Sonntag, 20. April 2014

Predigt am 20. April 2014 (Ostersonntag)


Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.
Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat. Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße legt« (Psalm 110,1). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.
1. Korinther 15, 19-28



Liebe Schwestern und Brüder,

ihr kennt das: Gestern noch standen wir vor dem Abgrund; heute sind wir einen Schritt weiter. – Das ist ein Wanderwitz. Vor 50 Jahren Walter Ulbricht in den Mund gelegt; vor zwei Jahren passte er nach Griechenland und heute vielleicht in die Ukraine.

Genau so ist das mit dem Tod. Wir stehen davor, und irgendwann sind wir einen Schritt weiter: drin – im Abgrund, im Grab, im Nichts.

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, dann haben wir nichts mehr zu hoffen, wenn wir einen Schritt weiter sind.

Ostern heißt: Wir reden über das Leben. Aber Ostern heißt auch: Wir können nicht über das Leben reden, ohne über den Tod zu reden. Alles andere wäre, als liefen wir auf den Abgrund zu, während wir wie Hanns Guck-in-die-Luft in die Wolken schauen. Die Wolken sind schön, der Himmel ist blau; aber der Abgrund bleibt schwarz, und wir gehen auf ihn zu, auch wenn wir nicht hinsehen.

Ostern ist vor allem für die, die den Abgrund gesehen haben, schon hineingeschaut haben und zu Tode erschrocken sind.

Denn dieser Abgrund ist das Nichts. Das absolute Nichts.

Ich denke an so viele Menschen, die in diesen letzten Tagen und Wochen vor dem Nichts gestanden haben, in den Abgrund des Todes geschaut haben.

Ein Bruder, eine Tochter, ein Freundin, ein Gatte sind in ein Flugzeug gestiegen, und ein paar Stunden später war es weg. Einfach verschwunden. Mit all den Menschen darin. Nicht mal sterbliche Überreste konnte man finden. Wie im Nichts aufgelöst.

Menschen am Berg, im Himalaya, die davon leben, anderen den spektakulären Aufstieg zu ermöglichen, werden von einer riesigen Lawine verschüttet. Schnee, ganz viel Schnee – erst weiß, dann schwarz, dann nichts. Ihre Familien warten vergeblich, dass sie heimkehren werden.

Menschen im Busbahnhof einer afrikanischen Großstadt. Zwei Bomben explodieren. Hunderte Tote und Verletzte. Panik, Entsetzen, Hilflosigkeit. Leichen, Blut, Körperteile. Menschen töten ohne Sinn, fühlen sich von ihrem Gott berufen, der am Ende nur ein Gott der Toten ist, Gott des Nichts, ein nichtiger Gott.

Und die vielen Toten in der Ukraine vor Wochen. Sinnlose Opfer oder Helden? Die Menschen auf dem Maidan haben in den Abgrund geschaut, und unter der Oberfläche des zurückkehrenden Alltags ist ein Abgrund von Angst. So lese ich es fast jeden Tag aus den Nachrichten unserer Kiewer Freunde. Wird es Krieg geben? Und wie viele Tote noch?

Warum schauen wir nicht hin, in den Abgrund? Warum fürchten wir ihn? – Weil wir das Nichts fürchten. Die metaphysiche Negation, die absolute Verneinung.

Der Tod, das ist doch nichts, sagen manche bagatellisierend. So lange ich da bin, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, bin ich nicht mehr da. – So klingt aufgeklärte Todesverachtung.

Wenn es nur so einfach wäre! Dann wäre das ja alles nichts – mit dem Abgrund des Todes. Die Welt eine Bühne, auf der immer neue Generationen auftreten und abtreten, geboren werden und sterben, sich auch gegenseitig von der Bühne befördern, und das alles ohne Publikum und ohne Regisseur. Absurdes Theater.

Können wir so leben? Wollen wir so sterben? – Ohne Hoffnung auf ein Leben jenseits dieser Bühne, auf der wir ohne Sinn und Verstand unsere Rolle improvisieren? – Oder wären wir dann nicht die elendesten unter allen Menschen? Rechts und links sterben sie, und wir lachen und lieben und spielen und feiern, bis wir selber tot von der Bühne fallen und die neben uns nur kurz stutzen und weiter feiern und spielen und lieben und lachen.

Ich kann so nicht leben. Ich will so nicht sterben. Ich fürchte das Nichts, weil es absurd ist, unmöglich, unvorstellbar.

Stell dir doch mal eine Minute Nichts vor. Gar nichts. Nicht nur kein Licht; nicht nur keine Materie; auch keinen leeren Raum; auch keine Zeit, in der nichts passiert; sondern gar einfach gar nichts! … Ich kann das nicht. Es ist unmöglich, das Nichts zu denken. Irgendetwas muss doch sein. Nicht nichts. Nichts geht nicht.

Unsere Todesfurcht ist das Erschrecken, die Angst vor dem absoluten Nichts. Wenn ich nicht mehr bin, ist nichts mehr, gar nichts. Das ist das Grauen des Todes.

Auch die Jünger Jesu, seine Schwestern und Brüder, sie hatten in den Abgrund geschaut. Als Jesus starb. Er war für sie Gott gewesen. Und Gott konnte nicht sterben. Bis zu diesem Freitag, als er am Kreuz hing, sein Haupt neigte und starb. Da war nichts mehr. Gar nichts. Kein Gott, keine Hoffnung, kein Sinn, kein Leben.

Und dann am Sonntagmorgen war es noch schlimmer. Das Grab, wo sie ihn hineingelegt hatten, war leer. Nicht mal mehr eine Leiche war da. Als hätte es ihn nie gegeben. Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen – das kann ich mir gut vorstellen: das Grauen vor dem Nichts.

Sie haben es nicht gleich begriffen, konnten es nicht begreifen: Das leere Grab war nicht das Nichts, sondern es war Gottes Zeichen, dass das Nichts vernichtet war, dass der Tod tot war. Wo das Leben siegt, gibt es keine Leichen. Der Blick ins leere Grab war gar nicht der Blick in den Abgrund des Todes, sondern der Blick in den Himmel. Drum sahen sie ja auch einen Engel und hörten die Worte: Jesus ist auferstanden.

Das war und ist so wenig zu begreifen, wie der Tod zu begreifen ist. Und darum geht die Ostergeschichte auch weiter: Jesus selbst, der Getötete, tritt ihnen als der Lebendige in den Weg. Er sagt ihnen: Es musste so sein. Es konnte gar nicht anders sein. Mit dem Tod, das ist nichts. Der Tod ist ein Nichts. Er ist vernichtet. Ich lebe, und ihr sollt auch leben.


Wir, wir stehen immer noch vor den Abgründen des Todes. Wir tun nicht so, als wären sie nicht da, schauen nicht wie Hanns Guck-in-die-Luft einfach in den Himmel und stürzen dann doch ins Bodenlose. Wir sehen die Abgründe sehr genau. Aber wir stehen da mit Jesus. Und wir wissen, wenn wir einen Schritt weiter sind, wenn wir in den Abgrund stürzen, dann stürzen wir mit ihm. Wir fallen nicht ins Nichts, denn Nichts gibt es nicht. Der Tod ist tot. Das Nichts ist vernichtet. Alles ist Leben, alles ist in Gott, und Gott ist alles in allem. Dann, am Ende. Im Abgrund seiner Liebe.