen wird, wird von der Erde in eine Kreisbahn eingefangen.
Und wir, die wir gelegentlich zu Höhenflügen ansetzen, werden auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Ballons schweben. Flugzeuge fliegen. Sie überwinden die Schwerkraft. Sie haben ihr etwas entgegenzusetzen.
Beim Ballon ist es heiße Luft. Sie ist leichter, weniger dicht als die kalte Luft rundherum. Die kalte Luft ist schwerer, es zieht sie so sehr nach unten, dass sie die wärmere Luft im Ballon nach oben drückt, und mit ihr den ganzen Ballon, und mit ihm die Menschen die wie die Engel über die Welt hinweggleiten. Schwerelos, unbeschwert.
Beim Flugzeug ist es die Bewegung, die Strömung: Die Druckverhältnisse über und unter den Tragflächen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit ist der Auftrieb durch die Strömung stärker als die Schwerkraft. Und dann hebt sich dieser tonnenschwere Koloss in die Luft – das maximale Abfluggewicht eines Airbus A320 ist 77 Tonnen (das ist das, womit wir so üblicherweise nach Deutschland reisen), beim Airbus A380 sind es 560 Tonnen. Mit ein bisschen angewandter Physik, können auch 560 Tonnen fliegen: Die Luft trägt. Auch wenn man ihr das gar nicht zutraut: Die leichte Luft trägt das schwere Flugzeug.
Das ist das  Wunder: Wir sind der Schwerkraft nicht ausgeliefert. Wir können sie überwinden. Das, was uns nach unten zieht, besiegen. Durch Wissenschaft und Technik. Wir sehen nicht, wie es funktioniert, dass ein Airbus fliegt, aber wir glauben es, wir vertrauen den Auftriebskräften und lassen uns von ihnen tragen.
*
Liebe Freunde,
was ist schwer, was ist leicht? Ein A380 ist wahnsinnig schwer. Aber er kann fliegen. Er ist leicht genug.
Gottes Gebote sind nicht schwer, schreibt Johannes in seinem Brief.
Als wir am Mittwoch im Bibelgespräch darüber sprachen, gab es Protest: Was für ein Satz! Wenn wir Gottes Gebote wirklich ernst nehmen, dann sind sie uns immer zu schwer, sagten einige. Keine anderen Götter haben neben mir; Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen, wie Luther das im Katechismus formuliert hat; nicht begehren; oder wie Jesus sagte: Wer seinem Bruder zürnt, der gehört schon vor Gericht, nicht erst der, der tötet. – Das ist uns alles viel zu schwer. Das zieht uns nach unten. Weg von Gott. Runter vom Himmel.
Damit sind wir ganz nahe bei dem, was Paulus und Luther erlebt haben: Gottes Gesetz verdammt uns. Es zeigt uns, dass wir Sünder sind, die von sich aus nie zu Gott kommen können. Es zieht uns nach unten.
Wir brauchen das Evangelium, das Wort von der Vergebung und Befreiung; und wir brauchen es immer wieder und wieder, weil wir es nie im Leben schaffen, Gottes Geboten zu genügen: Ich armer, elender, sündiger Mensch!
Das ist ja auch der Sinn unseres Schuldbekenntnisses am Anfang des Gottesdienstes: Aus eigener Kraft können wir nicht frei werden. Darum sehen wir auf Christus und beten: Gott sei uns Sündern gnädig!
Aber dann eben auch das: Wir sehen auf Christus, und wir glauben, dass Gott uns frei macht. In Christus ist die Kraft, die uns nach oben zieht. Auferstehungskraft: Die wirkt der Schwerkraft der Sünde entgegen. Himmelfahrtskraft, die ihn nach oben zieht, und uns mit ihm.
Mit ihm wird alles ganz leicht. Wir schweben drüber sozusagen. Und Gottes Gebote – ja, die ziehen uns nicht mehr nach unten, sondern nach oben. Sie sagen uns nicht mehr, wie schlecht wir sind, sondern wie gut wir sein können – mit Gottes Auftriebskraft unter unseren Flügeln.
