Sonntag, 1. Mai 2016

Predigt am 1. Mai 2016 (Sonntag Rogate)

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen darbringe für alle Menschen, für Könige und alle, die in hoher Stellung sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit; denn dies ist gut und angenehm vor Gott, unserem Retter, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst zur Erlösung für alle gegeben hat.
1. Timotheus 2, 1-6a (Schlachter 2000)
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Beten, liebe Schwestern und Brüder, ist eine Zeichen von Schwäche. Mit jedem Gebet sage ich: „Mein Gott, ich schaffe es nicht allein. Ich brauche dich. Hilf mir. Ich bin zu schwach.“
Und Beten ist ein Zeichen von Stärke. Denn sich und andern und Gott einzugestehen, dass man schwach ist, das ist stark.
Dem Leben und seinen Problemen nicht gewachsen sein, zweifeln, verzweifeln, verzagen und klagen, das ist schwach.
Aber zu Gott gehen und zu sagen: „Ich bin schwach. Ich brauche dich. Hilf mir. Erbarme dich!“, das ist stark.
Gläubige sind schwach. Sie fühlen sich den Problemen der Welt nicht gewachsen. Sie merken, dass sie schon den allernächsten Menschen nicht retten können. Sie spüren, wie sie an sich selber scheitern: an mangelnder Ausdauer, Liebe und Geduld und am inneren Schweinehund. Sie erkennen, dass sie den großen Nöten der Welt erst recht nicht gewachsen sind: dem Krieg und dem Terror, den Flüchtlingsströmen, ihren Ursachen und ihren Folgen, der Zerrissenheit der Gesellschaft und der einzelnen, der Gottvergessenheit auf der einen und dem Gotteswahn auf der anderen Seite.
Manchmal wünsche ich mir, dass wir diese Schwäche stärker zeigen würden. Dass Kirche und Christen nicht so auftreten würden, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen und als könnten sie die Welt retten.
Manchmal wünsche ich mir die Stärke der Bescheidenheit, das Eingeständnis, auch nicht besser zu wissen und zu können als alle anderen, die Stärke, einfach in Ruhe und Stille das zu tun, was wir tun können und sollen: Beten.
Beten – also unsere Schwäche vor Gott bringen und ihn machen lassen.
Das könnte unsere Stärke sein: Gottvertrauen statt Selbstvertrauen.
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So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen darbringe...
Vor allen Dingen: beten.
Im Morgenlicht, in der Morgendämmerung oder im Morgendunkel noch bei Kerzenschein, je nach Jahreszeit, standen wir in der Kapelle und haben Morgengebet gehalten: unsere Studieninspektorin und zwei bis vier Studenten, später dann lange Zeit nur noch genau zwei: mein Freund Michael und ich. Noch eine halbe Stunde eher aufstehen als so schon, um vor allen Dingen zu beten: ganz traditionell das Morgengebet der Kirche, immer dieselben Worte und Gesänge, nur jeden Tag eine andere Lesung und ein anderes Gebet für den Wochentag. Vor allen Dingen. Vor allen anderen Dingen, die uns den Tag erwarteten, vor den Vorlesungen und den Diskussionen, vor dem Kaffee und den Zigaretten in den Vorlesungspausen, vor den Chorproben oder den Entscheidungen im Studentenrat. Vor allen Dingen stand das: Bitten, Gebete, Fürbitten, Danksagungen.
Heute ist für mich nur noch eine Schwundform davon geblieben: Luthers Morgensegen am Tagesbeginn. Manchmal auch das Morgengebet, das mich meine Großmutter gelehrt hat:
Wie fröhlich bin ich aufgewacht, wie hab ich geschlagen so sanft diese Nacht Hab Dank im Himmel, du Vater mein, dass du hast wollen bei mir sein. Behüte mich nun diesen Tag, dass mir kein Leid geschehen mag.
Und ein paar Worte und Gedanken zu Gott hin – vor allem.
