Sonntag, 6. April 2014

Predigt am 6. April 2014 (Sonntag Judika)

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.
Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir, darum gedenke ich an dich aus dem Land am Jordan und Hermon, vom Berge Misar.
Deine Fluten rauschen daher, und eine Tiefe ruft die andere; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich.
Am Tage sendet der HERR seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.
Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?
Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?
Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?
Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Psalm 42 und 43


Liebe Schwestern und Brüder,
wenn ein Mensch den Mund aufmacht und redet, dann spricht er entweder mit anderen Menschen, oder er spricht mit Gott, oder er spricht mit sich selbst. (Ok, manchmal spricht er auch mit seinem Haustier oder mit Gegenständen, beschimpft vielleicht sein Auto, wenn es nicht anspringt, aber besonders klug ist das nicht. Hauptsächlich spricht er mit anderen Menschen, mit Gott oder mit sich selbst.)
Mit anderen Menschen zu reden, ist der Normalfall. Wir reden ständig mit anderen, und wenn wir mal ein oder zwei Tage mit niemandem geredet haben, dann haben wir das Gefühl, wir verblöden und vereinsamen.
Mit Gott zu reden, ist eher nicht der Normalfall; und es wird, so scheint mir, auch immer seltener getan. Vielen fehlt eigentlich nichts, wenn sie zwei oder drei Tage nicht mit Gott geredet haben. Und wenn wir schon mit Gott reden, dann meistens nicht öffentlich; öffentlich zu beten, wäre uns eher peinlich, außer im Gottesdienst.
Auch mit sich selber spricht der Mensch eher heimlich, nicht in der Öffentlichkeit. Dabei sind Selbstgespräche viel verbreiteter, als wir meinen oder zugeben. Es denkt sich nämlich besser, wenn wir unsere Gedanken in Worte formulieren und sie aussprechen. Manchmal treffen wir Menschen auf der Straße, die vor sich hin brabbeln, vertieft im Selbstgespräch – naja, denken wir… Aber manchmal erwischen wir uns dabei, dass wir selber laut mit uns sprechen. Und wenn ein anderer  uns dabei erwischt, dann ist uns das einfach peinlich – naja…
Dass der Mensch mit seinesgleichen und darüber hinaus mit Gott und mit sich selbst spricht, hat ganz grundlegend mit dem Wesen des Menschen zu tun: weil er ein Wesen ist, das in Beziehung steht zu seinen Mitmenschen, das in Beziehung steht zu Gott und das in Beziehung steht zu sich selbst. Und diese Beziehung drückt sich in Sprache aus. Ich bin nicht mein Mitmensch, also muss ich mich sprechend mit ihm auseinandersetzen und verständigen. Ich bin nicht Gott, also muss ich mein Verhältnis zu Gott in Worten ausdrücken. Und nun müsste es logischerweise weitergehen: Ich bin nicht ich selbst, darum rede ich auch mit mir selbst.
Das klingt verrückt. Im wahrsten Sinne des Wortes: Wer nicht er selber ist, wer nicht ganz bei sich ist, der ist verrückt. Und Verrückte führen Selbstgespräche. Ja, sage ich, wir sind verrückt. Wir sind mit uns selber so wenig identisch, in uns sind so viele Stimmen, Gedanken, Gefühle, Eindrücke, dass wir uns zu ihnen verhalten müssen. Ich bin nicht einfach Ich, sondern ich bin das, was ich von mir weiß, wie ich mich fühle, wie ich denke und handle, und ich kann mir das bewusst machen. Ich kann mir sagen: Du bist toll, so wie du bist! Oder: Du bist doch ein Rindvieh! Ich kann mich über mich selber ärgern oder mich selber aufmuntern, meinem Herzen einen Stoß geben usw. Dieses Wissen von mir selber nennt man auch Gewissen. – So sind wir Menschen: verrückte Wesen, die sich über sich selber Gedanken machen. – Und weil wir so verrückt sind, ist das dann gar nicht so verrückt, Selbstgespräche zu führen. Gespräche helfen, dass wir einander besser verstehen. Gebete helfen, dass wir Gott besser verstehen. Selbstgespräche helfen, dass wir uns selbst besser verstehen. Am Ende bewahren sie uns damit vielleicht sogar vor dem Verrücktwerden.
