Montag, 21. März 2016

Predigt am 20. März 2016 (Palmsonntag)

Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
Er, der in Gottes Gestalt war,
hielt es nicht wie einen Raub fest,
Gott gleich zu sein,
sondern er entäußerte sich
und nahm eines Knechtes Gestalt an,
wurde den Menschen gleich
und in allem als Mensch befunden.
Er erniedrigte sich selbst
und wurde gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat Gott ihn auch über alle Maßen erhöht
und  hat ihm den Namen verliehen,
der über alle Namen ist,
damit vor dem Namen Jesu
sich alle Knie beugen,
aller im Himmel, auf der Erde und unter der Erde,
und alle Zungen bekennen:
Jesus Christus ist der Herr,
zur Ehre Gottes, des Vaters.
Philipper 2, 5-11
*
Es geht aufwärts:
Das Leben.
Jahr für Jahr wird sie größer, die Zahl vor dem Komma.
Es geht aufwärts:
Erste Schritte. Kleine Schritte. Große Schritte.Und immer weitere Schritte.
Erste Worte.
Erste Sätze.
Aufsätze.
Schriftsätze.
Erste Liebe.
Erste Enttäuschung.
Zweite Liebe.
Erste Ehe.
Erstes Kind.
Erste Scheidung.
Erster Schultag.
Zweites Examen.
Erste Stelle.
Erste Erfolge.
Bessere Stelle.
Mehr Geld.
Weniger Zeit. Es geht aufwärts.
Erster Tumor.
Erster Infarkt.
Erste Gedächtnislücken.
Es geht aufwärts: „Stuf’ um Stufe“.
„Und jedem Anfang wohnt ein Ende inne“, wie gestern jemand wunderbar falsch zitierte.
Und doch richtig.
Aufwärts? –
Ja, ein Stückweit.
Und dann wieder abwärts.
In kleinen Schritten und in großen Sprüngen.
Am Ende hinab in die Grube.
So sieht sie aus unsere Lebenslinie:
Die Zahlen allein steigen bis zuletzt.
Dann bricht die aufsteigende Reihe ab.
Mit 78. Oder mit 54.
Der Rest ist ein Auf und Ab.
Am Anfang mehr Auf.
Am Ende mehr Ab.
Erde zu Erde.
Wir erheben uns vom Erdboden, streben dem Himmel entgegen, und werden am Ende wieder kleiner, stürzen, fallen, liegen.
Kehren zur Erde zurück.
Die Schwerkraft des Irdischen zieht uns hinab.
Sie ist stärker als unser Streben nach oben.
Es geht abwärts.
Das ist unsere Lebenslinie.
*
Es geht abwärts. Einer war ganz oben. Unerreichbar weit. Und ist hinabgestiegen. Die Himmelsleiter hinunter. Vom Himmelssaal ins Erdental. Aus der unendlichen Freiheit hinab in die Zwänge und Abhängigkeiten eines menschlichen Lebens. Aus der ewigen Allgegenwart hinunter in die Enge eines menschlichen Leibes. Eingeschränkt auf einen Punkt in Raum und Zeit. Aus der göttlichen Allwissenheit hinein in die Begrenztheit eines menschlichen Verstandes.
Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht wie einen Raub fest, Gott gleich zu sein.
Sondern entäußerte sich.
Ließ alles los.
Ließ alles zurück.
Hinter sich.
Über sich.
Und wurde Mensch.
Knecht.
Sklave der Gesetze von Raum und Zeit, von Leben und Tod, der Schwerkraft, die alle nach unten zieht.
Und Gottes Knecht:
Gehorsam seiner Bestimmung.
Hinabgestiegen in das Reich der Lebenden.
Zunächst.
Erste Schritte in diesem Leib.
Kleine Schritte und größere Schritte.
In den Tempel.
In die Werkstatt.
Dann weg von den gewohnten Pfaden.
Aber immer wieder Schritte zu den Menschen.
Zu den Kranken.
Zu den Außenseitern und Aussätzigen.
Zu den Abzockern und Zuhältern.
Zu den Sündern und zu den Selbstgerechten. Zu den Abgestürzten und Unvollendeten.Am Ende die Schritte Richtung Golgatha.
Das Kreuz auf der Schulter.
Unter höllischen Schmerzen von den Folterqualen, die er erlitten hatte.
Erste Worte.
Und weitere Worte. Bedeutende Worte.Gute Worte: „Selig sind die Sanftmütigen und die Friedfertigen.”
Rätselhafte Worte: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“.
Verstörende Worte: „Lass die Toten ihre Toten begraben“.
Heilende Worte: „Dein Glaube hat dir geholfen“.
Worte von dort, wo er herkam, von ganz oben.
Oftmals Fremdworte für uns hier unten.
