Sonntag, 24. Januar 2016

Predigt am 24. Januar 2016 (Sonntag Septuagesimä)

Ihr wisst, wie es ist, wenn in einem Stadion ein Wettlauf stattfindet: Viele nehmen daran teil, aber nur einer bekommt den Siegespreis. Macht es wie der siegreiche Athlet: Lauft so, dass ihr den Preis bekommt! Jeder, der an einem Wettkampf teilnehmen will, unterwirft sich einer strengen Disziplin. Die Athleten tun es für einen Siegeskranz, der bald wieder verwelkt. Unser Siegeskranz hingegen ist unvergänglich.
Für mich gibt es daher nur eins: Ich laufe wie ein Läufer, der das Ziel nicht aus den Augen verliert, und kämpfe wie ein Boxer, dessen Schläge nicht ins Leere gehen. Ich führe einen harten Kampf und bezwinge mich selbst. Denn ich möchte nicht anderen predigen und dann als einer dastehen, der sich nicht an das hält, was er sagt.
1. Korinther 9, 24-27 (nach NGÜ)

Christsein kann man auch sportlich sehen.
Als Wettkampf.
Wer gibt die höchste Spende?
Wer hat die meisten Ehrenämter?
Wer bäckt den besten Kuchen beim Gemeindefest?
Wer weiß am besten Bescheid im Bibelgespräch?
Wer kommt am häufigsten in den Gottesdienst?
Wer singt am schönsten im Kirchenchor?
Und wenn ich so den Austausch unter uns Pfarrern in einer bestimmten Facebook-Gruppe verfolge, dann geht es – unausgesprochen – wohl auch ein bisschen darum: Wer macht die beste Predigt?
Wenn ich das so sage, klingt es wahrscheinlich, als wäre das nicht ganz in Ordnung.
Eitel.
Unbescheiden.
Gar nicht so richtig christlich.
Sollten wir nicht bescheidener sein?
Dem anderen den Vortritt lassen?
Auch den eher mittelmäßigen Beitrag loben?
Denn in den Himmel kommen ja wohl auch nicht nur die Besten.
Und Kirche ist gerade auch für die Schwachen da.
Für die Verlierer.
Die nie einen Preis gewinnen.
Die Letzten werden die Ersten sein, hat Jesus gesagt. (Wir haben es im Evangelium gehört.)
So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen,
hat der Apostel Paulus geschrieben.
An anderer Stelle (Römer 9,16)
Ein paar Jahre später.
Wie gut, dass wir uns den Himmel nicht mit guten Werken und Höchstleistungen verdienen müssen!
Und trotzdem: Hier klingt es anders:
Es ist wie bei einem Sportwettkampf. Viele nehmen daran teil, aber nur einer bekommt den Siegespreis. Lauft so, dass ihr den Preis bekommt!
Wisst ihr, warum Kirche oft so schlecht ist?
So langweilig?
So mittelmäßig?
Weil wir uns mit dem Mittelmaß zufrieden geben.
Weil wir nicht darum kämpfen, die besten zu sein.
Weil uns der Sportsgeist fehlt.
*
Paulus sieht es sportlich:
Möglichst viele sollen von Jesus erfahren.
Dorthin, wo noch keiner gegangen ist mit der Guten Nachricht, dahin geht er, Paulus.
Wenn andere sich von den Gemeinden bezahlen lassen, dann ist er so ehrgeizig, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.
Wenn andere sich auf ihre Zielgruppen spezialisieren – Juden, Griechen, Römer –, dann will er für alle da sein, sich auf jeden einstellen und dabei immer noch sich selbst treu bleiben und seinem Herrn.
Paulus gibt sein Bestes, um der Beste zu sein.
Und gleichzeitig weiß er:
Er kann es nicht allein.
Es läuft nur, wenn viele mitziehen.
Es ist gut, wenn viele laufen.
Ein Wettlauf braucht mehrere Teilnehmer.
Sonst kann man sich nur noch selbst übertreffen.
Aber ein Wettlauf mit vielen, ist nur dann spannend, wenn jeder sein Bestes gibt.
Lauft so, dass ihr den Preis bekommt!
Lauft so, selbst wenn es am Ende vielleicht doch nicht für die Goldmedaille reicht!
Aber lauft, gebt nicht auf, haltet durch!
*
Paulus schreibt das an die Christen in Korinth.
Korinth war in der Antike eine Sporthauptstadt.
Aller zwei Jahre gab es die Isthmischen Spiele, fast so bedeutend wie die Olympischen.
Wettläufe und Faustkämpfe kannten sie, die Korinther.
Ringen, Speer- und Diskuswerfen.
Pferde- und Wagenrennen.
