Sonntag, 6. März 2016

Predigt am 6. März 2016 (Sonntag Lätare)

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal,
damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.
Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.
Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil.
Haben wir Trost, so geschieht es zur eurem Trost, der wich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.
Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.
2. Korinther 1, 3-7
*

Liebe Schwester und Brüder,
viele kommen zur Kirche, weil sie hier eines suchen: Trost.
Ein Unglück ist geschehen, Naturkatastrophe, Flugzeugabsturz, Amoklauf, Terroranschlag – und die Menschen kommen zur Kirche.
Suchen Trost und Halt, wo die Sicherheiten des Lebens ins Wanken geraten.
Ich erinnere mich an den Tag nach dem 11. September 2001: Die große Hallenkirche im erzgebirgischen Marienberg, wo ich damals Pfarrer war, war brechend voll; die Schüler und Lehrer vom Gymnasium strömten fast geschlossen zum Friedensgebet, und viele andere aus unserer Stadt.
Dabei hatte ich noch kaum Worte für das, was geschehen war, und das, was es mit uns machte.
Nur einen Psalm, viele Fragen, das gemeinsame Dona nobis pacem, und die Zusage: Gott ist nahe – den Opfern und Angehörigen – und auch uns. Und dann Stille, freie Gebete, von jedem, der wollte, Kerzen anzünden, Vaterunser, Verleih uns Frieden.
Und erstaunlich genug: Darin war Trost.
Oder wenn einer gestorben ist, dann kommen sie zur Kirche.
Hören dem Pfarrer zu.
Und – kann sein, dass ich mich täusche –, ich hatte oft den Eindruck, dass da, wo das Leid, die Tragik besonders groß war, oft auch der Trost besonders spürbar wurde.
Im Grunde war und ist es immer die eine Ansage, die ich machen kann: Was auch geschehen ist, wie schwer oder unmöglich es zu verstehen ist – Gott ist nahe.
Und dann stehen wir beieinander – am Grab.
Und stehen einander bei.
Drücken uns die Hände, umarmen einander, weinen miteinander, halten einander fest.
Wir sind einander nahe.
Und darin ist Gott uns nahe.
*
Viele kommen nicht mehr zur Kirche, weil sie dem Trost nicht trauen, den wir spenden.
Oder zu spenden versuchen.
Ihr tröstet nicht; ihr vertröstet, sagen sie.
Ihr macht schöne Worte, aber wir sehen nicht, was dahinter ist.
An den Himmel können wir nicht mehr glauben.
Und an einen Gott, wenn er so viel Leiden zulässt und nicht beendet.
Ihr ver-tröstet.
Ihr spendet falschen Trost, sagen sie.
Und manchmal kann ich sie verstehen.
Vor allem, wenn wir zu leicht über die Probleme hinwegreden.
Wenn wir das Blaue vom Himmel versprechen.
Wenn wir behaupten, den Glaubenden würde es besser gehen.
Und wenn wir Gottvertrauen zum Schlüssel für Gesundheit und Wohlergehen erklären.
Dann vertrösten wir nur.
Dann ver-trösten wir uns.
*
Paulus schreibt:
Der Gott Jesu ist der Gott allen Trostes.
Er tröstet uns in aller unserer Trübsal.
In, nicht von oder aus.
Gott tröstet uns nicht aus der Not heraus.
Gott tröstet uns nicht von dem Leiden weg.
Gott tröstet uns in der Trübsal.
Er geht nämlich da hinein.
Da, wo wir sind.
Da, wo wir leiden.
Da, wo wir sterben.
Da, wo alles unerträglich wird.
Er geht dahin, wo sie Unschuldige verhaften, quälen, verspotten, foltern und töten.
Er geht ans Kreuz.
Gott leidet mit uns.
Er hat Mitleid mit uns.
Paulus schreibt davon, wie er das selber erlebt hat, unterwegs in Kleinasien:
Die Bedrängnis war übermächtig.
Es ging über unsere Kraft.
Wir hatten mit dem Leben abgeschlossen.
Wir glaubten, unser Todesurteil sei schon gesprochen.
Kein Mensch konnte uns noch helfen.
Nur noch Gott allein.
Und er hat es getan.
Er war da in dieser ausweglosen Situation.
Er hat uns vom Tod errettet.
So oder so hätte er es getan.
Auch wenn wir gestorben wären, wären wir noch immer bei ihm.
Wir wissen nicht, was genau geschehen ist, damals.
Die Reiseberichte von Paulus in der Apostelgeschichte sind nicht vollständig.
Aber sie erzählen immer wieder von Trübsal, Verfolgung, Gefängnis, Schiffbruch und vielem mehr.
Und davon, dass Paulus darin getröstet war – und getröstet hat.
Sie erzählt nicht, was die Kirche vom Lebensende des Apostels weiß: dass er unter Kaiser Nero als Märtyrer gestorben ist, wohl durch das Schwert.
Christus war ihm nahe in Leiden und Tod.
Und er war Christus nahe in Leiden und Tod.
Und ist bei Christus in Ewigkeit.
Paulus hat nicht vertröstet.
Er hat nicht gesagt: Alles nicht so schlimm.
Er hat nicht versprochen: Der Kelch des Leidens wird an euch vorübergehen.
Er hat nur eins versprochen:
Gott ist bei euch.
Und keine Macht der Welt kann euch von seiner Liebe trennen.
*
Viele kommen zur Kirche, weil sie hier Trost finden.
Hier sind Menschen, die einander Trost geben, indem sie beieinander stehen, einander beistehen.
Hier sind Menschen, die erlebt haben:
Gott ist da.
Wo wir sind.
Wo wir leben.
Wo wir leiden.
Wo wir sterben.
Wo alles unerträglich wird.
Gott hat Mitleid mit uns.
Er leidet mit uns.
Hier ist das Kreuz.
Der Gekreuzigte.
Manche stören sich am Kruzifix.
Manche finden: Wir dürfen Christus nicht so konkret darstellen.
Manche meinen: Wir müssen uns einer so drastischen Darstellung des Leidens nicht aussetzen.
Manche glauben: Wir haben uns schon zu sehr daran gewöhnt.
Manche sehen: Hier ist Gott, der in unsere Not, in unser Leiden, in unser Sterben hineingeht.
Wie schlimm, wie unerträglich es auch immer sein mag: Gott ist schon da, angekommen am Tiefpunkt menschlichen Seins.
Manche spüren darin den Trost, der nicht vertröstet, sondern wirklich mitleidet.
*
Ich denke an Dietrich Bonhoeffer.
An ihn denke ich immer mal wieder.
Weil er diesen Trost erfahren hat, darin gelebt hat und ihn bezeugt hat, zuletzt mit seinem Tod.
Ich denke an ein Gedicht, das Bonhoeffer 1944 im Gefängnis geschrieben hat.
Es heißt „Christen und Heiden“.
Interessant daran ist, dass die Heiden bei Bonhoeffer keineswegs ungläubige Menschen sind; auch sie erhoffen von Gott Hilfe und Trost.
Was die Christen aber auszeichnet: dass sie nicht nur erwarten, dass Gott ihnen beisteht, sondern sie stehen Gott bei: In seinem Leiden.
Sie trösten und werden getröstet.

  1. Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
    flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
    um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
    So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.
  2. Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
    finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
    sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
    Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.
  3. Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
    sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
    stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
    und vergibt ihnen beiden.