Sonntag, 17. Januar 2016

Predigt am 17. Januar 2016 (Letzter Sonntag nach Epiphanias)

Gott, der sprach: „Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten“, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.
Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwengliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.
Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht.
Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.
Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen.
Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.
2. Korinther 4, 6-10

Weihnachten ist vorbei.
Schon lange.
Und viel zu schnell.
Weihnachten ist vorbei.
Die Zeit der frommen Wünsche.
Vom Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Die Zeit, als wir an das Gute im Menschen glauben wollten.
Spätestens seit Silvester.
Oder seit dem verkaterten Erwachen ein paar Tage später.
Weihnachten ist vorbei.
Die Geschenke sind ausgepackt, und die schöne Verpackung hatte getrogen.
Es waren nicht Gold, Weihrauch und Myrrhe, die uns die Gäste aus dem Morgenland mitgebracht hatten.
Es waren Gier und Verachtung und Gewalt.
Genau dort, wo die heiligen drei Könige aus dem Morgenland angeblich liegen, im Angesicht des Kölner Domes, haben sie es uns gezeigt.
Weihnachten ist vorbei.
Die Tage werden länger.
Und kälter.
In Deutschland herrscht Frost.
Die Lichterketten sind demontiert.
Die weihnachtlichen.
Und Lichterketten für gepeinigte Frauen und verfolgte Christen zündet keiner an.
Stattdessen werden die lauter, denen nichts besseres einfällt, als Hass mit Hass und Gewalt mit Gewalt zu beantworten.
Weihnachten ist vorbei, und es wird wieder dunkel.
*
Bei uns ist Weihnachten noch nicht vorbei.
Der Herrnhuter Stern leuchtet noch.
Auch bei uns im Haus der Begegnung.
Wir lassen ihn brennen bis zum 2. Februar, Mariä Lichtmess, dann erst endet die Weihnachtszeit.
Aber eigentlich auch dann noch nicht.
In der Gemeinde, wo ich Vikar war (und Andrea kennengelernt habe), da blieb nach Weihnachten immer eine der Krippenfiguren auf dem Altar stehen – das ganze Jahr.
Als Zeichen, dass Weihnachten nie vorbei ist.
Ich denke, wir werden das dieses Jahr zu Hause auch so machen.
In der Gemeinde, wo ich dann Pfarrer war, war es noch besser.
Da gab es einen Hochaltar aus dem 17. Jahrhundert und darauf ein Gemälde von der Christgeburt.
Ein bisschen war das der Anbetung der Hirten von Correggio nachempfunden, wenigstens vom Licht her.
Das Besondere ist da nämlich, dass das Licht direkt von dem Kind ausgeht, das in Marias Arm liegt.
In diesem Licht leuchtet das Gesicht Marias.
In diesem Licht strahlen die Gesichter der Hirten, die sich staunend über das Kind beugen.
Selbst die Engel, die über der Szene schweben, leuchten nicht selber, sondern werden vom Licht des Christus-Kindes angestrahlt.
Weihnachten ist dort, in dieser Kirche im Weihnachtsland, das ganze Jahr.
Gott der sprach: „Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten“, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben.
Man kann ihn sehen.
Oder spüren.
Im Bibelgespräch am vergangenen Mittwoch hatten wir eine kleine Diskussion über diesen Satz:
Wieso leuchtet das Licht aus der Dunkelheit, nicht in die Dunkelheit?
Die Weihnachtsszene zeigt es uns:
Aus dem Dunkel des Stalles strahlt das Licht.
Aus dem Dunkel der Nacht kommt das Licht.
Gott ist nicht da draußen, und leuchtet uns von ferne in unsre dunkle Welt hinein.
Gott ist drin bei uns, im finstern Stall, und macht es von da aus hell:
Aus der Dunkelheit scheint das Licht.
Aus der Dunkelheit unserer Herzen.
Ihr kennt vielleicht so Tonlämpchen, in die man eine Kerze oder ein Teelicht hineinstellt, und dann leuchten sie von innen heraus.
So stelle ich mir das vor mit unseren Herzen, wenn Gottes Licht da heraus leuchtet.
Er hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben,
und dann leuchtet das Licht aus der Dunkelheit.
Und da sind wir schon bei dem zweiten Bild:
Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen.
Ein Lämpchen aus Ton, aus dem das Licht leuchtet.
Oder ein zerbrechlicher Krug mit Goldmünzen drin.
Manchmal finden Schatzsucher sowas.
So ein alter Tonkrug mag auch so schon ganz interessant und wertvoll sein; die Goldmünzen sind es noch viel mehr.
Der Tonkrug mag kaputtgehen, aber der goldene Inhalt bleibt.
So sind wir Menschen, sagt der Apostel.
So ist unsere Welt:
Irden, irdisch, zerbrechlich.
Aber im Herzen der Welt ist der himmlische Schatz verborgen.
Aus ihren Löchern und Rissen strahlt das Licht, das in ihr brennt:
Christus, das Licht der Welt.
*
Weihnachten ist nicht vorbei.
Das Licht ist nicht verloschen.
Es ist nur verborgen.
Unter viel irdischem Schmutz.
Versteckt in einem Viehstall.
Verborgen hinter Kirchenmauern.
Eingemauert in Traditionen und Dogmen.
Befleckt von Schuld und Versagen der Amts-  und Verantwortungsträger.
Als unscheinbarer Faden hineingewebt in menschliche Worte und Geschichten.
Mehr Ahnung als Gewissheit in unseren verängsteten Herzen.
Und plötzlich blitzt es doch wieder auf, dieses Licht.
Aus den irdenen Gefäßen.
Unter dem Schmutz hervor.
Durch die Kirchenfenster hindurch,
und aus den offenen Türen hinaus.
Der goldene Faden im Gewebe der Welt tritt für einen kurzen Augenblick an die Oberfläche.
Sein Glanz spiegelt sich in unseren Augen.
Und wir fühlen uns getröstet.
*
Christus sagt: Ich bin das Licht der Welt.
Christus sagt: Ihr seid das Licht der Welt.

Das ist kein Imperativ.
Es ist nicht so, dass wir die Welt hell machen können und sollen.
Manche verstehen das Christentum als Weltverbesserungsprogramm und die Kirchen als Moral- und Werteagenturen.
Das sind wir nicht.
Wir sind nur irdene, irdische, sehr unvollkommene Gefäße, in denen Gott sein Licht angezündet hat, und es hier und da aus uns heraus leuchten lässt.
Wir können es nicht hell machen, wo es dunkel ist.
Gott hat es hell gemacht in uns.
Und manchmal lässt er sein Licht auch aus uns heraus strahlen.
Er, nicht wir.
Gott sei Dank!