In den biblischen Psalmen, und so auch in diesem Doppelpsalm 42/43, den wir gehört haben, führt ein Mensch ein Selbstgespräch, d.h. er spricht mit seiner Seele. Er sagt sich selbst, er sagt seiner Seele: Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. – Dreimal: Es ist der Refain, dieses Liedes, dieses Psalms. Harre, meine Seele, ist daraus noch im vorletzten Jahrhundert als geistliches Lied geworden.
Da spricht einer mit sich selbst, weil er bald verrückt wird. Er spricht seiner leidenden Seele gut zu. Er erinnert seine Seele an Gott. Er erinnert sie an das, was sie mit Gott schon Gutes erfahren hat. So wie auch in einem anderen bekannten Psalm: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat (Psalm 103,2). Und er erinnert sie daran, dass sie von Gott Gutes zu erwarten hat, grundsätzlich. Eigentlich weiß sie es doch: Keiner wird zuschanden, der auf Gott harrt (Psalm 25,3). Es wird die Zeit kommen, wo statt Verzweiflung und Klage wieder Lob und Dank dran sein wird. Erinnerung an die Zukunft – an Gottes Zukunft: Alles wird gut.
Aber dieser Psalm ist mehr als ein Selbstgespräch, er ist doch vor allem ein Gespräch mit Gott. Gebet zu Gott und Gespräch mit der Seele – beides geht ineinander über. Und das ist gut so. – Manche meinen, Beten wäre nur eine Art Selbstgespräch. Wenn das so wäre, wären wir arm dran. Dann würden wir uns selber etwas vormachen, bestenfalls uns etwas suggerieren uns einreden, uns sagen: Wird schon wieder. – Das muss nicht schlecht sein, aber Beten ist mehr. Es ist genau genommen die Umkehrung des Selbstgesprächs. Ich sage nicht nur zu meiner Seele: Denk mal an Gott, sondern ich sage zu Gott: Denk mal an meine Seele.
Wie ein Hirsch nach frischem Wasser schreit, so schreit meine Seele zu dir, Gott. Sieh an, wie es mir in meinem Innersten geht: Da bin ich kurz vorm Verdursten. Ich mag ja äußerlich stark sein und gefasst wirken. Dir, Gott, sage ich, wie es wirklich in mir aussieht.
Und ich lasse Gott hineinblicken in meine Seele, zeige ihm meine Angst und meine Einsamkeit. Sage ihm meine größte Not, nämlich dass ich so wenig sehe und höre von Gott. Deinen Gott kannst du vergessen, sagen die Leute. Dein Gott hat dich vergessen, sagen die Leute. Aber das darf doch nicht wahr sein. Gott kann mich nicht vergessen haben. Und ich möchte Gott unter keinen Umständen vergessen. Denn Gott nahe zu sein, ist mein Glück. Und jetzt, wo Gott fern ist, wo Angst und die Einsamkeit am Größten sind, da möchte ich Gott zum Reden bringen, meine Seele getröstet wissen, und wieder Menschen um mich, mit denen ich mein Glück teilen kann.
Denn am Ende brauchen wir nicht nur das Gespräch mit Gott und das Gespräch mit der eigenen Seele, sondern auch das Gespräch mit den anderen Menschen. Und am besten ist es, wenn wir andere Menschen haben, mit denen wir dann auch über Gott und die Seele reden können. Der Psalmdichter erinnert sich an die Gemeinschaft der Menschen auf dem Weg zum Gotteshaus. Das war gut, damals, sagt er sich, sagt er Gott, sagt er uns.
Und genau so möge es wieder sein, wünscht er sich, bittet er Gott, schildert er uns: dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott auf der Harfe danke, mein Gott. – Da sind sie beieinander: Der Mensch und sein Mitmensch, der Mensch und seine Seele, der Mensch und Gott. Da sind sie beieinander in der Gottesdienstgemeinde. Im Singen und Beten, im Loben und Danken. Und im heiligen Schweigen.
Gewiss, liebe Schwestern und Brüder, das ist ein Ideal. Aber manchmal kommen wir ihm nahe: manchmal kommt Gott uns nahe und wir selbst uns nahe und wir einander nahe. Und dann kommt vielleicht sogar der Augenblick, wo wir so eins, so beieinander sind, dass es keine Worte mehr braucht.
Heute feiern wir wieder Heiliges Abendmahl. Da könnte es so sein: dass wir eins werden mit Gott, mit uns selbst, mit unserem Nächsten. Da muss unsere Seele nicht mehr schreien und wir glauben und erfahren es gemeinsam, dass Gott unseres Angesichts Hilfe und unsere Gott ist.