Sonntag, 3. April 2016

Predigt am 3. April 2016 (Sonntag Quasimodogeniti)

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.
1. Petrus 1, 3-9
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Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
Gestern habe ich eine Trauerfeier gesehen im Fernsehen - für Guido Westerwelle –, und sie begann mit diesen Worten. Das fand ich stark und mutig: Ein Mensch ist von uns gegangen, für alle zu früh, und der Pfarrer sagt: Gelobt sei Gott!
So ist Ostern. Dieses Jahr irgendwie ganz besonders: Der Terror in Brüssel, und wir verkünden: Der Herr ist auferstanden.
In Lahore, Pakistan, feiern Christen Ostern, Fest des Lebens, und ein Selbstmordattentäter reißt über 70 Menschen in den Tod.
Und dann sind da eben auch die Namen der Prominenten, doch einige, die in den letzten Tagen und Wochen gestorben sind: Roger Cicero, der begnadete Sänger, 45 Jahre alt - ich mochte ihn –,Hans-Dietrich Genscher – nun ja, das bestürzt uns vielleicht weniger, er war halt alt und schwach, aber er gehörte mit seiner jahrzehntelangen politischen Präsenz eben auch irgendwie zu unserem Leben dazu,  - und auch Guido Westerwelle, wenig älter als ich und mir politisch sehr nahe; das berührt mich schon.
Gelobt sei Gott! - im Angesicht des Todes.
Stark und mutig oder vielleicht doch schon fast zynisch?
Gelobt sei Gott – wo uns doch der Tod immer wieder einen Strich durch die Rechnungen unseres Lebens macht.
Gelobt sei Gott – weil das Leben so schön sein könnte – ohne Leukämie, ohne Schlaganfall, ohne Altersschwäche und ohne Terror; ist es aber nicht!
Gelobt sei Gott – weil wir das Gefühl haben: Gott könnte das alles wegmachen - Krankheit, Alter, Tod, den ganzen Mist; tut er aber nicht.
Gelobt sei Gott – und wir kommen uns veralbert und vertröstet vor:
Ein unvergängliches Erbe im Himmel; aber wir erben erst, wenn wir gestorben sind.
Unaussprechliche und herrliche Freude; aber erstmal Traurigkeit und Herzeleid.
Der Seelen Seligkeit am Ende der Zeit; aber hier und heute angefochtene und geängstete Seelen. Und gequälte Leiber.
Gelobt sei Gott, der nichts dagegen tut und uns vertröstet aufs Jenseits!
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Selig sind, die nicht sehen und doch glauben, hat Jesus zu Thomas gesagt.
Vielleicht ist das das größte Problem der Neuzeit: Wir glauben, nur noch, was wir sehen. Dabei haben wir - gerade in der Neuzeit – gelernt, dass vieles anders ist, als wir es sehen:
„Das ist nicht die Sonne, die untergeht,
sondern die Erde, die sich dreht“ (singt die Band Tomte).
Es ist anders, als es der Augenschein nahelegt.
Die Wahrheit hinter dem, was wir sehen, ist das, was wir nicht sehen: Elektrizität, Strahlung, Mikroorganismen und Nanopartikel – die unsichtbaren Kräfte im Hintergrund.
Die Bilder und Buchstaben, die auf unseren Bildschirmen erscheinen, sind gerade nicht, was sie zu sein scheinen: eigentlich nur Einsen und Nullen, umgesetzt in Lichtpünktchen. Aber ist das die wahre Wirklichkeit? - Oder ist es doch die ganze große Welt, die in den Einsen und Nullen, symbolisiert ist.
So richtig weiß keiner mehr, was die wahre Wirklichkeit ist, hinter dem, was wir mit unseren Augen sehen – oder zu sehen meinen.
Letzendlich glauben wir nicht, was wir sehen,
sondern wir sehen, was wir glauben.