Das ist das, was Johannes erlebt hat: Wir glauben an Jesus Christus. Wir sind Gottes Kinder. Wir leben in der Liebe. Und Gottes Gebote machen es uns nicht schwerer, sondern leichter. Weil sie uns daran erinnern, was Gott will und was Liebe bedeutet.
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Mit Jesus ist alles anders, sagt Johannes – nein, sagt das ganze Neue Testament. Mit Jesus sind wir Gottes Kinder. Von neuem geboren. Von Gott geboren. Gott, den wir unseren Vater nennen, ist auch unsere Mutter. Sie hat uns geboren, und sie hat uns lieb: Jesus, meinen Bruder, und dich, meine Schwester. Wir sind Gottes Familie.
In der Familie ist Liebe leicht. Eltern lieben ihre Kinder von Anfang an. Und Kinder lieben ihre Eltern von Anfang an. In der Familie lernen sie, was Liebe ist. Und Kinder lieben ihre Geschwister. So sollte es sein. So ist es, wo es gut ist.
Wenn Eltern und Kinder sich nicht lieben – oder nicht mehr, wenn Geschwister einander nicht mehr lieben, dann ist es böse; da ist etwas zerbrochen, was ursprünglich gut war. Jeder von uns weiß: So soll es nicht sein.
Aber ja, in der Familie ist Liebe manchmal auch schwer.
Wir hatten in der DDR so einen Witz, warum die Sowjetunion nicht unser Freund, sondern unser Bruder ist: Weil man sich Geschwister eben nicht aussuchen kann, Freunde aber sehr wohl.
Unsere Liebe geht, wenn sie erwachsen wird, auch andere Wege, neue Wege: heraus aus der alten Familie. Sie sucht und schafft sich idealerweise eine neue Familie.
Aber, was Liebe ist, das haben wir zu Hause gelernt. Und wenn es gut ist, dann hört unsere Liebe zu Eltern und Geschwistern niemals auf.
Mit Jesus seid ihr Gottes Familie, schreibt Johannes. Und in der Familie ist es leicht, einander zu lieben. Manchmal auch schwer, aber so, dass wir doch immer wieder zueinander finden.
Darum sind auch Gottes Gebote für euch nicht schwer. Sie sind ja Ausdruck seiner Liebe. Sie sagen euch doch nur, wie ihr das leben könnt, was ihr schon seid: Geliebte und liebende Kinder Gottes.
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Gottes Liebe ist die Kraft, die euch gezeugt hat, aus der ihr geboren seid, die euch zu Gottes Kindern gemacht hat.
Gottes Liebe ist die Kraft, die Jesus von den Toten erweckt und in den Himmel gezogen hat.
Gottes Liebe ist die Kraft, die auch euch Auftrieb gibt, die das Schwere leicht macht.
Wie warme Luft, die einen Ballon schweben lässt.
Wie der Wind, die Luftströmung unter euren Flügeln, die euch nicht abstürzen lässt, wenn ihr in Bewegung bleibt.

Wie ihr euch dem Flugzeug anvertraut und den Gesetzen der Physik, so vertraut euch Christus an und der Macht seiner Liebe. Und dann wird, was schwer ist, leicht. Was euch nach unten zieht, die schwere Erde, die Last der Welt, das ist überwunden durch die Auftriebskraft der Liebe.
Und hört auf, selber abheben zu wollen und mit euren nicht vorhandenen Flügeln zu schlagen. Hört auf zu klagen, dass das alles, Gottes Gebote und Gedanken, zu schwer für euch ist. Ihr müsst seine Gedanken nicht vollkommen verstehen, ihr müsst seine Gebote nicht vollkommen erfüllen; das könnt ihr nicht. Aber ihr ihr sollt euch Christus anvertrauen, der das für euch getan hat. Er macht euch euer Leben leicht.