Vor allen Dingen beten. Beten sollte das Erste sein. Und das Wichtigste.
Vor allen Dingen meine Schwäche vor Gott und vor mir eingestehen: Ich habe es nicht in der Hand, dass ich diesen Tag gut vollenden werde. Ich weiß nicht, ob ich den Aufgaben gewachsen bin, die auf mich zukommen, und den Menschen, die mir begegnen werden.
Vor allen Dingen beten – das macht mich stark für alle Dinge, die da kommen mögen.
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… Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen darbringen für alle Menschen, für Könige und alle, die in hoher Stellung sind …
Für alle Menschen: beten.
Die ganze Welt retten, das kann ich nicht. Für die ganze Welt beten, das kann ich.
Die Sprache ist so mächtig, dass sie alles umfassen kann, alles einschließen: Das All. Die Welt. Alle Menschen. – Wörter, in denen das Ganze ist. Die vielen einzelnen, die kann ich nicht sehen, das kann nur Gott. Das große Ganze überblicken, das kann ich auch nicht, das kann nur Gott. Aber das Ganze denken, das All in Worte und Gedanken fassen, das kann ich. Und manchen einzelnen kennen und nennen, das kann ich. Und ich kann es vor Gott.
Sonntag für Sonntag halten wir Fürbitte: für alle Menschen. In jedem Gottesdienst. Allgemeines Kirchengebet hieß das früher. Allgemein, weil wir gemeinsam für alle beten.
Manchem ist es manchmal zu allgemein. Aber du darfst das Allgemeine in deinem Mitbeten konkret werden lassen. Wir beten für die christliche Kirche, und du denkst vor Gott gerade an deinen Kirchenvorstand. Wir beten für die Kranken, und du denkst an diesen einen Menschen, dem es schon so lange so schlecht geht. Wir beten für die Regierenden, und du denkst an deine Bundeskanzlerin oder auch an deinen Bürgermeister.
Die allgemeinen Worte, die ich am Altar spreche sind Einladung zum konkreten Mitbeten.
Wir beten für alle, und wir beten für einzelne.
Und dann beten wir das Vaterunser: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Und wir denken daran, was das ist, Gottes Wille: Gott will, dass allen Menschen geholfen werde. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden.
Wir wollen das auch, aber wir können es nicht. Gott will es und kann es: alle Menschen retten.
Darum: Vor allen Dingen beten.
Für alle Menschen beten.
Damit gut wird, was wir nicht gut machen können.
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… damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
In aller Frömmigkeit: beten.
Ist das das Ideal unseres Lebens: ein ruhiges und stilles Leben führen? Frömmigkeit? Ehrbarkeit?
Meines schon. Ja, ich möchte gerne ein Spießer sein. Meiner Arbeit nachgehen ohne zu viel Aufregung. Meine Ehe führen, bis der Tod uns scheidet. Sehen, dass meine Kinder glücklich und zufrieden sind. Manchmal mit Freunden essen und trinken. Singen und spielen. Mich an Himmel, Bergen und Meer freuen. Niemandem Schaden und Leid zufügen. Und an Jesus glauben und zu Gott beten, ohne dafür gehasst oder verfolgt zu werden.
Mir ist ein Lied eingefallen aus der DDR-Zeit, von Gisela Steineckert, das war damals recht populär: Der einfache Friede.
Wenn ein Gras wächst, wo nah ein Haus steht,
und vom Schornstein steigt der Rauch,
soll'n die Leute beieinander sitzen,
vor sich Brot und Ruhe auch,
und Ruhe auch.
Das ist der einfache Frieden,
den schätze nicht gering.
Es ist um den einfachen Frieden
seit Tausenden von Jahren
ein beschwerlich Ding.
Wo ein Mann ist, soll eine Frau sein,
dass da eins das andre wärmt,
solln sich lieben und solln sich streiten,
von der Angst nicht abgehärmt,
nicht abgehärmt.
Das ist der einfache Frieden,
den schätze nicht gering.
