Sonntag, 3. Januar 2016

Predigt am 3. Januar 2015 (2. Sonntag nach dem Christfest – Jahreslosung)

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jesaja 66,13)

Sibylle Berg schreibt regelmäßig Kolumnen für Spiegel-Online.
Manchmal klug, manchmal witzig, manchmal auch etwas wirr. (Wie zum Beispiel jetzt Weihnachten, wo sie erklärte, dass sie von Teilchenphysik und von Religion keine Ahnung hätte, um sich dann sogleich über Gott und Religion auszulassen. – Warum eigentlich nicht über Teilchenphysik?)
Vorgestern schrieb sie in einer anderen Zeitung.
Etwas wirr, etwas klug, aber nicht witzig, sondern betroffen.
Aus Tel Aviv, wo sie den Jahreswechsel verbrachte.
Sie schreibt, wie in ihrer Straße, wenige Meter von ihr entfernt ein Attentäter in eine Bar schoss, wo gerade eine Familie Geburtstag feierte, zwei Menschen tötete, noch auf die Fliehenden schoss und dann selber in der Menge verschwand.
Wie sie die Schüsse hörte und zunächst an verspätete Silvester-Böller dachte, bis ihr einfiel, dass es in Israel keine Silvester-Böller gibt.
Und wie sie dann auf dem Balkon stand, unter sich die schreienden Menschen, weinenden Kinder, die in die Hauseingänge fliehen.
Und dann erst Minuten später Polizei, Rettunswagen, Hubschrauber …
Sehr erfroren sei sie gewesen, schreibt sie.
Betroffen.
Und dann sagt sie sich, dass sie ja gar nicht wirklich betroffen ist:
Betroffene reden nicht. Sie sind tot. Oder weinen. Oder sie sind erstarrt.“
Und dann doch:
„Wir sind betroffen. Wir alle, die nicht morden, sind betroffen, denn unser kurzes Leben ist von einer neuen, realistischen Angst bedroht. Der Angst um unsere Familien. Unsere Liebsten. Der Angst, dass die Welt wohl doch nicht der freundliche Ort ist, den wir uns früher erträumt haben.“
So hat es begonnen, das neue Jahr.
Mit Terror und Angst.
*
Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
*
Sie ist ja nicht bei Trost, unsere Welt.
Kein freundlicher Ort.
Oder von einem Moment auf den anderen ein entsetzlich trostloser Ort.
Wie in jener Straße in Tel Aviv.
Wo eben noch gefeiert wurde, liegen blutige Leiber.
Wo eben noch Einkaufstrubel herrschte, laufen Menschen in Panik auseinander.
Und eine Frau steht erfroren auf dem Balkon.
Wer tröstet die Betroffenen?
Wer wischt den Weinenden die Tränen ab?
Wer legt den Arm um die Erstarrten?
Am ehesten sind es die, die selber weinen, die sich schluchzend in den Armen liegen, die sich gegenseitig festhalten und sich in der gemeinsamen Trauer versuchen zu trösten.
Aber wo ist die große Mutter, die uns alle in den Arm nimmt, die uns verspricht: Morgen ist alles wieder gut?
Die uns die Angst und den Schmerz wegstreichelt?
Die uns warm zudeckt und in den Schlaf singt?
Und die Tür schließt, dass alles, alles Böse draußen bleiben muss?
Vor wenigen Wochen haben wir gesungen:
Wo bleibst du Trost, der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm tröst uns hier im Jammertal.
*
Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
*
Ich will euch trösten.
Euch! – Uns?
Wir beziehen alles so schnell auf uns.
Vor allem, wenn Gott irgendwann etwas Gutes zu irgend jemandem gesagt hat, meistens zu seinem Volk.
Ja, zu seinem Volk.
Zu Israel.
Zu den Juden.
Zu denen, die zurückgekehrt sind aus Babylon und den Ländern der Zerstreuung.
Die im Lande ihrer Vorfahren neu begonnen haben, Häuser zu bauen und Werkstätten einzurichten, Wein und Obst anzupflanzen und Gottes Gesetz zu studieren.