Wir glauben, dass wir alles durchschauen und erklären können. Wir glauben, dass wir viel mehr wissen, als die Menschen jemals gewusst haben. Aber während die großen Universalgelehrten, wie vielleicht zuletzt Leibniz im 17. Jahrhundert, noch das Wissen der Menschheit in einer Person vereinen konnten, weiß ein einzelner heute nur noch einen winzigen Ausschnitt von allem, was es zu wissen gibt. Der Rest ist Glaube.
Und manches davon auch Aberglaube, Irrtum, Unwissen.
Vielleicht ist das unser Problem: Wir glauben nur noch, was wir sehen. Und haben keinen Durchblick bei dem, was wir sehen.
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!
Das ist die Einladung, an die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit zu glauben, an Gott, bei dem die Dinge anders sind, als sie zu sein scheinen, an den, der auch im Bösen das Gute wirkt, auch im Leiden Freude schafft, auch im Tod das Leben weckt.
Im übrigen hat besagter Leibniz im 17. Jahrhundert einen großartigen Versuch unternommen, den Glauben an Gott zu rechtfertigen angesichts des Leidens in der Welt: Wenn Gott gut ist, dann ist die Welt, die er geschaffen hat auch gut, muss einfach gut sein, die beste aller möglichen Welten. Trotz allem, trotz Krankheit, Tod und Terror: Es könnte alles noch viel schlimmer sein. So wie es ist, ist es gut, weil der gute Gott es so gemacht hat. Wir sehen es nur nicht. Noch nicht.
Gelobt sei Gott!
Ja, am Ende bleibt von diesem großen Gedanken nur eins: Der Glaube an den guten Gott.
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Wir sind unterwegs.
Bei der Trauerfeier für Guido Westerwelle wurde das Evangelium von den Emmaus-Jüngern gelesen:
Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?, fragt der Auferstandene seine ungläubigen Jünger. – Da ging ihnen das Herz auf und sie baten ihn: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.
Musste es nicht so sein? Musste es nicht so kommen? – Damit es am Ende alles gut wird: Damit Christus in seine Herrlichkeit eingeht, und wir mit ihm.
Und dass er auf dem Weg bei uns ist, uns die Schrift auslegt und das Mahl mit uns feiert?
Wir wollen nicht, dass es so sein muss. Wir wollen die schweren Wege nicht gehen: die Trauerwege von Jerusalem nach Emmaus, die Trauerwege von der Kirche zum Friedhof, die Trauerwege in die Krankenhäuser und Pflegeheime und die Stätten des Todes, wo sie Kreuze und Kerzen hinstellen.
Wir verstehen nicht, dass wir diese Wege gehen müssen. Wir wollen lieber gleich am Ziel sein. Der Seelen Seligkeit erleben. In Gottes Liebe schwelgen.
Aber wir sind noch unterwegs.
Und doch unterwegs dahin.
In die Herrlichkeit.
Und manchmal auf dem Weg, da brennen schon unsere Herzen, weil er bei uns ist. Weil wir ihm glauben können, obwohl wir ihn nicht sehen. Und obwohl, was wir sehen, nicht für ihn spricht.
… aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt zur Seligkeit …
So sind wir. Unterwegs auf den Wegen des Lebens.
Gelobt sei Gott!
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Vertröstet er uns? – Ja, das tut er. Er macht nicht gleich alles gut, sondern er vertröstet uns auf später. Aber Vertröstung kann Trost sein, wenn es berechtigte Hoffnung gibt, lebendige Hoffnung, Gewissheit, dass er da ist und da sein wird und alles gut macht.
Als ich gestern die Trauerfeier gesehen habe, habe ich etwas von diesem Trost gespürt. Und ich habe bei mir gedacht: Wie trostlos wäre es, wenn das Wort von Gottes Liebe und von der Auferstehung nicht gesagt würde! Wie trostlos wäre es, wenn es nur das gäbe, was wir sehen! Wie trostlos wäre es, wenn das hier schon alles wäre!


Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.