Es ist um den einfachen Frieden
seit Tausenden von Jahren
ein beschwerlich Ding.
Das Lied hat dann noch zwei weitere Strophen im gleichen Stil.
Ja, so ähnlich ist das, was ich habe und wie ich leben will: der einfache Friede. Er ist gut und meistens selbstverständlich. Und doch für so viele ein beschwerlich Ding.
Ich denke an die vielen, die unterwegs sind zu uns oder schon da, weil sie genau das suchen: den einfachen Frieden, ein ruhiges und stilles Leben. Und ich denke auch an die, die bei den einfachen Dingen des Lebens, Haus und Brot, Mann und Frau, Ball und Kind, Leben und Tod keinen Frieden finden
Ich bin unendlich dankbar, dass ich so ein Leben führen kann: ruhig und still, in Frömmigkeit und Ehrbarkeit.

Ich möchte Gott danken für das alles, was gut ist, immer und immer wieder.
Und ich möchte Gott bitten, dass es für alle gut wird,
dass allen geholfen wird, dass alle gerettet werden, dass alle Frieden finden.

Sonntag, 24. April 2016

Predigt am 24. April 2016 (Sonntag Kantate)

Kleider machen Leute. Das ist nicht nur ein Sprichwort, sondern auch eine bekannte Novelle von Gottfried Keller, Schweiz, 19. Jahrhundert; wir mussten das in der Schule lesen.
Kleider machen Leute: Da kleidet sich einer besser, als es seinem Stand entspricht, und schon wird er für einen Grafen gehalten. Und da er in Wirklichkeit nur ein Schneider ist, wird das zum Problem für ihn.
Sicher hat sich die Kleidungsordnung nivelliert. Ob einer Schneider oder Graf ist, sieht man ihm nicht mehr so einfach an. – Trotzdem gibt es immer noch Kleiderordnungen und Dresscodes. Was wir anziehen, sagt was über uns. (Oder was wir ausziehen; wenn ich z. B. an die Herren da draußen denke, die ihr T-Shirt in der Hand tragen, um ihre nackten Bäuche der Sonne und dem Publikum zu präsentieren.)
Was wir anziehen, will überlegt sein (was wir ausziehen, auch).
Warum steht die Frau vor dem Kleiderschrank und zieht sich noch dreimal um, bevor wir gehen? Warum muss ich ihre Frage beantworten: „Kann ich das anziehen?“ Es geht bei unserer Kleidung immer auch darum, wer wir sind oder als wer wir uns zeigen wollen.
Dabei befinden wir uns in diesem eigenartigen Spannungsfeld zwischen Individualismus und kollektiver Norm. Mode: Was trägt man jetzt, und was geht gar nicht? – Das ist die kollektive Norm. Und auf der anderen Seite: Wie schrecklich, wenn eine andere genau das gleiche Kleid anhat, wie ich! – Am liebsten würde ich ein Unikat tragen, ein Kleidungsstück, das nur ich allein habe und was meine besondere Persönlichkeit zum Ausdruck bringt, ganz individuell; aber gleichzeitig soll es etwas sein, das man tragen kann. Ich möchte dazugehören und mich doch unterscheiden von allen anderen.
Kleider machen Leute. Gerade, wo es sich um Dienstkleidung handelt. Der weiße Kittel macht den Arzt. Die Uniform macht den Polizisten. Der Blaumann macht den Handwerker. Der Talar macht den Pfarrer. Ich trage ja nicht so häufig das Kollarhemd (also das mit der weißen Kragenleiste), aber wenn, dann werde ich – zumindest von den Einheimischen sofort anders behandelt, respektvoller, werde nicht mehr als Tourist, sondern als Padre angeredet.
Kleider machen Leute. Im Idealfall sagt unsere Kleidung etwas darüber, wer wir sind. Oder wer wir sein wollen.