Die bedroht waren und angefeindet von allen Seiten.
Damals im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt.
Denen hat er das gesagt.
Als an uns noch nicht zu denken war.
Und vielleicht, wahrscheinlich gilt es auch noch für sein Volk heute.
Die Juden.
Die zurückgekehrt sind aus den Ländern der Zerstreuung und Verfolgung und der Shoah.
Die im Lande ihrer Vorfahren neu begonnen haben, Häuser und Betriebe zu errichten, Landwirtschaft zu treiben und Hochtechnologie – und Gottes Gesetz zu studieren.
Die bedroht sind und angefeindet von allen Seiten.
Wenn ihre Nachbarn sich darin einig sind, die Juden zurück ins Meer zu treiben.
Wenn sie in Jerusalem mit Messern auf wehrlose Menschen losgehen.
Und wenn sie in Tel Aviv auf Leute schießen, die in einer Bar Geburtstag feiern.
Ihnen ist es gesagt:
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Ihnen. Nicht uns!
Man hat wieder so fein säuberlich ausgeschnitten – aus der Bibel:
Schon der zweite Halbvers fehlt:
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
An Jerusalem: Das, was Gott dort tut, das wird euch trösten. So ist es gemeint.
Und weiter geht’s im nächsten Vers:
Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.
Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.
Das ist der Trost, den Gott Israel verspricht:
Dass es ihm gut gehen wird.
Und seinen Feinden schlecht.
Wir sollten nicht alles so schnell auf uns beziehen.
Warum sollte denn für uns gelten, was Gott einst Israel verheißen hat?
*
Einer steht zwischen uns.
Zwischen uns und Israel.
Jesus.
Der Jude Jesus.
Der Messias Jesus.
Er trennt uns von Israel.
Und er verbindet uns mit Israel.
Und seinem Gott.
Wir haben eben noch seine Geburt gefeiert.
Die Krippe steht noch da.
Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh.
Ein Baby Boy, wie wir vor einer Woche gesungen haben.
Wie jedes Baby hat Jesus geschrien und geweint:
Wenn er Hunger hatte.
Wenn er gefroren hat.
Wenn er die Windel voll hatte.
Wenn er Angst hatte: vielleicht vor Ochse und Esel, vielleicht vor fremden Menschen.
Immer wieder hat seine Mutter ihn auf den Arm genommen, ihn gewiegt und gestreichelt und getröstet.
Maria sagt: Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Gott lässt sich von seiner Mutter trösten.
In diesem unerhörten Satz offenbart sich das Geheimnis der Menschwerdung:
Gott lässt sich von seiner Mutter trösten.
Und tröstet später selber seine Mutter.
Als sie mit seinem Freund Johannes am Kreuz steht.
Und tröstet seine Freundin Maria, als sie am leeren Grab steht.
Und tröstet seinen Jünger Petrus, als er mit ihm am Feuer sitzt und sich fragt, wie es weiter geht.
Und tröstet seinen Apostel Paulus, als er im Gefängnis sitzt.
Und tröstet den Propheten Johannes, als die Christen verfolgt werden und er auf die Insel Patmos verbannt ist.
Und tröstet Martin Luther, der verzweifelt um Gottes Gnade ringt.
Und tröstet die jungen Männer aus Syrien, die irgendwo in Deutschland mit einer evangelischen Pfarrerin das Vaterunser beten.
Und tröstet und tröstet und tröstet.
Jesus verbindet uns mit dem Gott Israels.
In Jesus lebt der Gott Israels.
Und der Trost Israels.
Und wird auch unser Trost.
*
Der Apostel Paulus schreibt davon, wie Gottes Trost sich hineinpflanzt und fortpflanzt in unsere trostlose Welt (und wenn er wir schreibt, dann sind wirklich auch wir gemeint):
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. (2. Korinther 1, 3-5)
*

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.