Freitag, 25. März 2016

Predigt am 25. März 2016 (Karfreitag)

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir ihn ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
2. Korinther 5, 19-21

Der Terroranschlag am vergangenen Dienstag in Brüssel hat über 30 Todesopfer gefordert.
Terror fordert Opfer.
Wie früher die Götter Opfer forderten.
Moloch, dem man Knaben und Jungfrauen darbrachte.
Heute haben die Götter andere Namen:
Der Terror fordert Opfer.
Der Krieg fordert Opfer.
Der Straßenverkehr fordert Opfer.
Erdbeben und Tsunamnis fordern Opfer.
Krankheiten und Epidemien fordern Opfer.
Aber das sind keine Götter, es sind Feinde.
Wir widerstreben ihrer Forderung nach Opfern.
Wir bekämpfen sie.
Denn ihre Opfer sind sinnlose Opfer.
Wir leiden mit den Opfern und ihren Angehörigen.
Und wir haben Angst, wir könnten selber zu Opfern werden.
Sinnlose Opfer.
Gibt es sinnvolle Opfer?
Ja, schon.
Zeit und Geld.
Manchmal sogar Gesundheit und Leben:
Opfer im Kampf gegen die Feinde des Lebens:
gegen Krankheit und Katastrophen, gegen Terror und Tod.
Menschen, die ihr Leben einsetzen, um andere zu schützen, um anderen zu helfen, um andere zu retten.
Ärzte und Pfleger im Kampf gegen Ebola.
Polizisten und Rettungskräfte im Kampf gegen den Terror.
Sie bringen Opfer.
Sie opfern sich auf.
Manchmal werden auch sie selbst zu Opfern.
Karfreitag ist der Tag der Opfer.
Wir sehen auf Jesus am Kreuz.
Er ist zum Opfer geworden.
Gewaltopfer.
Todesopfer.
Welcher Gott forderte dieses Opfer?
Der Gott der Angst und des politischen Kalküls: „Es ist besser, einer stirbt für das Volk, als dass das ganze Volk umkommt.“ – Lasst uns ein Menschenopfer bringen!
Die Enttäuschung und Gleichgültigkeit der Massen, die am Ende das Menschenopfer fordern: „Kreuzige ihn!“
Die Grausamkeit und Feigheit eines römischen Statthalters, der noch nie vor Menschenopfern zurückschreckte. Für das, was er Frieden nannte. Und für seine eigene Karriere.
Vielleicht war Jesus am Ende nur das Opfer vieler unglücklicher Umstände, die sich miteinander verketteten.
Jesus – das Opfer.
Ein sinnloses Opfer?
Ein sinnvolles Opfer?
Manche meinen, nicht irgendeiner, sondern Gott selbst forderte dieses Opfer.
Ein Menschenopfer.
Zur Sühne für die Sünden der Welt.
In der Logik der Priester und Politiker:
Es ist besser, einer stirbt für die Menschheit, als dass sie alle umkommen.
Sündenbock – Opferlamm.
Andere meinen, nein.
Gott fordert kein Opfer.
Gott selbst wird zum Opfer.
Sinnlos abgeschlachtet.
Pfarrer und Theologenkollegen sprechen diese Woche in einem Artikel bei evangelisch.de darüber, was für sie Karfreitag ist, was sie heute predigen.
Manche sprechen von „Scheitern, Gottverlassenheit, Sinnlosigkeit“, vom radikalen „Zusammenbruch der Sinnzusammenhänge“ im „Tod Gottes“.
Das müsse man aushalten.
Der Karfreitag mache keine Hoffnung.
Darf ich das zugespitzt so verstehen:
Der Kreuzestod Jesu war ein sinnloses Opfer?
Oder anders:
Der einzige Sinn des Kreuzestodes Jesu ist es, die Sinnlosigkeit auszuhalten?
*
Uns werden sieben Worte Jesu am Kreuz überliefert.
Eines davon, das einzige, das die Evangelisten Markus und Matthäus überliefern, heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Das ist das Dramatischste, das Schlimmste, was Jesus je gesagt hat.