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Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Kolosser über die Kleidung der Christen:
Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertragt einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit, mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
Kolosser 3, 12-17
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Im Idealfall sagt unsere Kleidung etwas darüber, wer wir sind. Etwas darüber, dass wir Christen sind.
Sie sagt aus, dass wir Auserwählte Gottes sind – etwas ganz Besonderes.
Du bist ein Königskind Gottes – das soll man dir ruhig ansehen.
Du bist ein Heiliger – das soll man auch äußerlich merken.
Du bist geliebt – das muss doch nach außen strahlen.
Was soll ich anziehen: als Christ, als Gotteskind, als Heiliger und Geliebter?
Gibt es eine spezifisch christliche Kleidung – mal abgesehen von der Dienstkleidung von Pfarrern oder der Tracht von Ordensleuten?
Ich kenne noch so Sondergemeinschaften (man kann auch Sekten dazu sagen) oder extrem pietistische Gruppen, wo die Frauen Röcke tragen mussten (aber natürlich nicht etwa mini, sondern weit übers Knie) und die Haare zur Glaubenszwiebel gesteckt hatten. Aber das ist in Wahrheit nicht besonders christlich, sondern besonders verklemmt. – Das sieht nicht aus wie auserwählt und geliebt, und wenn das heilig sein soll, dann möchte ich das gar nicht sein.
Was soll ich anziehen?
Paulus öffnet den christlichen Kleiderschrank. Da liegen und hängen statt Hemd und Hose, Socken und Jacke: Barmherzigkeit und Freundlichkeit – in unterschiedlichen Farben und Größen, Sanftmut und Geduld - frisch gewaschen und gebügelt, Demut – noch in der ungeöffneten Originalverpackung, und daneben die Toleranz, die ich so gerne trage.
Zieh das an, sagt der Apostel. Ist vielleicht ein bisschen altmodisch, aber es steht dir gut.
Und darüber dann noch die Liebe. Du meinst, dass das zu viel ist? Zu dick? – Nein, die Liebe brauchst du schon; ohne Liebe wirkt das andere alles nicht so richtig.
Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, Toleranz, Vergebungsbereitschaft und Liebe. Das ist die Kleidung, an der man Christen erkennt. Oder erkennen sollte.
Manchmal tragen wir eben auch andere Klamotten, selbst wenn die uns nicht so gut stehen. So was wie: Härte, Ungeduld, Unfreundlichkeit, Intoleranz, Egoismus. – Aber muss das sein?
Und manchmal tragen andere, die sonst mit Gott und Jesus nicht so viel am Hut haben, diese schönen Sachen aus dem christlichen Kleiderschrank. Vielleicht einfach deshalb, weil dieser Schrank allen offen steht. Jeder darf sich bedienen. Und vielleicht auch deshalb, weil wir Christen über Jahrhunderte hinweg die Kleidungsordnung mitbestimmen durften. Da ist noch was übrig geblieben von der christlichen Mode. Ich freue mich, wenn ich sie auch bei anderen sehe.
Was Christen gut tragen können, das ist durchaus nicht monoton oder uniform. Die Farben und die Schnitte sind verschieden. Freundlichkeit kann man in einem ernsten oder auch in einem humorvollen Ton tragen. Geduld kann ganz schlicht als stilles Abwarten geschnitten sein oder aber sehr aufwändig mit viel Action und interessanten Versuchen ein Ziel zu erreichen. Toleranz kann so viele Farben haben, wie es verschiedene Menschen gibt. Und Liebe gibt’s in der ganz großen Ausführung oder auch ganz kleinteilig.
Und wo bekommt man nun diese christliche Mode her?
Zunächst müssen wir sie uns nicht selber schneidern. Das hat Gott schon gemacht.
Wir müssen sie uns auch nicht selber kaufen. Wir müssen nicht dafür arbeiten und sie nicht teuer bezahlen.
Wir müssen nur den Kleiderschrank für unsere Seele aufmachen und uns herausnehmen, was zu uns passt, es anprobieren und dann tragen.