Und dann letzte Worte, ganz aus der Tiefe: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Abwärts.
Sklave der Sünde und des Todes.
Und Gottes Knecht.
Gehorsam bis zum Tod, bis zum Tode am Kreuz.
Gekreuzigt.
Gestorben und begraben.
Hinabgestiegen in das Reich des Todes.
So tief gesunken ist er.
Tiefer geht’s nicht mehr.
Ins Bodenlose.
Ins Grab.
In die Hölle.
Wo keiner mehr herauskommt.
Jedenfalls nicht aus eigener Kraft.
Der Tiefpunkt.
Und der Wendepunkt.
Es geht aufwärts.
Er kommt heraus.
Nicht aus eigener Kraft.
Aus Gottes Kraft.
Die zieht ihn wieder nach oben.
Aus der Hölle.
Aus dem Grab.
Ins Leben.
In den Himmel.
Der am tiefsten gesunken ist, ist am höchsten gestiegen.
Sein Name ist Jesus: Gott rettet.
Sein Name ist Christus: der Gesalbte.
Sein Name ist Herr: der Höchste.
Gott von Gott.
Und zu Gott.
Das ist seine Lebenslinie.
*
Stellen wir sie uns bildlich vor:
Unsere Lebenslinien und die Lebenslinie des Herrn.
Unsere gleicht einer umgekehrten Parabel:
Ein Stückchen geht’s bergauf; dann geht es wieder bergab:
Erde zu Erde.
Seine gleicht einer richtigen Parabel, steil und nach oben offen.
Es geht bergab.
Aber der Tiefpunkt ist der Wendepunkt:
Dann geht es wieder bergauf, steil bergauf.
Himmel zu Erde; Erde zu Himmel.
Oder sogar: Himmel zu Hölle; Hölle zu Himmel.
Irgendwo kreuzen sich unsere Lebenslinien.
Da, wo wir nach oben drängen, wo wir hoch hinaus wollen, da kommt er uns entgegen auf seinem Weg nach unten.
Wird niedriger, schwächer, ohnmächtiger als wir.
Für kurze Zeit stehen wir über ihm.
Leben unser Leben aus eigener Kraft.
Bis es wieder abwärts geht.
Und da, wo es uns nach unten zieht, da kommt er uns wieder entgegen.
Auf seinem Weg zum Himmel.
Es wäre hoffnungslos für uns, wenn es nur so wäre:
Am Ende ist er ganz oben bei Gott, und wir sind die Unterirdischen, denen nichts bleibt, als vor ihm die Knie zu beugen und seine Herrschaft anzuerkennen.
Und es wäre sinnlos für ihn:
Wozu der tiefe Abstieg?
Wozu der Verzicht und die Niedrigkeit, das Leiden und der Tod, wenn es am Ende doch wäre wie am Anfang: Er ganz oben und wir ganz unten?
Nein, er steigt deshalb so tief hinab, um uns mitzunehmen hinauf. Er kreuzt nicht nur unsere Lebenslinie, sondern er verändert sie. Wo wir zu hoch steigen wollen, da zieht er uns mit nach unten: auf den Boden der Tatsachen. Aber auch umgekehrt: Wo wir zu tief zu sinken drohen, wo wir ins Bodenlose fallen, da nimmt er uns mit nach oben. Zu Gott. In den Himmel. Er steigt mit uns hinab in die Tiefen des Menschseins: In die Tiefen der gescheiterten Karrieren und der unglücklichen Lieben. Der nicht erreichten Ziele und der unverschuldeten Schicksalsschläge. In die Tiefen von Versagen und Verrat, von Schuld und Reue. In Leiden und in Todesqualen. Er steigt hinab selbst in die Hölle, in den Bereich des ewigen Verderbens, aus dem sich keiner mehr befreien kann. Er steigt herab zu uns, um uns zu befreien vom Fluch der Sünde und des Todes. Und er zieht uns von dort heraus. Hinauf. Nimmt uns mit in den Himmel. Zu Gott.
Er tut es – aus Liebe.
Aus Liebe strebt er nach unten, statt nach oben.
Aus Liebe lässt uns nicht unten in der Tiefe.
*
Seid untereinander gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht, schreibt Paulus.

Ihr müsst nicht selbst nach oben streben.
Ihr müsst nicht alles erreichen, was zu erreichen ist.
Ihr müsst nicht verzagen, wenn es abwärts geht.
Aber ihr könnt lieben, wie Christus euch geliebt hat.
Und Gott vertrauen.
Der den am höchsten erhebt, der am tiefsten gesunken ist.

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Diese Predigtfassung ist nicht das Originalskript, sondern eine Annäherung an die letzte mündliche Version, wie ich sie in Puerto de la Cruz gehalten habe.