Gottes Sohn von Gott verlassen.
Hat er sich selbst als sinnloses Opfer gefühlt?
Von den Menschen verraten und von Gott verlassen?
In der Lesung aus dem Johannesevangelium haben wir drei andere Worte Jesu gehört:
Das Wort, das seine Mutter und seinen Lieblingsjünger aneinander verweist: „Siehe, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter!“ – Ein Wort der Liebe und der Fürsorge.
Den Ruf: „Mich dürstet!“ – Eigentümlich menschlich und profan. Und sagt doch: Hier hat einer wirklich und wahrhaftig gelitten.
Und das große: „Es ist vollbracht.“ – So klingt nicht Verzweiflung und Sinnlosigkeit. So klingt ein tiefes Verstehen: Nein, dieses Opfer war nicht umsonst.
Im Lukasevangelium können wir drei weitere Worte Jesu lesen:
Das Gebet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ – Jesus betet für sein Feinde. Und ist damit zum Vorbild für viele seiner Nachfolger geworden.
Dann verspricht er dem reuigen Schächer am Kreuz neben ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Und am Ende betet er: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“
Nicht von Gott verlassen, sondern im Vertrauen auf Gott, in der Bereitschaft zu vergeben – als Menschenkind seinen Peinigern, als Gottessohn dem verlorenen Sünder –, und am Ende in Gottes Händen.
Da habe ich das Gefühl: Alles ist gut – trotz allem.
*
Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. Das schreibt der Apostel Paulus.
Gott war in Christus.
Er hat ihn nicht verlassen.
In der Gottverlassenheit war Gott da.
Gott war in  Christus und versöhnte die Welt mit sich selber.
Er hat kein Opfer gefordert.
Er hat sich selbst zum Opfer gebracht.
Er wurde Opfer der Umstände,
Opfer des politischen Kalküls, der Gleichgültigkeit und Grausamkeit, der Unmenschlichkeit und Gottlosigkeit.
Die Menschen forderten Opfer.
Nicht Gott.
Die Menschen töteten Menschen.
Und sie töteten Gott.
Nicht umgekehrt.
Gott ist das Opfer.
Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu.
Vergab ihnen, denn sie wussten nicht, was sie tun.
Hat sich selbst für sie geopfert.
Für sie und für uns: Menschen.
Und konnte sagen: „Es ist vollbracht.“
Gott war in Christus.
Auch und gerade am Karfreitag.
Am Kreuz.
Das ist das sinnvollste Opfer.
Und es sollte das einzige sein, das wir nötig haben.
*
Immer noch gibt es Opfer.
Sinnlose Opfer.
Gott allein kann ihrem Sterben Sinn geben.
*
Ein Pfarrkollege hat in besagtem Artikel gesagt: „Es gibt Karfreitag nicht ohne Ostern.“
Wir würden das vielleicht eher andersrum sagen: „Es gibt kein Ostern ohne Karfreitag.“
Dann ist Karfreitag ein notwendiges Übel. Damit wir vom Tod zur Auferstehung kommen.
Aber umgekehrt?
Umgekehrt macht Ostern aus dem sinnlosen Opfer ein sinnvolles Opfer.
Ostern offenbart: Gott war in Christus.
Gott ist im Leiden und im Tod.
Gott ist bei den Opfern.
Und ihr Tod ist nicht das Ende, sondern ein Anfang.
Aus dem Kar-Freitag, dem Klage-Freitag, wird der Gute Freitag, wie unsere englischen und holländischen Freunde sagen.

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
Das Wort vom Kreuz ist das Wort von der Versöhnung:
Gott versöhnt die Welt mit sich selber.
Gott versöhnt uns mit dem Scheitern, mit der Schuld und mit dem Tod.
Das Kreuz wird zum Zeichen der Hoffnung.