Gott hat schon alles hineingelegt, was zu uns passt.
Und wo steht dieser Kleiderschrank?
Nun, vielleicht auch hier, in dieser Kirche, in dieser Gemeinde. Und in jeder anderen auch. Hoffe ich. – Also bedient euch!
Probiert es an! Und dann sagt euch gegenseitig, was euch steht, was zu euch passt, was gut aussieht. Und auch, was nicht so toll ist.
Kleider machen Leute.
Und diese Kleider, Gottes Kleider, machen euch zu attraktiven Christenleuten.
Sie zeigen, wer ihr seid: Auserwählte, Heilige, Geliebte.

Sonntag, 17. April 2016

Predigt am 17. April 2016 (Sonntag Jubilate)

Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, Gottes Sohn, der ist aus Gott geboren. Und ein Kind, das seinen Vater liebt, liebt auch die anderen Kinder des Vaters, denn es sind seine Geschwister. Aber auch umgekehrt: Dass wir die Kinder Gottes lieben, merken wir daran, dass wir Gott lieben und nach seinen Geboten leben. Unsere Liebe zu Gott zeigt sich nämlich darin, dass wir nach seinen Geboten leben. Und seine Gebote sind nicht schwer. Denn jeder, der aus Gott geboren ist, siegt über die Welt. Das ist der Sieg, der die Welt besiegt: unser Glaube. Wer erringt also den Sieg über die Welt? Der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist!
1. Johannes 5, 1-5

Manchmal denke ich an Deutschland, an Sachsen, ans Erzgebirge. Ich mache die Augen zu und sehe die Orte, wo ich mal zu Hause war, die Menschen, die dort lebten und immer noch leben.
Manchmal denke ich an diese schönen Abende, als es Sommer wurde und wir draußen saßen. Im warmen Abendlicht. Und die Schwalben flogen.
Und wenn es besonders schön und ruhig war, dann flogen auch die Ballons: Heißluftballons. Manchmal ganz dicht über unseren Kirchturm. Wir haben den Leuten da oben zugerufen und gewinkt und sie uns. Langsam schwebten sie über unser Städtchen dahin. Sommerleicht. Ganz ruhig. Nur hin und wieder hörte man das Röhren des Gasbrenners. Ein Heißluftballon braucht Wärme, um da oben zu bleiben.
An anderen Abenden waren es nicht die Ballons, sondern die Freizeitpiloten. Einer aus unserem Ort hatte ein Ultraleichtflugzeug und eine bucklige Start- und Landebahn hinter seinem Haus. Oft drehte er an so einem schönen Abend seine Runden. Manchmal winkte er mit den Tragflächen. Einmal bin ich mitgeflogen: unvergesslich.
Fliegen oder Schweben zwischen Himmel und Erde: das ist ein Wunder. Wir überwinden die Schwerkraft und alles wird leicht. Früher haben sie geglaubt, wir müssten erst Engel werden, um das zu erleben; heute ist es möglich, einfach so.
Ja, die Schwerkraft: das ist das, was uns nach unten zieht. Das, was uns am Boden festhält. Das, was uns hindert zum Himmel aufzusteigen.
Schwerkraft, das hat mit Masse zu tun: mit dem Gewicht der Erde. Mit der Last der Welt.
Ja, ich weiß, es ist physikalisch nicht korrekt, statt Masse, von Gewicht zu sprechen. Das Gewicht ist die Kraft, die Massen aufeinander ausüben. Wir und die Erde wir ziehen uns an, und das ist das Gewicht, die Last unseres Daseins. Es zieht uns nach unten.
Physikalisch korrekt ist es, von der Krümmung der Raumzeit zu sprechen. Große Massen verkrümmen das Universum. Aus geradlinigen Bewegungen werden Parabeln und Ellipsen. Der Stein, den ich werfe, fliegt in einem Bogen auf die Erde zurück. Der Satellit, der in den Himmel geschossen wird, wird von der Erde in eine Kreisbahn eingefangen.