Aber auch Wettkämpfe in Dichtung, Redekunst und Gesang.
Es gibt so viele Disziplinen, in denen einer sein Bestes geben kann!
Es muss ja nicht immer der Sport im engeren Sinne sein.
Wenn wir das Christsein sportlich sehen, dann gibt es da auch viele Disziplinen:
Prediger und Organisten sind nur wenige.
Aber Beten und Bibellesen gehören auch dazu.
Im Chor singen oder Tische aufbauen beim Fest.
Im Vorstand mitentscheiden und -organisieren.
Gesangbücher austeilen und Kollekte zählen.
Essen kochen und Kuchen backen.
Oder auch: Anderen Zuhören und guten Rat geben.
Kranke besuchen und Schwachen helfen.
Und noch vieles mehr.
Was wäre das für eine Kirche, für eine Gemeinde, wenn jeder immer sein Bestes geben würde in seiner Disziplin!
*
Apropos Disziplin.
Das ist ja eigentlich der Punkt, auf den Paulus hinaus will.
Ein erfolgreicher Sportler braucht Disziplin.
Ein erfolgreicher Redner oder Musiker auch.
Eigentlich jeder, der sein Bestes geben will.
Ein Sportler muss trainieren.
Täglich – oder fast täglich.
Ein Musiker muss üben.
Täglich – oder fast täglich.
Fast alles muss man trainieren.
Ohne Training verlernst du zwar nicht gleich alles, aber du bist nicht mehr richtig gut.
Ich spiele zum Beispiel ein bisschen Klavier.
Aber nicht besonders gut.
Es gab Zeiten, wo ich noch täglich geübt habe.
Da war ich besser.
Ich könnte wieder besser werden, aber … ich übe zu wenig.
Und wie ist das mit dem Christsein?
Wir können es auch üben.
Die meisten Dinge übt man ja, indem man sie ausübt.
Klavierspielen übe ich, indem ich Klavier spiele.
Fußballspielen übe ich, indem ich Fußball spiele.
Sicher, es mag da ein paar spezielle Übungen geben, die helfen, gut zu werden: Fingerübungen, Laufübungen, Taktiktraining.
Entscheidend ist: Wir üben etwas ein, indem wir es ausüben.
Praktizieren.
Das ist auch mit unserem Glauben so.
Vielleicht verlernen wir ihn nicht ganz ohne Training.
Aber besonders gute Christen sind wir dann nicht – ohne Glaubenspraxis.
*
Christsein kann man sportlich sehen.
Und zum Sport gehören immerhin auch die Zuschauer.
Was ist schon ein Fußballspiel im leeren Stadion!
Selbst in der Kreisliga stehen noch ein paar Sportfreunde am Spielfeldrand.
Und auch Zuschauer geben ihr Bestes:
Beim Anfeuern ihrer Mannschaft oder ihres Favoriten.
Und was opfern echte Fans nicht an Zeit und Geld für ihren Sport!
Vielleicht kommst du dir ja auch wie ein Zuschauer vor – wenn du nur manchmal in die Kirche kommst.
Vielleicht nur, wenn du gerade hier bist, auf Teneriffa, wo deine Freunde auch gehen.
Oder wo du Urlaub hast.
Wo dich keiner kennt und keiner was von dir erwartet.
Da möchtest du bestimmt nicht der Beste sein.
Einfach nur hingehen und zuschauen.
Du kämpfst um keinen Siegeskranz und keine Goldmedaille.
Und den Himmel musst du dir nicht mit guten Werken und religiösen Höchstleistungen verdienen; so viel hast du verstanden.
Christsein kann man sportlich sehen.
Auch so.
Auch als Zuschauer.
Aber mancher hat beim Zuschauen doch wieder Lust bekommen mitzumachen.
Die Laufschuhe rauszuholen.
Oder mit dem Enkel auf der Wiese zu kicken.
In den alten Noten zu wühlen und doch mal wieder ein Stück einzuüben.
Mancher hat beim Zuschauen bei uns auch sein Christsein wiederentdeckt.
Und hat dann mit Tische getragen beim Gemeindefest.
Oder kommt jetzt regelmäßig zum Singen in den Kirchen- oder Gospelchor.
Oder faltet bewusst die Hände, wenn es heißt: Lasst uns beten.
Oder greift beherzt ins Portmonee angesichts des Kollektenkörbchens.
Christsein kann man sportlich sehen.
Sport ist nicht immer nur Hochleistungssport.
Viel häufiger einfach nur Freizeitsport.
Aber das mit Herz und Engagement und Freude.

*
Sieh’s einfach sportlich:
Mach mit, so gut du kannst!
Damit es mit Gottes guter Sache weiter geht!