Und wir, die wir gelegentlich zu Höhenflügen ansetzen, werden auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Ballons schweben. Flugzeuge fliegen. Sie überwinden die Schwerkraft. Sie haben ihr etwas entgegenzusetzen.
Beim Ballon ist es heiße Luft. Sie ist leichter, weniger dicht als die kalte Luft rundherum. Die kalte Luft ist schwerer, es zieht sie so sehr nach unten, dass sie die wärmere Luft im Ballon nach oben drückt, und mit ihr den ganzen Ballon, und mit ihm die Menschen die wie die Engel über die Welt hinweggleiten. Schwerelos, unbeschwert.
Beim Flugzeug ist es die Bewegung, die Strömung: Die Druckverhältnisse über und unter den Tragflächen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit ist der Auftrieb durch die Strömung stärker als die Schwerkraft. Und dann hebt sich dieser tonnenschwere Koloss in die Luft – das maximale Abfluggewicht eines Airbus A320 ist 77 Tonnen (das ist das, womit wir so üblicherweise nach Deutschland reisen), beim Airbus A380 sind es 560 Tonnen. Mit ein bisschen angewandter Physik, können auch 560 Tonnen fliegen: Die Luft trägt. Auch wenn man ihr das gar nicht zutraut: Die leichte Luft trägt das schwere Flugzeug.
Das ist das  Wunder: Wir sind der Schwerkraft nicht ausgeliefert. Wir können sie überwinden. Das, was uns nach unten zieht, besiegen. Durch Wissenschaft und Technik. Wir sehen nicht, wie es funktioniert, dass ein Airbus fliegt, aber wir glauben es, wir vertrauen den Auftriebskräften und lassen uns von ihnen tragen.
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Liebe Freunde,
was ist schwer, was ist leicht? Ein A380 ist wahnsinnig schwer. Aber er kann fliegen. Er ist leicht genug.
Gottes Gebote sind nicht schwer, schreibt Johannes in seinem Brief.
Als wir am Mittwoch im Bibelgespräch darüber sprachen, gab es Protest: Was für ein Satz! Wenn wir Gottes Gebote wirklich ernst nehmen, dann sind sie uns immer zu schwer, sagten einige. Keine anderen Götter haben neben mir; Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen, wie Luther das im Katechismus formuliert hat; nicht begehren; oder wie Jesus sagte: Wer seinem Bruder zürnt, der gehört schon vor Gericht, nicht erst der, der tötet. – Das ist uns alles viel zu schwer. Das zieht uns nach unten. Weg von Gott. Runter vom Himmel.
Damit sind wir ganz nahe bei dem, was Paulus und Luther erlebt haben: Gottes Gesetz verdammt uns. Es zeigt uns, dass wir Sünder sind, die von sich aus nie zu Gott kommen können. Es zieht uns nach unten.
Wir brauchen das Evangelium, das Wort von der Vergebung und Befreiung; und wir brauchen es immer wieder und wieder, weil wir es nie im Leben schaffen, Gottes Geboten zu genügen: Ich armer, elender, sündiger Mensch!
Das ist ja auch der Sinn unseres Schuldbekenntnisses am Anfang des Gottesdienstes: Aus eigener Kraft können wir nicht frei werden. Darum sehen wir auf Christus und beten: Gott sei uns Sündern gnädig!
Aber dann eben auch das: Wir sehen auf Christus, und wir glauben, dass Gott uns frei macht. In Christus ist die Kraft, die uns nach oben zieht. Auferstehungskraft: Die wirkt der Schwerkraft der Sünde entgegen. Himmelfahrtskraft, die ihn nach oben zieht, und uns mit ihm.
Mit ihm wird alles ganz leicht. Wir schweben drüber sozusagen. Und Gottes Gebote – ja, die ziehen uns nicht mehr nach unten, sondern nach oben. Sie sagen uns nicht mehr, wie schlecht wir sind, sondern wie gut wir sein können – mit Gottes Auftriebskraft unter unseren Flügeln.
Das ist das, was Johannes erlebt hat: Wir glauben an Jesus Christus. Wir sind Gottes Kinder. Wir leben in der Liebe. Und Gottes Gebote machen es uns nicht schwerer, sondern leichter. Weil sie uns daran erinnern, was Gott will und was Liebe bedeutet.
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Mit Jesus ist alles anders, sagt Johannes – nein, sagt das ganze Neue Testament. Mit Jesus sind wir Gottes Kinder. Von neuem geboren. Von Gott geboren. Gott, den wir unseren Vater nennen, ist auch unsere Mutter. Sie hat uns geboren, und sie hat uns lieb: Jesus, meinen Bruder, und dich, meine Schwester. Wir sind Gottes Familie.
In der Familie ist Liebe leicht. Eltern lieben ihre Kinder von Anfang an. Und Kinder lieben ihre Eltern von Anfang an. In der Familie lernen sie, was Liebe ist. Und Kinder lieben ihre Geschwister. So sollte es sein. So ist es, wo es gut ist.
Wenn Eltern und Kinder sich nicht lieben – oder nicht mehr, wenn Geschwister einander nicht mehr lieben, dann ist es böse; da ist etwas zerbrochen, was ursprünglich gut war. Jeder von uns weiß: So soll es nicht sein.
Aber ja, in der Familie ist Liebe manchmal auch schwer.
Wir hatten in der DDR so einen Witz, warum die Sowjetunion nicht unser Freund, sondern unser Bruder ist: Weil man sich Geschwister eben nicht aussuchen kann, Freunde aber sehr wohl.
Unsere Liebe geht, wenn sie erwachsen wird, auch andere Wege, neue Wege: heraus aus der alten Familie. Sie sucht und schafft sich idealerweise eine neue Familie.
Aber, was Liebe ist, das haben wir zu Hause gelernt. Und wenn es gut ist, dann hört unsere Liebe zu Eltern und Geschwistern niemals auf.
Mit Jesus seid ihr Gottes Familie, schreibt Johannes. Und in der Familie ist es leicht, einander zu lieben. Manchmal auch schwer, aber so, dass wir doch immer wieder zueinander finden.
Darum sind auch Gottes Gebote für euch nicht schwer. Sie sind ja Ausdruck seiner Liebe. Sie sagen euch doch nur, wie ihr das leben könnt, was ihr schon seid: Geliebte und liebende Kinder Gottes.
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Gottes Liebe ist die Kraft, die euch gezeugt hat, aus der ihr geboren seid, die euch zu Gottes Kindern gemacht hat.
Gottes Liebe ist die Kraft, die Jesus von den Toten erweckt und in den Himmel gezogen hat.
Gottes Liebe ist die Kraft, die auch euch Auftrieb gibt, die das Schwere leicht macht.
Wie warme Luft, die einen Ballon schweben lässt.
Wie der Wind, die Luftströmung unter euren Flügeln, die euch nicht abstürzen lässt, wenn ihr in Bewegung bleibt.

Wie ihr euch dem Flugzeug anvertraut und den Gesetzen der Physik, so vertraut euch Christus an und der Macht seiner Liebe. Und dann wird, was schwer ist, leicht. Was euch nach unten zieht, die schwere Erde, die Last der Welt, das ist überwunden durch die Auftriebskraft der Liebe.
Und hört auf, selber abheben zu wollen und mit euren nicht vorhandenen Flügeln zu schlagen. Hört auf zu klagen, dass das alles, Gottes Gebote und Gedanken, zu schwer für euch ist. Ihr müsst seine Gedanken nicht vollkommen verstehen, ihr müsst seine Gebote nicht vollkommen erfüllen; das könnt ihr nicht. Aber ihr ihr sollt euch Christus anvertrauen, der das für euch getan hat. Er macht euch euer Leben leicht.